Archiv für Januar 2016

Bestimmt ein voller Erfolg: Die Kieler Woche in Bielefeld

Sonntag, 31. Januar 2016

Die Berliner Innenstadt erfreut sich als Wohnort wieder wachsender Beliebtheit. Ein Grund dafür sind sicher die zahlreichen Umzüge, welche allwöchentlich für Straßensperrungen und daraus folgend Verkehrsbehinderungen sorgen. Böse Zungen behaupten gar, an nahezu jedem Wochenende ziehe durch das Zentrum der Bundeshauptstadt irgendeine Freakshow, oft mit immer den gleichen Teilnehmern, aber unter wechselndem Motto. Doch dies können wirklich nur ungute Menschen sagen. Alle anderen wissen: In der Regel handelt es sich bei diesen Aufmärschen um politische Demonstrationen.

Heute nun sah der Kurfürstendamm nicht einen Rosenmontags-, aber doch immerhin einen Karnevalsumzug. Einhunderttausend Zuschauer hatten die Veranstalter erwartet. Und wie viele kamen? Überraschenderweise einhunderttausend (nach Angaben der Veranstalter). Natürlich herrschte eine gute Stimmung (irgendwie), als die mehr als ein Dutzend Wagen durch die Zuschauer fuhren, die am Straßenrand stellenweise in mehreren Reihen hintereinander standen ? guter Berliner Tradition entsprechend unkostümiert.

In jedem Fall handelte es sich mal wieder um einen vollen Erfolg.

Freuen Sie sich auf weitere spektakuläre Events wie Hafengeburtstag in München, Krönung der Bremer Weinkönigin und natürlich die Kieler Woche in Bielefeld.

Wunder des Alltags (30): Haus frißt Hochbahnhof

Samstag, 16. Januar 2016

Der Hochbahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park steht an einer Stelle des Berliner U-Bahn-Netzes, die (mindestens) dreimal gebaut wurde: Als der Geländestreifen westlich der Köthener Straße, auf dem die Trasse verläuft, in den siebziger Jahren von Ost- nach West-Berlin gewechselt war, erging man sich im damals in der Stadt besonders beliebten Abreißen so sehr, daß man außer den angrenzenden Bauresten und Gleisanlagen des Potsdamer Bahnhofs gleich auch noch die Hochbahnrampe zerstörte.

Dieser Faux pas war um so peinlicher, als die Strecke damals zwar nicht von regulären Zügen genutzt werden konnte ? eine der beiden Nachbarstationen, Potsdamer Platz, lag im Ostsektor ?, doch die deutsche Frage sollte ja offengehalten und dies nicht zuletzt dadurch demonstriert werden, daß die vom Osten gekappten Verkehrsverbindungen von Westen aus jederzeit hätten wiederhergestellt werden können.

Daß dies im Falle dieses Teils der allerersten, 1902 eröffneten Berliner Hoch- und Untergrundbahnstrecke doch nicht so schnell ging, zeigte sich nach dem Fall der Mauer 1989. Angesichts der großartigen Pläne, die für die Bebauung des Potsdamer Platzes geschmiedet wurden, und den Expertenprognosen, die Berlin bis spätestens 2010 zu einer europäischen Topmetropole mit mindestens fünf Millionen Einwohnern wachsen sahen, mußte die Trasse an der Köthener Straße noch einmal neu errichtet werden. Für die enormen Pendlerströme, die in all die Konzernzentralen und Einkaufszentren rund um den Potsdamer Platz strömen würden, glaubte man nämlich ganz dringend einen weiteren Haltepunkt zwischen Gleisdreieck und Potsdamer Platz zu benötigen, und zwar direkt nördlich des Landwehrkanals.

Da die Rampe zur unterirdischen Station Potsdamer Platz gleich nach Überquerung des Kanals begann, riß man die kaum anderthalb Jahrzehnte alte Strecke ab und baute sie zum dritten Mal, nun mit größerer Neigung, um am Kanal Platz für die neue Station zu haben, die natürlich nicht im Gefälle liegen sollte.

Am 2. Oktober 1998 wurde diese dann auch dem Betrieb übergeben ? und führt seither ein Schattendasein: Die meisten der hier ein- und aussteigenden Fahrgäste scheinen Touristen zu sein, die sich verirrt haben.

Immerhin: Auf die architektonische Gestaltung des Hochbahnhofs hielt man sich einiges zugute. Die Architekten Hans Peter Störl und Hilmer & Sattler zeichneten dafür verantwortlich.

Nur leider: Was zählt schon schöne Architektur, wenn es schönen Profit zu machen gibt?

Bereits vor einigen Jahren wurde die Hochbahnrampe vollständig überbaut, so daß der Tunnel gefühlt direkt am Nordende der Station Mendelssohn-Bartholdy-Park beginnt.

Tunnel kann man nie genug haben

Eine Rampe verschwindet im Dunkel: Blick vom U-Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park auf die im Gang befindliche Überbauung im April 2009.

