Archiv für Oktober 2013

Wunder des Alltags (19)

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Die Förderung des öffentlichen Personennahverkehrs genießt in Berlin seit langem hohe Priorität. Zu den zahlreichen Maßnahmen, welche seine Attraktivität erhöhen sollen, gehört auch, die Zugänge zu den Bussen und vor allem den Bahnen ansprechend zu gestalten. Etwa indem man dies spannender und für den Ortsfremden zu einer echten Herausforderung macht. Wo früher an einer Hauptverkehrsstraße ein schnödes, auf den ersten Blick zu erkennendes Empfangsgebäude stand, heißt es mittlerweile dank optimaler kommerzieller Verwertung des Stadtraums: Hier befindet sich ein S-Bahn-Zugang; versuchen Sie, ihn zu finden!

Eingang zum S-Bahnhof Schönhauser Allee (?)

Zum Glück ist die BVG viel schlauer als der Senat

Montag, 7. Oktober 2013

Unterführung Messedamm

Unterführung Messedamm

Womit man Geld macht …

Vor dem Berliner ICC, unter der Kreuzung Messedamm/Neue Kantstraße/Masurenallee, befindet sich eine Fußgängerunterführung mit einem großen Raum, in den die verschiedenen Zugänge münden. Die Unterführung entstand mit dem ICC in den siebziger Jahren, und bis heute bietet sie sich dar in dem ganz typischen Stil dieser Zeit: Fliesenverkleidung in leuchtendem Orange, große runde Deckenleuchten, ebenso klobige Hinweisschilder mit abgerundeten Ecken.

Zahllosen Menschen mindestens in ganz Deutschland dürfte diese Unterführung bekannt vorkommen, denn sie ist ein beliebter Drehort für Spielfilme, Reklamespots, Musikvideos, und auch Photos werden gern dort geschossen. Der besondere Reiz dieses Ortes liegt wohl darin, daß er so deutlich und nahezu unverändert die Architektur der siebziger Jahre zeigt, inzwischen also ziemlich schrill wirkt, vielleicht auch auf eigenartige Weise schick, in jedem Falle aber schwer retro.

Mittlerweile dürfte die Unterführung ihren festen Platz in den Köpfen und Karteien der Location Scouts und ähnlicher Agenturen haben und mit seiner Vermietung manch Euro verdient werden.

Zwar befindet sich unter dem großen Verteilerraum ein Stück U-Bahn-Tunnel im Rohbau. Doch da dieser bis heute nicht in Betrieb ging, nicht einmal Anschluß an das Berliner U-Bahn-Netz hat, ist für die gesamte unterirdische Anlage der Senat zuständig, nicht die BVG.

Letztere besitzt einige U-Bahn-Stationen samt großer Verteilergeschosse im Stile der siebziger Jahre. Bis vor zwei Dekaden besaß sie noch viel mehr davon. Seither mußten Anlagen wie am Fehrbelliner Platz, am Adenauerplatz, an der Wilmersdorfer oder an der Osloer Straße ?aufgefrischt? werden, wie das im Reklamesprech für die Medien und die Beförderungsfälle heißt: ?Da sie in die Jahre gekommen waren? hat man sie ?an den heutigen Geschmack angepaßt?.

Das bedeutet: Die Architekturmode der Siebziger wurde beseitigt, zugunsten der Architekturmode der Nullerjahre. Tapfer verhindert die BVG, die seit Jahren mit erheblichen finanziellen Problemen kämpft, auf diese Weise auch, daß ihre U-Bahnhöfe am Ende noch zu beliebten Schauplätzen für Film- oder Photoshootings werden. Schon darf man darauf warten, daß demnächst auch im ausgedehnten Zwischengeschoß des U-Bahnhofs Rathaus Steglitz die silbernen Blechverkleidungen ? für Nachgeborene ?spacig? ? verschwinden, und im U-Bahnhof Schloßstraße auch in der unteren, zur Stillegung vorgesehenen Bahnsteighalle die Kunststoffelemente vom Sichtbeton gerupft werden, statt diesen Stationsteil künftig lukrativ zu vermieten.

Soll der Senat doch machen, was er will ? auch mit den Geist vergangener Zeiten zeigenden Bauten soviel Geld, wie er will. Die BVG möchte diese Filmfritzen und anderes Künstlervolk jedenfalls offenbar nicht öfter bei sich sehen als unbedingt nötig. Und glaubt unerschütterlich daran, daß der schlechte Geschmack von heute viel besser und wertvoller ist als jener früherer Jahrzehnte.

… und womit nicht:

Nicht mehr lange zu sehen: U-Bf Schloßstraße, untere Bahnsteighalle

Vor der Neugestaltung: U-Bf Rathaus Steglitz Bahnsteighalle

Auch das war bald einmal: U-Bf Rathaus Steglitz, Zwischengeschoß

Bei anonymen Schreiben nie die Angabe des Absenders vergessen!

Samstag, 5. Oktober 2013

Zum grundlegenden Handwerkszeug eines jeden Journalisten gehört es, seine Quellen zu schützen. So hält es natürlich auch das Berliner Boulevardblatt BZ, wenn es einen in der hauptstädtischen U-Bahn tätigen Fahrkartenkontrolleur aus dem Nähkästchen plaudern läßt. Über ?Maik S. (27) aus Hellersdorf? erfahren wir daher nur, daß der ?1,95-Meter-Hüne? früher in der Gastronomie arbeitete, dereinst mehrfach selbst beim Schwarzfahren erwischt wurde, er seiner jetzigen Profession seit fünf Jahren nachgeht, dafür 8,25 Euro in der Stunde erhält und er ?anonym bleiben will?.

Zweifelsohne wird dank des perfekten Informantenschutzes der BZ nie jemand herausbekommen, wer hier ?trotz Maulkorb vom Arbeitgeber? Interna verraten hat.