Archiv für März 2015

Kofferabstellen ist so 2012

Mittwoch, 18. März 2015

?Wenn de ma Langeweile hast ??
?Ja, ich weiß schon: Ollen Koffer oder irgend?ne Tasche, die man nich mehr braucht, mit ?n paar alten Schlüppern und ausgeleierten T-Shirts füllen, auf ?nem Bahnhof oder Flughafen abstellen und sich darüber freuen, daß vier Stunden lang nicht nur der Verkehr lahmgelegt, sondern gleich ?n ganzet Viertel gesperrt is, bis man meine schmutzige Wäsche dann in die Luft sprengt. Sehr witzig.? Seit Jahren kam mir Chrille mit diesem dämlichen Spruch.
?Du Meisenkaiser!? meinte er empört. ?Die Nummer is doch völlig out. Da mußte jetzt drei, vier Jahre warten, denn kommt die wieder, als Retrotrend und so.?
?Aha?, antwortete ich, noch immer entnervt.
?Nee?, verkündete Chrille: ?Rumklettern is dit neue Kofferabstellen!?
?Wie bitte??
?Ja, Mensch: Dit mit dem Koffer bringt doch ooch nischt mehr! Da kommt so?n Roboter, und schon nach zwee, drei Stunden is der Zauber vorbei! Langweilisch! Aber wenn de innen Tunnel loofst und dich da versteckst, sagen wa mal uffem Jerüst ??
?Auf was denn für?n Gerüst??
?Na, irgend so?n Jerüst, dit da im Tunnel jerade rumstehn tut. Oder du kletterst uff?m Bahnhofsdach rum, natürlich inner Innenstadt, anner wichtijen Strecke, denn wird stundenlang der Verkehr einjestellt, allet abjesperrt, Hunderte Menschen sitzen ?ne Stunde innem Zuch uff der freien Strecke fest, Zischtausende kommen deinetwejen zu spät, verplempern sinnlos Stunden ihret Lebens, haben Mühe und Ärjer, da haste ma richtisch wat erreicht.?
?Na, sehr schön!?
?Ja, da stehste stundenlang im Mittelpunkt. Fernsehen kommt ooch, du bist für eenen Tag wichtisch und bekannt. Und du kannst dir ja sicher sein, daß die heutzutaje so zimperlich sind, daß die nich einfach die Züje weiterfahren lassen, und wenn de überfahren wirst, biste eben selber schuld. Oder daß die mittem Schlauch kommen und dir vont Dach spritzen. Du bisten Arschloch, aber alle sind sehr um dich besorcht. Die sind heutzutaje so demlisch, die sperren sojar noch den Verkehr im Tunnel, wenn du oberirdisch uffem Dach rumkletterst.?
Ich schüttelte den Kopf: ?Jetzt spinnst du aber! Und was ist das Ende vom Lied? Knast, Schadensersatzansprüche, alleine für den Polizeieinsatz zahlst du jahrelang.?
?Nee-hee?, rief Chrille triumphierend. ?Du zahlst jar nischt! Denn du hast dit Stichwort ja schon fallen jelassen.?
Ich schaute ihn fragend an.
?Spinnen?, fuhr er fort. ?Du solltest dit natürlich ?n bißken vorbereiten: Kleener Arztbesuch, Börnaut, Depressionen, Trauma, dein Goldhamster is jestorben, du bist als Kind nich mißbraucht worden, wat man eben heutzutaje so hat. Und denn kannste uffs Dach klettern, turnst da rum, freust dir, wie de den Berufsverkehr störst. Machst dir vielleicht noch nackisch, dit kommt immer jut. Ooch von wejen ?verwirrt? und so. Wenn dir langweilisch wird, sachste, du willst deinen Meisenklempner sprechen, und denn dauert dit ja ooch noch ?ne Stunde oder so, bisse den ranjeschafft haben.?
?Und dann??
?Dann sind se alle sehr verständnisvoll und betroffen, und jroß Ärjer kriejen tuste natürlisch nich, wennde keene Lust mehr uff den Kokolores hast. Mußt ooch nischt zahlen, denn du hast ja ?ne Macke.?
?Na, danke sehr.?
?Ja, dit sajick ja ooch! Kommste höchstens zwee Taje zur Beobachtung in Bonnies Ranch. Aber ooch nich für länger. Denn lassen se dir wieder loofen, von wejen humane Psüschatrie und so.?
?Ach, Chrille!? sagte ich seufzend, schüttelte wieder den Kopf und wandte mich von meinem Kumpel ab. Eine Phantasie hat der!