Leider genügte auch dies noch nicht den zeitgemäßen Anforderungen an Profitmaximierung: Im Laufe des Jahres 2015 konnte man das beeindruckende, da seltene Schauspiel erleben, wie ein Haus einen Hochbahnhof frißt ? zumindest in ästhetischer Hinsicht.

Praktischerweise hatte die BVG viele Fenster der Bahnsteighalle schon zuvor zugeklebt. Und mal ehrlich: Kunstlicht ist doch auch viel schöner, gell?

Hier wurde man kaum vor UV-Licht geschützt!

So wird’s nie wieder sein ? vor allem nicht so hell: Blick in die Bahnsteighalle im April 2009.

Hier gibt es nichts (mehr) zu sehen.

Vor- und fürsorglich hat die BVG schon mal einen Großteil der Fenster zugeklebt (Aufnahme vom Oktober 2015).

Bald weitgehend verschwunden in einem Hochhaus.

Bald guckt er nur noch aus einem Hochhaus raus: der Hochbahnhof, gesehen vom Reichpietschufer im Oktober 2015.

Wer mit der S-Bahn fährt, zahlt womöglich mit seinem Leben!

Donnerstag, 14. Januar 2016

Man kann nie ...

... sicher genug sein!

Hier sehen Sie zwei Bilder. Finden Sie heraus, auf welchem Sie in naher Zukunft veralbert werden, und wo dies bereits jetzt geschieht.

Berliner sollten dringend die S-Bahn meiden, wenn ihnen Hab und Gut, Leib und Leben lieb sind!

Darauf wurde dieser Tage noch einmal hingewiesen, indem die Berliner S-Bahn GmbH erklärte, auch in den nächsten Jahren ihre Züge nicht mit einer Videoüberwachung ausrüsten zu wollen. Aufmerksame Medien erinnerten bei dieser Gelegenheit an die Tatsache, daß auch die Stationen der Berliner S-Bahn nicht von tausend Augen überwacht werden, sondern vorhandene Kameras lediglich der Zugabfertigung dienen und nur dementsprechend ausgerichtet sind.

Erst die neue Fahrzeuggeneration, die irgendwann im kommenden Jahrzehnt auf die Schienen kommen wird, soll mit Überwachungskameras ausgerüstet sein.

Das bedeutet: Bis es soweit ist, herrschen in der Berliner S-Bahn Diebstahl, Raub, Mord und Totschlag. Und kaum einer der Übeltäter kann gefaßt werden. Nur in den Verkehrsmitteln der BVG, die bereits totalüberwacht werden, ist man seines Lebens sicher. Zumindest der Logik der meisten Politiker, Journalisten, Polizeigewerkschafter und hysterischen Bürger zufolge, die sich von Tatsachen (Verbrechensstatistiken, Aufklärungsquoten) nicht irritieren lassen.

Was unterscheidet Berliner von Berliner Medien?

Sonntag, 10. Januar 2016

Wo dieser Tage soviel über sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum diskutiert wird, paßt es natürlich hervorragend, eine ultra urige, unfaßbar lustige Idee aus Nju Jorck aufzugreifen und einfach mal ein bißchen U-Bahn zu fahren, derweil nur eine Unterhose den Unterleib bedeckt.

Völlig überraschenderweise sind die hauptstädtischen Qualitätsmedien von dieser Aktion begeistert ? man könnte ja an einem nachrichtenarmen Wochenende noch in Gefahr geraten, mal über wichtige Dinge zu berichten, womöglich sogar in mehr als fünf Minuten.

Und es ist ja auch wirklich ein dolles Ding, wenn jemand nur im Schlüpfer durch die Gegend rennt ? insbesondere in Berlin, wo man neben vielem anderen Absonderlichen beispielsweise auch nie, nie, nie mitten im Januar Kurzbehoste sieht.

Insofern war auch keinesfalls zu erwarten, daß sich die geübten Hauptstadtbewohner so benehmen würden, wie es den Teilnehmern an der Lustig-lustig-Aktion geraten wurde: So tun, als wäre nichts.

Fahrpreiserhöhungen seltener als Tunnelsperrungen!

Freitag, 8. Januar 2016

An diesem Wochenende ist der Nord-Süd-Tunnel der Berliner S-Bahn, eine der beiden Strecken durch die Innenstadt, die Radialstrecken zu Durchmesserlinien machen, gesperrt. Von Freitag gegen 22 Uhr bis Montagfrüh verkehren keine Züge, die S-Bahn bittet, auf andere Strecken bzw. die U-Bahn auszuweichen (von deren drei Nord-Süd-Linien allerdings eine ebenfalls wegen Bauarbeiten unterbrochen ist; und der Bus-Ersatzverkehr für die S-Bahn besteht nicht aus einer durchgehenden Linie, sondern aus zweien, zwischen denen am Bahnhof Friedrichstraße umgestiegen werden muß). Denn an diesem Wochenende muß die S-Bahn in dem Tunnel dringend Gleisarbeiten ausführen und putzen.

