Archiv für November 2014

Fantasie und Frau

Freitag, 28. November 2014

Hauptsache, irgendwas ist verboten!

Ein gewöhnlicher Abend auf dem Hochbahnhof Kottbusser Tor. Wie gewöhnlich trifft der Zug aus Richtung Warschauer Straße zwei, drei Minuten verspätet ein. Nicht ganz so gewöhnlich ist, wie schön würzig es in einem der Wagen riecht, und zwar sehr stark, im ganzen Wagen. Wirklich sehr aromatisch, und auch sehr angenehm, erinnert an verbranntes Heu ?

Ach, das ist ja ? Das ist eben Friedrichshain. Und Kreuzberg.

Eine halbe Stunde später am Rathaus Steglitz, im gutbürgerlichen Berliner Südwesten. An der Haltestelle, von der die Busse Richtung Zehlendorf und Lichterfelde abfahren. Auch hier riecht es wie vorhin in dem U-Bahn-Wagen.

Oder wie damals in dem Bus, der von ebendieser Haltestelle abfuhr, und dessen Fahrer dann über die Wagenlautsprecher erklärte, er habe es ja nicht so gern, wenn in seinem Bus mit Drogen hantiert werde und man solle doch bitte wenigstens ein Fenster öffnen.

Die Berliner Drogenbeauftragte ? der Name tut nichts zur Sache ? hat dieser Tage gefordert, die in der Hauptstadt überdurchschnittlich hohe Menge an Cannabis, welche man zum Eigenkonsum besitzen darf, ohne daß gegen einen strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet werden, sollte gesenkt werden. Sicher ging es nicht nur darum, daß Frau Wie-immer-sie-heißt (gibt sich die moderne Frau noch mit Doppelnamen zufrieden?) mal wieder in die Medien kommen wollte. Und darauf aufmerksam machen, daß ihr Tun wichtig ist. Oder daß es sie überhaupt gibt.

Man muß ihr für die Wortmeldung dankbar sein. Denn durch sie hat die Dame (auf einem Posten, bei der glücklicherweise eine hundertprozentige Frauenquote zu gelten scheint) eindrucksvoll unter Beweis gestellt, daß sie über genau jenes intellektuelle Niveau und jenen Bezug zur Realität verfügt, den man Damen auf diesem Posten gemeinhin unterstellt.

Vielen Dank für Ihre Gebühren!

Donnerstag, 27. November 2014

?Autofahren ohne eigenen Wagen ? Carsharing wächst?, konnten wir am vorletzten Wochenende dem ZDF-Videotext entnehmen. Denn: ?Immer mehr Menschen teilen sich Fahrzeuge von Carsharing-Firmen und -Vereinen. Mehr als eine Million Nutzer seien bei den rund 150 Anbietern aus ganz Deutschland bereits registriert, sagte der Geschäftsführer des Bundesverbands Carsharing (BCS), Willi Loose.? Erstaunen hervorzurufen vermochte dabei nicht nur, mit welchen Zahlen Herr Loose aufwarten konnte (?Anfang 2014 seien es noch etwa 757.000 Kunden gewesen, Anfang 2013 rund 453.000.?), sondern auch über welch hervorragende Verbindungen er bzw. sein Lobbyverein zu den Nachrichtenredaktionen öffentlich-rechtlicher Sender verfügt, hatte die Tagesschau doch schon im Sommer 2013 über eine angeblich enorme Steigerung von Carsharing-Nutzern berichtet ? ebenfalls souverän ignorierend, daß irgendwo registrierte Nutzer keineswegs allesamt auch aktive Nutzer dieses Angebots sein dürften.

Vergangenes Wochenende erfreute dann der RBB in seinem Online-Angebot mit dem Bericht ?Senatsverwaltung prüft Ausbau ? U1 soll bis Ostkreuz verlängert werden?. Nicht nur überraschte der anonym gebliebene Autor mit der Erkenntnis, die U-Bahn-Linie 1 wäre ?die wichtigste West-Ost-Achse Berlins?, auch ließ er mit der Mitteilung, sie existiere ?seit 1928? rätseln, wo er sich dieses Wissen zusammengegoogelt und was er dabei alles mißverstanden hatte ? denn die von der heutigen U 1 befahrenen Streckenabschnitte sind zwischen 1902 und 1926 eröffnet worden, eine U-Bahn-Linie 1 gibt es erst seit 1966, und ihre heutigen Endpunkte erhielt diese 2004.