Wunder des Alltags (28)

Sonntag, 15. März 2015

Stilleben aus der Berliner U-Bahn

Am U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße kann man auf fünf Verkehrsmittel umsteigen: Auf etwas, das mit ?B? bezeichnet wird ? wobei dieses Symbol im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg seit geraumer Zeit keine Verwendung mehr findet ?, auf die S-Bahn, auf den Bus, auf etwas, das mit ?X? und auf etwas, das mit ?M? symbolisiert wird. Nun ja, eigentlich ist ?X? auch nur ein Bus, aber ein Expressbus. Und ?M? in diesem Falle ein Metro? Bus.

Aber Metrobusse sind etwas ganz Besonderes, wie die BVG zu ihrer Einführung 2004 verkündete. Bieten sie besseren Komfort? Fahren sie schneller oder häufiger als andere Buslinien? Nein. Aber alle Metrobuslinien verkehren rund um die Uhr. Bis auf jene Metrobuslinien, die nachts eine Betriebspause einlegen. Sie fahren mindestens im Zehn-Minuten-Takt. Außer auf jenen Metrobusstrecken, die nur im Zwanzig-Minuten-Takt bedient werden. Sie bilden möglichst gradlinige überbezirkliche Verbindungen. Außer jene Metrobuslinien, die nicht ganz so gradlinig und auch eher nur in einer Ecke der Stadt verkehren. Aber hey, immerhin sind Metrobuslinien so wichtig, daß sie auf den BVG-eigenen Stadtplänen besonders hervorgehoben werden und dadurch ebenso sehr ins Auge fallen wie U- oder S-Bahn-Linien, deutlich unterschieden von anderen Buslinien. Also zumindest war das so, bis letzten Dezember der aktuelle BVG-Stadtplan herauskam.

Aber eins, das bleibt natürlich: Nicht nur am U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße, sondern an ganz vielen Stellen der Stadt kann die BVG zumindest so tun, als wäre das Verkehrsangebot viel umfangreicher, als es seit Jahrzehnten ist.

Tücken des Wochenendes

Montag, 9. März 2015

Objektiv und sachlich

Den ZDF-Nachrichten konnte man am Wochenende entnehmen, daß die Verleih-App ?Why Own It? am kommenden Donnerstag endgültig abgeschaltet werde. Die Plattform, welche das kostenlose Ver- und Ausleihen unterschiedlichster Dinge vermitteln wollte, habe zwar viel (nicht zuletzt mediales) Interesse hervorgerufen, doch bei weitem nicht genügend aktive Teilnehmer gewinnen können. Insbesondere sei die Zahl der Menschen, die Dinge kostenlos ausleihen wollten, erheblich größer gewesen als die Zahl jener, die Dinge kostenlos verleihen mochten.

Leider kein Einzelfall, wie man dann erfährt: ?Auch CarSharing, ein weiterer wichtiger Zweig der Sharing Economy, entwickelt sich einer Studie des TÜV Rheinland zufolge längst nicht so gut, wie Anhänger der Sharing Economy erwartet haben. CarSharing werde es ? vor allem in Ballungsgebieten ? zwar auch in Zukunft geben, aber nur als Nischenphänomen, so das Fazit der Studie. Es werde die ?automobile Welt? nicht entscheidend verändern.?

Hierbei kann es sich nur um völlig neue Erkenntnisse handeln. Schließlich darf nicht angenommen werden, daß die Jubelmeldungen über das enorm boomende Car Sharing, welche an noch gar nicht so lange vergangenen Wochenende auch das ZDF verbreitete, nur dem Umstand geschuldet waren, daß eben gern ? zumal an nachrichtenarmen Wochenenden ? Pressemitteilungen unreflektiert nachgeplappert werden. Oder an diesem Wochenende einfach jemand anderes in der Redaktion Dienst hatte.

Pünktlicher als die Eisenbahn

Mittwoch, 4. März 2015

Völlig überraschend konnten die Medien heute die sensationelle Meldung verbreiten, daß beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg über eine Preiserhö-, pardon: Tarifanpassung nachgedacht wird. Die, was noch erstaunlicher ist, womöglich schon zum 1. Januar 2016 erfolgen soll.

