Nicht weitersagen: Streckeneröffnung

Am kommenden Wochenende eröffnet die BVG eine neue Straßenbahnstrecke. Am vergangenen Wochenende ist das der Online-Redaktion des RBB aufgefallen, der der Verkehrsbetrieb bestätigte: Ja, in ein paar Tagen beginnt auf der Trasse zum Berliner Hauptbahnhof tatsächlich der Fahrgastbetrieb. Darüber aus eigenem Antrieb die Medien zu unterrichten, hatte man anscheinend bislang nicht für notwendig befunden. Und wer in die Dezember-Ausgabe der BVG-Kundenzeitschrift schaut, findet darin auch nicht etwa einen Artikel über die erste Neueröffnung einer Berliner Straßenbahnstrecke seit sechs Jahren, sondern nur eine Kurzmeldung und in einer Auflistung von Linienänderungen zum Fahrplanwechsel den Hinweis, die Linie M 5 fahre ab 14. Dezember bis zum Hauptbahnhof.

Liebe BVG, warum dieses Understatement? Du tust ja gerade so, als wäre es peinlich, daß diese Strecke zwölf Jahre nach dem ursprünglich vorgesehenen Termin in Betrieb geht und achteinhalb Jahre nach der ? ebenfalls verspäteten und dann nur holterdiepolter ermöglichten ? Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs.

Als würde durch diese 2,3 Kilometer durch die Invalidenstraße (plus 1,1 Kilometer eingleisige Blockumfahrung), die zu bauen gut dreieinhalb Jahre gedauert hat, das Netz nur unerheblich wachsen, ist doch zum Ausgleich die Strecke zum U-Bahnhof Schwartzkopffstraße (samt dortiger Blockumfahrung) stillgelegt worden.

Als wäre es lächerlich, daß es zwischen dem Beginn der neuen Trasse am U-Bahnhof Naturkundemuseum und dem Hauptbahnhof nur einen einzigen Zwischenhalt gibt, mithin nur einen Ort, der neu an das Schienennetz angebunden worden ist.

Als wäre die ganze Strecke ziemlich wertlos, weil man zum Beispiel vom Hackeschen Markt, wo die M 5 vorbeikommt, mit der S-Bahn viel schneller zum (nur zwei S-Bahn-Stationen entfernten) Hauptbahnhof gelangt ? und erst recht vom östlichen Stadtrand aus, wo der andere Endpunkt der M 5 liegt.

Als würde es deshalb auf der Trasse vorerst nur einen Zwanzig-Minuten-Takt geben. Mitten in der Stadt. Vom und zum Hauptbahnhof. Auf einer frisch gebauten Strecke.

Als würde sich der begrenzte Nutzen dieser Strecke auch nur wenig erhöhen, wenn auf ihr demnächst zwei weitere Linien fahren, und wäre das ganze Unternehmen eigentlich vor allem etwas für Journalisten und etwas beschränkte Zeitgenossen, die sich kindisch freuen, wenn es heißt: ?Berlins dufter neuer Hauptbahnhof hat nun auch einen Straßenbahnanschluß.?

Als wäre diese Tramstrecke noch unsinniger als der U-Bahn-Anschluß, an dem (ja, mit Unterbrechungen) seit den Neunzigern gearbeitet wird ? und der nach jetzigen Plänen 2020 mehr darstellen wird als einen Inselbetrieb mit einem zwischen drei Stationen pendelnden Zug (wodurch dann allerdings auch nur eine weitere Anbindung des Hauptbahnhofs an Mitte und die östliche davon gelegenen Gebiete hergestellt wäre ? wie er bereits mit der S-Bahn existiert, und nun auch mit der Straßenbahn).

Als wäre die Straßenbahn zum Hauptbahnhof nicht nur dann sinnvoll, wenn sie zügig verlängert würde nach Moabit und von dort aus idealerweise gleich zum Tegeler Flughafengelände, wo ja mal ein ganz toller neuer Standort für Wohnen, Gewerbe, Wissenschaft entstehen soll. (Nach den Berliner Erfahrungswerten dürfte diese Strecke, begänne man sie jetzt zu planen, zirka 2040 fertig werden ? wenn der Flughafen Tegel tatsächlich zugunsten des neuen ?Hauptstadtairports? geschlossen worden sein könnte).

Als wären das aber leider nur vage Planungen und schöne Hoffnungen (wie für alle weiteren neuen Straßenbahnstrecken, von denen schon seit über zwanzig Jahren geredet wird), derweil der neue Stadtentwicklungssenator schon mal deutlich gemacht hat, was ihm in Sachen Verkehr besonders am Herzen liegt und wofür er sich mit Kräften einsetzen wird: den Weiterbau der Stadtautobahn noch über Treptow und sogar die Frankfurter Allee hinaus bis nach Prenzlauer Berg.

Als wären die Berliner Verkehrspolitiker ? allen voran jene der SPD ? so beschränkt, zu glauben, ein moderner, attraktiver ÖPNV ließe sich vor allem mit Bussen gestalten und ausbauen.

Also wirklich, BVG, reiß Dich mal zusammen! Und freu Dich doch über die paar Kilometer neue Straßenbahnstrecke. Wer weiß, wann Du mal wieder so etwas feiern kannst.

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