Blüten am Wegesrand (4)

Daß der Stettiner Bahnhof einst eine besondere Rolle im Gefühlshaushalt wenigstens der begüterteren Berliner spielte, darf vermutet werden. Reiste doch, wer er sich überhaupt leisten konnte, zu Zeiten des Deutschen Reichs im Sommer oft zum naheliegendsten Urlaubsziel: an die Ostsee. So wurde die Station gern als ?Ferienbahnhof der Berliner? tituliert. Und obwohl sie im armen und deshalb recht schlecht beleumundeten Norden des alten Berlin lag und sich südlich von ihr rund um Eichendorff-, Schlegel- und Tieckstraße ein berüchtigtes ? heute längst vergessenes ? Rotlichtviertel erstreckte: Womöglich löste bei vielen Berlinern allein der Anblick der Hauptfront des Bahnhofs an der Invalidenstraße angenehme Gefühle aus.

Nichts können diese Gefühle jedoch gewesen sein gegen die Begeisterung, die der Anblick erzeugen muß, welcher sich heute an der gleichen Stelle bietet. Bis zur Ekstase dürfte sich bei genauerer Betrachtung der ästhetische Genuß steigern und nun erst deutlich werden, welch widerwärtiges, schäbiges Bild der im Zweiten Weltkrieg beschädigte, 1952 stillgelegte und bald darauf abgerissene Fernbahnhof bot. Zumal das Gebäude, welches sich die Deutsche Bahn AG unlängst an gleicher Stelle errichten ließ, von erlesener Schönheit und baukünstlerischer Finesse ist.

Schon oberflächlich betrachtet vermag auch der Laie klar zu erkennen: Nein, früher war nicht alles besser! Und die Pflege des Stadtbildes ist gerade großen Unternehmen (noch dazu solchen in Staatsbesitz) ein vornehmes Anliegen, weshalb ihre Gebäude höchsten ästhetischen Ansprüchen genügen sollen und nicht etwa nur nach der Maßgabe zusammengefummelt werden, soviel Nutzfläche so kostengünstig wie möglich zu schaffen und damit nichts anderes zu verlangen als Profitmaximierungsarchitektur.

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1904 (Quelle: Wikipedia/Zeitschrift für Bauwesen)

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Die gleiche Ansicht 2011

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