Archiv für August 2013

Die tausend Augen der Dr. Nikutta

Samstag, 31. August 2013

Im Berliner Untergrund kann jetzt eigentlich nichts mehr passieren. Zumindest nicht auf den U-Bahn-Stationen Alexanderplatz, Kottbusser Tor und Zoo. Denn anders als bei den anderen 170 Berliner U-Bahnhöfen werden die Bilder, welche die Überwachungskameras von diesen drei Stationen liefern, seit neuestem live angeschaut: Von frühmorgens bis tief in die Nacht, am Wochenende gar rund um die Uhr, sitzen Polizeibeamte, die sich sicher sehr freuen, daß ihnen eine so verantwortungsvolle, abwechslungsreiche Aufgabe übertragen wurde, dem Vernehmen nach vor Bildschirmen und beobachten, was auf diesen U-Bahnhöfen vor den tausend Augen der Dr. Nikutta geschieht. Sollte es etwas Arges sein, das nach polizeilichem Eingreifen ruft, werden diese wackeren Ordnungshüter ihre Kollegen alarmieren ? und schon nach wenigen Minuten soll dann etwa einem Schläger Einhalt geboten werden und er wird dingfest gemacht ? sofern er so freundlich war, nicht zuvor selbst etwas zu machen, nämlich sich aus dem Staub.

Groß dürfte die Genugtuung bei jenen sein, die fest daran glauben, auch noch den letzten Winkel des öffentlichen Raums der Überwachung durch den Großen Bruder zu überantworten, steigere die Sicherheit ? also CDU-Anhänger, BZ-Leser oder Polizeigewerkschafter. Wobei bei letzteren ganz sicher keine Rolle spielt, daß sie gelegentlich ausrechnen, wie viele ? möglichst neue ? Polizistenstellen man benötigt, um sich permanent die Bilder von 173 U-Bahnhöfen anzusehen. Ganz zu schweigen von den S-Bahnhöfen, Bus- und Straßenbahnhaltestellen.

Und bestimmt nicht wird das staunende Publikum bald von dem ersten Fall erfahren, in dem Schlimmes auf den drei live überwachten U-Bahnhöfen unbemerkt geblieben ist, weil die Aufsichtsbeamten abgelenkt, unaufmerksam oder einfach von ihrer Tätigkeit unglaublich angeödet waren.

Unverbesserliche Daisy

Mittwoch, 28. August 2013

Erinnern Sie sich?

Marcus Schomaker hat seine Website Berliner Untergrundbahn leider seit vier Jahren nicht mehr aktualisiert. Doch wenn wir den dortigen Angaben glauben wollen ? und warum sollten wir das nicht? ?, gibt es heute ein wunderschönes Jubiläum zu feiern: Seit zehn Jahren sind sämtliche Berliner U-Bahnhöfe mit DAISY ausgestattet.

Das Dynamische Auskunfts- und Informationssystem erfreut bis heute mit einer oft ganz eigenen Interpretation des Geschehens an den Bahnsteigkanten (feindlich-negative Elemente sagen: es funktioniert nicht richtig und ist oft ungenau), fordert heraus mit nicht allzu gut lesbarer Schrift, die stark an den in den siebziger Jahren eingeführten Videotext erinnert (im Gegensatz zu diesem jedoch einfarbig ist) und fasziniert durch eine originelle Prioritätensetzung bei den übermittelten Informationen. So erfährt der Beförderungsfall zwar nicht, wie lang der angekündigte Zug ist (und Angaben wie ?Kurzzug hält mittig? sind notorisch falsch, was manch müdem Fahrgästen zu einem flotten Spurt über den Bahnsteig verhilft), dafür wird er häufig auf das Rauchverbot hingewiesen oder kommt in den Genuß der Friseusenverhinderungsfunktion.

In jedem Fall ist DAISY ? vergleicht man es etwa mit den elektronischen Anzeigetafeln der S-Bahn, ganz zu schweigen von denen in anderen Städten ? schon zehn Jahre nach Abschluß seiner flächendeckenden Einführung eine schöne Erinnerung an ein vergangenes Stadium der technischen Entwicklung. Und genau genommen war DAISY das auch schon vor zehn Jahren.

