Archiv für Juli 2014

Naumburger Schwellenpreis

Mittwoch, 16. Juli 2014

Naumburg an der Saale hat nicht nur einen berühmten Dom zu bieten, sondern auch den kleinsten Straßenbahnbetrieb Deutschlands. Täglich kann man dort im Regelbetrieb mit einem historischen Wagen fahren ? wenn man Glück hat, mit einem T57 aus Gothaer Produktion.

Momentan kämpft die Naumburger Straßenbahn zwar mal nicht ums Überleben, aber um die Verlängerung der derzeit rund 2,5 Kilometer langen Strecke um etwa 440 Meter. Mit dem Wiederaufbau der Trasse von der Vogelwiese zum Salztor wäre dann immerhin mehr als die Hälfte der einstigen, 1991 letztmals befahrenen Ringstrecke wieder in Betrieb.

Für den Wiederaufbau sucht man noch Spender, die Schwellen (Stückpreis: siebzig Euro) finanzieren. Und außerdem wird vom 19.-21. September 2014 gefeiert.

Geradeaus geht''s weiter
Noch ist hier Endstation: Blick von der Haltestelle Vogelwiese Richtung Salztor

Im Vordergrund ein Rekowagen, Baujahr 1971
Blick auf die Aufstellgleise neben der Wagenhalle

Fahrtrichtung Hauptbahnhof
Wagen 37 (ein Gothaer T57, Baujahr 1959) in der Poststraße …

Fahrtrichtung Vogelwiese
… und am Marienring (links die Altstadt)

Wunder des Alltags (23)

Montag, 14. Juli 2014

Wie lange hält eine S-Bahn-Strecke? Den Berliner Erfahrungen nach gefühlte zehn bis zwanzig Jahre, dann steht die nächste Grundsanierung an. Jetzt ist es auf der Ost-West-Trasse durch die Stadt, der Stadtbahn, wieder einmal soweit. Daher besitzt der Berliner Hauptbahnhof ab heute sechs Wochen lang keinen S-Bahn-Anschluß mehr.

Eine S-Bahn-Anbindung von Norden, die später einmal vielleicht sogar nach Süden weitergeführt wird, ist noch im Bau. Der bestehende U-Bahn-Anschluß führt gerade einmal zwei Stationen weit und hat noch keine Verbindung zum restlichen U-Bahn-Netz. (Der Hauptbahnhof ist schließlich erst seit acht Jahren in Betrieb.)

Aber trotzdem ist das ein hauptstadtwürdiger Hauptbahnhof, ein aufsehenerregender Bau, dessen Büroräume ganz bestimmt nicht noch immer zu einem nennenswerten Teil leerstehen, kein Vergleich zu anderen Hauptbahnhöfen. Etwa dem hier:

Hauptsache Hauptbahnhof!

Wirklich nicht. Denn der Hauptbahnhof von Naumburg (Saale) besitzt, im Gegensatz zum Berliner, bereits einen Straßenbahnanschluß.

Unwissenheit ist Stärke!

Donnerstag, 3. Juli 2014

Paul Watzlawick verdanken wir die Erkenntnis, daß man, um eine jüdische Mutter zu sein, weder jüdisch noch Mutter noch überhaupt weiblich zu sein braucht.

Dieser Tage kann man insbesondere im öffentlichen Personennahverkehr erneut erleben, daß man, um eine hysterische Omi zu sein, weder eine Großmutter noch eine Frau oder auch nur alt zu sein braucht ? letzteres zumindest nicht körperlich.

Darf doch als sicherstes Zeichen für geistiges Altern die nachgerade zwanghafte Furcht gelten, Zugluft ausgesetzt zu sein, verbunden mit der Vorstellung, eine solche Kondition würde zu einem schnellen Tod führen. Das Phänomen, allerorten und ständig die gefürchtete Zugluft zu verspüren, rundet das pathologische Bild an.

So kann man denn an Sommertagen auch jüngere Männer erleben, die in einem überhitzten, stickigen Wagen das einzige geöffnete Klappfenster ? welches sich zirka zehn Meter von dem Platz, auf dem sie sitzen, entfernt befindet ? zuschlagen. Natürlich ohne die anderen Fahrgäste um ihr Einverständnis zu fragen. Fensterzuschlagen besitzt den gleichen Status wie Raucherschlagen oder an einer Haltestelle empört klingelnd durch die ein- und aussteigenden Fahrgäste zu radeln: Dafür benötigt man keine gesonderte Erlaubnis.

Manchmal freilich scheint sich die Freude am Aufenthalt in dicker Luft noch mit einem weiteren Krankheitsbild zu verbinden: Als die Außentemperatur dieser Tage zirka fünfundzwanzig Grad Celsius betrug, es im ? leeren, nur selten und dann kurz seine Türen öffnenden ? Doppeldeckerbus folglich zirka fünfunddreißig Grad Celsius warm war, griff ein Paar zur Eigeninitiative und öffnete ein Klappfenster im Oberdeck. Der vor den beiden sitzende Fahrgast wandte sich zu ihnen um und fragte sie mit mildem Mitleid: ?Sie wissen nicht, wie eine Klimaanlage funktioniert??

Leider unvermeidlich war daraufhin, über das Paar hinweg, die lautstarke Gegenfrage, ob er denn in diesem Bus in diesem Moment irgend etwas von der Wirkung einer Klimaanlage bemerke. Dabei war der Mann natürlich zu bewundern: Egal, ob die Kühlung funktioniert oder auch überhaupt nur angeschaltet ist ? ihre bloße Existenz bzw. der Hinweis darauf an den Klappfenstern genügt diesem Zeitgenossen, um ihre segensreiche Arbeit zu verspüren. An ihm hätte jede Diktatur ihre Freude.