Ein Glück, daß wir nicht mehr 1972 haben

Die Zeiten aendern sich

Heute tritt eine Erhöhung der Fahrpreise bei Berlins Bussen und Bahnen in Kraft. Sie wird als unausweichlich bezeichnet, und kaum jemand wagt zu widersprechen. Schließlich liegt die letzte Tariferhöhung bereits neunzehn Monate zurück.

Vor vierzig Jahren, am 1. März 1972, trat ebenfalls eine Erhöhung der Fahrpreise bei (West-) Berlins Bussen und Bahnen in Kraft. Auch sie wurde als unausweichlich bezeichnet. Allerdings regte sich heftiger Widerspruch dagegen. Dabei lag die letzte Tariferhöhung acht Jahre zurück.

Zwar fiel die Steigerung etwa beim Einzelfahrschein der U-Bahn mit fünfzig Prozent happig aus ? andererseits geschah sie auf niedrigem Niveau: Statt vierzig sollte das Ticket fortan sechzig Pfennig kosten. Der Busfahrschein verteuerte sich von fünfzig auf siebzig Pfennig. Der ?Umsteiger? für die Benutzung mehrerer Buslinien oder von Bus und U-Bahn wurde abgeschafft. Die U-Bahn-Sammelkarte zu zwei Mark galt fortan nur noch für vier statt zuvor fünf Fahrten. Der Preis der Bus-Sammelkarte für fünf Fahrten wurde von 2,20 Mark auf drei Mark erhöht. Die Umsteige-Sammelkarte bot für drei Mark nur noch vier Fahrten, zuvor waren es fünf für 3,50 Mark gewesen. Die Ermäßigungs-Sammelkarte hingegen verteuerte sich nicht: Weiterhin sechs Fahrten mit Umsteigeberechtigung für 2,10 Mark.

Geld für das Konsumlustzentrum?

Als die Preiserhöhung im Juli 1971 zum 1. Januar 1972 angekündigt wurde und schließlich mit zweimonatiger Verspätung erfolgte, geschah dies im Zuge einer deutlichen Verteuerung auch anderer städtischer Dienstleistungen ? wollte man doch endlich den Haushalt sanieren (ja, wir reden von Vorgängen, die vierzig Jahre zurückliegen). Und es geschah in einem gesellschaftlichen Umfeld, das hochgradig politisiert und auch politisch polarisiert war. Insbesondere die damals sehr aktive linksextreme Szene nutzte das Thema in der Hoffnung, damit Massen für sich mobilisieren zu können. Eine Darstellung damaliger Aktivitäten und Ansichten aus maoistischer Sicht findet sich beispielsweise hier. Dort gibt es auch das Faksimile einer ?Berliner Arbeiterzeitung? von 1971 zu sehen, in der beklagt wird, für ein ?Spekulantenprojekt? wie den Steglitzer Kreisel samt teurem U- und Busbahnhof sei immer noch Geld da, denn: ?Das Architektenliebchen des Senats, Sigrid Kressmann-Zschach, baut dort für Kaufhausbarone ein Konsumlustzentrum.?

Um den 1. März 1972 herum fanden diverse Demonstrationen und andere Aktionen statt: Notbremsen und ? auf den Stationen ? Notsignalschalter wurden betätigt, an Fahrzeugen wie auf Bahnhöfen gab es Schmierereien, Kreuzungen und U-Bahn-Eingänge wurden blockiert, Flugblätter verteilt und Freifahrten erzwungen. Die FDP schloß sich der Forderung nach Einführung eines Nulltarifs bei der U-Bahn an (ja, richtig gelesen: die FDP) und die Polizei schwang hier und da den Schlagstock. Am 13. März 1972 kam es sogar zu einem Sprengstoffanschlag in der BVG-Hauptverwaltung an der Potsdamer Straße.

Mensch Meier

Es war jene Fahrpreiserhöhung, durch die der seinerzeit von BVG-Werbeleuten erdachte ?Kollege Meier? Eingang in die Popkultur fand, in dem damals als Foliensingle verkauften oder gratis verteilten Song ?Mensch Meier?. Der Titelheld dieses Lieds von Ton Steine Scherben schreitet ?in aller Hergottsfrühe im 29er kurz vor Halensee? spontan zum Fahrpreisboykott ? woraufhin sich ihm die anderen Insassen des überfüllten Busses prompt anschließen. Denn: ?Wenn die da oben x-Millionen Schulden haben, dann soll?n ses bei den Bonzen holen, die uns beklauen.? (Der vollständige Liedtext hier.)