Glückwunsch nach Sachsen

Montag, 26. August 2013

Glückliches Dresden: Dort sind ab heute alle Verkehrsprobleme gelöst. Oder doch zumindest die allerdrängendsten. Denn heute wird die Waldschlößchenbrücke für den Kfz-Verkehr freigegeben. Jene Brücke, die zu bauen vielen Dresdnern so wichtig war, daß sie dafür nicht nur einen der bemerkenswertesten Naturräume in einer europäischen Großstadt opferten, sondern sogar den Status des Dresdner Elbtals als Welterbe der UNESCO. Man muß eben Prioritäten setzen. Welche diese in Dresden sind, wurde mit dem mit vielen kühnen Winkelzügen und gerade einmal 180 Millionen Euro ermöglichten Bau der Waldschlößchenbrücke eindrucksvoll bewiesen. Man sollte sich fortan stets daran erinnern, wenn einem die Dresdner etwas erzählen wollen vom in ihrer Stadt herrschenden Sinn für Kultur.

Viel fürs Geld

Samstag, 24. August 2013

Umfassende Fahrgastinformation ist bei der BVG selbstverständlich. So erfährt man beispielsweise, wohin man mit einer Linie irgendwie kommt, auch wenn der betreffende Wagen nicht dorthin fährt.

An der Haltestelle Prenzlauer Allee/Ostseestraße führt dies dazu, daß die Züge der derzeit baustellenbedingt unterbrochenen Straßenbahnlinie 12 Richtung Westen weiterhin die Zielangabe ?Mitte, Am Kupfergraben? führen, obwohl man, will man Richtung Mitte, Am Kupfergraben, an ebendieser Haltestelle den ersatzweise verkehrenden Bus besteigen muß, da die Züge wenige Meter weiter ihren üblichen Weg verlassen und zur Björnsonstraße verkehren.

Davon ließ ich mich unlängst nicht irritieren, nahm eines Abends von Prenzlauer Allee/Ostseestraße statt der umgeleiteten 12 die M13 und fuhr mit dieser bis zum S-Bahnhof Bornholmer Straße.

Hier wartete die nächste Aufgabe: ?Zwischen Yorckstraße und Schöneberg Bus-Ersatzverkehr? verkündete der Anzeiger für die S 1 Richtung Süden. Dazu als Zielangabe ?Priesterweg?, derweil an der Zugstirnseite ?Anhalter Bahnhof? stand.

Klug wollte ich Richtung Steglitz die Unterbrechung umfahren, stieg am Gesundbrunnen aus ? um dort zu erfahren, daß derzeit alle Ringzüge vom benachbarten Bahnsteig verkehren. Treppab, treppauf, und da kam auch schon ein Zug ? der allerdings hier endete und in Richtung Schönhauser Allee zurückfuhr. Die S-Bahn von und nach Westen würde danach eintreffen, verkündete die Ansage. Einige Minuten und viele irritierte Fahrgäste (von denen nicht wenige wieder dorthin zurückfuhren, woher sie gekommen waren, was mich besonders empörte, da sie dies nun womöglich nicht mehr im Besitz eines gültigen Fahrscheines taten) später, zockelte ich auch schon zur Station Westhafen.

Einen Moment lang erwog ich, im Zug zu bleiben, um über den Ring zum S-Bahnhof Schöneberg zu gelangen ? doch dann fiel mir ein, daß ich dafür wohl den großen Umweg über den Osten hätte machen müssen, da der große Umweg über den Westen derzeit durch die Bauarbeiten zwischen Bundesplatz und Schöneberg versperrt ist. Dort müssen nämlich die Schienen ausgetauscht werden. Nach zwanzig Jahren sei dies überfällig, entnahm ich den Berliner Qualitätsmedien. Und fragte mich, auf wie viele Streckensperrungen man sich gefaßt machen muß, wenn jetzt überall Schienen schon nach zwanzig Jahren Nutzung ausgetauscht werden müssen.

Diese Woche war dann der S 1-Bahnhof Yorckstraße auch abends wieder geöffnet. Damit es nicht zu langweilig wurde, zeigten die dynamischen Anzeiger sich wenig dynamisch, sondern lediglich die Angabe ?Bitte Ansagen beachten? an. Was neben mir viele andere Fahrgäste gern getan hätten, wenn denn welche erfolgt wären. Nach etwa zehn Minuten hatte das Warten ein Ende: Vorgaben zu unserem weiteren Verhalten wurden erteilt ? ohrenscheinlich durch einen einzigen Lautsprecher am anderen, wenig frequentierten Ende des Bahnsteigs. Um wieviel größer war die Freude, als nur wenige Minuten später ein Zug eintraf ? auf dem eigentlich falschen Gleis und nicht nach Potsdam oder wenigstens Wannsee, sondern nur nach Zehlendorf, aber immerhin.

