Wunder des Alltags (34)

Ursprünglich standen auch bei der Berliner U-Bahn die Zugabfertiger mitten auf dem Bahnsteig.

Dann hielt man es für eine gute Idee, sie zwecks besseren Überblicks auf ein Podest zu stellen. Damit sie von diesem nicht herunterfallen konnten, umkleidete man diese Podeste mit einer Brüstung, so daß Kanzeln entstanden.

Im Zuge der prächtigen Entwicklung unserer Gesellschaft wurden diese Kanzeln im Laufe der siebziger und achtziger Jahre nach außen vollständig geschlossen und in die Aufenthaltsräume der Zugabfertiger integriert. Denn erstens hielt man es offenkundig für mittlerweile zu riskant, weiterhin einen ungehinderten Zugang zu den Kanzeln zu gewähren, wo neben dem Mikrophon für die Lautsprecheranlage auch einige Schalter placiert waren. Und zweitens war es den Zugabfertigern wohl nicht mehr zuzumuten, ihre Tätigkeit in der Zugluft und ohne Schutz vor den Fahrgästen zu vollziehen, welche das BVG-Personal ohnehin gelegentlich beim Kaffeetrinken in dessen immer größer werdenden Rückzugsräumen zu stören versuchten.

Zum Unglück für die Bediensteten entwickelte sich unsere Gesellschaft aber noch prächtiger weiter, und so entdeckte der von einem großen Defizit und Schuldenberg geplagte Verkehrsbetrieb, daß man als letztes Personal, das auf den Stationen ständig postiert war, auch noch die Zugabfertiger einsparen könnte.

Infolgedessen wurden seit der Jahrtausendwende zahlreiche der ? häufig erst wenige Jahre zuvor errichteten oder erheblich umgebauten und dabei erweiterten ? Aufsichtshäuser abgerissen. Waren diese doch nun erstens überflüssig, konnte zweitens ihre Instandhaltung Kosten verursachen und versperrten sie drittens stellenweise den Blick über den Bahnsteig für die nun vermehrt installierten Überwachungskameras.

Mittlerweile hat die BVG die Häuschen jedoch wieder schätzen gelernt. Gelten diese doch nun als ideale Möglichkeit, hinter verspiegelten, von außen undurchsichtigen Scheiben unauffällig doch wieder Personal auf Stationen zu postieren ? insbesondere auf solchen, die von Vandalismus und/oder Kriminalität besonders betroffen sind (rein zufällig seit man die Zugabfertiger wegrationalisierte). Wenn die BVG einen U-Bahnhof einer Grundsanierung unterzieht (also nahezu alle originalen Ausstattungsteile herausreißt und die Station dann völlig neugestaltet), kann es sogar passieren, daß diese Betriebsräume von Grund auf neugebaut werden, wie an der Wutzkyallee zu sehen:

Es geht doch nichts über persönliche Überwachung.

Es ist doch schön, wenn die Politik eines Unternehmens von langfristigem Denken, vorausschauender Planung und darausfolgend großer Konsequenz und Gradlinigkeit geprägt wird.

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