Wunder des Alltags (30): Haus frißt Hochbahnhof

Der Hochbahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park steht an einer Stelle des Berliner U-Bahn-Netzes, die (mindestens) dreimal gebaut wurde: Als der Geländestreifen westlich der Köthener Straße, auf dem die Trasse verläuft, in den siebziger Jahren von Ost- nach West-Berlin gewechselt war, erging man sich im damals in der Stadt besonders beliebten Abreißen so sehr, daß man außer den angrenzenden Bauresten und Gleisanlagen des Potsdamer Bahnhofs gleich auch noch die Hochbahnrampe zerstörte.

Dieser Faux pas war um so peinlicher, als die Strecke damals zwar nicht von regulären Zügen genutzt werden konnte ? eine der beiden Nachbarstationen, Potsdamer Platz, lag im Ostsektor ?, doch die deutsche Frage sollte ja offengehalten und dies nicht zuletzt dadurch demonstriert werden, daß die vom Osten gekappten Verkehrsverbindungen von Westen aus jederzeit hätten wiederhergestellt werden können.

Daß dies im Falle dieses Teils der allerersten, 1902 eröffneten Berliner Hoch- und Untergrundbahnstrecke doch nicht so schnell ging, zeigte sich nach dem Fall der Mauer 1989. Angesichts der großartigen Pläne, die für die Bebauung des Potsdamer Platzes geschmiedet wurden, und den Expertenprognosen, die Berlin bis spätestens 2010 zu einer europäischen Topmetropole mit mindestens fünf Millionen Einwohnern wachsen sahen, mußte die Trasse an der Köthener Straße noch einmal neu errichtet werden. Für die enormen Pendlerströme, die in all die Konzernzentralen und Einkaufszentren rund um den Potsdamer Platz strömen würden, glaubte man nämlich ganz dringend einen weiteren Haltepunkt zwischen Gleisdreieck und Potsdamer Platz zu benötigen, und zwar direkt nördlich des Landwehrkanals.

Da die Rampe zur unterirdischen Station Potsdamer Platz gleich nach Überquerung des Kanals begann, riß man die kaum anderthalb Jahrzehnte alte Strecke ab und baute sie zum dritten Mal, nun mit größerer Neigung, um am Kanal Platz für die neue Station zu haben, die natürlich nicht im Gefälle liegen sollte.

Am 2. Oktober 1998 wurde diese dann auch dem Betrieb übergeben ? und führt seither ein Schattendasein: Die meisten der hier ein- und aussteigenden Fahrgäste scheinen Touristen zu sein, die sich verirrt haben.

Immerhin: Auf die architektonische Gestaltung des Hochbahnhofs hielt man sich einiges zugute. Die Architekten Hans Peter Störl und Hilmer & Sattler zeichneten dafür verantwortlich.

Nur leider: Was zählt schon schöne Architektur, wenn es schönen Profit zu machen gibt?

Bereits vor einigen Jahren wurde die Hochbahnrampe vollständig überbaut, so daß der Tunnel gefühlt direkt am Nordende der Station Mendelssohn-Bartholdy-Park beginnt.

Tunnel kann man nie genug haben

Eine Rampe verschwindet im Dunkel: Blick vom U-Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park auf die im Gang befindliche Überbauung im April 2009.

Leider genügte auch dies noch nicht den zeitgemäßen Anforderungen an Profitmaximierung: Im Laufe des Jahres 2015 konnte man das beeindruckende, da seltene Schauspiel erleben, wie ein Haus einen Hochbahnhof frißt ? zumindest in ästhetischer Hinsicht.

Praktischerweise hatte die BVG viele Fenster der Bahnsteighalle schon zuvor zugeklebt. Und mal ehrlich: Kunstlicht ist doch auch viel schöner, gell?

Hier wurde man kaum vor UV-Licht geschützt!

So wird’s nie wieder sein ? vor allem nicht so hell: Blick in die Bahnsteighalle im April 2009.

Hier gibt es nichts (mehr) zu sehen.

Vor- und fürsorglich hat die BVG schon mal einen Großteil der Fenster zugeklebt (Aufnahme vom Oktober 2015).

Bald weitgehend verschwunden in einem Hochhaus.

Bald guckt er nur noch aus einem Hochhaus raus: der Hochbahnhof, gesehen vom Reichpietschufer im Oktober 2015.

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