Archiv für Juni 2012

BVG = Besser vielleicht gehen?

Samstag, 30. Juni 2012

Ach, wie arg ging dereinst es zu!

Man liest zum Beispiel in der Schrift zur 1913 erfolgten Eröffnung von Wilmersdorfer U-Bahn/Dahlemer Schnellbahn (heute U 3) und dem Abzweig zur Uhlandstraße (Strecken, für die ja der bestehende Tunnel in der Tauentzienstraße nicht nur zu erweitern, sondern auch noch gleich zweimal zu unterqueren war): ?Bei den Abzweigungen der Wilmersdorfer Bahn und der Kurfürstendammbahn von der Stammstrecke mußten die vom Wittenbergplatz kommenden Gleise in Tieftunneln unter der Stammbahn ohne Störug des Betriebes hindurchgeführt werden. Die schwierigen Arbeiten, bei denen das Grundwasser bis auf 10 m Tiefe abgesenkt werden mußte, und [die] namentlich bei der Abzweigung zum Kurfürstendamm an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche größte Vorsicht erforderten, wurden ohne jegliche Störung vollendet.?

Über den Bau der Bahnsteighalle für die heutige U 5 unter der bestehenden der heutigen U 2 am Alexanderplatz heißt es in der Broschüre zur Einweihung 1930: ?Man mußte zu einer dem bergmännischen Stollenvortrieb ähnlichen Ausführung greifen. Da die unbedingte Sicherheit des Betriebes im Stammbahntunnel während der Bauausführung gewährleistet sein mußte, war die Arbeit äußerst langwierig und dauerte im ununterbrochenen Dreischichtenbetrieb 27 Monate.?

In den ?Berliner Verkehrsblättern? Nr. 2/1971 erfährt man nach der Eröffnung der U 7-Verlängerung von Möckernbrücke nach Fehrbelliner Platz: ?Die Baumaßnahmen am Bahnhof Fehrbelliner Platz erstreckten sich über drei Jahre. Während des Umbaus mußte der Betrieb auf der Linie 2 voll aufrechterhalten werden.?

Und in der Publikation ?Berliner Bauwirtschaft? kann man in Nr. 8/1978 lesen (vom Senat auch als Sonderdruck veröffentlicht): ?Beim Baulos H 97 (Bauzeit: Oktober 1972 bis März 1975) war die Aufgabe zu lösen, den alten zweigleisigen Streckentunnel der Linie 1 auf einer Länge von rd. 130 m so aufzuweiten, daß auf beiden Seiten der Strecke je ein Seitenbahnsteig gewonnen werden konnte. Die Veränderung des alten Tunnels und der Bau des Kreuzungsbauwerks waren unter Aufrechterhaltung des Zugverkehrs auf der Linie 1 auszuführen, der lediglich durch die Einrichtung einer Langsamfahrstrecke im Baubereich eingeschränkt werden durfte.?

Wobei ?aufweiten? bedeutete: Vollständiger Abbruch des alten Tunnels (dessen Sohle unbewehrt war), Verschwenken der Gleise aus ihrer bisherigen (und künftigen) Achse, um die neuen Mittelstützen betonieren zu können, Rückverschwenken der Gleise, und nebenher noch Untertunnelung für die U 7 ? derweil über der weitgehend abgedeckten Baugrube weiterhin der Verkehr floß.

Ja, arm waren die Bauenden und alle Berliner dereinst dran. Denn sie waren dumm und unfähig. Nahmen Mühsale auf sich, um einen neuen U-Bahn-Tunnel quer unter einem bestehenden zu errichten ? während in letzterem der Betrieb weiterläuft. Und gleichzeitig auch noch über allem der Straßenverkehr.

Im Jahre 2012 ist man im Verkehrskompetenzzentrum Berlin glücklicherweise weiter: Für den Bau des U-Bahnhof Unter den Linden, in dem die neue Strecke der U 5 die bestehende der U 6 kreuzen soll, wird nur die wichtige, im Berufsverkehr regelmäßig von Staus geprägte Kreuzung Unter den Linden/Friedrichstraße mal eben weitgehend gesperrt. Für mehr als ein Jahr unterbricht man ab heute auch den Verkehr auf der bedeutenden U 6 an dieser zentralen Stelle.

Die Berliner Medien finden das ganz normal, denn auch sie haben inzwischen ein Niveau erreicht, welches man früher nicht für möglich gehalten hätte. Und geben deshalb verständnisvoll weiter, was die Berliner Verkehrsbetriebe ihren Opf-, pardon: Fahrgästen ganz offiziell raten: Die fünfhundert Meter, auf denen unter der Friedrichstraße nun keine U-Bahn fährt, doch einfach per Fuß zurückzulegen. Denn auf den umliegenden Straßen wird der Stau ja jetzt noch ärger werden. Da kommt eh kein Ersatzbus mehr in vertretbarer Zeit durch.

Und das Beste daran: Dieser Rat ist immer häufiger gültig in Berlin, egal ob man die Verkehrsmittel der BVG oder gar die S-Bahn benutzen möchte ? oft geht?s schneller, wenn man gleich läuft.

Das haben sich diese Sozis selbst zuzuschreiben!

Mittwoch, 20. Juni 2012

Ungeheuerliches deutet sich an: Die Berliner Sozialdemokraten scheinen geneigt, dem Regierenden Bürgermeister nicht länger zu gehorchen. So erdreisteten sie sich am vorvergangenen Wochenende, einen lieben Weggefährten seiner Majestät nicht ein weiteres Mal in seinem Amte als Landesvorsitzender zu bestätigen, sondern ihn durch einen anderen Bewerber um den Posten zu ersetzen. Welcher die Kühnheit besaß, sogleich anzukündigen, künftig mehr Einfluß auf sozialdemokratisches Regierungshandeln nehmen zu wollen. Womöglich gar gemäß der Beschlüsse sozialdemokratischer Parteitage.

