Archiv für August 2012

Man kann nicht absolut ausschließen, daß Außerirdische von fliegenden Nazi-Dinosauriern aus morgen mit Mikrowellen die Berliner S-Bahn zerstören

Mittwoch, 22. August 2012

In Berlin ist gestern ein aus sechs Wagen bestehender S-Bahn-Zug entgleist, kurz nachdem er den Bahnhof Tegel Richtung Norden verlassen hatte und in einen eingleisigen Abschnitt eingefahren war.

Man bedarf nicht unbedingt besonderer Fachkenntnisse, um zu verstehen, daß es ein Glück darstellt, daß dieser Unfall in einem eingleisigen Abschnitt geschah: Auf einer zweigleisigen Strecke hätte leicht ein Gegenzug in die entgleisten Wagen fahren können.

Es bedarf aber journalistischer Erfahrung, um sich von derlei Tatsachen nicht die Panikmache und das hysterische Geschrei verderben zu lassen. Also betonte beispielsweise der RBB-Fernsehreporter Ulli Zelle mehrmals, daß der Unfall sich in einem eingleisigen Abschnitt zugetragen hat und demzufolge noch viel Schlimmeres hätte geschehen können ? souverän seinen eigenen Bericht ignorierend, demzufolge der entgleiste Zug den Bahnhof Tegel wie üblich verlassen hatte, unmittelbar nachdem der Gegenzug in diesen eingefahren war, der suggerierte Frontalzusammenstoß also ausgeschlossen war.

Als unmittelbare Ursache des Unglücks wurde recht bald vermutet, daß eine Weiche umgesprungen ist, während der Zug sie befahren hat ? was nahezu sicher zu einer Entgleisung führt. Ungeklärt ist bislang die Frage, wie sich die Stellung der Weiche ? die zu einem Gleis führt, das mittlerweile kaum mehr benutzt wird und nach relativ kurzer Strecke endet ? ändern konnte. Neben anderen tippt auch die Bundespolizei auf einen technischen Defekt.

Was natürlich langweilig ist.

Also fragt der Reporter, der sein Handwerk versteht, ob denn ein Anschlag ausgeschlossen werden könne. Womit wenigstens schon mal der Begriff ?Anschlag? gefallen ist. ? Ja, das könne so gut wie ausgeschlossen werden. ? Also ein ANSCHLAG ist es eher nicht, wiederholt man dann als Klassejournalist. Aber ganz genau wisse man es noch nicht.

Klar: Irgendwas bleibt immer hängen. Aber vollkommen wäre die Leistung des Herrn Zelle natürlich erst gewesen, wenn er bei seiner öffentlich-rechtlichen Qualitätsberichterstattung auch noch die Illuminaten, Erdstrahlen und Außerirdische ins Spiel gebracht hätte.

Haste mal 430 Millionen?

Dienstag, 21. August 2012

aufsichtsratsvorsitzender-wowereit
Ausdrucken, ausschneiden, aufkleben und beispielsweise am Revers tragen: Solidarität mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Flughafengesellschaft, der schließlich für alles nichts kann!

Daß sein schöner neuer Flughafen, der nebenbei alle Arbeitslosen beseitigen soll (oder so), einfach nicht fertig wird ? das wurmt den Berliner schon: Wie steht man denn da? Aber daß der Spaß deshalb auch ein klitzekleines Bißchen teurer ? also: noch teurer als bisher schon gedacht ? werden könnte…?

Am Wochenende kursierte die Zahl von 430 Millionen Euro, welche Berlin ? nach bisherigem Stand ? zusätzlich aufbringen müsse. In der Hauptstadt scheint man sich weitgehend einig zu sein: Dit zahlen wa doch aus de Portokasse!

Verständlich: Es ist ja nicht so, daß in Berlin seit Jahren jeder Euro dreimal umgedreht wird, daß Straßen, Schulen, Grünanlagen verkommen, daß bei Kultur- und Sozialeinrichtungen Kahlschlag betrieben wird ? und dennoch die Schulden immer weiter wachsen.

Da steckt man das Geld aus unerwarteten Steuermehreinnahmen und Zinsen, die niedriger sind als kalkuliert, doch gern mal in einen schönen neuen Flughafen ? der sicher nicht, wie manch Experte behauptet, auf unabsehbare Zeit ein Zuschußgeschäft sein wird.

Blüten am Wegesrand (8)

Samstag, 18. August 2012

Mancherorts werden U-Bahnhöfe mit einer besonderen Lichtführung versehen, so daß der Bahnsteig deutlich stärker beleuchtet wird als die Gleise und erst recht die Decke über diesen eher im Dunkeln liegt.

In Berlin weiß man es besser. Nachdem die BVG seit Jahren bestrebt ist, die dortigen U-Bahnhöfe möglichst gleichförmig möglichst hell auszuleuchten, ging sie unlängst bei der lichttechnischen Nachrüstung der 1978 eröffneten Station Konstanzer Straße neue Wege, die sicher auch Sehbehinderte ? pardon: körperlich anderssichtige Mitbürger ? sehr freuen werden, Motto: Lauf einfach ins Licht.

