Archiv für April 2012

Denken gefährdet Ihre Berichterstattung

Sonntag, 29. April 2012

In Berlin, das ja nicht umsonst Hauptstadt ist, gibt es viele sichere Quellen für Qualitätsjournalismus. Eine davon ist der RBB.

Dieser lieferte auch die vielleicht schönste Berliner Verkehrsmeldung des zu Ende gehenden Monats. Und die jeden ans-tändigen Bürger wohl erschütterndste:

VIELE SCHWARZFAHRER IN BERLIN

titelte die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt beispielsweise in ihrem Videotext. Berlin habe, so erfuhr man nicht nur in diesem Medium weiter, ?einer Umfrage zufolge bundesweit die höchsten Schwarzfahrer-Quoten?.

Am schlimmsten trieben es die Unholde in Chemnitz, ?wo sechs Prozent aller Fahrgäste nicht für ihre Tickets bezahlten? (diese also offenbar stehlen oder gar rauben, denn wie sollten sie anders an Fahrscheine gelangen?). In Köln habe man fünf Prozent gewissenlose Gestalten unter den Beförderungsfällen ausgemacht. In Berlin, Oberhausen und Bonn führen je vier Prozent der Fahrgäste schwarz.

Nun könnte man vielleicht fragen, wie die Zahl der Schwarzfahrer denn eigentlich ermittelt wird. Womöglich anhand der ertappten Schwarzfahrer? Und von dieser Zahl ausgehend wird dann hochgerechnet? Überall nach der gleichen Methode? Oder ist hier überhaupt nur die Rede von denen, die man erwischt hat? Wurden in allen 35 Städten, die in die Umfrage einbezogen wurden, genauso häufig Fahrscheinkontrollen durchgeführt? An vergleichbaren Stellen im jeweiligen Netz, zu vergleichbaren Tageszeiten? Mit vergleichbarem Vorgehen gegen jeden ertappten Schwarzfahrer ? auf daß nicht größere oder auch geringere Kulanz gegenüber irritierten Touristen oder ?Graufahrern? die Statistik verzerre? Und apropos Statistik: Bewegt sich nicht ein Unterschied von ein bis zwei Prozentpunkten im Rahmen der üblichen Fehlerdifferenz, die jedes seriöse Institut bei seinen Umfragen auch angibt? Weshalb man sagen könnte, daß letztlich ? Pi mal Daumen, denn eine genauere Berechnung ist in diesem Falle ohnehin nicht möglich ? in Chemnitz wie in Köln oder Oberhausen der Schwarzfahreranteil ungefähr genauso hoch ist wie in Bonn oder Berlin?

Ja, das alles könnte man fragen. Aber von solchen Feinheiten kann man sich doch nun wirklich nicht die Gelegenheit verderben lassen, eine schöne ? vor allem schön alarmistische ? Meldung herauszurülpsen.

Lesen Sie auch: So macht Journalismus Spaß.

Blüten am Wegesrand (5)

Montag, 16. April 2012

Wenn die BVG U-Bahnhöfe neugestaltet, verfährt sie nach einem ebenso simplen wie sinnfälligen Konzept: Stets geht es darum, das Erscheinungsbild der Stationen aufzuwerten. Dazu dienen hochwertige Materialien und eine durchdachte Form- und Farbgebung. So bot sich der 1971 eröffnete U-Bahnhof Bundesplatz ursprünglich in wenig erfreulicher Weise dar: dunkelblaue Fliesen an den Hintergleisflächen, über die volle Länge der Bahnsteighalle unterbrochen von einem Streifen weißer Fliesen, auf welchen in aufgesetzten Lettern der Stationsname stand. Ebensolche weiße Fliesen, getrennt durch dunkle Fugen, hingen an den Wänden der Bahnsteige und Bahnsteigzugänge, den Boden bedeckte grauer Asphalt.

Ein wieviel angenehmeres und fröhlicheres Bild bieten die beiden Bahnsteighallen doch seit ihrer Neugestaltung:

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Funkelnde Fliesen in leuchtenden, klaren Farben, getrennt durch weiße Fugen, die lange weiß bleiben, schaffen ein ansprechendes, freundliches Ambiente.

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Das gediegene Erscheinungsbild wird auch ermöglicht durch die Wahl pflegeleichter und vandalismusresistenter Materialien.

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Mit solcher Gestaltung gewährleistet die BVG, daß die Attraktivität der Berliner U-Bahn nicht nur für die nächsten Jahrzehnte gewahrt bleibt, sondern sogar noch stetig steigt.