Seine allergnädigste Exzellenz Klaus Wowereit kann derart ungebührliches Benehmen selbstredend nicht dulden, weshalb gestern ? gemeinsam mit dem aus dem Amte Entfernten, welcher weiterhin als wohl hoch geborener Senator fungieren darf ? kurzerhand eine Teilausschreibung des S-Bahn-Netzes beschlossen wurde. Gegen den erklärten Willen der Aufrührer in der Partei. Und ohne die Fertigstellung irgendwelcher Gutachten abzuwarten.

Ein Vorgehen, welches um so mehr zu bewundern ist, als es bei ihm einzig um das Prinzip geht. Dürfte, wenn die Ausschreibung tatsächlich erfolgt, der jetzige Regierende Bürgermeister doch längst nicht mehr in seinem Amte weilen ? weil selbiges, nach mehr als einem Jahrzehnt des gemütlichen Vor-sich-hin-Regierens, in Arbeit auszuarten droht. Oder weil einfach herausgekommen ist, wieviel das Flughafendesaster das bereits hoch verschuldete Land Berlin wirklich kosten wird.

Blüten am Wegesrand (7)

Montag, 11. Juni 2012

Der Berliner Bahnhof Baumschulenweg und die ? teils neben, teils unter ihm befindliche ? Brücke über die Baumschulenstraße wurden in den letzten Jahren von der Deutschen Bahn AG in bewährter Form saniert: Nahezu alles abreißen und neubauen.

Im Zusammenhang damit entstand auch ein neuer Zugang unter der Bahnbrücke, auf der Nordseite der Baumschulenstraße. Dieser verdient gleich aus zweierlei Gründen Lob: Schön, daß es mal jemand wagt, der ? allgemein so gering geschätzten ? Architektur der späten sechziger und siebziger Jahre seine Reverenz zu erweisen. Und wie aufmerksam, daß das so einladend wirkende Ambiente noch weiter aufgewertet wird durch die Möglichkeit wenigstens für den männlichen Teil der Bevölkerung, hier dringende Bedürfnisse zu befriedigen. Daß dieses Angebot zur Erleichterung bereits rege angenommen wird, kann man ? insbesondere in den dafür vorzüglich geeigneten Ecken unter den oberen Treppenläufen ? nicht nur sehen, sondern auch riechen.

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Die Leute haben ja keine Ahnung!

Sonntag, 3. Juni 2012

Vox populi ? vox dei? Nein, vielmehr kommt aus unberufenem Banausenmunde oft schockierend Falsches, das in erschreckendem Maße abweicht von dem, was aus den Medien verlautet und aus den Pressemitteilungen, aus denen die Journalisten sorgfältig abgeschrieben haben.

?Ey, der ist so häßlich, Alter, der Bahnhof!? hörten wir, als wir die kürzlich in Betrieb genommene Ringbahnsteighalle der Berliner Station Ostkreuz am Himmelfahrtstag photographisch festhielten, mitten auf dem Perron einen jungen Herrn seinem Begleiter mitteilen. Und eine Passantin auf dem nahen Markgrafendamm erdreistete sich gar beim Anblick dieses jüngsten Kleinods Berliner Baukunst zu dem spontanen Ausruf: ?Boah, ist der neue Bahnhof häßlich!?

Als wenn die Halle angesichts ihrer Höhe und Breite deutlich zu kurz geraten wäre, nun knubbelig wirken würde und aussehen wie eine klobige, etwas geschmacklose Truhe, die jeden Moment mit lautem Krachen auf die im Finsteren unter ihr liegenden Gleise und Bahnsteige herabzuplumpsen droht.

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Die Kritik ist um so weniger gerechtfertigt, als die Bahnsteighalle nicht länger werden konnte, hätte sie doch andernfalls den gesamten Perron überspannt. Von diesem ragt nun an jedem Ende ein Stück aus der millionenteuren Halle heraus, bleibt unüberdacht und die Deutsche Bahn AG gewährt den Reisenden so die Möglichkeit, den Wechsel der Jahreszeiten und das Spiel der Elemente (Wind, Regen, Schnee) hautnah zu erleben.

Zumindest den Wind genießen kann man allerdings auch innerhalb der Halle, denn anders als auf den Stationen Schöneberg, Zoo oder Südkreuz ist seitlich eben nicht nur der Gleisbereich offengelassen worden, weshalb für gute, zuweilen kräftige Belüftung stets gesorgt sein dürfte ? insbesondere im Herbst und im Winter.

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Allerdings hat die Deutsche Bahn AG in ihrer unermeßlichen Weisheit auch an Zeitgenossen gedacht, welche von einer Windphobie geplagt sein mögen: Diverse, überhaupt nicht überdimensioniert wirkende (Verkaufs-) Bauten auf dem Bahnsteig gewähren Schutz. Dabei ist es gelungen, alles so anzuordnen und zu gestalten, daß die neue Halle ganz und gar nicht zugerümpelt und dementsprechend unübersichtlich wirkt.

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Und sollten Sie wider Erwarten ein unverbesserlicher Miesepeter und daher anderer Meinung sein, bleibt Ihnen immer noch die Möglichkeit zu einem heiteren Spiel: Irgendwo auf diesem Bild befindet sich eine zweite Bahnsteigkante. Versuchen Sie, sie zu finden!

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