Nicht ?wie früher im Osten?

Böse Menschen behaupten, die BRD werde immer mehr wie die DDR. Seit dem jüngsten Fahrplanwechsel fühlen sie sich ein weiteres Mal bestätigt, denn seither verkehren die ersten doppelstöckigen Intercity-Züge der Deutschen Bahn.

Intercitys waren einst, in den siebziger und achtziger Jahren, das modernste, schnellste, edelste Beförderungsangebot, welches die damalige Bundesbahn zu bieten hatte. So hochwertig, dass sie anfangs sogar nur die 1. Klasse führten. Die DDR-Reichsbahn konnte kaum Vergleichbares aufweisen, auch der (relativ bescheidene) Städtexpressverkehr zwischen Ost-Berlin und der Provinz reichte da nicht heran. Ein echter Intercity-Verkehr zwischen dem Westteil der Stadt und dem Bundesgebiet war ein Traum, der sich erst nach 1990 erfüllte.

Doppelstockwagen hingegen sind zwar keine Erfindung der DDR. Dort haderte die Bahn aber lange mit der grandiosen Idee der sowjetischen Besatzungsmacht, als Reparationsleistung nicht etwa neue Schienen zu fordern, sondern alte abzubauen (egal, in welchem Zustand sie waren), möglichst alle Strecken eingleisig zu machen und so die Leistungsfähigkeit des bei weitem wichtigsten Fernverkehrsmittels stark zu reduzieren. Bei der so geschwächten Infrastruktur ließ sich mit Doppelstockwagen am einfachsten die Beförderungskapazität der Züge steigern. Auf diese Weise erhielten derartige Fahrzeuge in der DDR einen in Deutschland bis dahin nicht gekannten Anteil am Wagenpark und eine weite Verbreitung, derweil sie bei der Bundesbahn eine Ausnahme blieben. Dem West-Besucher im SED-Staat erschienen sie als Attraktion ebenso wie als ?typisch Osten?, nämlich als Merkmal des steten Mangels im Sozialismus.

Nach der Wiedervereinigung eroberten Doppelstockwagen auch das alte Bundesgebiet. Und nun sogar den Intercity-Verkehr, wo sie noch in einer Hinsicht eine Notlösung sind: Die bestellten neuen Intercity-Züge sind nämlich noch immer nicht einsatzbereit.

?Wie früher im Osten ??, mögen angesichts solcher Probleme manche grummeln. Und sich weiter bestätigt fühlen, wenn die DB AG den Notbehelf als Verbesserung verkauft. Weshalb der Fahrpreis natürlich nicht niedriger ausfällt, wenn man durch halb oder auch ganz Deutschland mit Wagen befördert wird, bei denen die Decke recht niedrig ist und sich die Fensterplätze im Oberdeck dicht unter der Dachschräge befinden. (Zum Glück werden die Menschen ja nicht immer größer.)

Dabei ist manches wirklich nicht wie in der DDR: Dort hatte die Reichsbahn keine große Konkurrenz und konnte ihre Beförderungsfälle deshalb behandeln, wie sie wollte. Die DB AG hingegen steht in einem harten Wettbewerb, neuerdings auch noch mit den Fernbussen. Und hält es offenbar für eine vielversprechende Strategie, die Fahrgäste statt in enge Busse in enge Doppelstockwagen zu quetschen. Und das auch noch zu höheren Preisen.

Kommentieren