Archiv für Oktober 2012

Damit konnt ick nu wirklich nich rechnen!

Mittwoch, 31. Oktober 2012

?Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir helfen??

Der erfahrene Hauptstadtbewohner, der so angesprochen wird, geht instinktiv nicht nur in Verweigerungs-, sondern in Verteidigungshaltung, erst recht wenn die Ansprache zu vorgerückter Stunde ? gegen elf ? und auf offener Straße geschieht, zudem durch einen jungen Mann. Angebettelt zu werden ist das Mindeste, womit der Angesprochene nun zu rechnen hat, womöglich droht auch eine gewaltsame Umverteilung von Eigentum.

Da ist es ratsam, Distanz zu wahren und einen Fluchtversuch einzuleiten. Man vermeidet also Augenkontakt, schüttelt leicht den Kopf ? allzu deutliche Ablehnung könnte provozieren oder als Vorwand für einen Angriff benutzt werden ? und versucht, schnell weiterzugehen.

Der junge Mann zeigt sich jedoch irritiert von dieser Reaktion auf seine höfliche Bitte um Hilfe: ?Nicht??

Das nun irritiert wiederum den erfahrenen Hauptstadtbewohner. Er wagt ein: ?Na ja, vielleicht…? Und wird dadurch belohnt, daß er aufatmen kann: Man wollte ihn nicht berauben oder zusammenschlagen, sondern lediglich nach dem Weg zur U-Bahn fragen.

Womit man nun wirklich nicht rechnen kann im nächtlichen Berlin.

Niemand hat die Absicht, ein totales Alkoholverbot zu errichten

Sonntag, 21. Oktober 2012

antialkoholkreuzzug-sig

Bundesweit war den Medien am vergangenen Wochenende zu entnehmen, daß nun alles gut wird ? zumindest im Nürnberger Hauptbahnhof. Denn dort herrscht jetzt Alkoholverbot.

?Im Nürnberger Hauptbahnhof dürfen kein Bier und kein Schnaps mehr getrunken werden. Das nächtliche Alkoholverbot gilt freitags, samstags sowie vor Feiertagen, teilte die Deutsche Bahn mit. Damit will das Unternehmen das Sicherheitsgefühl der Reisenden und der Bahnhofsbesucher erhöhen.? So war beispielsweise im Videotext des Bayerischen Rundfunks zu lesen.

Zwar könnte man fragen, wo der Nutzen für das Gefühl liegen soll, wenn ? dieser Meldung zufolge ? weiterhin Wein oder Sekt freitags, samstags sowie vor Feiertagen auch im Nürnberger Hauptbahnhof (und sogar außerhalb der dort befindlichen Lokale, wo man ja auch dafür ordnungsgemäß bezahlt, daß man sitzen darf) konsumiert werden dürfen.

Doch erfahrene Insassen der Biedermeierrepublik wissen natürlich: Dies kann nur der erste Schritt sein. Hin zu einem Alkoholverbot, das absolut, strikt und total sein muß. Zumal die Nürnberger Bahnhofsmanagerin Claudia Gremer zitiert wird: ?Wir reagieren auf den vielfach geäußerten Wunsch nach einem Alkoholkonsumverbot.?

Jugendliche, so erfährt man weiter, hätten es in letzter Zeit allzu arg getrieben, sich vor oder nach dem Diskothekenbesuch im Bahnhof getroffen und dort mitgebrachten Alkohol zu sich genommen.

Wobei es die Bahn natürlich nicht besonders schmerzt, daß der Fusel nicht in dem zum Einkaufszentrum mit Gleisanschluß umgebauten Bahnhof erworben wurde.

Und natürlich geht es auch nicht darum, daß man zu jedem Verbotswunsch einen eigenen Vorwand kreieren muß – Motto: Was beim Tabak das ?Passivrauchen? war, sind beim Alkohol die ebenso gefährdeten wie gefährlichen Jugendlichen. Weshalb sich auch nicht die Frage stellt, was wohl der Grund für die nächsten dringend notwendigen Verbote sein wird.

Brauchen wir doch auch ein Kaffeeverbot. Colaverbot. Zuckerverbot. Transfetteverbot. Fast-Food-Verbot. Schlimme-Worte-Verbot. Irgendwie-unanständig-benehmen-Verbot. Schiefgucken-Verbot. Und noch viel, viel mehr!

Je mehr verboten wird, desto besser, sicherer, schöner wird unser Leben! Und alles durch den segenbringenden Staat (kamera-) überwacht!

Welcher jeweils nur reagiert auf zahlreiche einmütige Bekundungen von Brigaden und Kollektiven aus der gesamten Republik. Pardon: ?Auf vielfache Kundenwünsche? natürlich.

Und damit, daß man etwas verboten oder Konsumunwillige vertrieben hat, ist das Problem dann gelöst. Man hat richtig etwas getan. Der Untertan ist zufrieden und dankbar.

Erbarmen mit Berlins CDU-Wählern!

Donnerstag, 18. Oktober 2012

In einer Berliner Fußgängerzone, in der nach Ladenschluß soviel los ist, wie eben in Fußgängerzonen nach Ladenschluß los ist, wurde zu vorgerückter Stunde ein junger Mann so schwer geschlagen, daß er daran starb.

Das ist schlimm.

