Archiv für September 2012

Nimm uns nicht die U-Bahn nach Köpenick!

Sonntag, 30. September 2012

Bedeutende InfrastrukturprojekteAus besseren Tagen (als der Pöbel noch alles klaglos mitmachte): Bedeutende Infrastrukturprojekte der 1960er und 1970er Jahre

Arges kündigt sich an: dem Bundesverwaltungsgericht, das derzeit über Klagen gegen die Verlängerung der Berliner Stadtautobahn A 100 berät, scheint sich nicht so recht zu erschließen, wie der Senat zu der Erkenntnis gelangt sein will, daß die neue Schnellstraße nicht neuen Verkehr erzeugen, sondern im Gegenteil sogar die umliegenden Straße entlasten wird.

Eine Erklärung der Art ?Das wird dann schon irgendwie funktionieren? reiche nicht aus, soll das Gericht verlauten lassen haben.

Glücklicherweise entspricht solche Wurstigkeit nicht exakt dem Stil des aktuellen Regierenden Bürgermeisters. Klaus Wowereit zeigte sich denn auch nicht empört, daß jemand ordentliche Arbeit verlangt. Ihn wühlte im Angesicht der drohenden juristischen Niederlage vielmehr die Sorge um die Zukunft Berlins auf. Für diese wird bekanntlich bereits gesorgt durch besonders niedrige Wasserpreise, ein vorbildlich funktionierendes S-Bahn-System, Sanierung und Weiterbetrieb des ICC und natürlich den neuen Super-Hauptstadt-Airport Börlinn Brändenbörg Enternäschenell (mit Weltniveau).

Letzterer laut Herrn Wowereit jetzt schon eine Erfolgsgeschichte. Und zu einer solchen würde sich zweifellos auch die A 100-Verlängerung entwickeln (zweifellos ebenfalls ohne Kostenexplosion). Doch an ihr entscheide sich, ob die Realisierung bedeutender Infrastrukturprojekte in Berlin fortan überhaupt noch möglich sei.

Da wird es dem wackeren Berliner doch bang. Liebes Bundesverwaltungsgericht, sei nicht so streng! Nimm?s nicht so genau! Denn wenn Du falsch entscheidest ? was mag uns dann entgehen? Eine U-Bahn nach Köpenick? Ein Atomkraftwerk auf dem Tempelhofer Feld? Die Überbauung der Straße Unter den Linden? Ein Ost-West-Fernbahntunnel? Mit Transrapid nach Stettin? Oder bloß weitere drei Dutzend Einkaufszentren?

Wunder des Alltags (11)

Samstag, 22. September 2012

Wie wir in den letzten Jahren gelernt haben, kann es von zwei Dingen niemals genug geben: Verhaltensvorschriften und Verbote. Sie machen unser Leben schöner, besser, reicher ? oder retten ganz einfach die Welt.

Bekannt sind die ? selbstredend strikten, absoluten und totalen ? Verbote, welche bezüglich des Tabakgenusses erlassen wurden, trotz einer gewaltigen Weltverschwörung der todbringenden Tabakindustrie, trotz deren erbitterten Widerstands, trotz ihrer umfassenden Beeinflussung sämtlicher Medien, in denen kaum einmal negativ über das Rauchen berichtet werden durfte.

Entschiedenes Handeln war gefragt, hatten doch auch und gerade amerikanische Wissenschaftler ebenso Erschreckendes wie Alarmierendes herausgefunden: Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte es noch rund 1,6 Milliarden Menschen gegeben. Am Ende jenes Jahrhunderts, in dem mit Sicherheit mehr geraucht worden war als jemals zuvor ? auch und gerade von Frauen ?, gab es nur noch rund 6,2 Milliarden Menschen. Erschreckend. Und alarmierend.

Nachdem diese Gefahr nunmehr weitgehend gebannt ist, gilt es, die ebenso akut drohende Ausrottung der Menschheit durch den Teufel Alkohol zu verhindern. Das Verbot des Genusses auch nur des kleinsten Tropfens davon in Berlins Bussen und Bahnen soll seit kurzem strenger überwacht werden. Fraglos durch jenes Personal von Bahn und BVG oder wenigstens irgendwelcher von diesen beauftragter Wachdienste, welchem man in Berlins S-, U- und Straßenbahnen so zahlreich begegnet.

In diesem Zusammenhang machte mich wütend und traurig, was ich unlängst eines Nachts auf dem U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße sehen mußte:

so-ist-es-falsch-u-bf-wilmersdorfer-strase_web

Richtig verhalten hatte sich hingegen ein unbekannter Beförderungsfall eine Station weiter, am Adenauerplatz:

so-ist-es-richtig-u-bf-adenauerplatz_web

Bitte nicht zurücktreten, lieber Klaus Wowereit!