So viel Spannung, Überraschung und Abenteuer kann man erleben, wenn man insbesondere abends den Berliner ÖPNV benutzt. Und so viel Zeit in ihm zubringen. Angesichts dessen war die letzte Tariferhöhung eindeutig knapp bemessen. Gut, daß die nächste sicher nicht fern ist.

Wunder des Alltags (18)

Freitag, 23. August 2013

In Berlin greift man jetzt durch gegen gewissenlose Subjekte, welche um ein Haar die gesamte Menschheit ausgerottet hätten: Zutritt zu hauptstädtischen U-Bahnhöfen erhalten nur noch Nichtraucher.

Die Raucher sind unser Unglück!

Wollt Ihr die totale Privatisierung?

Dienstag, 13. August 2013

Beileibe nicht nur, aber wieder einmal besonders deutlich zeigen sich die Ergebnisse neoliberaler Politik derzeit am Mainzer Hauptbahnhof. Dabei findet man jedoch auch die Regel bestätigt, daß sich wahrhaft Gläubige durch nichts so schnell erschüttern lassen ? schon gar nicht durch Fakten.

Also tönt es aus den Reihen der FDP ? nicht nur von ihrem Spitzenmann für die Bundestagswahl Rainer Brüderle ?, die umfangreiche Verkehrseinschränkungen bewirkenden Personalprobleme im Mainzer Stellwerk seien nicht etwa die Folge des Glaubens, man müsse nur alles der privaten Wirtschaft, dem freien Markt und dem Streben nach möglichst großem, möglichst schnellem Profit überlassen, sondern im Gegenteil das Ergebnis halbherzigen Strebens in Richtung Börsengang der Bahn und vollständiger Durchökonomisierung auch dieses Zweiges der Wirtschaft, der Infrastruktur, des öffentlichen Lebens und eigentlich staatlicher Daseinsvorsorge. Wobei natürlich auch kaum ein Qualitätsjournalist auf die Idee kommt, einmal darauf hinzuweisen, daß die Verstaatlichung der Eisenbahn dereinst ? wie im Falle der Post ? dem Ziel diente, über die dort Beschäftigten besser verfügen und damit das Funktionieren dieses Unternehmens besser sicherstellen zu können.

Wozu auch? Die FDP und ihre Gesinnungsgenossen wissen, wie es geht: Funktionierende Betriebe bekommt man, indem man weiterprivatisiert, wenn alles in Scherben fällt. Allgemeinen Wohlstand erhält man, wenn der Staat sich möglichst wenig in die Wirtschaft einmischt und das Kapital einfach mal machen läßt. Feuer löscht man am besten, indem man Öl hineingießt. Denn das ? nicht trinkbare ? Wasser benötigen ja ganz dringend jene, bei denen gerade alles überflutet ist.

Das regelt alles der Markt

Sind nicht auch Sie der Meinung …

Dienstag, 6. August 2013

Am Wochenende ist die Nachrichtenlage oft dünn, erst recht im Hochsommer. Wie gut, daß das auch die PR-Fritzen wissen und die Journalisten gerade in dieser Zeit mit Meldungen versorgen, die sie schon immer gern mal in den Medien placiert sehen wollten.

So vermeldete die Tagesschau am vergangenen Wochenende: ?Immer mehr Großstädter besitzen kein eigenes Auto.? Der Trend gehe zum Car-Sharing. Aber sowas von.

Der Beweis: 2003 seien in der Bundesrepublik nur 59.500 Menschen bei Car-Sharing-Diensten angemeldet gewesen. 2013 bereits 453.000.

Das ist natürlich eine zutiefst beeindruckende Entwicklung. Setzt sie sich im gleichen Tempo fort, werden bereits im Jahre 2103 nahezu vier Millionen Menschen angemeldet sein. Wenn die Bundesrepublik nach Meinung irgendwelcher Experten weit weniger Einwohner zählen wird als die heutigen gut achtzig Millionen.