Schlimm ist allerdings auch das Schicksal Berliner CDU-Wähler. Diese ? nicht zufällig meist betagte Herrschaften, die nicht zufällig zu den letzten verbliebenen Lesern gewisser Zeitungen gehören? ? dürften wissen, was gegen solche Verbrechen hilft: Mehr Polizei, härtere Strafen und natürlich eine flächendeckende Kameraüberwachung (auch und gerade im öffentlichen Nahverkehr). Man vermag sich lebhaft vorzustellen, wie die Berliner CDU ? ja schon immer von weltmännischer Haltung durchströmt und nicht etwa eine besonders piefige Ansammlung von Laubenpiepern, Außenbezirksbewohnern, Wilmersdorfer Witwen und ebenso verbitterter, da zu kurz gekommener Ossis ? all dies lautstark einfordern würde. Mit tatkräftiger Unterstützung ebenjener Zeitungen. Und der beiden Polizeigewerkschaften, die natürlich nicht vor allem der heftigen Konkurrenz zueinander wegen bei jeder Gelegenheit mehr Stellen, bessere Bezahlung, schönere Ausrüstung, freiere Hand für unsere Ordnungshüter fordern.

Dumm nur, daß Berlin ein klitzekleines Bißchen pleite ist? Dumm nur, daß außer Klaus Wowereit und seinen befreundeten, phantasiebegabten Rechenkünstlern niemand weiß, wie die zusätzlichen Kosten für den famosen neuen Flughafen bezahlt werden sollen? Daß so genau noch nicht einmal klar ist, wieviele hundert Millionen dafür lockergemacht (oder auf den rieseigen Schuldenberg raufgepackt) werden müssen?

Ach was.

Wirklich dumm ist nur, daß der Berliner Innensenator seit einem Jahr Frank Henkel heißt ? und der auch Berliner Landesvorsitzender der CDU ist. Von dem man sich sogar so wirres linkes Zeug anhören muß wie daß ?mehr Polizei? nicht unbedingt Straftaten verhindern kann, schon gar nicht alle Straftaten, und wahrscheinlich auch nicht das Delikt in der Fußgängerzone verhindert hätte.

Arme CDU-Wähler.

Wunder des Alltags (12)

Montag, 15. Oktober 2012

Als südliche Endstation der U 9 ist der U-Bahnhof Rathaus Steglitz ein wichtiger Umsteigepunkt für den Verkehr Richtung Lankwitz, Marienfelde, Lichterfelde und Zehlendorf. Seit der Busbahnhof im Kreisel nur noch von wenigen, eher weniger bedeutenden Linien genutzt wird, steigen die meisten Fahrgäste, die weiter in Richtung Süden wollen, an zwei Haltestellen in die Busse: Der direkt am Hermann-Ehlers-Platz, an der Nordseite des Kreisels, gelegenen und jener in der Schloßstraße, vor der Schwartzschen Villa. Eingedenk dieser Tatsache läßt sich die BVG für die Sanierung des U-Bahn-Ausgangs zu der letztgenannten Haltestelle nicht besonders viel Zeit: Gerade einmal etwas mehr als ein halbes Jahr mutet sie den Fahrgästen, welche von der U 9 zu den Buslinien M 48, M 85, 186, 283 und 285 wollen, einen Umweg zu. Schneller ist so ein Treppenabriß und ?neubau natürlich nicht zu bewerkstelligen. Und dann ist die Station ja auch schon fast vierzig Jahre alt.

Aber immerhin weiß die BVG bereits seit Monaten ganz genau, wann die Arbeiten beendet sein werden. Sogar fast auf die Minute genau:
Am 21.12. wird''s was geben!

Auf diesen Wowi können Sie bauen

Freitag, 12. Oktober 2012

Hurra! Das Bundesverwaltungsgericht hat die Klagen gegen die Verlängerung der Berliner Stadtautobahn A 100 zur Frankfurter Allee ? pardon: natürlich nur zum Treptower Park abgewiesen. Der Bau kann also beginnen. Sicher wird er nicht viel mehr kosten als jetzt kalkuliert. Und auch nicht viel länger dauern. Schließlich hat sich für das Projekt besonders eingesetzt: Klaus Wowereit.

Noch mehr weiße Salbe – gratis!

Dienstag, 9. Oktober 2012

Jüngst gab es im Bereich der Berliner S-Bahn mal wieder gewalttätige Übergriffe. Innensenator Henkel (CDU) und Stadtentwicklungssenator Müller (SPD), der auch für den Verkehr zuständig ist (wovon in seiner bisherigen Amtszeit sehr viel zu merken war), haben sogleich etwas getan: Sie haben die Deutsche Bahn aufgefordert, endlich so flächendeckend Überwachungskameras zu installieren, wie es bei der BVG bereits geschehen ist.

Der eine Herr Senator sieht die Bahn diesbezüglich ?in der Pflicht?, der andere verlangt einen ?überfälligen Schritt?.

Verständlicherweise, denn bekanntlich ist man in Berlins Bussen, U- und Straßenbahnen ? die von der BVG betrieben werden ? absolut sicher, Gewalt hat es dort schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gegeben.

Zeichnen sich doch insbesondere Gewalttäter, insbesondere jugendliche, insbesondere männliche, insbesondere hormonstrotzende (und womöglich auch noch mit manch Mittelchen abgefüllte) dadurch aus, daß sie ihr Tun genau überlegen und dessen Folgen sorgfältig abwägen. Weshalb sie sich immer und immer wieder von Missetaten abschrecken lassen. Durch die drohenden Strafen. Und die Kameras.

Und den Herren Senatoren geht es natürlich nicht darum, daß man bei dieser Angelegenheit so richtig populistisch rumpöbeln und lautstark Handeln vortäuschen kann und sich glücklicherweise nicht um die Finanzierung seiner Forderungen kümmern muß ? denn für das von der S-Bahn verlangte ?umfassende Sicherheitskonzept? und die vielen Kameras ist ja die Bahn AG zuständig, letztendlich der Bund, und Bahn oder Bund müssen es auch bezahlen.

Lesen Sie auch:
Wunderbare weiße Salbe
Noch mehr wunderbare weiße Salbe