Archiv für September 2016

Basti beherrscht Berlin

Montag, 26. September 2016

Die Abgeordnetenhauswahl am vorletzten Sonntag hat eine ? von vielen als überflüssig erachtete ? Partei in das Berliner Landesparlament gespült, die durch absurde, teils radikale Forderungen, unseriöses Personal, ideologische Verbohrtheit und rücksichtslose Politik gegen einzelne Bevölkerungsgruppen aufgefallen ist. Doch gewählt ist gewählt, und nun wird man in der Hauptstadt in den kommenden fünf Jahren mit einer FDP-Fraktion leben müssen.

Zu den Schlagern im Spaßwahlkampf dieser Partei gehörte die Forderung nach einer dauerhaften Offenhaltung des Flughafens Tegel auch über die irgendwann einmal womöglich wirklich erfolgende Eröffnung des Großflughafens BER hinaus.

Der FDP-Spitzenkandidat, Landes- und nun auch Fraktionsvorsitzende Sebastian Czaja erklärte dazu letzten Montag im RBB, die 6,69 Prozent für seine Partei wären ?ein klares Votum? für die Ziele der FDP, insbesondere für deren Tegel-Pläne: ?Alle anderen Parteien, die im Berliner Parlament vertreten sind, müssen sich jetzt mit dieser Frage beschäftigen.?

Und, so möchte man anmerken, nicht nur dies: Sie müssen eigentlich auch dem folgen, was 6,69 Prozent der Wähler bzw. 4,40 Prozent der Wahlberechtigten votieren. Denn mit dieser überwältigenden Mehrheit ist Basti Berlin-Herrscher. Zumindest in seiner Welt.

P.S.: Sebastian Czaja hat inzwischen angekündigt, ?alles? für einen Weiterbetrieb des Flughafens tun zu wollen. Wir müssen uns also auf von der FDP organisierte Sitzblockaden, Hungerstreiks, Straßenschlachten, Suizidanschläge einstellen. Und: Mit welchem einen einzigen (vornehmlich irrelevanten) Thema (zu dem sie eine unrealistische Lösung anbietet) wird diese Spaßpartei wohl in den nächsten Wahlkampf ziehen?

Zum Start der dunklen Jahreszeit

Montag, 26. September 2016

Eine völlig absurde, da komplett unrealistische Darstellung.
Unbedingt zu beachten: Dem Radfahrer, der etwas auf sich hält, dient der Scheinwerfer nur als Dekoration (so überhaupt vorhanden).

Die Tage werden bereits seit Monaten wieder kürzer, schon bald ist es wieder länger dunkel als hell. In der hippen Hauptstadt, wo ein Volksbegehren läuft, demzufolge die Verkehrspolitik fortan um das Fahrrad kreisen sollte, richtet man sich darauf ein: Fußgänger müssen nun noch genauer darauf achten, auf den Gehwegen nicht den Radfahrern im Weg zu stehen, denn Fahrradlampen sind vermutlich total uncool, mega schwul und voll Neunziger. Irgendwie.

Von einem guten Dutzend Bikern, aus deren Weg ich an einem frühen, aber schon stockdunklen Abend im schicken Kreuzberg gerade noch so springen konnte, hatten jedenfalls nur zwei (sehr schwächliche) Frontscheinwerfer (LEDs sind so teuer und erzeugen ein so schwaches Licht), drei winzige Rücklichter, und die restlichen waren gänzlich unbeleuchtet. Was natürlich nicht insofern schlimm war, als sie sich gegenüber den Fußgängern auf dem Gehweg durch wütendes Klingeln zu erkennen gaben und teils durch noch lauteres Schimpfen.

Und was die gute Sichtbarkeit angeht, die besitzen ja dann die weißen Fahrräder, welche die Radfahrerlobby aufstellt im mahnenden Gedenken an all jene Mitglieder ihrer Gemeinde, die von Autolenkern totgefahren wurden. Denn Pkw- und Lkw-Benutzer sind teuflisch, boshaft, niederträchtig ? und vor allem sowas von rücksichtslos!

Die anmutige Abbildung wurde dem werthaltigen Werk ?Das Sommerhasserbuch? entnommen, erschienen im Berliner Verlag Matthias Herrndorff und dort wie im bundesdeutschen Buchhandel erhältlich für 8,90 Euro (104 Seiten, ISBN 978-3-940386-20-5).

Wunder des Alltags (34)

Montag, 19. September 2016

Ursprünglich standen auch bei der Berliner U-Bahn die Zugabfertiger mitten auf dem Bahnsteig.

