Archiv für Dezember 2013

Auch ein Fall für den Denkmalschutz

Montag, 30. Dezember 2013

Studenten beklagen sich über unzumutbare Studienbedingungen und fehlenden Wohnraum. Man weiß nicht wohin mit den Flüchtlingen. Der Verfassungsschutz ist außer Kontrolle.

Themen, wie man sie jetzt fast jede Nacht im Fernsehprogramm des RBB sehen kann, in der aktuellen Nachrichtensendung ?Abendschau?. Und zwar jener von vor exakt fünfundzwanzig Jahren.

Der damalige Innensenator Wilhelm Kewenig, der sich gegen Vorwürfe wehren mußte, der West-Berliner Verfassungsschutz habe Journalisten und Oppositionspolitiker bespitzelt, hatte seinen Dienstsitz am Fehrbelliner Platz. Mit dem gesamten CDU/FDP-Senat wurde Kewenig Ende Januar 1989 abgewählt. Er verließ Berlin und starb 1993. Doch im U-Bahnhof Fehrbelliner Platz, hinter dem Gleis Richtung Wittenbergplatz, wird noch heute an ihn erinnert, wie diese Aufnahme vom 3. September 2013 zeigt:

Eine Erinnerung

Die Jugend von heute

Samstag, 28. Dezember 2013

Es gab einmal eine Zeit, da zeichneten sich nicht unwesentliche Teile der Jugend durch etwas aus, das sie für rebellisches Benehmen hielten. Sie stänkerten gegen die Obrigkeit, mißachteten Vorschriften und Verbote nicht nur aus Gleichgültigkeit, sondern aus Überzeugung und mit Vorsatz, sie huldigten dem Hedonismus und dachten nicht an morgen. Freche Parolen kursierten wie ?frei sein ? high sein? oder gar ?legal ? illegal ? scheißegal?.

Diese Zeiten liegen glücklicherweise lang zurück. Welch erfreuliche Früchte die umfassende Umerziehung unserer Gesellschaft mittlerweile trägt, dokumentiert eine Meldung der Berliner Polizei aus den Weihnachtstagen: In der hauptstädtischen U-Bahn ist in der Heiligen Nacht ein Mann attackiert worden. Bedauerlicherweise konnten die drei Angreifer entkommen, und zwar nachdem der Zug den U-Bahnhof Pankstraße erreicht hatte.

Betrachten wir das Verbrechen genauer: In der Berliner U-Bahnlinie 8 (die einen gewissen Ruf hat), im Stadtteil Wedding (der einen gewissen Ruf hat), trifft ein einzelner Fahrgast kurz nach Mitternacht auf drei junge Männer, die womöglich einen gewissen Hintergrund haben und womöglich (noch mehr als sonst) frustriert sind, da der Abend des 24. Dezember in Deutschland der ruhigste, veranstaltungsärmste und ? für Nicht-Weihnachten-Feiernde ? ereignisloseste des ganzen Jahres ist. Diese drei jungen Männer erdreisten sich, gegen das Rauchverbot zu verstoßen, welches selbstverständlich ? im Sinne eines überlebenswichtigen Nichtraucherschutzes und zum Zwecke der Sicherheit und Sauberkeit ? auch in der Berliner U-Bahn strikt, absolut und total ist. Was tut man dann, wenn man spätabends allein in der U-Bahn in einer Gegend mit einem gewissen Ruf mit drei solchen Strolchen konfrontiert wird? Man weist sie natürlich zurecht, auf das Verbot hin und hält sie an, das Rauchen umgehend einzustellen.

Der derart vorbildlich Handelnde, der schmerzhaft die jedem anständigen Menschen bekannte Tatsache bestätigt finden mußte, daß Raucher ganz schlechte Menschen und zu allem fähig sind, zählte dem Vernehmen nach 29 Jahre.

Wunder des Alltags (20)

Montag, 16. Dezember 2013

Manche sagen: Sie wollten das System verändern, statt dessen hat das System sie verändert. Andere freuen sich einfach, daß diese (einstmals) jungen Leute doch wieder vernünftig geworden sind. Doch nur böse Zungen finden, das passe doch hervorragend zur sich anbahnenden ersten schwarz-grünen Liebesheirat auf Landesebene.

In jedem Falle unstrittig dürfte sein, daß ein Biomarkt, der im 21. Jahrhundert noch konkurrenzfähig sein möchte, unbedingt eines Parkplatzes bedarf. Wie sonst sollten Klaus-Günter (63) oder Manuela (55), nachdem sie ihr Einzelkind Sarah-Sophie (8) oder Julian-Justus (6) von der rechtwinkellosen, colatrinkerfreien, gendergemainstreamten Kita mit einem der beiden Familienwagen abgeholt haben, zur Quelle für garantiert antifaschistisch-linksdrehendes Toilettenpapier aus behutsamem, diversitygemanagetem Recycling (acht Rollen sieben Euro) gelangen?

