Archiv für März 2013

Veränderte Risikobewertung: Berliner U-Bahn aus Sicherheitsgründen geschlossen!?

Mittwoch, 27. März 2013

Regionalbf Potsdamer Platz

Ohne Rauchschürzen!
Regionalbahnhof Potsdamer Platz ? Eine Todesfalle (nach Hamburger Lesart)

Böse Zungen behaupten, jetzt zeige sich, welch großes Glück Berlin hatte, daß bei der Abgeordnetenhauswahl 2011 die Grünen nicht annähernd so gut abschnitten wie zwischenzeitlich erwartet und daher ihre Spitzenkandidatin Renate Künast nicht Regierende Bürgermeisterin wurde.

Böse Zungen behaupten ferner, die Grünen wären mittlerweile mehrheitlich und in ihrer Regierungspraxis zu Leuten jenes Kalibers geworden, die die Grünen früher bekämpft haben (wobei es tatsächlich keine Rolle spiele, wer in diesem Satz Objekt und wer Subjekt sei). Motto: Die schärfsten Kritiker der Elche werden später selber welche. Dazu gehöre, daß grüne Politiker nichts lieber täten, als sich immer neue Verbote auszudenken und die lieben Bürgerinnen und Bürger umfassend zu bevormunden, da man ständig neue Gefahren entdeckt, vor denen unsere Menschen ganz dringend geschützt werden müssen.

Das ist natürlich Unfug. Denn ebenso natürlich ist es reiner Zufall, daß in Stuttgart nur kurz nach dem Amtsantritt des ersten grünen Oberbürgermeisters der Stuttgarter Fernsehturm für Besucher von heute auf morgen gesperrt wird. Womöglich, so heißt es, für immer. Denn nach gerade einmal 57 Jahren Betrieb wurde von der zuständigen städtischen Aufsichtsbehörde festgestellt, daß es sich bei dem Stuttgarter Fernsehturm ? der im vergangenen Jahr noch 330.000 Besucher zählte ? um EINE TODESFALLE handelt: Im Brandfalle würde die Evakuierung viel zu lange dauern, die Fluchtwege reichten nicht aus, die Nottreppe sei zu steil, und überhaupt.

Das ist natürlich richtig. Ebenso wie der Kommentar des grünen Oberbürgermeisters, ?die Risikobewertung habe sich im Laufe der Zeit in Deutschland und in Stuttgart so geändert, dass es heute keine andere Möglichkeit mehr gebe, als den Besucherverkehr auf dem 217 Meter hohen Turm zu untersagen? (Zitat SWR-Videotext).

Ständig ändert sich die Risikobewertung. Man denke nur daran, wo früher überall geraucht wurde. Währenddessen vermehrte sich die Menschheit im zwanzigsten Jahrhundert ? in dem mehr Tabak konsumiert wurde als jemals zuvor ? von rund zwei auf mehr als sechs Milliarden Menschen. Dann erfuhren wir, dank neuer Risikobewertung, daß der Tabak fast die gesamte Menschheit ausgerottet hätte.

Oder Tunnelbahnhöfe: In Hamburg beispielsweise rupfte die Bahn AG schon vor Jahren die Verkleidungen von den Decken der unterirdischen S-Bahnsteighallen, ohne Rücksicht darauf, wie diese nun aussehen, aber mit Rücksicht auf eine geänderte Risikobewertung. Alle Ausgänge wurden mit bis auf knapp zwei Meter über dem Boden heruntergezogenen Rauchschürzen optisch verbarrikadiert. In Berlin dagegen betreibt dieselbe Bahn AG, zu Füßen ihrer Konzernzentrale, einen unterirdischen Regionalbahnhof, durch den im Brandfalle der Rauch völlig ungehindert ziehen könnte, bis auf die Galerien.

Auch da muß das Risiko neu bewertet werden. Wobei es in konsequenter Weiterentwicklung der vorhandenen Hyste-, pardon: Risikobewertung eigentlich nur einen letzten Schluß gibt: In einem Bahnhof, der geschlossen ist, können Fahrgäste keinerlei wie auch immer gearteten Gefahr ausgesetzt werden. Eine Bahn, die nicht fährt, kann nicht verunglücken.

Und deshalb hätte eine Regierende Bürgermeisterin Renate Künast, nachdem sie und ihre ExpertInnEn erkannt hätten, welch immense Gefahren so ein Bahnbetrieb birgt, die Berliner U-Bahn stillgelegt. Behaupten böse Zungen.

