Archiv für Dezember 2014

Nisch ma ignoriern, dit Janze

Freitag, 26. Dezember 2014

Schönes soll man wiederholen, erst recht wenn jahresendzeitliche Saure-Gurken-Zeit herrscht und man sonst nichts berichten mag. So präsentiert uns der RBB denn auf seiner Website noch einmal ?die schönsten Bildstrecken des Jahres?, womit ganz bestimmt nicht der Gedanke verbunden ist, auf diese Weise kurz vor Ultimo schnell noch die Klickzahl für 2014 ordentlich zu erhöhen.

Auf diese Weise werden wir auch noch einmal erinnert an etwas, das die meisten längst vergessen haben dürften: Die einige Monate zurückliegende Reklameaktion irgendeines Unternehmens, das einige junge Leute dazu verpflichtete, in einem Zug der Ringbahn Turnübungen zu vollführen.

Natürlich geschah dies am Sonntag, aber nicht etwa weil die Journalisten dann meist froh sind, wenn sie irgend etwas zu berichten haben und man folglich auch noch mit dem banalsten Zeug und dem größten Blödsinn in die Medien kommt. Und hey, wenn dann noch etwas so cool und dufte, so hip und swag ist wie Turnen in der S-Bahn ? Wenn das mal nicht zum neuen Trend wird in trendy Börlinn!

So war es denn auch nicht so, daß diese Reklameaktion vor allem eindrucksvoll demonstrierte, wie groß der Gegensatz zwischen dem medialen Bild der Stadt einerseits und der Realität und dem Verhalten der meisten ihrer Einwohner andererseits ist; daß echte Berliner wissen, wie sehr der alte Rat ?Du bist verrückt, mein Kind, du mußt nach Berlin, wo die Verrückten sind, da gehörst du hin!? noch immer gilt, weshalb in der Stadt jede Menge Bekloppte frei herumlaufen, sich ausleben können und daher die allererste Regel für das Leben (und Überleben) in Berlin ist: Nicht nur niemals ansprechen ? am besten völlig ignorieren!

Und ganz und gar nicht wird dieses Verhalten durch die vom RBB noch einmal aus der Mottenkiste gekramten Photos eindrucksvoll dokumentiert: Oder sehen Sie da etwa, wie selbst junge Leute desinteressiert aus dem Fenster schauen, derweil neben ihnen irgendwelche Irren sich austoben?

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Frohes Fest!

Neue Abenteuer von Berlin-Film-Bärchen finden Sie regelmäßig hier.

Wunder des Alltags (27)

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Da kommt was auf Sie zu

?Magistratsschirm? ist die Berliner Hochbahn angeblich dereinst genannt worden: Bei Niederschlag konnte man unter ihr trockenen Fußes vorankommen oder gar flanieren.

Über hundert Jahre nach der Erbauung der Viadukte muß nicht nur jungen Menschen erklärt werden, was ?flanieren? eigentlich sein soll. Auch ist der Raum unter der Hochbahn ? nicht nur, wie hier zu sehen, in der Bülowstraße ? längst anderen Verkehrsteilnehmern zur Verfügung gestellt worden.

So hat eben jede Zeit ihre Kennzeichen.

Viel Spaß in den Aufsichtsräten und mit den Beraterverträgen, lieber Klaus Wowereit!

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Jetzt geht die Party richtig los!

Heute verläßt Klaus Wowereit das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. In den ziemlich genau dreizehneinhalb Jahren seiner Herrschaft hat er viel erreicht. So hört man es zumindest allerorten. Sicher nur deshalb, weil es so unüberschaubar viel ist, wird nur relativ selten gesagt, was Wowi denn erreicht hat.

Aber zumindest ist die Stadt unter ihm enorm vorangekommen. Hat sich beachtlich entwickelt. Liegt heute an der Spitze ? zum Beispiel beim Anteil der Menschen, die von Transferleistungen leben (also von der Stütze). Oder bei den Steigerungen der Immobilienpreise. Und der Mieten.

