Ein Schuft, wer Böses dabei denkt!

Die Berliner S-Bahn-Krise muß wirklich arg sein. Denn selbst die RBB-Abendschau wird zunehmend unwirsch. Sogar an Nebenschauplätzen verbeißt man sich dort und läßt den sonst gewohnten Dufte-Journalismus vermissen. So nahm man sich in den letzten Tagen des Theaters um den Fußgängertunnel zwischen dem unterirdischen S-Bahnhof Friedrichstraße und dem dortigen U-Bahnhof an. Nachdem der 1936 eröffnete Verbindungsgang vor einigen Jahren abgerissen worden war, um das Gelände, welches er durchquerte, mit einer wahren Perle der Architektur zu bebauen, hatte der neue Tunnel eigentlich eröffnet werden können. Einen Tag lang war er sogar offen gewesen ? dann hatte ihn die Bahn (also: eine ihrer zahllosen Töchter) wieder geschlossen. Es gäbe da noch rechtliche Fragen zu klären. Darüber soll man sich selbst beim Eisenbahnbundesamt verwundert gezeigt haben. Aber das ist ja nur die Aufsichtsbehörde.

Böse Zungen behaupteten bereits, die Bahn demonstriere an diesem Beispiel wieder einmal, daß privatwirtschaftliche Mißwirtschaft und bürokratische Ineffizienz einander keineswegs ausschlössen.

Wertvoll war der Vorgang eben nicht zuletzt, als er den Lokaljournalisten des RBB Gelegenheit bot, sich in kritischer Berichterstattung zu üben. Und sogar noch einmal nachzuhaken, nachdem der Tunnel nun endlich (und hoffentlich) dauerhaft genutzt werden darf. Doch aller Anfang ist bekanntlich schwer ? zum Glück für die Bahn: Wiederholt beklagten die Fernsehleute, die armen Fahrgäste müßten ? statt den Gang benutzen zu dürfen ? die Treppe zum Spreeufer emporsteigen, dann einige Dutzend Meter über zeitweise vereiste Gehwege marschieren, bis sie in der Friedrichstraße endlich den Zugang zur U-Bahn erreichen würden. Keinen Gedanken verschwendeten die Reporter daran, daß es noch einen anderen Weg gibt: Mit der Rolltreppe in die einstige Schalterhalle des Regional- und S-Bahnhofs, welche inzwischen ? selbstverständlich ? zu einem Einkaufszentrum umgebaut worden ist. Dieses durchquert man größtenteils oder auch auf voller Länge. Und steigt dann in die südlichen Zugänge des U-Bahnhofs.

Nein, keinen Gedanken verschwendeten die Reporter daran, daß dies womöglich der Weg sein könnte, den die vielen tausend Umsteiger täglich nach Ansicht der Bahn AG lieber nehmen sollten. Und daß dem Unternehmen deshalb kein Grund zu unsinnig war, um die Eröffnung des ladenlosen Fußgängertunnels zu torpedieren und so lange wie möglich hinauszuzögern.

Es ist ja auch ein völlig absurder Gedanke.

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