Man weiß wirklich nicht, wie die auf sowas kommen.

S 21 auch in Berlin!

Dienstag, 26. März 2013

Wird auch links bald ein Zug kommen?
Wird auch links bald ein Zug kommen?

Was man auf dem obigen, im April 2009 vom Berliner U-Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park aus gemachten Bild sieht, kann man so nicht mehr sehen: Die U-Bahn-Rampe zum Potsdamer Platz wurde inzwischen vollständig überbaut. Und dabei links Platz gelassen, falls die seit den dreißiger Jahren geplante zweite S-Bahn-Strecke von Süden zum Potsdamer Platz doch noch entsteht.

Aus Richtung Norden wächst die Verbindung ? für die auch die Bezeichnung ?S 21? kursiert ? ja bereits: Vom Ring zum Hauptbahnhof, und nun wurde verkündet, daß im dortigen neuen unterirdischen S-Bahnhof nicht ?Kopf gemacht? werden soll, sondern man den Tunnel gleich weiterbauen will, bis zum in den dreißiger Jahren vorbereiteten Anschluß an den bestehenden Nord-Süd-Tunnel am Brandenburger Tor. Die Fortführung nach Süden, vom Potsdamer Platz über Gleisdreieck nach Yorckstraße, ist noch offen.

Es entsteht also eine zweite Nord-Süd-S-Bahn. Gut für alle, die zum Hauptbahnhof wollen. Oder schnell die Innenstadt durchqueren, denn auf der neuen Strecke wird es zwischen Potsdamer Platz und Gesundbrunnen vermutlich nur zwei Zwischenstopps geben, gegenüber fünf auf der alten. Schlecht für alle, die nach Mitte wollen, denn zum Brandenburger Tor und zu den Linden, zur Friedrich- oder zur Oranienburger Straße kommt man künftig von der S 1 ? die den neuen Tunnel nehmen soll ? nur noch mit zusätzlichem Umsteigen. Und auf der alten Strecke wird der Verkehr nördlich von Potsdamer Platz ausgedünnt.

Man könnte natürlich sagen: Mit Ringkonzept wär das nicht passiert. Aber dann wär ja nicht nur die zweite Nord-Süd-S-Bahn ? ursprünglich konzipiert nicht für die heutige 3,5-, sondern für eine 4,5-Millionen-Stadt, die bald fünf oder sechs Millionen Einwohner haben sollte ? vermutlich nie gebaut worden. Sondern auch nicht der schicke neue Hauptbahnhof und der Fernbahntunnel.

Und das wäre ja nun wirklich eine zu billige Lösung gewesen.

Wunder des Alltags (14)

Montag, 18. März 2013

Es ist nicht ein grundlegender Anspruch, da auch eine grundlegende Legitimation von Denkmalpflege, Baudenkmale ?lesbar? zu machen oder ihre ?Lesbarkeit? zu erhalten: Es geht bei Denkmalpflege nicht ganz wesentlich darum, daß ein Bauwerk Geschichte erzählen soll, zuweilen auch dadurch, daß es seine eigene Geschichte ?erzählt?, also anhand seiner Gestaltung und seiner Veränderungen die Zeit widerspiegelt, in der diese vorgenommen wurde.

Daher ist es ganz gleichgültig, daß der 1924 eröffnete Berliner U-Bahnhof Südstern (vormals Hasenheide, Kaiser-Friedrich-Platz, Gardepionierplatz) bis zu seiner jüngsten Sanierung etwas von den wirtschaftlich äußerst schwierigen Verhältnissen seiner Entstehungszeit (kurz nach dem Ersten Weltkrieg, noch kürzer nach der Hyperinflation) zeigte: Die Wände hinter den Gleisen waren nicht mit Keramikfliesen verkleidet ? aber auch nicht mehr lediglich getüncht und verputzt wie bei den 1923 eröffneten Stationen in der Friedrich- und der Chausseestraße ?, sondern mit Zementplatten, die einen preiswerten Ersatz für Keramik darstellten. Genauer: ??Keramentplatten mit Kaltglasur?, ein Ersatzstoff, mit dem die nach wie vor gegebene Not der Nachkriegsjahre greifbar bleibt: Dabei werden aus Zement gefertigte Platten mit einer dünnen ölfarbenartigen Mischung aus Portlandzement, Farbe und Kalkseife überzogen, die nach dem Trocknen eine glasurähnliche Oberfläche ergibt.? (Christoph Brachmann: Licht und Farbe im Berliner Untergrund, Berlin 2003, S. 43)

Es ist völlig unwichtig, daß die Wände nicht als eine gleichförmig durchgehende Fläche gestaltet wurden, sondern daß sie dort, wo im Wechsel mit den Reklameflächen die Stationsschilder prangten, vertikal jeweils, bekrönt von einem deutlich auskragenden Gesims, leicht hervorsprangen ? außer am Ostende der Bahnsteighalle, wo diese in den sechziger Jahren verlängert worden war.