Eine weitere gute Nachricht hielt der Text bereit: ?Das Ostkreuz wurde gerade erst saniert?, erfuhr der von den jahrelangen Abriß- und Neubauarbeiten geplagte Leser, der bis dato befürchtet hatte, diese würden sich noch bis gegen Ende der laufenden Dekade hinziehen. Auch hatte am Ostkreuz eigentlich alles noch Mitte November sehr nach Baustelle ausgeschaut. Aber siehste ? wie gut, daß man sich beim RBB informiert hat!

Und warum wird nun daran gedacht, die U 1 zum Ostkreuz zu verlängern? ?Eine direkte U-Bahn-Verbindung von dort bis zum Ku’damm würde den Bahnhof attraktiver machen, so die Überlegung der Senatsverwaltung.? Klar: Wie sollte man momentan (oder in all den Jahren seit der Eröffnung der Stadtbahn anno 1882) ohne Umsteigen vom Ostkreuz zum Ku?damm oder in dessen unmittelbare Nähe kommen, wo doch die U 1 ?die wichtigste West-Ost-Achse Berlins? ist?
?Völlig ungeklärt ist aber die Frage der Finanzierung?, wird die Vorfreude auf die neue Verbindung gebremst, ?verglichen mit der extrem aufwändigen U5-Verlängerung in Mitte dürften die Kosten aber überschaubar sein.? Denn: ?Die U1 könnte im breiten Bahn-Gleisbett zwischen Warschauer Straße und Ostkreuz oberirdisch auf Stelzen fahren.? Was Sinn ergibt: Im ? der ?großen? Bahn mittlerweile zu ? breiten Gleisbett wird man die U 1 zweifellos nicht etwa ebenerdig führen, sondern ?auf Stelzen? ? damit darunter zum Beispiel Unkraut wachsen kann. Und an der das Bahngelände kreuzenden Modersohnbrücke, wo ? wie in dem Artikel erwähnt ? die BVG sich einen zusätzlichen Halt vorstellen könnte, wird die U 1-Verlängerung dann über die Brücke hinweggeführt ? wie wohl auch über die neue Ringbahnhalle am Ostkreuz.

Was womöglich ein wenig ?aufwändig? sein könnte, aber immerhin nicht extrem.

Blüten am Wegesrand (19)

Donnerstag, 20. November 2014

Seit sich Nostalgie und Schnörkelseligkeit in den achtziger Jahren wieder auf voller Breite Bahn brachen, gelten die Stationen der 1913 eröffneten, heute zur U 3 gehörenden Wilmersdorf-Dahlemer U-Bahn gemeinhin als Schmuckstücke des Berliner Nahverkehrs. Bis dahin betrachtete man sie über Jahrzehnte hinweg als stilistisch besonders veraltet, mißlungen, wenn nicht gar peinlich. Wie gering die Wertschätzung respektive wie groß die Verachtung für die ?vornehm? gemeinte, aufwendige architektonische Gestaltung war, ist noch heute an Details zu erkennen. Wie an dem rücksichtslosen Umgang mit zwischenzeitlich entfernten und dann wieder verlegten Pflasterplatten, etwa in der nördlichen Vorhalle der Station Heidelberger Platz.

Wie? Muster?

Schließlich werden nur garstige Zeitgenossen behaupten, daß genau so etwas herauskomme, wenn man Handwerkern nicht ganz exakte Anweisungen gebe, sondern sie einfach mal machen lasse.

Weeßte noch?

Sonntag, 9. November 2014

Mensch, weeßte noch: 9. November 1989?! Damals die Ossis alle uffm Ku?damm. Und die Wessis anner Mauer, zum Trabi-Kloppen. So war dit an dem Ahmd! Kann keener verjessen, der dabei war. Und wer nich dabei war, der hattet an dem Ahmd im Fernsehn jesehn!

Nur die Merkel ? die war an dem Abend in der Sauna!

Das disqualifiziert die Dame natürlich. Das, und nicht ihre Politik.

Man könnte mal kurz versuchen, sich von den Fakten irritieren zu lassen: Schabowskis Pressekonferenz war gegen 19 Uhr. Und um 20 Uhr sollen alle schon auf dem Ku?damm gewesen sein? Mit Live-Berichterstattung im Fernsehen, spätestens ab 21 Uhr? Ein ganzer Abend im Freudentaumel? Gab?s da nicht erstmal noch kleine Probleme an der Bösebrücke ??

War nicht den ganzen Abend über unklar, was Schabowskis Aussage und die Geschehnisse an der Bornholmer Straße nun wirklich bedeuteten? Existierten nicht viel Skepsis und Sorge? Trafen die ersten Ossimassen nicht erst gegen 23 Uhr oder sogar erst um Mitternacht auf dem Ku?damm ein? Gab es beim Fernsehen damals nicht noch einen Sendeschluß? Lagen nicht die meisten Menschen, in Berlin wie in ganz Deutschland, um Mitternacht im Bett, weil sie am nächsten Tag (einem Freitag) zur Arbeit mußten? Haben die allermeisten deshalb nicht erst am folgenden Morgen erfahren, was geschehen war? Und daß die Grenzöffnung offenkundig als dauerhaft angesehen werden durfte? Daß auch die sowjetischen Truppen nicht eingegriffen hatten?

