Archiv für April 2016

Öffentlich-rechtlicher Qualitätsjournalismus 2.0

Mittwoch, 27. April 2016

Es war ja nicht alles schlecht

Böse Menschen gibt es ? ja, es muß schon wieder von ihnen die Rede sein ?, die behaupten, der Journalismus ruiniere auch deshalb sein Ansehen immer weiter und mache sich immer überflüssiger, weil die Berichterstattung oft allzu deutlich der Meinung oder gar den privaten Obsessionen der Schreiberlinge folge.

Überhaupt keine Rede davon sein konnte, als gestern mittag der RBB eine bedeutende Meldung ins Netz stellte: Petition für Pferdekutschen-Verbot geht viral.

Eine Autorin (ja, überraschenderweise ist es eine Frau) des zwangsgebührenfinanzierten Senders konnte den Lesern gerade noch kurz skizzieren: ?In der Pferdekutsche durchs historische Berlin zu rollen, ist für einige Touristen ein Trip zurück in die Kaiserzeit.? Schon mit dem zweiten Satz mußte sie uns jedoch Erschütterndes mitteilen: ?Tierschützer verachten diese Touren schon lange: In ihren Augen sind die Kutscher und Passagiere Tierquäler.? Und muß man da nicht etwas machen? Jawohl: ?Eine am Wochenende gestartete Online-Petition gegen dieses Treiben sammelt nun ununterbrochen Unterschriften.?

Donnerwetter, da kann man mal sehen, wie auf öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalismus Verlaß ist: Drei Tage nachdem eine Online-Petition gestartet wurde, wird darüber schon vom RBB berichtet! Es ist ja nicht so, daß ständig alle möglichen Leute für oder gegen alles mögliche Unterschriften sammeln, was besonders bequem ist, wenn man sich dafür nicht mal vom Schreib- oder Cafétisch wegzubewegen braucht, da es viral geschieht, also virtuell, also real.

Zudem: Während sich unsensible Zeitgenossen, von denen manche womöglich noch nicht mal Veganer sind (obwohl doch eine vegane Ernährung voll im Trend liegt, wie uns in den Medien ständig mitgeteilt wird, und bestimmt nicht nur von der dortigen, gut verankerten Veganerlobby), während sich also Tierquäler mit ihrem liederlichen Lebenswandel nur hin und wieder dazu bequemen, Unterschriften zu sammeln, geschieht dies ?gegen dieses Treiben?, wie Kutschfahrten streng sachlich, objektiv und unvoreingenommen genannt werden, seit Samstag ?ununterbrochen?.

Und zwar durch eine Münchnerin, die findet, durch Berlin sollten keine Kutschen mehr fahren: ?Damit hat sie offenbar einen Nerv getroffen. Nach nur vier Tagen haben mehr als 49.000 Leute unterschrieben (Stand: Dienstag 11 Uhr).?

Eine Zahl, die um so mehr beeindruckt, wenn man bedenkt, daß von Samstag bis Dienstag 11 Uhr allenfalls drei Tage vergangen sein können. Aber sicher spielt hier weder die Erregung eine Rolle noch das Geschlecht oder die dreiste Behauptung, eine gewisse Ernährung beeinträchtige die Denkfähigkeit.

Wichtig ist auch nur, was rauskommt. Bei manchen Pferden zum Beispiel Durchfall. Schlimmer noch: ?In der Vergangenheit sei es unter den Pferden sogar zu Todesfällen gekommen.? ? Das muß man sich mal vorstellen: In der Vergangenheit ist ein Pferd gestorben! Erschütternd! Und alarmierend. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Zumal die Münchner Dame ?häufiger in Berlin sei?. Und was muß sie dort ein ums andere Mal erleben? ?Die Pferde werden nach ihrer Einschätzung nicht einmal ansatzweise adäquat versorgt.?

Dumme Menschen, denen es am rechten Bewußtsein gebricht, würden jetzt nach der zuständigen Aufsichtsbehörde sowie einem Amtstierarzt rufen, der den Zustand und den Versorgungsgrad der Pferde überprüft. Doch wozu sich solche Mühe machen? Die Dame ist eine ehemalige Reiterin und hat das im Gefühl.

Die zwangsgebührenfinanzierte Qualitätsjournalistin weiß daher auch: ?Ihr Aufruf scheint die Menschen zu berühren. Fast 50.000 Menschen haben unterschrieben und schließen sie ihrer Forderung nach einer Beendigung der Tierquälerei an.? Wobei selbstredend ganz unbedeutend ist, ob von der Reiterin oder von der Schreiberin per Ferndiagnose ermittelt wurde, daß hier überhaupt Tierquälerei vorliegt.

