Wunder des Alltags (14)

Es ist nicht ein grundlegender Anspruch, da auch eine grundlegende Legitimation von Denkmalpflege, Baudenkmale ?lesbar? zu machen oder ihre ?Lesbarkeit? zu erhalten: Es geht bei Denkmalpflege nicht ganz wesentlich darum, daß ein Bauwerk Geschichte erzählen soll, zuweilen auch dadurch, daß es seine eigene Geschichte ?erzählt?, also anhand seiner Gestaltung und seiner Veränderungen die Zeit widerspiegelt, in der diese vorgenommen wurde.

Daher ist es ganz gleichgültig, daß der 1924 eröffnete Berliner U-Bahnhof Südstern (vormals Hasenheide, Kaiser-Friedrich-Platz, Gardepionierplatz) bis zu seiner jüngsten Sanierung etwas von den wirtschaftlich äußerst schwierigen Verhältnissen seiner Entstehungszeit (kurz nach dem Ersten Weltkrieg, noch kürzer nach der Hyperinflation) zeigte: Die Wände hinter den Gleisen waren nicht mit Keramikfliesen verkleidet ? aber auch nicht mehr lediglich getüncht und verputzt wie bei den 1923 eröffneten Stationen in der Friedrich- und der Chausseestraße ?, sondern mit Zementplatten, die einen preiswerten Ersatz für Keramik darstellten. Genauer: ??Keramentplatten mit Kaltglasur?, ein Ersatzstoff, mit dem die nach wie vor gegebene Not der Nachkriegsjahre greifbar bleibt: Dabei werden aus Zement gefertigte Platten mit einer dünnen ölfarbenartigen Mischung aus Portlandzement, Farbe und Kalkseife überzogen, die nach dem Trocknen eine glasurähnliche Oberfläche ergibt.? (Christoph Brachmann: Licht und Farbe im Berliner Untergrund, Berlin 2003, S. 43)

Es ist völlig unwichtig, daß die Wände nicht als eine gleichförmig durchgehende Fläche gestaltet wurden, sondern daß sie dort, wo im Wechsel mit den Reklameflächen die Stationsschilder prangten, vertikal jeweils, bekrönt von einem deutlich auskragenden Gesims, leicht hervorsprangen ? außer am Ostende der Bahnsteighalle, wo diese in den sechziger Jahren verlängert worden war.

Bei der jüngsten Sanierung brachte man diese Vorsprünge auch dort an, wo sie nie zuvor gewesen waren. Dafür sparte man sich die Gesimse, die sie bekrönten. Die gesamte historische Wandverkleidung ? abgesehen von einer winzigen Erinnerungsstelle ? wurde abgeschlagen und landete auf dem Müll. An die Stelle der hölzernen Reklametafeln traten ebenfalls Fliesen, teils mit historischen Photos versehen. Überhaupt: Statt mit billigen Zementplatten verkleidet wurde alles schön gefliest. Statt weiß sind die Fugen nun schwarz. Das Raster, mit dem sie die Wände überziehen, fällt auch deshalb erheblich stärker ins Auge als zuvor, weil die neuen Fliesen deutlich kleiner sind als die alten Zementplatten. Wo man schon mal dabei war, bekam auch das Innere des erst in den fünfziger Jahren errichteten Empfangsgebäudes an Stelle seiner zeittypischen Verkleidung die neuen Fliesen. Und der Bahnsteig der in einer armen Zeit erbauten Station natürlich noch einen schicken neuen, teuren Belag aus Naturstein.

Natürlich. So natürlich wie dies alles unter der Überschrift ?Denkmalpflege? geschah.

U-Bf Südstern - Denkmalgerecht saniert (oder so)
Denkmalgerecht saniert (oder so) ? Zum Vergleich hier klicken

U-Bf Südstern - Alt und neu ähneln sich täuschend
Hier kann eigentlich nur ein Fachmann einen Unterschied zwischen alt und neu erkennen

U-Bf Südstern - Säule leider noch originalverkleidet
Leider konnte diese Säule im Empfangsgebäude nicht auch mit den neuen Fliesen versehen werden, weshalb sie noch ihre Originalverkleidung zeigt; immerhin steht sie nicht mehr, wie ursprünglich, frei im Raum.

1 Kommentar zu „Wunder des Alltags (14)“

  1. Bernd K. says:

    So haben wenigstens die Restauratoren in 50 oder 100 Jahren wieder was zu tun!

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