Nachts am Innsbrucker Platz

Sonntag, 15. April 2012

Am Innsbrucker Platz befindet sich die Bushaltestelle in der Hauptstraße Richtung Süden nicht direkt vor dem Eingang zum S-Bahnhof. Schon einmal habe ich es erlebt, daß dennoch genau vor diesem der Fahrer eines Busses spätabends stoppte. Er stellte den Motor ab, verschwand in der Vorhalle des S-Bahnhofs und ließ seine Fahrgäste ein, zwei Minuten lang ebenso fragend wie allein im Wagen zurück. War er von einer plötzlichen Depression befallen worden? Einem Burnout? Nein, er hatte anscheinend nur sein Pausenbrot vergessen, denn bald kehrte er mit Verpflegung zurück, die er offenkundig an dem Stand in der Vorhalle erworben hatte, der bis tief in die Nacht geöffnet ist.

Vorgestern gegen elf Uhr nachts hatte der Fahrer eines Busses der Linie M 85 aber offenbar ein anderes Bedürfnis, das er befriedigen mußte: Auch er hielt vor dem S-Bahn-Eingang und ließ dort zwei junge Frauen aussteigen. Dann jedoch schloß er die Türen und fuhr wieder los, obwohl ein junger Mann von der etwas weiter südlich gelegenen regulären Haltestelle herbeigelaufen kam. An ebendieser stoppte der Busfahrer dann wieder ? und ließ den Mann, der zu ihr zurückgehetzt war, nun endlich in den Wagen.

Wie man hört sollen übrigens tätliche Angriffe auf Busfahrer zunehmen.

Kampfradler? Was soll das denn sein?

Mittwoch, 11. April 2012

sommerhasserbuch-radfahrer

Nicht daß noch jemand auf die Idee käme, sie täten dies zu ihrem Vergnügen. Oder um das eigene Fleisch fest zu halten. Nein: Sie bringen ein Opfer. Sie retten die Welt. Und deshalb brauchen sie sich an keine Regeln zu halten. Verkehrszeichen? Rote Ampeln? Einbahnstraßen? Fußwege? Radwege? Rücklichter gar oder Reflektoren? Alles purer Faschismus! Terrormaßnahmen des Schweinesystems.

Natürlich ist Radfahren im Sommer, nach dem klimatisierten Wagen und dem Cabrio, die angenehmste Form der Fortbewegung. Doch leider scheint die Annehmlichkeit für den Fahrer unweigerlich mit einer mindestens ebenso großen Belästigung der lieben Mitmenschen einhergehen zu müssen. Und die Jungdynamiker, welche über Gehsteige fegen (fürs Kopfsteinpflaster scheint man denn doch nicht hart genug zu sein) oder mit ihren Mountainbikes Parks und Wälder ramponieren, sind nur eine andere Erscheinungsform des Schreckens als die selbstgestrickte Veganerin, die gemächlich vor dem Bus herradelt, der mit seinen bis zu hundert Passagieren ruhig ein wenig langsamer fahren darf, erst recht in der Nähe der Haltestelle ? bloß keine Hektik: Erdmute-Sarah hat Zeit!

Ja, es bringt nichts, sich immer wieder über gewisse Gruppen von Radfahrern zu beklagen. Ganz schlimme Zeitgenossen fordern daher, sie einfach zu Freiwild zu erklären. Denn für Abschuß- oder genauer: Abfahrprämien habe der Staat nun wirklich kein Geld mehr, weshalb man auf den Jagdtrieb der Kraftfahrer vertrauen müsse. Der Sommerhasser kann dies nur empört zurückweisen. Ihm würde es schon vollauf genügen, würden so richtig engagierte Pedaltreter gezwungen, ihren Drahtesel auch bei Sturm und Regen, Schnee und Glätte zu benutzen. Und insbesondere in der Dunkelheit.

Dieser Text ist ein Kapitel aus ?Das Sommerhasserbuch?, erschienen im Berliner Verlag Matthias Herrndorff und dort wie im bundesdeutschen Buchhandel erhältlich für 8,90 Euro (104 Seiten, ISBN 978-3-940386-20-5). Als E-Book gibt es das Werk ? natürlich mitsamt der superben Zeichnungen von Marcel ? jetzt zum sensationellen Preis von nur 3,90 Euro.

Laßt Leipzig links liegen!