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Die S-Bahn-Krise geht zu Ende

Dienstag, 14. August 2012

Dieser Tage verkündete die Führung der Berliner S-Bahn GmbH, die Krise bei diesem einstmals vorbildlichen Verkehrsmittel, welche nun schon mehrere Jahre andauert, gehe dem Ende entgegen.

Daß dies stimmt, ließ sich beispielsweise gestern abend auf der S 1 beobachten: Zwischen Oranienburg und (derzeit baubedingt nur) Nikolassee fuhren Vollzüge. Züge, die aus der größtmöglichen Zahl von acht Wagen bestehen, besaßen bei der Berliner S-Bahn in den letzten Jahren Seltenheitswert.

Und jetzt, wo offenbar wieder genügend rollendes Material zur Verfügung steht, kutschiert man aber nicht zufällig viel warme Luft quer durch Berlin ? etwa in Gestalt von Vollzügen am späten Abend ?, bloß damit man irgendwie noch halbwegs auf die Zahl der von den Ländern Berlin und Brandenburg bestellten Wagenkilometer kommt und einem nicht schon wieder die Zahlungen gekürzt werden?

Ein Glück, daß wir nicht mehr 1972 haben

Mittwoch, 1. August 2012

Die Zeiten aendern sich

Heute tritt eine Erhöhung der Fahrpreise bei Berlins Bussen und Bahnen in Kraft. Sie wird als unausweichlich bezeichnet, und kaum jemand wagt zu widersprechen. Schließlich liegt die letzte Tariferhöhung bereits neunzehn Monate zurück.

Vor vierzig Jahren, am 1. März 1972, trat ebenfalls eine Erhöhung der Fahrpreise bei (West-) Berlins Bussen und Bahnen in Kraft. Auch sie wurde als unausweichlich bezeichnet. Allerdings regte sich heftiger Widerspruch dagegen. Dabei lag die letzte Tariferhöhung acht Jahre zurück.

Zwar fiel die Steigerung etwa beim Einzelfahrschein der U-Bahn mit fünfzig Prozent happig aus ? andererseits geschah sie auf niedrigem Niveau: Statt vierzig sollte das Ticket fortan sechzig Pfennig kosten. Der Busfahrschein verteuerte sich von fünfzig auf siebzig Pfennig. Der ?Umsteiger? für die Benutzung mehrerer Buslinien oder von Bus und U-Bahn wurde abgeschafft. Die U-Bahn-Sammelkarte zu zwei Mark galt fortan nur noch für vier statt zuvor fünf Fahrten. Der Preis der Bus-Sammelkarte für fünf Fahrten wurde von 2,20 Mark auf drei Mark erhöht. Die Umsteige-Sammelkarte bot für drei Mark nur noch vier Fahrten, zuvor waren es fünf für 3,50 Mark gewesen. Die Ermäßigungs-Sammelkarte hingegen verteuerte sich nicht: Weiterhin sechs Fahrten mit Umsteigeberechtigung für 2,10 Mark.

Geld für das Konsumlustzentrum?

Als die Preiserhöhung im Juli 1971 zum 1. Januar 1972 angekündigt wurde und schließlich mit zweimonatiger Verspätung erfolgte, geschah dies im Zuge einer deutlichen Verteuerung auch anderer städtischer Dienstleistungen ? wollte man doch endlich den Haushalt sanieren (ja, wir reden von Vorgängen, die vierzig Jahre zurückliegen). Und es geschah in einem gesellschaftlichen Umfeld, das hochgradig politisiert und auch politisch polarisiert war. Insbesondere die damals sehr aktive linksextreme Szene nutzte das Thema in der Hoffnung, damit Massen für sich mobilisieren zu können. Eine Darstellung damaliger Aktivitäten und Ansichten aus maoistischer Sicht findet sich beispielsweise hier. Dort gibt es auch das Faksimile einer ?Berliner Arbeiterzeitung? von 1971 zu sehen, in der beklagt wird, für ein ?Spekulantenprojekt? wie den Steglitzer Kreisel samt teurem U- und Busbahnhof sei immer noch Geld da, denn: ?Das Architektenliebchen des Senats, Sigrid Kressmann-Zschach, baut dort für Kaufhausbarone ein Konsumlustzentrum.?

Um den 1. März 1972 herum fanden diverse Demonstrationen und andere Aktionen statt: Notbremsen und ? auf den Stationen ? Notsignalschalter wurden betätigt, an Fahrzeugen wie auf Bahnhöfen gab es Schmierereien, Kreuzungen und U-Bahn-Eingänge wurden blockiert, Flugblätter verteilt und Freifahrten erzwungen. Die FDP schloß sich der Forderung nach Einführung eines Nulltarifs bei der U-Bahn an (ja, richtig gelesen: die FDP) und die Polizei schwang hier und da den Schlagstock. Am 13. März 1972 kam es sogar zu einem Sprengstoffanschlag in der BVG-Hauptverwaltung an der Potsdamer Straße.