Nein, so war das nicht. Jubel, Trubel, Heiterkeit, den gesamten Abend des 9. November 1989 über! Befreit stürzten sich die Ost-Berliner ab zirka 20 Uhr in die Arme der West-Berliner. Da flogen die Sektkorken und die Bananen. Und jeder wußte: Nun dauert es nur noch ganz kurze Zeit, dann sind wir auf immer wieder vereint!

Erinnerung, die nicht zu diesem Bild paßt, ist falsch. Zum fünfundzwanzigsten Jahrestag basteln wir uns in der Öffentlichkeit alles so zurecht, wie es den Bedürfnissen der durchboulevardisierten Medien entspricht. Also GROSSE GEFÜHLE, jetzt und sofort, nicht erst am nächsten Tag.

Spätestens in fünf Jahren werden uns dann auch fast alle Zeitzeugen genau das erzählen, was wir hören wollen, denn bis dahin haben die medialen Verfälschungen längst die eigenen Erinnerungen ersetzt ? kann ja nicht sein, daß es nicht so war, wie mir überall berichtet wird!

Womit wieder einmal eine alte Grundregel der Propaganda bestätigt worden wäre: Man muß die Lüge nur oft genug wiederholen, dann wird sie irgendwann zur Wahrheit.

Vielen Dank, Herr Weselsky!

Mittwoch, 5. November 2014

Die von Ihnen geführte machtvolle Organisation, welche unbestreitbar einen Teil der bei der Deutschen Bahn AG Beschäftigten vertritt, erfreut uns von heute an bis Montag mit dem längsten Streik in deren Geschichte.

Sie erklären immer wieder, davon überzeugt zu sein, daß die große Mehrheit der (durch Ihre GdL oft verhinderten) Fahrgäste hinter Ihnen und Ihren Forderungen stünde und vollstes Verständnis aufbrächte für die kleinen Unannehmlichkeiten, auf welche sie sich einstellen müßte.

Damit, Herr Weselsky, vermitteln Sie ? rechtzeitig zum fünfundzwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls ? auch den Vergeßlichen und Nachgeborenen einen imposanten Eindruck davon, wie weite Teile der SED-Führung und ihrer Anhänger vor einem Vierteljahrhundert ?tickten? und wie deren Verhältnis zur Realität war.

Stark, Herr Wowereit!

Montag, 3. November 2014

Korruptionsbekämpfung

Zum Ende Ihrer grandiosen Amtszeit als Regierender Bürgermeister werden wir dieser Tage daran erinnert, welch Enormes Sie auch auf dem Gebiet der Verkehrspolitik geleistet haben: In Treptow walzt man noch ein paar Dutzend Kleingärten platt und vertreibt Mieter aus ihren Wohnungen, damit die von Ihnen, verehrter Herr Wowereit, so mit so großem Nachdruck betriebene Verlängerung der Stadtautobahn realisiert werden. (Daß Sie sich in dreizehneinhalb Jahren für kein Verkehrsprojekt stärker zu engagieren vermochten als für diesen Autobahnbau, hat sicher damit zu tun, daß Sie mit anderen Aufgaben so sehr befaßt waren. Etwa die Verhinderung neuer Wohnungsnot durch umfassende Sorge für bezahlbaren Wohnraum.)

Gleichzeitig hat die Ausschreibung des Berliner S-Bahn-Netzes durch den von Ihnen mit Richtlinienkompetenz geführten Senat einen neuen Höhepunkt erreicht: Nach vielen Veränderungen, Verzögerungen, Versäumnissen in diesem Prozeß ist für den Betrieb auf dem ? einzig ausgeschriebenen ? Ring samt einiger Zulaufstrecken nur noch ein Bewerber übriggeblieben: der bisherige, die Deutsche Bahn AG bzw. eine ihrer Töchter, mit der dem man ja in den letzten exzellente Erfahrungen gemacht hat. Und sicher wird sich das Land Berlin nun in einer besonders guten Verhandlungsposition befinden.

Ebenso sicher, wie Sie doch demnächst ganz bestimmt nicht als Aufsichtsratsmitglied (beim Flughafen haben Sie ja gezeigt, was Sie können) oder Berater der Deutschen Bahn AG wieder auftauchen werden.