Frisches Denken für hippe Hauptstädter oder: Think small!

Sonntag, 1. März 2015

Wie aus ungewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautet, plant die BVG demnächst die Erprobung eines Mini-Straßenbahnwagens. Das zehn Meter kurze Fahrzeug wird, wie frühere Tramtypen, nur über eine einzige, in der Wagenmitte angeordnete Tür verfügen, die dafür aber etwas breiter ist als die Türen in den derzeit eingesetzten Modellen. Als spezielle Features wird die Mini-Straßenbahn ? die nur als Solowagen verkehren kann ? über eine elektronische Anzeigetafel verfügen, die am Eingang darüber informiert, wie viele Plätze noch frei sind; außerdem befinden sich an jedem zweiten Sitz Klinkersteckdosen, über welche Fahrgäste per Kopfhörer ein Programm hören können, welches den gleichen Unterhaltungs- und vor allem Informationswert besitzt wie das auf den Bildschirmen in den U-Bahn-Wagen zu sehende.

Ferner ist zu hören, daß die BVG auch einen Mini-U-Bahnwagen testen möchte. Die sogenannte ?Petit métro? soll ebenfalls nur zehn Meter lang und nicht kuppelbar sein sowie über die gleichen bedeutenden neuen Ausstattungsmerkmale verfügen wie die Mini-Straßenbahn. Im Gegensatz zu dieser wird die einzige Tür auf jeder Längsseite jedoch in Fahrtrichtung ganz vorn, direkt hinter dem Führerstand angeordnet sein, so daß die Türen beider Seiten nicht einander gegenüberliegen. Auf diese Weise soll vermieden werden, daß sich das Aussteigen, das Einsteigen und die Verteilung der Fahrgäste im Wagen allzu einfach gestaltet.

Wer diese interessanten, wenn nicht gar innovativen Fahrzeugkonzepte für ausgemachten Unfug hält, der keiner weiteren Diskussion, geschweige denn einer Erprobung bedarf, ist ein Ignorant, der vermutlich auch den kleinen Doppeldeckerbus, den die BVG kürzlich vorgestellt hat, nicht zu würdigen weiß. Wie frühere, ebenfalls für deutlich weniger als hundert Fahrgäste zugelassene Doppeldecker besitzt er nur eine einzige Treppe von und zum Oberdeck, die dafür aber ein klein wenig breiter ist als jede der zwei in den bisher eingesetzten Fahrzeugen. Durch ihre gradlinige Anordnung nimmt sie einen Großteil der Fläche ein und sorgt so dafür, daß ein wesentliches Merkmal von Doppeldeckern ? ihr im Vergleich zu Eindeckern hoher Sitzplatzanteil ? nicht mehr so stark ins Gewicht fällt. Als besonders wertvolle Features verfügt der Bus über eine elektronische Anzeigetafel, die die Fahrgäste darüber informiert, wieviele Plätze im Oberdeck frei sind, sowie über USB-Steckdosen an allen Oberdecksitzen.

In umfangreichen Studien wird die BVG demnächst untersuchen, ob der aus den längst ausrangierten Modellen bekannte Interessenskonflikt ? positioniert man lieber den Treppenansatz oder den Stellplatz für Kinderwagen und Rollstühle direkt gegenüber der Mitteltür ? auch noch auftritt, wenn es statt eines Kinderwagen- und Rollstuhlstellplatzes mehrere gibt. Auch möchte man herausfinden, ob der Verzicht auf eine dritte Tür zu größerem Gewühle im Fahrgastraum, damit längeren Aufenthalten an den Haltestellen, längeren Fahrtzeiten und höheren Betriebskosten führt.

Ein Experte, der ungenannt bleiben möchte: ?Statt immer gleich alles in typisch deutscher Manier mieszumachen, sollten die Mäkler lieber proaktiv die Challenge annehmen, an der Entwicklung von Optimierungen zu partizipieren. Unser Berlin wächst, und damit auch der Verkehr. Da ist frisches Denken gefragt. Womöglich stellt sich ja heraus, daß der kleine Doppeldecker am allerbesten zu jenen Tageszeiten eingesetzt werden kann, an denen das Fahrgastaufkommen möglichst gering ist.?