Na ja, aber daß Berlin heute so eine angesagte Stadt ist, daß es kulturell dermaßen leuchtet (und dies seit 2006 ohne richtigen Kultursenator und obwohl Künstler und Lebenskünstler kontinuierlich und konsequent aus der Innenstadt vertrieben werden), das ist ja in allererster Linie dem Wirken Wowereits zu verdanken. Und gegen die negativen Folgen dieses Trends hat der von Klaus Wowereit, dem ersten Regierenden Bürgermeister Berlins mit Richtlinienkompetenz, geführte Senat ja jede Menge getan. Seit mehreren Monaten bereits kümmert er sich sogar wieder um den Wohnungsbau.

Und dann das Feld des Verkehrs ? nein, keine Rede vom Flughafen, lieber vom Nahverkehr: Die Berliner S-Bahn hat in den vergangenen Jahren ? einiges erlebt. In Richtung Teltow ist das Netz sogar um über einen Kilometer gewachsen. Von denen einige hundert Meter auch auf Berliner Gebiet liegen. Sicher kommen irgendwann vielleicht die Verlängerung nach Falkensee oder wenigstens innerhalb Spandaus und der zweigleisige Ausbau der Kremmener Bahn. Und bei der U-Bahn ? also die U 5-Verlängerung (nicht weniger als 2,2 Kilometer lang und erst seit 2009 in Bau) soll 2020 fertig werden. Hoffentlich. Und die Straßenbahn ? da kann der neue ?Regierende? Müller am Wochenende, nach nicht einmal vier Jahren Bauzeit und nur achteinhalb Jahre nach der Inbetriebnahme des zum Zielpunkt genommenen Hauptbahnhofs, eine Strecke eröffnen. Für die eine andere stillgelegt wurde. Aber immerhin! Man kann sich schließlich nicht um alles kümmern ? Wowereit und der bisher als Stadtentwicklungs- und damit auch Verkehrssenator fungierende Müller waren schließlich intensiv beschäftigt mit der Verlängerung der Stadtautobahn A 100, für die gerade dieser Tage nach vielen Kleingärten auch zahlreiche Wohnungen vernichtet werden.

Man muß doch Prioritäten setzen.

Nein, wirklich nur ganz böse Zungen werden behaupten, daß Klaus Wowereit in dreizehneinhalb Jahren vor allem eines erreicht hat, das wirklich überaus bemerkenswert ist: Im Lichte seines Regierens erscheint das Wirken des 1991-2001 von seinem Vorgänger Eberhard Diepgen geführten Senats inzwischen als beachtlich und sehr erfolgreich, und zwar auf vielen Feldern der Politik. Ja, man könnte sich sogar veranlaßt fühlen, über Diepgen ? der dröge und bieder gewesen sein mag, aber bestimmt kein Blender war ? zu sagen: Der war echt gut so!

Alles Gute, lieber Wowi, und viel Spaß in den Aufsichtsräten und mit den Beraterverträgen, dank derer wir spätestens im Frühjahr von Ihnen hören werden.

Nicht weitersagen: Streckeneröffnung

Dienstag, 9. Dezember 2014

Am kommenden Wochenende eröffnet die BVG eine neue Straßenbahnstrecke. Am vergangenen Wochenende ist das der Online-Redaktion des RBB aufgefallen, der der Verkehrsbetrieb bestätigte: Ja, in ein paar Tagen beginnt auf der Trasse zum Berliner Hauptbahnhof tatsächlich der Fahrgastbetrieb. Darüber aus eigenem Antrieb die Medien zu unterrichten, hatte man anscheinend bislang nicht für notwendig befunden. Und wer in die Dezember-Ausgabe der BVG-Kundenzeitschrift schaut, findet darin auch nicht etwa einen Artikel über die erste Neueröffnung einer Berliner Straßenbahnstrecke seit sechs Jahren, sondern nur eine Kurzmeldung und in einer Auflistung von Linienänderungen zum Fahrplanwechsel den Hinweis, die Linie M 5 fahre ab 14. Dezember bis zum Hauptbahnhof.