Ja, putzen.

Dafür kann man natürlich so eine zentrale Verbindung schon mal für ein Wochenende komplett sperren. Schließlich liegt die letzte Totalsperrung des Tunnels mittlerweile mehr als ein halbes Jahr zurück: Damals wurde die Strecke rund dreieinhalb Monate lang außer Betrieb genommen, um sie zu sanieren. Letzteres erst zum dritten Mal innerhalb von drei Jahrzehnten. Und das mit der Wochenendsperrung zum Putzen kommt ja auch nicht allzu oft vor.

Sie müssen sich darauf einstellen. Wir danken für Ihr Verständnis.

P.S.: Machen Sie mit bei unserem heiteren Ratespiel!

Schöner sitzen an der Schönhauser Allee

Montag, 4. Januar 2016

Zu den erfreulichsten Berliner Lokalmeldungen der letzten Tage des Jahres 2015 gehörte jene, daß in Prenzlauer Berg endlich etwas zur Erhöhung der Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum getan werden soll. Und zwar nicht in irgendwelchen Nebenstraßen oder auf baumbestandenen großen Plätzen, nein, ebenso kühn wie experimentell und damit natürlich zukunftsweisend nimmt man sich einer Hauptverkehrsachse durch das dichtbebaute Altbauviertel an: der Schönhauser Allee.

Schon in Kürze sollen dort aus Parkplätzen am Straßenrand Sitzzonen für gestreßte Gentrifizierungsteilnehmer werden, wie der bezirkliche Baustadtrat (überraschenderweise ein Grüner) verkündete. Und so kann man dort dann bald nicht nur entspannen, sondern relaxen, womöglich sogar chillen: Direkt neben einer zweimal zwei Fahrspuren umfassenden, stark befahrenen Straße, über die außerdem die Straßenbahn verkehrt, und auf deren Mittelstreifen, eine Etage höher, alle zwei bis drei Minuten ein Hochbahnzug rattert.

Herrlich!

Berlins Stadtentwicklungssenator vom RBB schwer verleumdet

Samstag, 2. Januar 2016

Derzeitige Nutzung: Spontanvegetation
Erst zwischengenutzt für einen Radschnellweg, dann erneuert für die wiederaufgebaute Stammbahn? Brücken über den Sachsendamm am S-Bahnhof Schöneberg.

Unglaublich, was man sich als hartarbeitender, rechtschaffender Politiker von einer Anstalt des öffentlichen Rechts gefallen lassen muß: Berlins Stadtentwicklungs- und damit auch Verkehrssenator Andreas Geisel, so wurde Anfang der Woche vom RBB verbreitet, halte eine Reaktivierung der Stammbahn langfristig für notwendig. Zwischen Berlin und dem mindestens ebenso stark wachsenden Potsdam werde eine zweite Regionalbahnverbindung benötigt ? eben die Trasse der ersten preußischen Eisenbahn, die zwischen den Stationen Zehlendorf und Griebnitzsee seit Jahrzehnten ungenutzt, teils auch gar nicht mehr vorhanden ist. In zehn bis fünfzehn Jahren werde man die Stammbahn, dann auch mit wiederaufgebauten Gleisen parallel zur S-Bahn zwischen Berlin-Zehlendorf und dem Berliner Stadtzentrum, wieder brauchen. Zugleich, so hieß es, befürworte Geisel den kürzlich unterbreiteten Vorschlag, auf dem Berliner Abschnitt der Stammbahn einen Radschnellweg zu errichten ? und zwar als ?Zwischennutzung?.

Lieber Herr Geisel! Seien Sie unseres Mitgefühls versichert! Und bitte, lassen Sie dem RBB so etwas nicht durchgehen: Daß der Bau eines Radschnellwegs, selbst wenn die notwendigen amtlichen Planungen dafür noch 2016 begonnen würden, schneller als in zehn bis doch eher fünfzehn Jahren abgeschlossen wäre; daß man eine solche Anlage, die erhebliche Investitionen erfordern würde, nach wenigen Jahren bereits wieder für den Wiederaufbau von Gleisen beseitigen könnte; daß die Ihrer Aussage nach in zehn bis fünfzehn Jahren benötigte Stammbahn dann früher als in dreißig bis vierzig Jahren zur Verfügung stehen könnte (wenn überhaupt jemals) ? Ihnen solche Ansichten zu unterstellen, heißt, Sie als vollkommen inkompetenten Dampfplauderer erscheinen zu lassen, der weder von seinem Ressort noch von den Abläufen in der deutschen Verwaltung wie Politik auch nur den blassesten Schimmer hat.

Kurzum: Der RBB läßt Sie dastehen wie einen ? nein, dieser Begriff wäre strafrechtlich relevant.

Lassen Sie sich so etwas nicht gefallen! Politiker sind kein Freiwild für Journalisten!