Wichtiger, denn daraus können wir sofort die bindestrichstrotzende Zwischenüberschrift ?Attraktion für die ?Freizeit-Spaß-jagende Bonzen-Elite?? basteln: ?Ein User geht sogar so weit, die Pferdekutschenfahrten als eine Belustigung für die ?Freizeit-Spaß-jagende Bonzen-Elite? zu bezeichnen.? Man sieht sie schon richtig: Die Bonzenelite, wie sie im wilden Galopp über Berliner Innenstadtstraßen mit Kutschen den ?Freizeit-Spaß? jagt und zu diesem Zweck die Tiere zu Tode quält.

Doch nicht nur diese schweben in akuter Lebensgefahr: ?Tatsächlich kommt es immer wieder zu Unfällen mit den Droschken in Berlin.? Schwachsinnige Schreiberlinge, die keine Ahnung von zeitgemäßem Premiumjournalismus haben, würden jetzt Beispiele anführen und vor allem Zahlen nennen. Die Fachkraft, pardon: Fachkräftin vom RBB weiß: ?Bereits 2009 hatte der Berliner Senat Leitlinien für Betreiber von Pferdefuhrwerken erlassen.? Doch genügen diese? Völlig überraschenderweise nicht. ?Die Tierschutzorganisation Peta fordert seit langem ein Pferdekutschenverbot und veröffentlicht seit 2009 Unfallzahlen aus ganz Deutschland. Im gesamten Jahr 2014 wurden demnach bundesweit 88 Passagiere bei Zwischenfällen mit Kutschen verletzt.?

Auch dies alarmierend und erschütternd. Wir erfahren zwar nichts über die Schwere der Verletzungen, auch nichts über deren Ursachen (Beim Einsteigen ausgerutscht? Während der Fahrt aufgestanden?), aber mit solchen Kleinigkeiten kann man sich jetzt nicht mehr aufhalten. Und erst recht nicht mit Firlefanz wie dem Einholen einer Stellungnahme der Angeklagten, pardon: Beschuldigten, zuständiger Behörden oder Politiker. Denn: 88 Verletzte deutschlandweit in nur einem Jahr! Wenn es, sagen wir mal, beim Radfahren so viele Geschädigte geben würde (zumal Nicht-Radfahrer), müßte man dieses ja auch sofort verbieten.

Was nun Schlimmes mit Kutschen in Berlin passiert ist, kann die überaus sympathische und stets besonnen agierende Organisation Peta offenbar leider nicht sagen, aber: ?Mit dem Stand vom März 2016 berichtet Peta von etwa zehn bis 15 Anbietern von Pferdekutschen in Berlin, die mehr als 100 Tiere für sich arbeiten lassen.? Das nennt man mal eine gewissenhafte Recherche! Durchgeführt von Menschen, die sich für ihre Sache richtig ins Zeug legen und keine Mühe scheuen! Bei der enormen, unüberschaubaren Zahl von ?etwa zehn bis 15 Anbietern? ist es natürlich auch nicht möglich, genauere Angaben zu ermitteln.

Und es spielt ja auch keine Rolle. Im Gegensatz zur abschließenden nochmaligen Betonung der Lebensgefahr, welche von Kutschen ausgeht: ?Im Dezember 2015 wurde am Pariser Platz ein Kind durch eine Pferdekutsche verletzt. Auch 2014 kam es zu mehreren Unfällen mit Pferdekutschen in Berlin.?

Die Forderung nach nicht einem absoluten oder strikten, sondern ?endgültigen Pferdekutschenverbot für Berlin? wurde dann auch auf der Website des RBB zu einem einmütigen Bekenntnis, einer machtvollen Bekundung des gesunden Willens aller anständig Denkenden und Empfindenden: Beim eingerichteten ?Voting? antworteten über achtzig Prozent, ob auch sie das totale Kutschverbot wollten, mit ?Ja, unbedingt ? am besten sofort?.

Der verbleibende Teil an Tierschädlingen sollte einem Tierschutzumerziehungslager zugeführt werden. Im Rahmen der endgültigen Lösung des Problems.

Wunder des Alltags (31)

Sonntag, 17. April 2016

Auf dem Berliner S-Bahnhof Sundgauer Straße bekommt der Fahrgast eindrucksvoll vorgeführt, was die Bahn früher unter Komfort und Service verstand:

Antiquiertes Warten

Und was heute:

Zeitgemäßes Warten (nach Definition der Deutschen Bahn AG)

Wobei der erfahrene Bahnnutzer weiß: Eine Bahnsteigüberdachung, noch dazu über nahezu die volle Länge des Perrons, ist längst auch alles andere als selbstverständlich.

