Bald: Ausgerutscht bei der Berliner S-Bahn

Nach viel Verdruß hat der Berliner Senat der S-Bahn Berlin GmbH bekanntlich Bescheid gestoßen: Die Tochter der Deutschen Bahn AG wird auch weiter das gesamte Berliner S-Bahn-Netz betreiben (andere Bewerber gab es nicht mehr), aber sie muß pünktlich und verläßlich sein und so Zeugs ? gewagte, kühne Forderungen, wie der Berliner weiß.

Außerdem müssen neue Züge angeschafft werden ? wie schon seit Jahren bekannt. Und damit die DB AG auch gleich mal sieht, daß der Senat es ernst meint, zahlt er für den Betrieb bis 2035 erheblich mehr als bisher.

Kaum war die Tinte unter dem neuen Vertrag getrocknet, wurde in der Kundenzeitschrift ?punkt 3? den staunenden Beförderungsfällen (und solchen, die es werden wollen) vorgestellt, auf was für Wunderwagen sich die Berliner voraussichtlich ab Ende 2020 gefaßt machen dürfen: ?In den neuen S-Bahn-Zügen werden robuste und bewährte Komponenten zum Einsatz kommen, um die Zuverlässigkeit der Flotte zu garantieren.? ? Das ist schön, daß keine empfindlichen, störanfälligen Komponenten verwendet werden; vermutlich hat man da aus gewissen Erfahrungen gelernt, denn die Zuverlässigkeit der Flotte war in den letzten Jahren ja suboptimal.

?Mehr Komfort und erhöhte Sicherheit prägen den lichtdurchfluteten Innenbereich der neuen Fahrzeuggeneration.? ? Da fällt einem erstmal auf, wie unbequem und düster es in den derzeit eingesetzten S-Bahnen ist! ?Große Fensterflächen und gläserne Trennwände sorgen für Transparenz.? ? Nun ja, die Fenster sehen auf den Entwurfsbildern zwar nicht größer aus als bei den in Betrieb befindlichen Zügen, aber es ist natürlich ein enormer Transparenzgewinn, wenn die gläsernen Trennwände nicht mehr auf Höhe der Rückenlehnen enden: Endlich kann man auch sehen, was sich hinter den Quersitzen verbirgt! Und mehr Arbeitsplätze werden so ja wohl auch geschaffen, denn die Scheiben dürften im Bodenbereich besonders leicht verschmutzen, und dann erst die anspruchsvolle Aufgabe, ihre den Rückenlehnen zugewandte Seite zu putzen und den schmalen Bereich zwischen Scheibe und Sitzen sauberzuhalten!

?Alle Wagen sind mit einem Videoüberwachungssystem ausgestattet.? ? Das ist natürlich überfällig. So wird erfahrungsgemäß zwar keine Straftat verhindert ? überraschenderweise passiert in den Berliner S-Bahn-Zügen, auf denen bisher nicht das gütige, wachsame Auge des Großen Bruders ruht, nicht mehr Arges als in den bereits totalüberwachten Berliner U-Bahn-Zügen; eher im Gegenteil ?, aber es ist doch immer unterhaltsam, die Aufnahmen von Verbrechen und Ordnungswidrigkeiten im Fernsehen anzuschauen.

?Die Innenraumaufteilung folgt bewährten Konzepten.? ? Es gibt hier also nichts Neues.

?Für erhöhtes Wohlbefinden sorgt eine Klimatisierung der Fahrgasträume? ? das ist neu bei der Berliner S-Bahn, und sicher wird die Klimaanlage dort besser funktionieren (oder häufiger überhaupt erst einmal eingeschaltet) als bei den Bussen der BVG. Immerhin: Die Türen schließen jetzt endlich auch bei der S-Bahn automatisch, wenn kein Fahrgastwechsel mehr erfolgt.

?Ein dynamisches Fahrgastinformationssystem erleichtert den S-Bahn-Kunden die Orientierung. Ergänzend zur Linien- und Zielanzeige bieten im Fahrgastraum seitliche LED-Monitore auf Basis von Echtzeitdaten künftig Informationen zum Fahrverlauf und zu Anschlussmöglichkeiten.? ? Ob damit auch gemeint ist, daß man noch während der Fahrt erfährt, wo die S-Bahn mal wieder nicht fährt? Und zwar kurzfristig, ?wegen einer Weichenstörung? oder ?wegen eines Polizeieinsatzes?? (Die beliebten Zugausfälle wird es ja fürderhin wohl nicht mehr geben.)

?Die ergonomisch geformten Einzelsitze sind mit einem weichen, aber robusten Stoff bezogen.? ? Immerhin: kein Plastik wie es jetzt bei der U-Bahn den Berlinern verordnet wird. Womit über eine Polsterung aber noch nichts gesagt ist.

Und schließlich: ?Der Fußboden besteht aus einem strapazierfähigen und rutschfesten Material.? ? Donnerwetter! Wir hatten schon das genaue Gegenteil befürchtet. Aber bei den neuen Berliner S-Bahn-Zügen ist eben wirklich an alles gedacht, nicht zuletzt daran, daß sie auch noch einsatzbereit sein können, wenn mal das eine oder andere an ihnen ausfällt.

Kommentieren