Und sicher werden all diese nahezu vier Millionen Angemeldeten die Autoteilung auch nutzen, und zwar regelmäßig, so wie sich unter den derzeit 453.000 Angemeldeten bestimmt so gut wie gar keine Karteileichen befinden.

Die Zahlen stammten übrigens vom ?Bundesverband CarSharing?, und zweifellos war der ganze Fernsehbeitrag nicht von diesem angeregt gewesen, weshalb es einzig und allein freier, unabhängiger, öffentlich-rechtlicher Qualitätsberichterstattung zu verdanken war, daß in ihm der Eindruck erweckt wurde, als wären Autobesitzer fast so schlimm wie Raucher, mindestens aber so übel wie Kaffeetrinker.

Apropos Beitrag: Bei solch journalistisch anspruchsvoller Rundfunkgrundversorgung, bei welcher sich Journalisten nicht zum verlängerten Arm von Werbefuzzis und Lobbyisten machen lassen oder ihre eigenen Wunschvorstellungen als Realität verkaufen, zahlt man doch gern seinen Rundfunkbeitrag.

P.S.: Am Sonntag gab es für den ZDF-Videotext übrigens nichts Wichtigeres als die Forderung nach Ganztagsschulen, welche lautstark durch unser Land schallen würde. Eigenartigerweise fand man zu diesem nach ZDF-Auskunft höchstrangigen Thema, welches den Menschen in unserem Lande auf den Nägeln brenne wie kein anderes, bei der ARD zur gleichen Zeit nicht ein Wort.

Was, wenn ich meine Mobilitätsration bereits aufgebraucht habe?

Montag, 5. August 2013

Grüne schlagen zurück

Heute erfreut alle tugendhaften BürgerInnen die Meldung, die Grünen wollten die Welt verbessern mit der Einführung eines fleischlosen Tages in Kantinen.

Nicht zuletzt ältere Menschen wird dies freuen: Was jetzt schick und modern, hip und lässig (da englisch) ?Veggie Day? heißt, kannten sie in ihrer Jugend bereits als ?Eintopfsonntag?.

Es war eben nicht alles schlecht?

Natürlich kann dies nur ein weiterer kleiner Schritt auf dem langen Weg der Behebung der Not von Völkern und Umwelt durch umfassende Verhaltensregeln sein. Aus denen sich, keineR wird dies verschweigen, natürlich auch manch Problem ergeben kann.

Was mache ich zum Beispiel, wenn ich mich erst morgen wieder zum Einkaufen begeben kann, weil ich im laufenden Zeitraum bereits alle mir zustehenden Bus- und Bahnfahrten verbraucht habe, aber ausgerechnet dann zuckerfreier Tag ist, übermorgen fettfreier Tag und anschließend eine nicht nur kaffee-, sondern auch kuchenfreie Woche beginnt? Werden meine GästInnEn es freudig begrüßen, wenn ich ihnen nur betacarotinreduzierte Möhren aus antifaschistischem Anbau vorsetze, mit dem Hinweis, wie jedeR anständige BürgerIn nicht als Volksgesundheitsschädling gelten zu wollen?

Freilich sollte sich von solchen kleinen, vorübergehenden, vor allem unseren Feinden geschuldeten Schwierigkeiten niemand und niefraud beeindrucken lassen. Oder gar dazu verleiten, unverbesserliche Nörgler und Ewiggestrige, die in der Warteschlange die Stimmung feindlich-negativ zu beeinflußen zu versuchen und Gedankenverbrechen begehen, den BehördInnen zu melden.

Und immer daran denken: Es geht nicht um Bevormundung und Umerziehung, sondern nur um die Rettung des Universums. Und auch überhaupt nicht um Vorschriften und Gesetze. Es dauert schon noch ein paar Jahre, bis es auch zum Thema Fleischverbot völlig überrascht und überraschend heißt: ?Freiwillige Regelungen haben nichts gebracht.?

Heute ist ein guter Tag für Berlin-Brandenburgs Beförderungsfälle!

Donnerstag, 1. August 2013

Denn heute tritt mal wieder eine saftige Fahrpreiserhöhung ? pardon: natürlich eine moderate Tarifanpassung im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) in Kraft. Und das heißt: Nach den Erfahrungen der jüngsten Zeit sind die VBB-Nutzer heute so weit wie nie von der nächsten Tarifangleichung entfernt. Nämlich genau ein Jahr.