Plattgefahrene Kinder, vergiftete Anwohner, kollabierende Unternehmen ? wenn die Autobahn nicht kommt

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Mehr Straßen bringen weniger Verkehr. Und schaffen wertvolle neue Erholungsangebote, wie hier auf dem Bundesplatz in Berlin-Wilmersdorf, dessen Mittelinsel seit fünfzig Jahren von einer Autotunneleinfahrt eingenommen wird.

?Für die Versorgung der Stadt ist der Güter- und Wirtschaftsverkehr auf den Straßen lebensnotwendig. Durch den großzügigen Ausbau des U-Bahnnetzes und durch die vorhandenen S-Bahnstrecken ist Berlin im schienengebundenen Schnellverkehr in Deutschland nach wie vor führend. (?) Der Südosten Berlins gehört zu den Gebieten, in denen das vorhandene Straßennetz trotz ständig steigender Leistung der öffentlichen Verkehrsmittel nicht ausreicht. Die Straßen sind verstopft, Anwohner und Passanten werden durch Lärm und Abgase belästigt. Es gibt eine Reihe von Unfallschwerpunkten. Die Autobahn wird gerade in diesem Gebiet wesentliche Verkehrserleichterungen bringen. Bezirke, die im Grunde Großstädte für sich sind, werden besser miteinander verbunden; sie werden bequemer und schneller zu erreichen sein.?

Ein Verzicht auf die Autobahn hätte ganz schlimme Folgen für die Gesundheit, vor allem wegen des Lärms und der Schadstoffe: ?Je fließender der Kraftfahrzeugverkehr ist, desto weniger Abgase entstehen. Auf der Autobahn kann schnell gefahren werden; der Stadtstraßenverkehr stockt häufiger.?

Und dann die Unfälle! ?Auf der Autobahn sind die Unfälle im Vergleich zu den Stadtstraßen ? gemessen an der Fahrleistung ? ganz bedeutend geringer. Auf der Autobahn gibt es keine Kreuzungen, keine Radfahrer, keine Fußgänger. Die Autobahn zieht den Verkehr von den Stadtstraßen in der Umgebung ab. Damit wird das Leben in den Wohngebieten, an Spielplätzen und Schulen sicherer.?

Wer keine Autobahn möchte, will also eigentlich, daß Kinder ? z.B. an Spielplätzen und Schulen ? plattgefahren werden.

Zudem dauert eine Fahrt über Stadtstraßen viel länger als über die Autobahn: ?Für die Fußgänger bedeutet das: mehr Lärm, mehr giftige Abgase, größere Unfallgefahren.?

Wie asozial alle Zweifler oder gar Gegner einer solch segensreichen Infrastrukturmaßnahme sind, wird noch einmal auf der letzten Seite betont: ?Der Autobahnbau bedeutet kurzfristig Unannehmlichkeiten für wenige ? und anschließend Jahrzehnte Vorteile für viele, vor allem für die Bürger, die in der Umgebung wohnen, arbeiten oder sich erholen wollen.?

Was klingt, wie einem rot-schwarzen Koalitionsvertrag entnommen, stammt aus einer Broschüre, welche der (West-) Berliner Senator für Bau- und Wohnungswesen im September 1972 herausgegeben hat: Das ?Bundesautobahn Osttangente ? Eine Informationssammlung? betitelte Heftchen sollte Argumente liefern für die im Herbst 1972 vorgesehene Bürgerbeteiligung zum geplanten Stadtautobahnbau vom Tempelhofer Kreuz am Autobahnstadtring bis zur damaligen Zonengrenze zwischen Buckow und Groß-Ziethen, wo man auf einen neuen Kontrollpunkt für den Transitverkehr ins Bundesgebiet hoffte ? was allerdings nicht erwähnt wurde.

Zur Inner-West-Berliner Dringlichkeit des Stadtautobahnbaus erfuhr der interessierte Bürger: ?Jeden Werktag fahren morgens etwa 70 000 Neuköllner zu ihren Arbeitsplätzen in anderen Bezirken Berlins; etwa 9000 kommen nach Neukölln, um ihre Arbeit aufzunehmen. Nach dem Feierabend kommt der Rückstrom. Hinzu kommt, als wesentlicher Bestandteil, der ständig steigende Wirtschaftsverkehr. Für diese Verkehrsbelastung reichen die vorhandenen Straßen nicht mehr aus.?