Frag doch mal die BVG

Dienstag, 12. April 2016

Ist das ein Originalschild und wer schenkte es?

Es gibt eine Karikatur, in der wird die wundervolle Informationsgesellschaft, in der wir leben, wie folgt dargestellt: Wikipedia schreibt von der Presse ab ? und die Presse von Wikipedia.

Aus unerfindlichen Gründen fiel mir diese Darstellung ein, als ich in der aktuellen Ausgabe der BVG-Kundenzeitschrift lesen durfte, auf dem U-Bahnhof Wittenbergplatz hinge ?ein Stationsschild nach Londoner Vorbild?, welches der damalige britische Stadtkommandant 1952 der BVG geschenkt habe.

Sicher kommt diese Fehlinformation nicht dadurch zustande, daß man einfach mal bei Wikipedia abgeschrieben hat, wo dies bis vor kurzem zu lesen war. Man hatte eben einfach nur gerade nicht das umfangreiche Werk ?Der Städtische Berliner Öffentliche Nahverkehr? von Dr. Walter Schneider zur Hand, wo in Band 11 auf den Seiten 134-136 der Vorgang detailliert geschildert wird: Zum fünfzigsten Jubiläum der Eröffnung der Berliner U-Bahn am 18. Februar 1952 lud die (West-) BVG Vertreter anderer Verkehrsbetriebe ein. Die Abgesandten der Pariser Métro zeigten sich geschenkemäßig eher knauserig und brachten als Präsent ein Gedenkmedaille mit, die zwei Jahre zuvor zum fünfzigsten ?Geburtstag? ihres Verkehrsmittels geprägt worden war. Die Gäste aus London schenkten eines ihrer damals schon weltberühmten U-Bahn-Schilder. Die BVG wählte als Ort, an dem es aufgehängt werden sollte, die Station Wittenbergplatz ? die lag zwar nicht im britischen, sondern im amerikanischen Sektor Berlins, war aber schon damals eine der am stärksten frequentierten des Netzes. Mit Schreiben vom 4. Juni 1952 (das in dem genannten Buch abgebildet ist) übersandte die London Transport Executive, der damalige Betreiber der Londoner U-Bahn, das Schild und betonte: ?Das Schild entspricht in allen Einzelheiten denjenigen, die seit vielen Jahren auf den Bahnhöfen der Londoner Untergrundbahnen Verwendung finden.? Es handelt sich also nicht etwa um eine Kopie, sondern um ein original Londoner U-Bahn-Schild, geschenkt vom Inhaber der Nutzungsrechte an diesem Symbol, weshalb die BVG auch keine Abmahnung zu fürchten braucht. Am 2. Juli 1952 wurde das Schild der BVG vom britischen Stadtkommandanten im Namen der London Transport Executive im Rahmen einer kleinen Feier übergeben.

So kann man es bei Dr. Schneider lesen, der ? ja, was war der eigentlich? Achtzehn Jahre einer der Chefs der (West-) BVG. Und wer hat sein zwölfbändiges Buch verlegt? Die BVG.

Na ja, kann ja mal passieren. Man hat ja auch nicht immer Zeit, dicke Bücher zu wälzen.

Hinsichtlich der Frage, wer das Schild geschenkt hat, hätte man allerdings auch ganz einfach mal auf die kleine Tafel schauen können, die unter diesem angebracht ist.

Einfach mal genau hinschauen!

Wir verteidigen unsere Lebensweise

Dienstag, 5. April 2016

Wenn es das nächste Mal PUFF gemacht hat

Am Brüsseler Flughafen werden die Passagiere jetzt schon draußen vor der Tür kontrolliert, bevor sie sich dem Gebäude allzu sehr nähern.

Zweifellos ist es nicht ausgeschlossen, daß mit dieser wegweisenden Maßnahme weitere Anschläge im Flughafengebäude unmöglich gemacht werden. Doch was ist mit den Gebäuden, in denen die Beförderungsfälle nun kontrolliert werden?

In Frankreich geht man als weiteren Schritt bei der Verteidigung unserer Lebensweise, die wir uns von den Terroristen keinesfalls kaputtmachen lassen, jetzt dazu über, nur noch Fahrkarteninhaber in große Bahnhöfe zu lassen. Auch dies eine brillante Idee, kann so doch effizient verhindern werden, daß sich Suizidattentäter auch noch des unbeschreiblichen Verbrechens des Schwarzfahrens schuldig machen.

