Welch Glück, daß wir nicht 1971 haben!

1971-2011
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Unlängst stolperte ich über folgenden Text:

Mensch Meier kam sich vor wie ne Ölsardine,
irgendjemand stand auf seinem rechten großen Zeh.
Das passierte ihm auch noch in aller Hergottsfrühe
im 29er kurz vor Halensee.

(?) was die so mit uns machen, ist der reine Hohn.
Erst wolln se von uns immer höhere Steuern
und was se dann versieben, kostet unseren Lohn.

(?) Und wenn die da oben x-Millionen Schulden haben,
dann solln ses bei den Bonzen holen, die uns beklauen.
Du kannst deinem Chef bestellen, wir fahrn jetzt alle schwarz.

Der aufmerksame Beobachter des Zeitgeschehens wird sofort bemerkt haben: Hier handelt es sich um einen Text, der eindeutig aus der Vergangenheit stammt und mit unseren heutigen Verhältnissen überhaupt nichts zu tun hat.

Das Lied der Gruppe Ton Steine Scherben (nachzulesen hier, was man melden muß, schon aus Gründen des Jugendschutzes, denn am Ende entdecken das noch zwanzigjährige Kinder) entstand anläßlich heftiger Proteste gegen eine happige Fahrpreiserhöhung bei der West-Berliner BVG. Ab 1. März 1972 sollte man für eine Fahrt mit der U-Bahn statt 40 ganze 60 Pfennig zahlen (30,7 Eurocent). Auf Sammelkarte 50 Pfennig (25,6 Eurocent). Eine Fahrt mit dem Bus sollte fortan 70 Pfennig kosten (35,8 Eurocent). Umsteigen zwischen Bussen oder Bus und U-Bahn ohne neu zu bezahlen gab es nur via 4-Fahrten-Sammelkarte für drei Mark (1,53 Euro). Arbeitslose konnten eine Sammelkarte (fünf Fahrten ohne Umsteigeberechtigung) für eine Mark (0,51 Euro) nutzen. Für eine Reise mit der von ihr betriebenen S-Bahn verlangte die Reichsbahn 30 Pfennig (nein, kein Tippfehler: 30 Pfennig = 0,1534 Euro), ab 1. September 1972 50 Pfennig.

Natürlich waren die damaligen Fahrzeuge mit den heutigen nicht zu vergleichen. Die U-Bahnen besaßen noch durchgängig höllisch unbequeme Polster- statt schicker Hartschalensitze. Die S-Bahnen fuhren in vollem Umfang, auch im Winter, ihre völlig primitiven Motoren fielen nicht dauernd durch Flugschnee aus, Räder und Achsen vertrugen einiges und die Türen funktionierten bei jedem Wetter. Es brannte nicht hin und wieder ein BVG-Bus. In den meisten von ihnen gab es noch Schaffner und auf allen U- und S-Bahn-Stationen Personal ? und nicht einmal nur solches, das sich in den Aufsichtshäuschen hinter verspiegelten Scheiben verkroch oder sich vor allem damit beschäftigte, Raucher zu jagen. Zumal Rauchen seinerzeit bei der BVG fast überall erlaubt war, auf den Stationen, in den Bussen, in den Zügen. Das U-Bahn-Netz wurde ständig erweitert und nahezu alle Buslinien wurden mit Doppeldeckern betrieben. Unbestätigten Gerüchten zufolge sollen damals selbst die Rolltreppen noch meist funktioniert haben. Man sieht: Es waren furchtbare Zeiten. Man hatte auf die erwähnte Preiserhöhung sogar fast acht Jahre warten müssen.

Womöglich aufgeputscht durch den Nikotingenuß (es kann kaum anders sein, denn in den sechziger und siebziger Jahren wurde wohl mehr gequalmt als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte, deshalb auch die ungeheuer niedrigen Geburtenzahlen), zeigten sich viele Menschen ungewöhnlich aufmüpfig und widerspenstig: Andauernd wurde protestiert, demonstriert, randaliert. Man stellte nicht nur Forderungen, sondern erwartete sogar, daß diese erfüllt werden. Schlimmer noch: Man verlieh ihnen Nachdruck.

Die Menschen mußten ganz ohne die Lethargie und Hoffnungslosigkeit auskommen, in welcher wir uns heute so behaglich eingerichtet haben, umkränzt vom Mantra ?Das hat sowieso keinen Sinn. Da kann man nichts machen. Da kriegen wir womöglich Ärger. Zu dieser Politik gibt es keine Alternative.?

Man mag sich gar nicht vorstellen, was vor vierzig Jahren los gewesen wäre, hätte es nicht nur Endloskrisen im öffentlichen Personennahverkehr mit erheblichen Angebotseinschränkungen gegeben, Verantwortliche, die über weite Strecken den starken Eindruck erwecken, daß ihnen das Desaster völlig schnuppe ist, und einen Senat, der als entweder unfähig erscheint oder faul oder beides. Und wenn mitten in diese Situation, als sie bereits mehr als achtzehn Monate andauert, auch noch eine lustige kleine Tariferhöhung geplatzt wäre. Weil die letzte bald drei Jahre zurückliegt.

Vor vierzig Jahren hätten viele Menschen diese Verteuerung, pardon: Anpassung, als Gipfel der Frechheit verstanden, als ultimative Provokation, als Funken am Pulverfaß. Da ? spätestens da ? wäre womöglich der schicke Bahntower ein wenig entglast worden (was das Gebäude heutzutage, gelobt sei der Fortschritt, zuweilen selbst übernimmt ? achten Sie auf das, was am Potsdamer Platz von oben kommt, aber natürlich besteht kein Grund zur Besorgnis), der eine oder andere Manager wäre wenigstens geohrfeigt, wenn nicht mit faulen Eiern (seinerzeit noch ohne Dioxin?) beworfen worden. Böse Politvandalen hätten die Schlitze der ? damals noch gar nicht so zahlreichen ? Fahrscheinautomaten verklebt, um einen Grund zu schaffen, auf den Billetkauf zu verzichten. Es hätte Demonstrationen gegeben, Boykottaktionen und, als Krönung des zivilen Ungehorsams, organisiertes Schwarzfahren ? letzteres nach so üblen Motti wie ?Allein machen sie dich ein?, weshalb man sich gesagt hätte: Wenn Zehntausende schwarzfahren, sind die Kontrolettis schnell überfordert. Für die, die sie erwischt hätten, hätten die Aktivisten des Widerstands einen Solidaritätsfonds organisiert, aus dem das ?erhöhte Beförderungsentgelt? beglichen worden wäre.

Ja, schlimm wäre das gewesen. Und nur, weil man damals noch nicht glauben wollte, daß man da ? wie bei praktisch allen anderen Dingen ? leider nichts machen kann.

Welch Glück, daß wir nicht 1971 haben.

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