Das Lied, welches ?die da oben? dazu sangen, dürfte dem Menschen des Jahres 2012 seltsam vertraut vorkommen: ?Berlin will mit den Preiserhöhungen den Nachweis führen, ?insbesondere auch westdeutschen Kritikern gegenüber?, daß es bereit ist, ?eigene Beiträge zur Bewältigung der Finanzprobleme zu leisten??, liest man im ?Tagesspiegel? vom 8. Juli 1971. SPD-Finanzsenator ?Striek wies darauf hin, daß Berlin bei der Verwirklichung der Tarifvorschläge weiterhin die Stadt mit den niedrigsten Verkehrstarifen der Bundesrepublik sei.?

Der zum 1. März 1972 eingeführte BVG-Tarif sollte vier Jahre lang Bestand haben ? trotz der Ölkrise, die schon 1973 hereinbrach und die Zeit unglaublich billigen Erdöls beendete. Dementsprechend kräftig wurde dann wieder den Fahrgästen in die Taschen gegriffen: Der Einzelfahrschein kostete ab 1. März 1976 eine Mark. Allerdings galt er nun für U-Bahn und Bus und zum beliebig häufigen Umsteigen.

Aus den Auseinandersetzungen um die Tariferhöhung von 1972 hatten die Verantwortlichen wohl gelernt: Viele kleine Preissteigerungen lassen sich besser ?verkaufen? als eine große. Jedenfalls vollzog sich die Verdoppelung des Preises für einen Einzelfahrschein von 1976 bis 1983 in mehreren Schritten. Mit zwei Mark lag er dann immer noch traumhaft niedrig ? zumindest aus heutiger Sicht, wo angeblich selbst 2,30 Euro (entspricht 4,50 Mark) nicht genug sind, weshalb ab heute 2,40 Euro verlangt werden. Eine Monatskarte für das BVG-Gesamtnetz kostete ab 1. März 1972 übrigens sechzig Mark, eine Monatskarte für das U-Bahn-Netz gab es bereits für 26 Mark ? ja, für rund dreizehn Euro.

Zwei Tramstrecken mehr als heute

Natürlich kommt bei Hinweisen auf diese Fahrpreise immer das Argument, die damaligen Verhältnisse ließen sich doch mit den heutigen nicht vergleichen. Wozu man nur sagen kann: Stimmt! 1972 fuhren in vielen Bussen noch Schaffner mit. 1972 gab es nicht nur auf allen U-Bahnsteigen, sondern auch an vielen Eingängen zu U-Bahnhöfen noch Personal. Damals verkehrten bei der West-Berliner U-Bahn fast nur Züge, die nicht älter als anderthalb Jahrzehnte waren ? die letzten Vorkriegswagen wurden dann im Frühjahr 1975 ausgemustert, als bereits die Auslieferung eines weiteren völlig neuen Fahrzeugtyps begonnen hatte. Damals verfügte die West-BVG über rund tausend Doppeldecker, die den allergrößten Teil des Busverkehrs bewältigten ? und damit einen hohen Anteil an Sitzplätzen boten. Damals wurde das U-Bahn-Netz ständig erweitert und seit Jahren stets an mehreren neuen Strecken gleichzeitig gebaut. Damals durfte noch in den Bussen wie in der U-Bahn geraucht werden ? unter Berücksichtigung des heute als so wichtig erachteten ?Nichtraucherschutzes?: Es existierten U-Bahn-Wagen für Raucher und solche für Nichtraucher. Ach, und nebenbei bemerkt: Damals gab es in West-Berlin lediglich zwei Straßenbahnstrecken weniger als heute.

1972 wurden auch noch andere Rechnungen aufgemacht. So soll auf dem Cover zu ?Mensch Meier? zu lesen gewesen sein: ?Die BVG-Preise wurden erhöht. Warum? Weil der Senat unser Geld nicht für uns ausgibt, sondern für Sachen, die uns nicht nutzen. Der Senat lügt uns vor, daß die BVG ein Defizit hätte, aber gerade soviel kostet die ?Freiwillige Polizeireserve?. Für die Starfighter der Bundeswehr könnten wir in ganz Berlin 10 (zehn) Jahre umsonst fahren.?

Heute weiß natürlich jedes von unserem fortschrittlichen, freiheitlich-demokratischen Bildungssystem geschultes Kind, daß man solche Fragen nicht stellen darf und die Dinge so nicht sehen kann.

Ein Glück, daß wir nicht mehr 1972 haben.

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