Dienstag, 4. September 2012

Bitte nicht zurücktreten, lieber Klaus Wowereit! Schon gar nicht als Regierender Bürgermeister. Bloß weil sich die Eröffnung des tollen neuen Berliner Flughafens schon wieder verschiebt. Es ist ja schließlich nicht so, daß Sie als Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft irgend etwas dafür könnten. Sicher haben Sie ganz intensiv beaufsichtigt ? Ihr Arbeitseifer ist ja allgemein bekannt. Sicher wollten Sie nicht nur deshalb Aufsichtsratsvorsitzender werden, weil sich so ein Posten und so ein Titel doch immer gut machen ? und waren deshalb ebenso überrascht wie alle anderen, daß hier etwas nicht klappt und da auch nicht, das ganze etwas länger dauert und länger… und teurer wird und teurer… Damit hatte nun wirklich niemand rechnen können!

Sie sind jedenfalls nicht verantwortlich, weder politisch noch sonst irgendwie. Das sollten Sie bitte so oft wie möglich betonen. Sie sollten in dem Untersuchungsausschuß, dessen Beginn Ihre Partei und Ihr Koalitionspartner CDU hinauszuzögern versuchen, um Ihr politisches Überleben kämpfen. Ihnen sollte keine Ausrede zu dumm sein, keine Rechtfertigung zu dreist, keine Erinnerungslücke zu peinlich. Sie sollten noch viel mehr Termine absagen, sich vor Pressekonferenzen drücken und vor unbotmäßigen Journalisten flüchten. Sie können auch ruhig noch ein paarmal wiederholen, daß der Flughafen doch eigentlich fertig sei und welch enorme ?Erfolgsgeschichte? er jetzt schon darstelle. Und wie viele Arbeitsplätze soll er doch gleich bringen ? Ihrem Blick in die Kristallkugel, äh den schöngerechneten Zahlen ? na! Natürlich: den seriösen Prognosen gemäß?

Bitte, bringen Sie uns nicht um diesen Spaß, mal wieder das ganze unwürdige Schauspiel mitzuerleben, wie sich ein Politiker, dessen Zeit vorbei ist, verzweifelt an seinen Posten klammert ? bis er nach einigen Wochen und Monaten, in denen er sich restlos demontiert hat, dann doch endlich zurücktritt.

(Und es ist ja nicht so, daß wenig mehr von Ihrem Wirken bleiben wird, als das Flughafendebakel mit all seiner Peinlichkeit und den einskommasoundsoviel Milliarden Mehrkosten ? bei all dem, was Sie für Berlin bewirkt haben.)

Walk, don?t run!

Montag, 3. September 2012

Die BVG ist gut zu uns. Sie sorgt sich um uns und unser Wohlergehen. Wie sehr, kann man beispielsweise auf dem U-Bahnhof Möckernbrücke erleben: An den dortigen Abgängen von den Bahnsteigen geben die Anzeigetafeln von DAISY regelmäßig nicht die genaue Abfahrtszeit an.

Das wäre natürlich nichts Besonderes, denn längst dürften die meisten Berliner (und auch die BVG) die Hoffnung aufgegeben haben, das bei der U-Bahn vor über zehn Jahren eingeführte Dynamische Anzeige- und Informationssystem mit seinen jetzt schon antiquiert wirkenden einfarbigen Displays mit der drollig primitiven Pixelschrift würde jemals richtig funktionieren. Man spricht darüber einfach nicht mehr. Ähnlich wie über Unsinn und Schaden der deutschen Rechtschreibdeformation.

Auf dem U-Bahnhof Möckernbrücke hat die falsche Angabe von Abfahrtszeiten aber System. Und insbesondere abends kann der aufmerksame Beobachter deshalb deutlich zwischen Eingeweihten und Uninformierten unterscheiden. Erfahrene Benutzer (wenigstens dieser Station) wissen nämlich: Wenn es an den Abgängen von den Bahnsteigen der U 1 heißt: ?Rathaus Spandau in 10 min?, dann ist der nächste Zug in dieser Richtung nicht gerade weg, sondern kommt gleich. Die BVG möchte aber, gut wie sie zu uns ist, verhindern, daß wir angesichts der Angabe ?Rathaus Spandau in 1 min? losrennen, womöglich ins Straucheln geraten, am Ende noch hinschlagen oder gar die Treppen oder Rolltreppen zur U 7 hinunterpurzeln.

Von soviel Fürsorge ergriffen, legen erfahrene Benutzer (wenigstens dieser Station) den Weg von der Hoch- zur U-Bahn schnellen Schrittes zurück, darauf vertrauend, angesichts der Angabe ?Rathaus Spandau in 10 min? den Zug so noch erreichen zu können. Uninformierte (insbesondere weiblichen Geschlechts ? in den wärmeren Monaten dann stets ein unterhaltsamer Anblick angesichts der nicht weichen wollenden Mode des Tragens von Badelatschen) hingegen rennen, weil sie meinen, den Zug selbst dann noch erreichen zu können, wenn er womöglich schon in der unteren Bahnsteighalle steht ? dabei sich und andere gefährdend, ganz wie von der BVG vorausgesehen. Und welch namenloses Unglück, sollte man auf den nächsten Zug warten müssen ? womöglich bis zu zehn Minuten lang!