Archiv für September 2014

Ja, die Deutsche Bahn AG ist innovativ!

Dienstag, 30. September 2014

Kurz vor Weihnachten gibt?s immer etwas Feines bei der Deutschen Bahn AG. Nicht für deren Kunden, aber für das bundeseigene Unternehmen, denn zuverlässig werden zum großen Fahrplanwechsel Mitte Dezember die Fahrpreise erhöht.

Da der Bahn durch die bundesweite Zulassung von Fernbussen eine unschöne Konkurrenz erwachsen ist, langt man dies Jahr vor allem beim Regionalverkehr zu, wo man derart störenden Wettbewerb nicht zu befürchten braucht (außer natürlich in Gestalt des Autos, aber darüber, daß die Leute aus völlig unverständlichen Gründen lieber mit dem zur Arbeit fahren, sollen doch andere jammern).

Dies Jahr ist den Verantwortlichen bei dem modernen, serviceorientierten und kundenfreundlichen Dienstleistungsunternehmen außerdem etwas ganz Besonderes eingefallen: Wer seine Fahrkarte ? pardon, neudeutsch natürlich: sein Ticket mit Kreditkarte oder via PayPal bezahlen möchte, hat dafür künftig eine Gebühr von drei Euro zu entrichten.

Das ist zukunftsweisend. Braucht man doch nur daran zu denken, welche hohe Kosten der DB AG bei Barzahlung entstehen (die schon jetzt ohne Aufschlag nur noch am Automaten möglich ist): Geld einkassieren, sortieren, zählen, zur Bank bringen, dazu das Diebstahl- und Überfallrisiko ? da dürfte eine zusätzliche Straf-, pardon: Servicegebühr bald leider, leider unvermeidlich sein.

Und bei der Überweisung? Tja, auch die zu verbuchen verursacht der Bahn Arbeit …

Ein weites Feld zusätzlicher Einnahmequellen eröffnet sich, wenn man einmal darüber nachdenkt, was die Beförderungsfälle noch so alles wollen: Zum Beispiel im Zug auf die Toilette gehen. Oder die Zugbegleiter mit irgendwelchen Fragen (etwa: ?Kriege ich meinen Anschluß wirklich nicht mehr angesichts unserer Verspätung??) von der Arbeit abhalten. Oder Gepäck mitnehmen.

Nicht zu vernachlässigen ist auch die Abnutzung der Bodenbeläge durch Fahrgäste, die zu viel und zu weit durch den Zug rennen. Oder welcher Verschleiß verursacht wird, wenn jemand die Zugtür öffnet (falls diese nicht defekt ist).

Seien wir gespannt, womit uns die Bahn AG in den kommenden Jahren überraschen wird (und wann etwa Supermärkte ihrem Vorbild folgen und Gebühren einführen für die Benutzung von Einkaufswagen oder der Kassen).

Doch zunächst einmal gilt ab Dezember: So richtig günstig kauft man Fahrkarten am Automaten ? freilich nur, wenn man diesen mit drei- bis vierhundert Euro für eine der preiswerten Rückfahrkarten füttern kann. Schultern Sie also schnell Ihren Sack mit Zwei-Euro-Münzen.

Wunder des Alltags (25)

Montag, 15. September 2014

Mit seinen sechsundzwanzig Bahnsteiggleisen galt der Leipziger Hauptbahnhof einst als der größte Europas. Als er vor etwas über hundert Jahren gebaut wurde, hielt man diese Dimension für angemessen und zukunftsträchtig.

Was brachte dann das zwanzigste Jahrhundert? An seinem Ende wurde der monumentale Querbahnsteig des Hauptbahnhofs, grandios in seiner Leere, der Länge nach aufgeschlitzt und mit zwei Aufzugtürmen verbaut ? genügt es doch heute nicht mehr, an einem großen Bahnhof viele Züge verkehren zu lassen. Vielmehr muß es hier viele Einkaufsmöglichkeiten geben ? pardon: geshoppt werden können (unter anderem stylishe Sachen, von denen manche wohl nicht nur weich sind, sondern sogar soft). Wenn am Rande dieses Einkaufszentrums noch ein paar Züge fahren, gilt das als netter Begleiteffekt.

Neugebaute Stationen wie der Berliner Hauptbahnhof verleihen diesem Konzept auch architektonisch Ausdruck. In ihnen erinnert denn auch kaum mehr etwas an klassische Bahnhofsatmosphäre. In Leipzig hingegen konnte man die Handelszone nur durch den Einbau riesiger Glaswände, die die sechs großen Längsschiffe vom Querbahnsteig trennen, von den Zügen abgrenzen.

Zugleich wurden zwei Gleise geopfert, um dem Hauptkonkurrenten der Bahn Platz zu machen: Hier können seither Autos parken.