Derlei Angaben wurden illustriert mit bunten Schaubildern, denen zufolge die Nord-Süd-Straßen im fraglichen Einzugsbereich bereits 1971 ihre Leistungsgrenze erreicht hätten. Der Tempelhofer Damm in Höhe Tempelhofer Weg/Germaniastraße sogar schon 1967.

Nun, nicht zuletzt wegen einiger uneinsichtiger Bürger, die ?kurzfristig Unannehmlichkeiten? nicht hinnehmen und ?Jahrzehnte Vorteile? nicht erkennen wollten, blieb diese kostbare Infrastrukturmaßnahme des damaligen SPD-Senats unrealisiert (abgesehen von dem heute als A 102 firmierenden Stummel zur Gradestraße). Völlig überraschenderweise entstand ab den siebziger Jahren auch nicht der prognostizierte Dauerstau auf jenen drei Straßenzügen, welche durch die Osttangente entlastet, ach was, zu Paradiesen für Fußgänger und Radfahrer, fast zu Kinderspielplätzen und Erholungsgebieten werden sollten: die B 96 (Tempelhofer, Mariendorfer, Lichtenrader, Kirchhainer Damm), der Straßenzug Hermannstraße/Britzer Damm/Buckower Damm und die damalige B 179 (Karl-Marx-Straße/Buschkrugallee/Rudower Straße/Neuköllner Straße/Waltersdorfer Chaussee).

Durch die nach dem Mauerfall größtenteils auf dem vormaligen Todesstreifen entlang des Teltowkanals errichtete A 113, quasi die nach Osten verlegte Osttangente, wurde wahrscheinlich nicht nur Verkehr von der letztgenannten Trasse abgezogen. Auch der Entlastungseffekt für die zweitgenannte dürfte enorm sein. Und sicher nutzen auch sehr viele die A 113 anstelle der noch weiter westlich liegenden B 96 ? weshalb letztere gerade ausgebaut wird.

Denn nur völlig verständnis- und verantwortungslose Gesellen können bei diesem Blick in die Geschichte fragen, ob nicht die jetzt von der SPD ? oder genauer: gewissen SPD-Kreisen ? so vehement betriebene Verlängerung des Autobahnstadtrings A 100 nach Treptow ebenso verzichtbar sein könnte, wie es die dereinst geplante Osttangente war. Ohne die ja auch alles zusammenbrechen und Not und Elend um sich greifen sollten ? überfahrene Kinder, vergiftete Anwohner, kollabierende Unternehmen.

Ist doch bekannt: Je mehr Straßen man baut, desto besser verteilt sich der Verkehr. Mehr Straßen bedeuten deshalb auch nicht etwa mehr Verkehr, denn obwohl derzeit angeblich ein unerträgliches Gedränge auf den Straßen herrscht, läßt sich durch ebendieses doch niemand von der Benutzung eines Kraftfahrzeugs abhalten. Weshalb nicht, bei weniger verstopften Straßen, Leute auf die Idee kommen könnten, den eigenen Wagen zu benutzen, die dies bisher nicht getan haben ? wodurch die Entlastung durch die zusätzlich geschaffenen Wege bald wieder verpufft ist.

Auch die Wirtschaft braucht ganz, ganz dringend eine schöne Stadtautobahnverlängerung, um noch weiterwirtschaften zu können. Man weiß gar nicht, wie ohne diese Betonpiste in den vergangenen zwanzig Jahren überhaupt noch irgend etwas produziert, gehandelt, transportiert werden konnte. Und die Zigtausenden von Arbeitsplätzen, welche in jener Zeit verloren gegangen sind, verschwanden natürlich nur, weil eine prima Autobahn fehlte. Mit dieser wäre das alles nicht passiert.

Ach, übrigens, wo wir schon mal bei diesen brillanten Erkenntnissen einer Verkehrspolitik im Geiste der fünfziger und sechziger Jahre sind: Die Straßenbahn behindert den Verkehr, U-Bahn-Strecken kann man nie genug haben, und nichts geht über einen gebrochenen Verkehr, bei dem die Fahrgäste mit Bussen zur U-Bahn kutschiert werden und möglichst häufig umsteigen dürfen. Und als nächstes reißen wir dann flächendeckend alte Stadtteile ab und bauen uns ein schönes Atomkraftwerk.

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