Bei der jüngsten Sanierung brachte man diese Vorsprünge auch dort an, wo sie nie zuvor gewesen waren. Dafür sparte man sich die Gesimse, die sie bekrönten. Die gesamte historische Wandverkleidung ? abgesehen von einer winzigen Erinnerungsstelle ? wurde abgeschlagen und landete auf dem Müll. An die Stelle der hölzernen Reklametafeln traten ebenfalls Fliesen, teils mit historischen Photos versehen. Überhaupt: Statt mit billigen Zementplatten verkleidet wurde alles schön gefliest. Statt weiß sind die Fugen nun schwarz. Das Raster, mit dem sie die Wände überziehen, fällt auch deshalb erheblich stärker ins Auge als zuvor, weil die neuen Fliesen deutlich kleiner sind als die alten Zementplatten. Wo man schon mal dabei war, bekam auch das Innere des erst in den fünfziger Jahren errichteten Empfangsgebäudes an Stelle seiner zeittypischen Verkleidung die neuen Fliesen. Und der Bahnsteig der in einer armen Zeit erbauten Station natürlich noch einen schicken neuen, teuren Belag aus Naturstein.

Natürlich. So natürlich wie dies alles unter der Überschrift ?Denkmalpflege? geschah.

U-Bf Südstern - Denkmalgerecht saniert (oder so)
Denkmalgerecht saniert (oder so) ? Zum Vergleich hier klicken

U-Bf Südstern - Alt und neu ähneln sich täuschend
Hier kann eigentlich nur ein Fachmann einen Unterschied zwischen alt und neu erkennen

U-Bf Südstern - Säule leider noch originalverkleidet
Leider konnte diese Säule im Empfangsgebäude nicht auch mit den neuen Fliesen versehen werden, weshalb sie noch ihre Originalverkleidung zeigt; immerhin steht sie nicht mehr, wie ursprünglich, frei im Raum.

Sei doch nicht so kleinlich, verrechnen ist nicht peinlich!

Donnerstag, 7. März 2013

Sowas aber auch! Da sind doch den Experten der Deutschen Bahn AG und der anderen entschiedenen Befürworter von ?Stuttgart 21? bei der Kalkulation der Kosten klitzekleine Fehler unterlaufen! Nun wird?s ein wenig teurer ? so ein, zwei oder drei Milliardchen. An denen sich Land und Stadt gefälligst zu beteiligen haben. Sonst klagt man sie da rein.

Tja, mittlerweile, meint auch Bahn-AG-Chef Grube (No name jokes!): ?So ein Projekt würden wir heute nicht mehr beginnen!?

Aber wo man nun schon mal angefangen hat… Und zwar nur auf Grund ganz seriöser, kritischer, ergebnisoffener Kostenberechnungen und Kosten-Nutzen-Abwägungen…

Jetzt, wo es völlig überraschend viel teurer wird, da kommt es einfach viel billiger, weiterzumachen. Mit zwei, drei oder vier Milliardchen. Vielleicht auch fünf? Sicher ist jedenfalls: Irgendwie wird das am Ende schon noch wirtschaftlich sein. Fast. Oder so.

Und völlig ausgeschlossen ist, daß es noch teurer wird. Und noch länger dauert?s auch nicht. I wo. Wie kommt man bloß auf eine solche Idee?

Zumal der Aufsichtsrat der DB AG mit seinem Beschluß, über Kostengräber vorwärts zu stürmen, ?den Willen der Bevölkerung befolgt?, wie ein Qualitätsrundfunksender zu berichten wußte. Und fünf Minuten später schon, daß ?in Stuttgart die Bevölkerung mehrheitlich für das Projekt gestimmt hatte?.

Genau: Darüber war abgestimmt worden! Und in Stuttgart hatte die Mehrheit ?ja? zum Tunnel gesagt.

Und völlig irre waren meine Einlassungen vom 13. Dezember 2012.