Diktatur des Proletariats

Am Dienstag in der Abendschau Dieter Kosslick, der die von ihm verantwortete Berlinale erklärt. Deren Vorbereitung ihn offenbar so in Anspruch nimmt, daß er es bis abends um halb acht nicht geschafft hat, sich nach dem Joggen umzuziehen. Oder warum war er ins Studio gekommen und vor die Kamera getreten in einer Art saugfähigem Trainingsjäckchen samt Kapuze (in dessen Angesicht uns wieder einmal ein- und auffiel, wie dankbar wir sein können, daß es noch kein Geruchsfernsehen gibt)? Wir haben uns ja schon daran gewöhnt, daß Politiker immer häufiger ohne Krawatte auftreten, und selbst in Kultursendungen pflegt man mittlerweile einen zunehmend lockeren Kleidungsstil. Wenn die ? sich offenbar beschleunigende ? Entwicklung der letzten vierzig Jahre so weitergeht (welche ja auch die Berlinale aus eleganten Filmpalästen der Innenstadt in die – teils unterirdischen – Abspielkästen einer Betoninsel mit integriertem Shoppingcenter befördert hat), dann sitzt so ein Kulturverwalter bald auf einer abgeranzten Couch mit einer Dose Bier in der Hand, während ihn der ebenfalls in einem Ballonseideanzug gekleidete Gastgeber anspricht: ?Ey, sach ma, Alta, watt habt ihr denn dies Jahr für Fülme?? Woraufhin der Befragte erst einmal rülpst.

Ein Glück, daß wir in Deutschland ? per Parteibeschluß ? keine Unterschicht besitzen. Und ein Glück, daß diese nicht jene Schicht ist, die in der Alltagskultur den Ton angibt und als Vorbild fungiert.

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