Mensch Meier

Es war jene Fahrpreiserhöhung, durch die der seinerzeit von BVG-Werbeleuten erdachte ?Kollege Meier? Eingang in die Popkultur fand, in dem damals als Foliensingle verkauften oder gratis verteilten Song ?Mensch Meier?. Der Titelheld dieses Lieds von Ton Steine Scherben schreitet ?in aller Hergottsfrühe im 29er kurz vor Halensee? spontan zum Fahrpreisboykott ? woraufhin sich ihm die anderen Insassen des überfüllten Busses prompt anschließen. Denn: ?Wenn die da oben x-Millionen Schulden haben, dann soll?n ses bei den Bonzen holen, die uns beklauen.? (Der vollständige Liedtext hier.)

Das Lied, welches ?die da oben? dazu sangen, dürfte dem Menschen des Jahres 2012 seltsam vertraut vorkommen: ?Berlin will mit den Preiserhöhungen den Nachweis führen, ?insbesondere auch westdeutschen Kritikern gegenüber?, daß es bereit ist, ?eigene Beiträge zur Bewältigung der Finanzprobleme zu leisten??, liest man im ?Tagesspiegel? vom 8. Juli 1971. SPD-Finanzsenator ?Striek wies darauf hin, daß Berlin bei der Verwirklichung der Tarifvorschläge weiterhin die Stadt mit den niedrigsten Verkehrstarifen der Bundesrepublik sei.?

Der zum 1. März 1972 eingeführte BVG-Tarif sollte vier Jahre lang Bestand haben ? trotz der Ölkrise, die schon 1973 hereinbrach und die Zeit unglaublich billigen Erdöls beendete. Dementsprechend kräftig wurde dann wieder den Fahrgästen in die Taschen gegriffen: Der Einzelfahrschein kostete ab 1. März 1976 eine Mark. Allerdings galt er nun für U-Bahn und Bus und zum beliebig häufigen Umsteigen.

Aus den Auseinandersetzungen um die Tariferhöhung von 1972 hatten die Verantwortlichen wohl gelernt: Viele kleine Preissteigerungen lassen sich besser ?verkaufen? als eine große. Jedenfalls vollzog sich die Verdoppelung des Preises für einen Einzelfahrschein von 1976 bis 1983 in mehreren Schritten. Mit zwei Mark lag er dann immer noch traumhaft niedrig ? zumindest aus heutiger Sicht, wo angeblich selbst 2,30 Euro (entspricht 4,50 Mark) nicht genug sind, weshalb ab heute 2,40 Euro verlangt werden. Eine Monatskarte für das BVG-Gesamtnetz kostete ab 1. März 1972 übrigens sechzig Mark, eine Monatskarte für das U-Bahn-Netz gab es bereits für 26 Mark ? ja, für rund dreizehn Euro.

Zwei Tramstrecken mehr als heute

Natürlich kommt bei Hinweisen auf diese Fahrpreise immer das Argument, die damaligen Verhältnisse ließen sich doch mit den heutigen nicht vergleichen. Wozu man nur sagen kann: Stimmt! 1972 fuhren in vielen Bussen noch Schaffner mit. 1972 gab es nicht nur auf allen U-Bahnsteigen, sondern auch an vielen Eingängen zu U-Bahnhöfen noch Personal. Damals verkehrten bei der West-Berliner U-Bahn fast nur Züge, die nicht älter als anderthalb Jahrzehnte waren ? die letzten Vorkriegswagen wurden dann im Frühjahr 1975 ausgemustert, als bereits die Auslieferung eines weiteren völlig neuen Fahrzeugtyps begonnen hatte. Damals verfügte die West-BVG über rund tausend Doppeldecker, die den allergrößten Teil des Busverkehrs bewältigten ? und damit einen hohen Anteil an Sitzplätzen boten. Damals wurde das U-Bahn-Netz ständig erweitert und seit Jahren stets an mehreren neuen Strecken gleichzeitig gebaut. Damals durfte noch in den Bussen wie in der U-Bahn geraucht werden ? unter Berücksichtigung des heute als so wichtig erachteten ?Nichtraucherschutzes?: Es existierten U-Bahn-Wagen für Raucher und solche für Nichtraucher. Ach, und nebenbei bemerkt: Damals gab es in West-Berlin lediglich zwei Straßenbahnstrecken weniger als heute.

1972 wurden auch noch andere Rechnungen aufgemacht. So soll auf dem Cover zu ?Mensch Meier? zu lesen gewesen sein: ?Die BVG-Preise wurden erhöht. Warum? Weil der Senat unser Geld nicht für uns ausgibt, sondern für Sachen, die uns nicht nutzen. Der Senat lügt uns vor, daß die BVG ein Defizit hätte, aber gerade soviel kostet die ?Freiwillige Polizeireserve?. Für die Starfighter der Bundeswehr könnten wir in ganz Berlin 10 (zehn) Jahre umsonst fahren.?

Heute weiß natürlich jedes von unserem fortschrittlichen, freiheitlich-demokratischen Bildungssystem geschultes Kind, daß man solche Fragen nicht stellen darf und die Dinge so nicht sehen kann.

Ein Glück, daß wir nicht mehr 1972 haben.