Liebe BVG, warum dieses Understatement? Du tust ja gerade so, als wäre es peinlich, daß diese Strecke zwölf Jahre nach dem ursprünglich vorgesehenen Termin in Betrieb geht und achteinhalb Jahre nach der ? ebenfalls verspäteten und dann nur holterdiepolter ermöglichten ? Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs.

Als würde durch diese 2,3 Kilometer durch die Invalidenstraße (plus 1,1 Kilometer eingleisige Blockumfahrung), die zu bauen gut dreieinhalb Jahre gedauert hat, das Netz nur unerheblich wachsen, ist doch zum Ausgleich die Strecke zum U-Bahnhof Schwartzkopffstraße (samt dortiger Blockumfahrung) stillgelegt worden.

Als wäre es lächerlich, daß es zwischen dem Beginn der neuen Trasse am U-Bahnhof Naturkundemuseum und dem Hauptbahnhof nur einen einzigen Zwischenhalt gibt, mithin nur einen Ort, der neu an das Schienennetz angebunden worden ist.

Als wäre die ganze Strecke ziemlich wertlos, weil man zum Beispiel vom Hackeschen Markt, wo die M 5 vorbeikommt, mit der S-Bahn viel schneller zum (nur zwei S-Bahn-Stationen entfernten) Hauptbahnhof gelangt ? und erst recht vom östlichen Stadtrand aus, wo der andere Endpunkt der M 5 liegt.

Als würde es deshalb auf der Trasse vorerst nur einen Zwanzig-Minuten-Takt geben. Mitten in der Stadt. Vom und zum Hauptbahnhof. Auf einer frisch gebauten Strecke.

Als würde sich der begrenzte Nutzen dieser Strecke auch nur wenig erhöhen, wenn auf ihr demnächst zwei weitere Linien fahren, und wäre das ganze Unternehmen eigentlich vor allem etwas für Journalisten und etwas beschränkte Zeitgenossen, die sich kindisch freuen, wenn es heißt: ?Berlins dufter neuer Hauptbahnhof hat nun auch einen Straßenbahnanschluß.?

Als wäre diese Tramstrecke noch unsinniger als der U-Bahn-Anschluß, an dem (ja, mit Unterbrechungen) seit den Neunzigern gearbeitet wird ? und der nach jetzigen Plänen 2020 mehr darstellen wird als einen Inselbetrieb mit einem zwischen drei Stationen pendelnden Zug (wodurch dann allerdings auch nur eine weitere Anbindung des Hauptbahnhofs an Mitte und die östliche davon gelegenen Gebiete hergestellt wäre ? wie er bereits mit der S-Bahn existiert, und nun auch mit der Straßenbahn).

Als wäre die Straßenbahn zum Hauptbahnhof nicht nur dann sinnvoll, wenn sie zügig verlängert würde nach Moabit und von dort aus idealerweise gleich zum Tegeler Flughafengelände, wo ja mal ein ganz toller neuer Standort für Wohnen, Gewerbe, Wissenschaft entstehen soll. (Nach den Berliner Erfahrungswerten dürfte diese Strecke, begänne man sie jetzt zu planen, zirka 2040 fertig werden ? wenn der Flughafen Tegel tatsächlich zugunsten des neuen ?Hauptstadtairports? geschlossen worden sein könnte).

Als wären das aber leider nur vage Planungen und schöne Hoffnungen (wie für alle weiteren neuen Straßenbahnstrecken, von denen schon seit über zwanzig Jahren geredet wird), derweil der neue Stadtentwicklungssenator schon mal deutlich gemacht hat, was ihm in Sachen Verkehr besonders am Herzen liegt und wofür er sich mit Kräften einsetzen wird: den Weiterbau der Stadtautobahn noch über Treptow und sogar die Frankfurter Allee hinaus bis nach Prenzlauer Berg.

Als wären die Berliner Verkehrspolitiker ? allen voran jene der SPD ? so beschränkt, zu glauben, ein moderner, attraktiver ÖPNV ließe sich vor allem mit Bussen gestalten und ausbauen.

Also wirklich, BVG, reiß Dich mal zusammen! Und freu Dich doch über die paar Kilometer neue Straßenbahnstrecke. Wer weiß, wann Du mal wieder so etwas feiern kannst.