All dies darf aber erst der Anfang sein: Auch der Zugang zu jedem U- und S-Bahnhof muß kontrolliert werden, Person für Person. Ferner die in eine Straßenbahn oder einen Bus einsteigenden Menschen. Autofahren darf erst erlaubt werden nach einer täglich erneuerten Überprüfung von Persönlichkeit und Lebensumfeld des Lenkers. Wirksame Maßnahmen müssen ergriffen werden, damit Bombenbastler nicht etwa in Menschengruppen radeln. Und zu Fuß sollte auch niemand mehr gehen.

Eine totale Ausgangssperre, für jeden und immer, bringt uns totale Sicherheit. Wer anderer Meinung ist, ist ein Terrorist.

Bei der Berliner S-Bahn geht es voran!

Montag, 4. April 2016

Ab heute wird bei der Berliner S-Bahn durchgegriffen: Von nun an zahlen auch hier Raucher ein Bußgeld von fünfzehn Euro. Wenn sie denn erwischt werden. Und eine der Streifen, die gelegentlich ? vornehmlich zu später Stunde ? über die fast durchweg personalfreien Bahnhöfe streunt, lustig ist, sich mit dem bekanntermaßen, äh, diskussionsfreudigen Publikum in Berlin anzulegen. Um den Nichtraucherschutz zu gewährleisten. Auf offenen, nach Bahnmaßgaben immer häufiger unüberdachten Bahnsteigen, über die nicht nur der Wind fegt, sondern die teils auch noch direkt neben stark befahrenen Straßen liegen.

Jedenfalls sind die Medien begeistert. Und geben emsig weiter, was der Sprecher der Berliner S-Bahn GmbH zu berichten weiß: daß diese Maßnahme ergriffen wird auf einstimmiges Ersuchen der Brigade Störungsfreier Winterverkehr im VEB ? pardon: natürlich ?auf vielfachen Wunsch von Fahrgästen?.

Und rein gar nichts hat diese kleine, billige Maßnahme, um sich in den Medien hübsch aufzuplustern, damit zu tun, daß ebenfalls heute zu erfahren war, daß der Berliner Senat im vergangenen Jahr deutlich mehr Geld als 2014 einbehalten hat, weil die S-Bahn nicht die vereinbarte Leistung erbrachte: 10,3 Millionen nach 7,5 Millionen Euro im Vorjahr (von jeweils vereinbarten 250 Millionen). Ursachen sind: Mehr Zugausfälle, mehr Verspätungen und noch häufiger zu kurze Züge.

Na ja, das wird ja hoffentlich 2016 besser. Und wenn nicht, könnte man doch immer noch Rauchern das S-Bahn-Fahren verbieten.

Eine engagierte Bürgerin schaut nicht weg

Zum 1. April

Freitag, 1. April 2016

Bitte beachten Sie, daß wir als aktiven Beitrag zum Umweltschutz ab sofort keine Plastiktüten mehr kostenlos zu diesem Blog abgeben. Sicher haben auch Sie Verständnis dafür, daß wir dafür künftig eine kleine Schutzgebühr in Höhe von dreißig Euro erheben. Denn Umweltschutz geht uns alle an. Und die Höhe des Plastiktütenverbrauchs ist eines der dringendsten Probleme der Menschheit und ganz bestimmt nicht nur das einiger Aktivisten und Politiker, die mal wieder ein paar Erfolge vorweisen oder wenigstens Handeln vortäuschen wollen, sowie von Medien, die sowieso immer brav nachplappern, was man ihnen per Pressemitteilung serviert oder was den persönlichen Obsessionen der Journalisten entspricht. Offenkundig ist es auch am allerwichtigsten, Einkaufstüten aus Plastik zu bekämpfen, derweil Obst und Gemüse, Fleisch oder Wurst weiterhin in soviel Kunststoff eingepackt werden dürfen wie gewünscht ? denn worin sollte man solche Waren auch sonst verpacken? Ebenso spielt es überhaupt keine Rolle, wenn von Spediteuren Paletten dick mit Plastikfolie umwickelt werden, weil das die bequemste Weise ist, Ladung zu sichern und zu schützen ? wobei einmal umwickeln wohl locker einen Materialverbrauch ergibt, der einem durchschnittlichen Jahresverbrauch an Plastik-Einkaufstüten entspricht. Und der bundesdeutsche Handel, der verpflichtet sich jetzt ganz freiwillig ? nach entsprechend langem und heftigem Druck ?, keine Tüten mehr kostenlos abzugeben, einzig der Umwelt zuliebe und nicht etwa, weil man ein Centprodukt, das der Händler bisher selbst bezahlen mußte, nun von ihm mit Gutmenschattitüde verkauft werden kann.