Archiv für Mai 2016

Das unzeitgemäße, dunkle und unfreundliche Design von 1996

Sonntag, 29. Mai 2016

Nach 74 Jahren muß eben mal neudesignt werden, gell?

Dilettanten lügen einfach. Meister sagen die Wahrheit, schaffen es aber, den von ihnen gewünschten falschen Eindruck zu erwecken.

Ein schönes Beispiel dafür findet sich auf dem U-Bahnhof Hermannstraße: ?dieser Bahnhofsbereich von 1932 wird modernisiert!? begründet die BVG dort die vorübergehende Schließung des Nordausgangs. Dieser solle ?ein zeitgemäßes, helles und freundliches Design? erhalten. Außerdem geht es ? natürlich ? darum, endlich zu verhindern, daß sich unzählige Fahrgäste in der unübersichtlichen Anlage (Bahnsteigtreppe auf der einen, die beiden Treppen zur Straße auf der anderen Seite) verirren und dort ständig Mord und Totschlag herrscht.

Wer könnte dagegen etwas sagen?

Wundern könnte sich allerdings, wer weiß, daß dieser Teil des U-Bahnhofs zwar Anfang der 1930er Jahre gebaut, doch erst 1996 als Verkehrsanlage eröffnet wurde. Im Zusammenhang mit der Fertigstellung des dereinst wegen der Weltwirtschaftskrise abgebrochenen Bahnhofsbaus wurde auch dieser alte Teil völlig neu verkleidet ? wie man von der BVG nun erfährt, leider unzeitgemäß, dunkel und unfreundlich. Sicher hat der Verkehrsbetrieb zur Eröffnung der Station vor zwanzig Jahren nicht etwas völlig anderes erzählt.

Seinerzeit wurden auch Spuren der Nutzung dieses Bauteils als Luftschutzbunker im Zweiten Weltkrieg nicht nur erhalten, sondern sichtbar gemacht.

Fenster zur Geschichte, 1996 aufgenommen in der Bahnsteighalle ...

... und im nördlichen Treppenhaus

Man darf aber davon ausgehen, daß diese bei der jetzigen ?Modernisierung? ebenso verschwinden werden wie jene Geschichtsspuren in der Bahnsteighalle, deren in den neunziger Jahren errichteter Teil bereits nach weniger als zwei Dekaden umfassend saniert werden mußte. Rund ein Jahr lang war der U-Bahnhof Hermannstraße dafür stillgelegt. Warum man bei dieser Gelegenheit, bei der die Bahnsteighalle vollständig neu verkleidet wurde, nicht auch dem Nordeingang ein ?zeitgemäßes, helles und freundliches Design? verpassen konnte?

Jedenfalls zeigt momentan ja auch noch der Südeingang die (laut BVG) unzeitgemäße, dunkle und unfreundliche Gestaltung von 1996.

... und völlig unübersichtlich!

Blüten am Wegesrand (32)

Montag, 16. Mai 2016

Die Architektur der sechziger Jahre war geprägt vom Rationalismus, von größter Sachlichkeit und daraus folgend einer Dominanz gerader Linien und rechter Winkel.

Seit Jahren arbeitet die BVG intensiv daran, diese Gestaltungsepoche bei den Berliner U-Bahnhöfen auszulöschen, was dem Unternehmen auch deshalb keine Probleme bereitet, weil noch immer nur eine einzige nach 1961 eröffnete Station unter Denkmalschutz steht (und diese auch nur deshalb, weil sie zugleich als ?Zivilschutzraum? ? vulgo Bunker ? errichtet wurde).

Behindert wird die Bauabteilung des öffentlichen Verkehrsbetriebs in diesem Bemühen jedoch durch die von ihr ebenso eifrig betriebene Ausmerzung der Siebziger-Jahre-Architektur.

Einstweilen greift man, quasi als Soforthilfe, gern zur in ebenjenen Siebzigern so überaus beliebten Phototapete, welche zwar gemeinhin seit langem als Inbegriff schlechten Geschmacks gilt, bei der BVG aber unerschütterliche Freunde zu haben scheint.

Besonders beeindruckende Beispiele (zudem womöglich selbstklebender Art) finden sich auf dem vor gut fünfzig Jahren, am 28. Februar 1966, eröffneten U-Bahnhof Westphalweg:

Ein Traum in Dschungelrot oder -

Ein bißchen Kitsch in meiner engen kleinen Welt.

Ganz schön clever, BVG!

Montag, 2. Mai 2016

Manche meinen, Dummheit müßte bestraft werden. Die BVG gehört offenkundig dazu.

Treuherzig verkündet sie bezüglich ihrer Tageskarte seit Jahren: ?Lohnt sich ab der dritten Fahrt!?

Stimmt, wenn man statt einer Tageskarte für den ganz Berlin umfassenden Tarifbereich AB (7 Euro) drei Einzelfahrscheine (je 2,70 Euro) kaufen würde.

Stimmt nicht, wenn man eine Viererkarte (9 Euro) erwirbt, denn mit der kosten drei Fahrten nur 6,75 Euro.

Die BVG ist von ihrer kleinen Irreführung aber so begeistert, daß sie diese auch noch groß in der April-Ausgabe ihrer Kundenzeitschrift herausstellt. Und die Tageskarte dort auch anpreist als ?ein tolles Angebot für Nachtschwärmer, die von Club zu Club fahren wollen?. Wobei der Verkehrsbetrieb nicht verschweigt, wann für ihn die Berliner Nacht zu Ende ist (zumindest bezüglich Nachtschwärmern): um drei Uhr.

Da heißt es also spätestens gegen zwei aufbrechen, denn so häufig fahren nachts die Busse natürlich nicht, und die Bahnen tun es überhaupt nur am Wochenende. In anderen Städten ist die Sache anders geregelt: Da gilt eine Tageskarte wirklich einen ganzen Tag, nämlich ab Entwertung 24 Stunden lang.

Doch auf diese Weise könnten der BVG ja ein paar Groschen entgehen, ganz zu schweigen von dem ?erhöhten Beförderungsentgelt?, welches sich kassieren läßt, sollte man um vier Uhr morgens jemanden mit einer seit einer Stunde abgelaufenen Tageskarte erwischen.

Ja, die BVG liebt Dich. Und Liebe tut manchmal bekanntlich weh.

Aber wichtig, was man in der Kundenzeitschrift noch erfährt: ?Die Tageskarte ist nicht übertragbar.? Also nicht, daß irgend jemand auf die Idee käme, erst ein bißchen durch Berlin zu fahren und dann den Fahrschein an jemand anderes weiterzugeben. Das wäre sowas von verboten.

Und im nächsten Heft erklärt uns die BVG vielleicht, wie sie diesen Verstoß bemerken will.