Für den Bau des Leipziger ?Citytunnels? der Bahn verschwanden weitere fünf Gleise ? neben einem Loch, durch den man zur neuen unterirdischen Bahnsteighalle gelangt, gibt es im westlichsten großen Längsschiff nun lediglich eine ausgedehnte leere Fläche.

Sag mir, wo die Gleise sind

Von einstmals sechsundzwanzig oberirdischen Bahnsteiggleisen sind somit nur noch neunzehn übriggeblieben. Offenkundig mehr als die Bahn AG und ihre Schienenverkehrskonkurrenten benötigen, denn einer dieser Schienenstränge wird inzwischen als ?historisches Gleis? genutzt: für eine Ausstellung alter, zu ihrer Zeit wegweisender Loks und Triebwagen.

Das Gleis liegt den in den Bahnhof gesetzten Autoparkpaletten gleich gegenüber. Doch nur Spötter sagen: Hier stehen Vergangenheit und Zukunft dicht beieinander.

Hier stehen Vergangenheit und Zukunft dicht beieinander

Da müssen keine Köpfe rollen für den Sieg

Donnerstag, 11. September 2014

Wie heute bekannt wurde, sollen die Fahrpreis im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg zum 1. Januar 2015 um durchschnittlich 2,3 Prozent erhöht werden.

Das ist verständlich, liegt die letzte Fahrpreiserhöhung dann doch schon siebzehn Monate zurück.

Der Aufschlag von 2,3 Prozent ist äußerst moderat, zumal die letzte Erhöhung auch nur durchschnittlich 2,8 Prozent betragen hat. Dies gleicht kaum die enormen Teuerungen aus (Inflationsrate in der Bundesrepublik 2013 laut Statistischem Bundesamt: 1,5 Prozent, 2012: 2,0 Prozent).

Angesichts einer so fahrgastfreundlichen Politik kann es sich bei der Behauptung, die Verteuerung wäre eigentlich schon für August oder September geplant gewesen, dann aber wegen der Landtagswahl in Brandenburg verschoben worden, auch nur eine niederträchtige Verleumdung handeln.

Weshalb nun auch bestimmt keine Köpfe rollen werden angesichts der Tatsache, daß der beabsichtigte nächste Griff in die Tasche der Beförderungsfälle drei Tage vor der Wahl an die Öffentlichkeit kam.

Herzlichen Glückwunsch Michael Müller!

Montag, 1. September 2014

Lieber Michael Müller!

Bei ihrer Bewerbung um den Posten des Regierenden Bürgermeisters von Berlin können Sie sich der Unterstützung Berliner Medien sicher sein.

Diese haben nicht nur vergangene Woche eifrig darauf hingearbeitet, daß Sie Ihren Hut überhaupt in den Ring warfen, unter anderem mit bewährt objektiven Berichten darüber, wie wenig die lieben Berlinerinnen und Berliner ihre beiden Konkurrenten schätzen und für fähig halten, das demnächst zu vergebende Amt zu bekleiden.

Ein Medium wußte am Wochenende gar zu vermelden: ?Piraten unterstützen Müller? ? wobei man dann in der Meldung erfuhr, der Fraktionsvorsitzende der Piratenpartei habe sinngemäß erklärt, Müller wäre bestimmt kein schlechter, völlig ungeeigneter Kandidat.

Sie sind aber auch ein Teufelskerl und die Liste Ihrer Leistungen ist lang: Über acht Jahre hinweg, von 2004 bis 2012, waren Sie Landesvorsitzender Ihrer Partei, der SPD (bis Sie Ihrem Gegenkandidaten und jetzigen Konkurrenten um das Bürgermeisteramt unterlagen). Zehn Jahre lang, von 2001 bis 2011, fungierten Sie auch als Fraktionsvorsitzender im Abgeordnetenhaus. In fast der gesamten Zeit galten Sie als ?Kronprinz? Klaus Wowereits. Seit drei Jahren bekleiden Sie nun das Amt des Senators für Stadtentwicklung und Umwelt ? nicht nur eines der größten Ressorts, sondern auch jenes, das mit den Alltagsproblemen vieler Berliner (Bauen, Wohnen, Verkehr, Umwelt) wohl mehr Berührung hat als irgendein anderes. Darüber hinaus sind Sie auch noch Bürgermeister (also Stellvertreter des Regierenden).

Und trotz all dieser Aufgaben ist es Ihnen gelungen, den meisten Hauptstädtern bis heute weitgehend unbekannt zu bleiben und den wenigen Berlinern, denen Ihr Name etwas sagt, als ausgemachter, profilloser Langweiler zu erscheinen.

Ja, Sie sind sicher der richtige Mann für das Amt des Regierenden Bürgermeisters! Mit Ihnen an die Spitze ist der Wahlsieg 2016 sicher! Natürlich jener der CDU.