Archiv für Dezember 2015

Leg Dich bloß nicht mit der Berliner SPD an!

Dienstag, 22. Dezember 2015

Als die Deutsche Bahn AG börsentauglich getrimmt werden sollte, sie die Berliner S-Bahn kostenmäßig optimierte und mit diesem neoliberalen Gebaren ein Chaos heraufbeschwor, das in Friedenszeiten selbst zwei sozialistische Systeme nicht zustandegebracht hatten, handelte die zuständige Berliner Senatorin (SPD) unter dem Richtlinienkompetenz besitzenden Regierenden Bürgermeister (SPD) knallhart: In einem kühnen Akt entschied sie mehrmals, vom Senat bestellte, von der S-Bahn GmbH aber nicht erbrachte Leistungen nicht zu bezahlen.

In dem weiterhin von der SPD geführten Senatsressort wurde dann entschieden, die Bahn AG in die Schranken zu weisen und sich nach einem neuen Betreiber für die Berliner S-Bahn umzusehen. Natürlich hätte der Senat eine eigene Betreibergesellschaft gründen können, doch in diesem Falle wäre das Risiko zu groß gewesen, keine optimale Lösung zu erzielen. Also beschloß man, den Betrieb auszuschreiben.

Oder na ja, vielleicht doch nicht gleich den ganzen Betrieb, sondern erstmal nur einen Teil davon: den Verkehr auf dem Ring und einer Zulaufstrecke zu diesem.

In dem europaweiten Verfahren fanden sich dann auch mehrere Interessenten ? von denen sich allerdings einer nach dem anderen verabschiedete, nicht zuletzt weil die Frage ungeklärt blieb, wer wie die in Bälde zu beschaffenden neuen Züge bezahlen sollte, zumal deren Lebenszeit länger wäre als die Laufzeit des in Aussicht gestellten Vertrags.

In dem knallharten Auswahlverfahren blieb am Ende nur noch ein Bewerber übrig ? die Deutsche Bahn AG bzw. ihre Tochter.

Na gut, aber der Verkehrssenator (SPD) handelte dann immerhin einen Vertrag aus, der dem bisherigen und künftigen Betreiber einiges abverlangt ? also: pünktlich sein, nicht so viele Züge ausfallen lassen und so. Oder es zumindest versuchen. Bitte.

Heute wurde nun bekannt, daß dieser Triumph hauptstädtischer SPD-Verkehrspolitik verbunden ist mit erheblich höheren Zahlungen des Senats als bisher. Und zwar Jahr für Jahr. Ja, denn, so die offizielle Begründung, von irgendwas muß die Bahn AG bzw. ihre Tochter ja die in Bälde zu beschaffenden neuen Züge bezahlen.

Jedem in Berlin Tätigen sollte dies eine Lehre sein: Leg Dich bloß nicht mit der Berliner SPD an! Wenn Du denen, sagen wir mal, die Übernahme eines Drittels der Kosten anbietest, handeln Dich die Sozialdemokraten knallhart runter auf ein Viertel!

Blüten am Wegesrand (29)

Montag, 21. Dezember 2015

Heute vor 85 Jahren wurde der Berliner U-Bahnhof Grenzallee eröffnet, eines der letzten Werke des bedeutendsten Berliner U-Bahn-Architekten Alfred Grenander, ausgekleidet mit Fliesen, von denen keine der anderen gleicht, ?jede eine Pretiose? ist, wie der Architekturhistoriker Julius Posener bemerkte. Hier Aufnahmen vom April 2013:

Vor Beginn der "originalgetreuen Sanierung": ...

... die originale Fliesenverkleidung

Seit geraumer Zeit steht die Station daher unter Denkmalschutz. Und deshalb sieht ihre Bahnsteighalle zum 85. ?Geburtstag? so aus:

Hier sehen Sie einen fachgerechten Umgang ...

... mit historischen Fliesenverkleidungen

Was nur überraschen kann, wer das Wirken der Berliner Denkmalpflege bei der Berliner U-Bahn nicht kennt. (Nein, der Natursteinbelag auf dem Bahnsteig ist natürlich weder original noch originalgetreu, sondern der ursprünglich dort vorhandene, zu Grenanders Gestaltungskonzept gehörende dunkle Asphaltbelang wurde erst in jüngerer Zeit beseitigt.)

Zeitgenössischer Kommentar

Geh?n ma Taubenfüttern auf?m Bahnhof!

