Archiv für Juli 2013

Vom Team zum Point

Mittwoch, 31. Juli 2013

Service Points will die BVG auf diversen U-Bahnhöfen einrichten, hat sie dieser Tage erklärt. Mitarbeiter, welche man aus anderen Bereichen hierher straf-, pardon: für diese Aufgaben freigestellt habe, stünden künftig bereit, um Auskünfte zu geben oder Fahrkarten zu verkaufen. Auch würde durch ihre Anwesenheit das Sicherheitsgefühl der Fahrgäste erhöht.

Böse Zungen könnten bemerken, in der Berliner U-Bahn müsse es mittlerweile arg zugehen, wenn auch schon deren Betreiber der Ansicht sei, auf relativ belebten Stationen müsse vor- oder nachmittags das Sicherheitsgefühl erhöht werden.

Weniger übelmeinende Zeitgenossen wissen natürlich, daß die Service-Point-Mitarbeiter bestimmt ohne weiteres bis 22 Uhr oder ? mindestens ? Mitternacht Dienst tun werden. Und an den Wochenenden, wenn die U-Bahn keine Betriebspause macht, sogar die ganze Nacht hindurch.

Weshalb es nicht die bessere Idee gewesen wäre, lieber jene MitbürgerInnen mit Migrationshintergrund mit dem Service zu betrauen, die tatsächlich seit Jahren das Sicherheitsgefühl auf vielen U-Bahnhöfen erhöhen, indem sie ihre dort befindlichen Kioske und Läden bis spät in die Nacht ? nicht selten auch über Mitternacht hinaus ? offenhalten.

Doch halt, Geisterbahnhöfe, auf denen der Fahrgast sich allein wiederfinden kann ? womöglich mit einigen finsteren Gestalten ? gibt es bei der Berliner U-Bahn ja nicht: Als die Zugabfertiger vor einigen Jahren wegrationalisiert wurden, sollten sie schließlich weiterbeschäftigt werden als mobile Serviceteams, als Bahnhofsbetreuer, welche zwischen den ihnen anvertrauten Stationen hin- und herfahren und darauf warten, von Beförderungsfällen angesprochen zu werden.

Falls Sie ein solches Serviceteam noch niemals gesehen haben, liegt das nur am Zufall oder an Ihnen. Und bald schon sind die Mitarbeiter ja problemlos zu finden: im Service Point. Zumindest bis zur nächsten Einsparungsrunde.

Bahn-Chef Grube gegen Halt von Fernzügen im Ostbahnhof, in Südkreuz und Gesundbrunnen

Freitag, 26. Juli 2013

Deutsche-Bahn-Chef Grube hat sich dagegen ausgesprochen, weiterhin Fernzüge in den Berliner Stationen Ostbahnhof, Südkreuz und Gesundbrunnen halten zu lassen.

Zumindest ergibt sich dies aus seiner Ablehnung der nun auch vom Berliner Senat vorgebrachten, in den Augen der DB AG ganz seltsamen Idee, Fernzüge nicht weiterhin durch den Bahnhof Zoo nur fahren, sondern dort auch wieder stoppen zu lassen: Man betreibe Hochgeschwindigkeitszüge, die nicht dafür angelegt seien, kurz hinter dem Hauptbahnhof schon wieder zu halten, ließ sich Grube zur Begründung zitieren. Was dann natürlich auch für die drei anderen bisherigen Fernbahnhalte gelten muß, die vom famosen Hauptbahnhof nicht viel weiter entfernt sind als der Bahnhof Zoo.

Natürlich geht es bei der Abneigung der DB AG gegen einen Halt am Zoo nicht darum, daß der Hauptbahnhof ein in eher öder Gegend errichtetes Einkaufszentrum ist, in dem ganz oben und ganz unten auch noch ein paar Züge verkehren, und dem man mit allen Mitteln Kunden zuführen mußte und offenkundig noch immer muß. Und natürlich werden von den Berliner Qualitätsmedien solche komplizierten Zusammenhänge nicht wieder einmal ignoriert und wird stattdessen lieber pseudokritisch irgendetwas dahergeplappert von ?Westalgie?.

Blüten am Wegesrand (12)

Donnerstag, 18. Juli 2013

Vor nicht allzu langer Zeit wurde die obere Bahnsteighalle der 1961 eröffneten Station Kurfürstendamm komplett neu verkleidet, wobei das ursprüngliche Erscheinungsbild mehr oder weniger gewahrt wurde. Erneuert wurden auch die Sitzbänke, die ? dem damaligen Zeitgeist entsprechend ? betont schlicht gehalten waren: In flachen Nischen der Längswände beider Seitenbahnsteige jeweils drei Holzbretter, um sich auf ihnen niederzulassen, und drei identische Holzbretter an den Wänden als Rückenlehnen. Relativ helles Holz, so behandelt, daß die Maserung sichtbar bleibt.

Vorher

Dieser Tage fand die BVG nun, es sei an der Zeit, damit zu beginnen, die mittlerweile durch intensive Nutzung etwas fleckig gewordenen Bänke anzustreichen ? in einem dunklen Blaugrau, welches stark an jene Unfarbe erinnert, die entsteht, wenn man im grundschulüblichen Tuschkasten alle Farben miteinander vermengt.

Nachher

Der U-Bahnhof Kurfürstendamm steht übrigens unter Denkmalschutz. Änderungen an eingetragenen Baudenkmalen dürfen nur mit Zustimmung der zuständigen Behörde vorgenommen werden. Ärger kann sich bereits einhandeln, wer eine Tür im Innern seines denkmalgeschützten, nicht der Öffentlichkeit zugänglichen Hauses in einer falschen Farbe streicht.