Im schönen Berliner Stadtteil Steglitz, im gutbürgerlichen Berliner Südwesten (seit langem eine Hochburg der Grünen ? und der CDU), geht es nun noch einfacher und vor allem schneller zum guten, umweltbewußten, achtsamen, entschleunigten Leben:

So kauft man heute bio!

Vollkommen zufällig zeitlich zusammentreffendes Geschehen

Montag, 16. Dezember 2013

Am Freitag, als sich Klaus Wowereit wieder zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Berliner Flughafengesellschaft wählen ließ, berichtete die RBB-Abendschau, daß in einem maroden Berliner Schulgebäude ein Fenster bei dem Versuch, es zu öffnen, aus dem Rahmen gefallen ist und drei Schüler verletzt hat. Auch wurde, eher wenig beachtet, bekannt, daß sich die veranschlagten Kosten für die Verlängerung der Berliner Stadtautobahn A 100 ? welche Herrn Wowereit ein besonderes Anliegen ist, weshalb er sie gegen erheblichen Widerstand aus seiner eigenen Partei durchsetzte ? gegenüber den Schätzungen bei Planungsbeginn mittlerweile verdoppelt haben. Womit diesem eher kurzen Abschnitt der Rekord ?teuerstes Autobahnteilstück Deutschlands? weiterhin sicher sein dürfte.

Zum Glück haben all diese Dinge nichts miteinander zu tun. Es ist ja auch nicht so, daß das hochverschuldete Land Berlin für den aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwann einmal fertiggestellten Haupt- und Weltstadtflughafen gerade weitere 400 Millionen Euro bereitgestellt hat. Oder daß viele Schulgebäude in Berlin ? ebenso wie Straßen, Brücken oder U-Bahn-Tunnel ? marode und dringend sanierungsbedürftig sind. Oder, besonders absurde Vorstellung, der Regierende Bürgermeister die Richtlinien der Politik bestimmt und sich der derzeitige Amtsinhaber ebendies eigens in die Landesverfassung schreiben ließ.

Wie kann ein Mensch nur so gemein sein?

Freitag, 13. Dezember 2013

aufsichtsratsvorsitzender-wowereit
Ausdrucken, ausschneiden, aufkleben und beispielsweise am Revers tragen: Solidarität mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Flughafengesellschaft, der seine Sache doch sehr gut gemacht hat!

Als Steigerung von ?Feind? betrachtet der Volksmund bekanntlich ?Parteifreund?.

Gestern hat Dietmar Woidke, noch nicht allzu lange brandenburgischer Ministerpräsident, den Wunsch seines Parteifreundes Klaus Wowereit, allzu lange Regierender Bürgermeister von Berlin, kommentiert, wieder Aufsichtsratsvorsitzender bei der Berliner Flughafengesellschaft zu werden. Eine Idee, von der weder der SPD-Koalitionspartner in Berlin ? die CDU ? noch jener in Brandenburg ? die ?Linke? ? begeistert ist.

Woidke erklärte vor laufender Fernsehkamera, im großen und ganzen habe Wowereit seine Sache im Aufsichtsrat doch sehr gut gemacht.

Und da darf man sich dann doch ein wenig ereifern: Ja, Wowereit hat (auch in diesem Aufsichtsrat und erst recht als dessen Vorsitzender) versagt. Ja, Wowereit hat sich damit alle bundespolitischen Aufstiegsmöglichkeiten verbaut, sich zur nationalen Witzfigur gemacht und ganz Berlin blamiert.

Aber, Herr Woidke: Muß man ihn jetzt auch noch mit derart ätzendem Sarkasmus überziehen?

Bei der Berliner S-Bahn geht’s doch sehr schnell

Montag, 2. Dezember 2013

Am Freitag ist Nikolaus, doch die Nutzer des Berliner ÖPNV müssen noch bis Montag warten, um in den Genuß eines nennenswerten Geschenks zu kommen: Der Wiedereröffnung des S-Bahn-Tunnels, der die nördlichen und die südlichen Strecken miteinander, durch die Innenstadt hindurch und an solchen vielleicht nicht ganz unbedeutenden Stationen wie Oranienburger Straße, Friedrichstraße, Brandenburger Tor oder Potsdamer Platz vorbei, verbindet.