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Böse Menschen behaupten, unter den zahlreichen leicht erregbaren, ideologisch verbohrten Fanatikern, welche unsere Welt bevölkern, seien besonders gefährliche die Tierschützer. Eher als mit diesen könne man vernünftige Gespräche mit Radfahrern oder ebenso engagierten Anti-Tabak-Kreuzzüglern führen ? zumal deren Lobby zwar ebenfalls stark, aber doch nicht ganz so übermächtig unter den Journalisten vertreten sei wie jene der Veganer und anderen Tierfreunde.

Solche bösen Menschen ignorieren, wie übel unseren absolut wehrlosen Mitgeschöpfen mitgespielt wird, zum Beispiel auf dem Berliner S-Bahnhof Schöneberg: Schon vor Jahren sind dort wunderschöne Sitzplätze für unsere gefiederten Freunde vernichtet worden, indem man entsprechende Vorsprünge an den Brückenkonstruktionen über dem unteren Bahnsteig mit Blechen verdeckte.

Doch nicht von ungefähr werden Tauben gern mit Ratten verglichen: Sie sind ebenso intelligent und lassen sich durch solche niederträchtigen Maßnahmen ihr Menschenrecht auf ungehindertes Bekoten des Bahnsteigs nicht nehmen. Daß dafür der Nachschub in den Verdauungstrakt nicht ausgeht, sorgen gute Menschen, wie die Bahn durch Hinweise deutlich macht, die zeigen, daß man gegen Tierfreunde ebenso machtlos ist wie gegen die Natur:

Sie können uns all Ihre Sorgen mitteilen. Auch wenn Sie keine Taube sind.
Doch was, wenn das Futter der C.U.B.A. gGmbH nicht schmeckt? (Gesehen am 17. Oktober 2015 auf dem unteren Perron des Berliner S-Bahnhofs Schöneberg.)

Seid nett zueinander, Ihr Idioten!

Dienstag, 1. Dezember 2015

Da steht der Zug. Also schnell rein, denn die nächste U-Bahn fährt womöglich erst in fünf Minuten! So bleibt natürlich keine Zeit, jene Tür zu wählen, an der sich der zum Fahrradtransport vorgesehene Platz befindet. Die junge Dame von der Generation ?irgendwas mit Medien? (böse Zungen übersetzen dies mit: ?Du kannst nüscht, du machst nüchst, also fahr nach Berlin!?) gehört aber nicht zu jenen wackeren Drahteselbenutzern, die U- oder S-Bahn schon nach einer Station wieder verlassen. Der allgemein bekannten Tatsache, daß Radfahrer Vorrechte genießen sollten, ist sie sich jedoch vollauf bewußt. Weshalb sie sich beim nächsten Halt auch nicht bemüht, schnell über den Bahnsteig zur richtigen Wagentür zu wechseln. Das Gefährt paßt ja auch ganz gut in den Raum zwischen zwei einander gegenüberliegenden Türen. Selbst in einem Kleinprofilzug der Berliner U-Bahn. Sonst braucht auf diesen schätzungsweise drei Quadratmetern doch auch niemand mehr zu stehen. Nur die Dame und ihr Rad. Da sie dummerweise Wittenbergplatz in die U 1 gestiegen ist, muß sie am Nollendorfplatz aber trotzdem ihren fahrbaren Untersatz bewegen. Denn dort ist der Bahnsteig auf der anderen Wagenseite. Und dann will auch noch eine Frau einsteigen. Unverschämt von der fetten Kuh. Sie könnte doch wirklich schnell zu einer anderen Tür laufen. Kurfürstenstraße wieder die andere Seite. Und ? nein, Gleisdreieck nicht. Aber Möckernbrücke.

Über Kottbusser Tor hinaus hält das Fräulein dies aus. Was bewundernswert ist. Denn obwohl die anderen Fahrgäste, welche sich immer wieder an ihr vorbeidrängen und sie zwingen, ihr Rad hin und her zu bewegen, ruhig ein bißchen mehr Rücksicht nehmen könnten (auch wenn sie auf den einstigen Behindertenbänken sitzen, von denen aus man nur die Türen benutzen kann, an denen unsere Radlerin steht) ? sie bleibt ruhig. Einzig ihr Gesicht zeigt zuweilen jenen verstört-empörten Ausdruck, den man von Radfahrern kennt, die entnervt klingelnd durch eine Menge verständnisloser Menschen fahren, die ihnen auf dem Radweg im Wege stehen, bloß weil sie gerade einen Bus oder eine Straßenbahn besteigen oder verlassen wollen.