Das gilt jedenfalls für private Denkmalbesitzer.

Etwas Farbe schadet nie

Aufnahmen vom 6. Juli 2013.

Der unbekannten Zugluftphobikerin

Donnerstag, 4. Juli 2013

Sie möchte nicht jung sterben.

Gerade eben in der S-Bahn: Die Außentemperatur beträgt, am späten Abend, zirka zwanzig Grad; in den Wagen sind es also vermutlich dreißig. An dem Zug, der kommt, sind alle Fenster geschlossen. Nach dem Einsteigen betrachte ich die recht zahlreichen Mitreisenden: schätzungsweise dreißig Prozent alte Leute, fünfzig Prozent Frauen. Die Chancen, daß meinem Wunsch nach dem Öffnen wenigstens einer einzigen Fensterklappe entsprochen würde, stehen also ganz hervorragend. Sicher sind das auch nicht Zeitgenossen jenes Kalibers, die bei sich japsend den Lungenkrebs wachsen spüren, sobald sie jemanden auf dem Bildschirm rauchen sehen.

Ich denke daran, wie lustig das noch wird, wenn in zwanzig, dreißig Jahren ein sehr großer Teil der Bevölkerung im (jetzigen) Rentenalter ist und bis dahin Beckenbodengymnastik nicht Volkssport geworden sein sollte.

Und aus unerfindlichen Gründen fällt mir mein nachfolgender Text ein aus ?Das Sommerhasserbuch?, erschienen im Berliner Verlag Matthias Herrndorff und dort wie im bundesdeutschen Buchhandel erhältlich für 8,90 Euro (104 Seiten, ISBN 978-3-940386-20-5).

Busfahren

Manchen Menschen kann es gar nicht heiß genug sein. Insbesondere sie können sich an den mobilen Saunen erfreuen, welche seit einigen Jahren durch eine wachsende Zahl von Städten fahren. Denn die Klimaanlagen, die sich die in der Regel hoch defizitären und verschuldeten Verkehrsbetriebe leisten, sorgen dafür, daß es im Sommer in vielen dieser auch als Busse bezeichneten Gefährte wärmer ist als draußen. Sie meinen, das liege daran, daß das Gerät angesichts des dauernden Tür auf ? Tür zu mit dem Kühlen kaum nachkomme? Einmal abgesehen davon, daß bekannt sein sollte, wie häufig Stadtbusse halten und folglich zu fragen wäre, wie sinnvoll eine solche Investition dann überhaupt ist ? der Sommerhasser ist an einem Abend, als es schon recht frisch war, mit einem klimatisierten Bus gefahren, in dem schätzungsweise noch immer mollige dreißig Grad herrschten. Und an einem jener unsäglichen Nachmittage mit fünfunddreißig Grad im Schatten, als die Straßen wegen der Hitze so leer waren wie sonst nur am Heiligen Abend oder während eines Spiels der Fußball-Nationalmannschaft, saß er in einem Wagen mit lediglich vier, fünf Leidensgenossen, der mangels Nachfrage kaum hielt, also auch nur selten die Türen öffnete ? dennoch war es in dem Fahrzeug nicht spürbar kühler als draußen.

In primitiven Gegenden der Welt hat man ein demgegenüber verblüffend simples Konzept: Man läßt einfach die Scheiben fort. In Deutschland gab es das dereinst auch, insbesondere die seinerzeit allgegenwärtigen Straßenbahnen verfügten sogar über entsprechende Sommerwagen. Doch heute ist derlei natürlich nicht mehr denkbar, nicht nur, weil damit die für Reklame zur Verfügung stehende Fläche dramatisch reduziert würde. Auch lassen sich die Fenster in öffentlichen Verkehrsmitteln kaum noch öffnen, schon gar nicht vollständig. Ist doch glücklicherweise der Fortschritt über uns gekommen ? weniger der technische, denn der soziale: Früher war man noch nicht der Meinung, geistig Minderbemittelte, die ihren Kopf beispielsweise weit aus dem fahrenden Zug stecken, unbedingt von ihrem idiotischen Tun abhalten zu müssen. Davor warnende Hinweise an jedem Fenster erachtete man als absolut ausreichend. Sollten demnächst einige hirnlose Halbwüchsige auf die Idee kommen, die Arme durch die wenigen verbliebenen Lüftungsklappen zu quetschen und dann die eine oder andere Gliedmaße an einem Signalmast einbüßen, wird unsere sicherheitsbesessene Gesellschaft fraglos für eine vollständige Versiegelung der Fenster sorgen.

Bereits vorweggenommen wird diese durch die panische Angst vor dem kleinsten bißchen Zugluft, die ein untrügliches Zeichen dafür darstellt, daß man alt wird: Kaum hat man einen Wagen bestiegen, werden auch bei brütendster Hitze erstmal möglichst alle Klappen geschlossen (sollte sich wirklich einmal Protest dagegen zu regen wagen, wird dieser mindestens mit Gejammer pariert, glaubt der Zugluftphobiker doch, nun den unausweichlichen Tod vor Augen zu haben). Und bei Vorhandensein einer Klimaanlage lassen sich die Fenster meist natürlich gar nicht mehr öffnen, ob diese nun funktioniert (oder überhaupt eingeschaltet ist) oder nicht.

So ist selbst im Sommer das Autofahren in aller Regel angenehmer als die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel: Mag das geparkte Vehikel sich in der prallen Sonne auch noch so unerträglich aufgeheizt haben ? wenigstens bringt hier der Fahrtwind Erleichterung.