In zwei Abschnitten 1936 und 1939 eröffnet, ist die ?Nordsüdbahn? das Vorbild für die innerstädtischen S-Bahn-Tunnel, die später in Hamburg, München, Frankfurt am Main, Stuttgart oder jüngst in Leipzig entstanden. Mehr als fünfzig Jahre lang war sie in Betrieb, unterbrochen nur durch die Flutung gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, die Streiks 1949 und 1980 sowie eine kurzzeitige Stillegung nach der Übernahme des West-Berliner S-Bahn-Verkehrs durch die BVG Anfang 1984.

Da ist es verständlich, wenn nun gut zwei Wochen lang vor allem die Schienen ausgetauscht werden müssen, was eben während einer Vollsperrung dieser zentralen Strecke geschieht. Schließlich ist an ihr, die zu Zeiten der Mauer größtenteils durch Ost-Berliner Gebiet führte, aber dem West-Berliner S-Bahn-Netz zugeordnet war, seit der Wiedervereinigung kaum gearbeitet worden.

Lediglich 1991 erfolgte eine Sanierung, die im Januar begann, für die ab 2. April 1991 der Verkehr auf dem nördlichen Abschnitt zwischen Friedrichstraße und Gesundbrunnen eingestellt wurde und ab 18. August 1991 auch auf dem südlichen Abschnitt zwischen Friedrichstraße und Anhalter Bahnhof, beides bis zum 1. März 1992.

Da die unterirdische Bahnsteighalle an der Friedrichstraße erst in den siebziger Jahren renoviert worden war, erneuerte man sie bei dieser Gelegenheit nicht. Um es dann doch zu tun ? und auch noch manch anderes ?, wurde der Tunnel vom 16. Juni bis 13. Oktober 2002 erneut gesperrt, bis 18. August sogar nicht nur von Nord- bis Anhalter Bahnhof, sondern gleich bis Yorckstraße. Ab 19. August fuhren die Züge von Süden dann immerhin bis Potsdamer Platz.

Leider hatte man zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen können, daß es notwendig werden könnte, auch im Nord-Süd-Tunnel die Signalanlagen auszutauschen ? wie es im restlichen S-Bahn-Netz bereits geschah. So durften denn die ?Berliner Verkehrsblätter? in ihrer April-Ausgabe 2005 melden: ?Seit dem 28. Februar 2005 ist der Nord-Süd-S-Bahn-Tunnel wieder eine Großbaustelle.? Aber: ?Während die Sanierungen der Jahre 1991/92 und 2002 mehrmonatige Totalsperrungen mit sich brachten, kommt der Baubetrieb jetzt im Wesentlichen mit längeren Betriebspausen und einem auf fünf Minuten erweiterten Zugabstand aus (…).? Wofür die Linie S 25 zwischen Potsdamer Platz und Nordbahnhof unterbrochen wurde. ?Lediglich zwischen den Stationen Anhalter Bahnhof und Yorckstraße wird der Zugverkehr von Juli bis November 2005 eingestellt.? Auf Grund des bekannten Berliner Bautempos wurde aus ?November? dann der 10. Dezember.

Man sieht also: Im Laufe der letzten 23 Jahre fuhren die Züge nahezu ununterbrochen durch den Berliner S-Bahn-Tunnel. Da ist es kein Wunder, wenn nach so wenigen mehrmonatigen Vollsperrungen, Sanierungen, Modernisierungen jetzt mal alle Gleise ausgetauscht werden müssen ? diese sind ja zum Teil schon zwanzig Jahre alt. Die Berliner Medien sind beeindruckt und begeistert von diesen Leistungen. Wie von allem.

?Für weitere Gleis- und Weichenerneuerungen sowie Arbeiten in den Bahnhöfen wird es voraussichtlich ab September 2014 eine mehrwöchige Sperrung auf dem Abschnitt zwischen Gesundbrunnen und Anhalter Bahnhof geben?, verkündet die S-Bahn Berlin GmbH bereits auf ihrer Website. Aber dann, so möchte man anmerken, dürfen sich die Nutzer der Berliner S-Bahn (die ja als ein absolut zuverlässiges, leistungsstarkes, stets voll einsatzfähiges Verkehrsmittel bekannt ist) freuen. Denn dann ist erstmal alles schön erneuert. Und nach den Erfahrungen der letzten Dekaden muß mit der nächsten mehrmonatigen Vollsperrung nicht vor 2018 gerechnet werden.

(Davon unberührt bleibt natürlich, daß die Tunnelstrecke hin und wieder für ein Wochenende stillgelegt werden muß, um zu schrauben und zu putzen.)