Dann hielt man es für eine gute Idee, sie zwecks besseren Überblicks auf ein Podest zu stellen. Damit sie von diesem nicht herunterfallen konnten, umkleidete man diese Podeste mit einer Brüstung, so daß Kanzeln entstanden.

Im Zuge der prächtigen Entwicklung unserer Gesellschaft wurden diese Kanzeln im Laufe der siebziger und achtziger Jahre nach außen vollständig geschlossen und in die Aufenthaltsräume der Zugabfertiger integriert. Denn erstens hielt man es offenkundig für mittlerweile zu riskant, weiterhin einen ungehinderten Zugang zu den Kanzeln zu gewähren, wo neben dem Mikrophon für die Lautsprecheranlage auch einige Schalter placiert waren. Und zweitens war es den Zugabfertigern wohl nicht mehr zuzumuten, ihre Tätigkeit in der Zugluft und ohne Schutz vor den Fahrgästen zu vollziehen, welche das BVG-Personal ohnehin gelegentlich beim Kaffeetrinken in dessen immer größer werdenden Rückzugsräumen zu stören versuchten.

Zum Unglück für die Bediensteten entwickelte sich unsere Gesellschaft aber noch prächtiger weiter, und so entdeckte der von einem großen Defizit und Schuldenberg geplagte Verkehrsbetrieb, daß man als letztes Personal, das auf den Stationen ständig postiert war, auch noch die Zugabfertiger einsparen könnte.

Infolgedessen wurden seit der Jahrtausendwende zahlreiche der ? häufig erst wenige Jahre zuvor errichteten oder erheblich umgebauten und dabei erweiterten ? Aufsichtshäuser abgerissen. Waren diese doch nun erstens überflüssig, konnte zweitens ihre Instandhaltung Kosten verursachen und versperrten sie drittens stellenweise den Blick über den Bahnsteig für die nun vermehrt installierten Überwachungskameras.

Mittlerweile hat die BVG die Häuschen jedoch wieder schätzen gelernt. Gelten diese doch nun als ideale Möglichkeit, hinter verspiegelten, von außen undurchsichtigen Scheiben unauffällig doch wieder Personal auf Stationen zu postieren ? insbesondere auf solchen, die von Vandalismus und/oder Kriminalität besonders betroffen sind (rein zufällig seit man die Zugabfertiger wegrationalisierte). Wenn die BVG einen U-Bahnhof einer Grundsanierung unterzieht (also nahezu alle originalen Ausstattungsteile herausreißt und die Station dann völlig neugestaltet), kann es sogar passieren, daß diese Betriebsräume von Grund auf neugebaut werden, wie an der Wutzkyallee zu sehen:

Es geht doch nichts über persönliche Überwachung.

Es ist doch schön, wenn die Politik eines Unternehmens von langfristigem Denken, vorausschauender Planung und darausfolgend großer Konsequenz und Gradlinigkeit geprägt wird.

Wir sind schon wieder soweit

Donnerstag, 1. September 2016

Daß der Sommer sich dem Ende zuneigt, kann der Endverbraucher untrüglich daran erkennen, daß das Weihnachtsgebäck in den Supermärkten auftaucht. Der Berliner merkt noch an einem anderen Ereignis, daß es Ende August oder Anfang September sein muß: Die nächste Tariferhöhung im öffentlichen Personennahverkehr wird angekündigt.

Früher war das eine ganz unschöne Sache: Das Abgeordnetenhaus beschloß die neuen BVG-Tarife, Politiker mußten also Verantwortung dafür übernehmen.

Heute muß derlei unseren geplagten Volksvertretern und -verwaltern zum Glück nicht mehr zugemutet werden: Anhand eines Preisindexes wird errechnet, um wieviel die Fahrscheine für Busse und Bahnen diesmal teurer werden dürfen. Pardon: müssen. Leider, leider. Denn bei diesem Vorgang handelt es sich um eine Art Naturgesetz.

Dieser Preisindex ist ein Paradebeispiel für die Leistungsfähigkeit der Kreativhauptstadt Berlin: Bei seiner Kreation wurde derlei viel Kreativität aufgewandt, daß die Energiepreise so stark fallen können wie sie wollen, die allgemeine Preissteigerungsrate jahrelang nahe der Nullinie verharren kann ? es kommt immer dabei heraus, daß die Preise bedauerlicherweise angehoben werden müssen.

Da kann man leider nichts machen. Haben nicht Politiker entschieden, sondern ist höhere Gewalt. Oder, wie es im Englischen so sehr viel schöner heißt: An act of God.