Dienstag, 10. April 2012

Du bist verrückt mein Kind, Du mußt nach ? Leipzig! Denn dort trägt sich ab heute wahrlich Wahnsinniges zu: Die immer weiter wachsenden Treibstoffpreise wollen Leipziger Verkehrsbetriebe, DB AG und Mitteldeutsche Regiobahn nutzen, um Autofahrer anzulocken. Vier Tage lang gilt der Kraftfahrzeugschein als Fahrkarte in Bussen und Bahnen der Tarifzone Leipzig. Und zwar nicht nur für den, der die Zulassung gerade mit sich führt, sondern für soviele Personen wie das jeweilige Kraftfahrzeug offiziell Plätze hat.

In Berlin kann man über solche bizarren Aktionen der Provinz nur den Kopf schütteln. In der Hauptstadt weiß man es besser: Wenn die Treibstoffpreise explodieren, bedarf es zur Gewinnung neuer Fahrgäste keiner Schnupperaktionen. Viel wirkungsvoller wird es sein, mal wieder ein paar Plakate zu drucken. Oder Faltblätter. Und natürlich ? ebenfalls mal wieder ? die Fahrpreise zu erhöhen.

Kostenloses Probefahren. Tse. Ideen haben die!

Der ÖPNV als alltäglicher Intelligenztest

Donnerstag, 5. April 2012

?Das geschieht dem Ronny ganz recht!?
Rolf-Rüdiger ist heute wieder mal besonders guter Laune. ?Sei doch nicht so herzlos!? weise ich ihn zurecht.
?Was heißt hier ?herzlos??? erwidert er.
?Na, du hast dich doch auch geärgert, daß die S-Bahn jetzt schon wieder mal zwei, drei Wochen lang auf einer wichtigen Strecke überhaupt nicht fährt. Weil das neuerdings in Berlin so üblich zu sein scheint: Muß gearbeitet werden, macht man das nicht mehr nur abends, nachts oder wenigstens am Wochenende, wenn es nicht ganz so viele Menschen stört. Nein, mittlerweile wird die Strecke einfach ein paar Wochen oder Monate vollständig stillgelegt. Sollen die Beförderungsfälle doch sehen, wie sie zurechtkommen. Früher ??
?Wie die Zukunft früher war?, fällt RR mir ins Wort, ?kann ich dir leider nicht sagen. Ich will ja keine Abmahnung riskieren.?
Ich grinse.
?Aber gerade weil es inzwischen üblich ist, daß mindestens an jedem Wochenende in Berlin irgendwas nicht oder wenigstens noch spärlicher als nach Plan fährt, geschieht es dem Ronny ganz recht, wenn er sein Vorstellungsgespräch durch die allerneueste Streckensperrung verpaßt hat.?
?Der arme Kerl war mehr als drei Jahre lang arbeitslos, hat er der Fernsehreporterin gesagt. Und jetzt wird er?s wahrscheinlich weiter sein.?
?Das ist für ihn wie für die Allgemeinheit traurig?, meint der Mann an meiner Seite. ?Aber der neue Job wär vermutlich sowieso nichts für ihn gewesen.?
?Woher willst du das denn wissen?? empöre ich mich.
?Weil dieser Ronny den Intelligenztest äußerst beeindruckend nicht bestanden hat”, erklärt RR. ?Wäre er nicht eine totale Dummwurst, hätte er sich vor seinem wichtigen Termin informiert, ob es womöglich mal wieder irgendeine Störung oder ? wie das mittlerweile in bestem Politbürodeutsch heißt ? ?abweichende Betriebsführung? gibt und sich darauf eingestellt. Die S-Bahn hat also sehr schön, da wirkungsvoll, verhindert, daß er womöglich eine Arbeitsstelle ergattert hätte, für die er sowieso nicht geeignet gewesen wäre ? und sie damit jemand anderem weggenommen. Wenigstens die vierzehn Tage bis zu seiner Entlassung.?
?Du meinst, das ist wie an der gut frequentierten Bushaltestelle…?, werfe ich ein, mich entsinnend, welch Beispiel für einen alltäglichen Intelligenztest Rolf-Rüdiger sonst gern ins Feld führt.
?Genau: Wenn vor der Einstiegstür eines Busses noch ein relativ großer Pulk von Menschen steht, die nur langsam in das Gefährt kommen, kann man immer wieder erkennen, wie viele Idioten herumlaufen. Das sind all jene, die zu dem Bus hetzen, um dann noch eine halbe Minute in dem Pulk zu stehen. Die Intelligenten schätzen hingegen ab, daß sich die Menschenansammlung so langsam auflösen dürfte, daß sie den Bus auch in gemächlichem Schritt erreichen werden.?
?Ronny würden rennen??
?Mit Sicherheit. Und deshalb hoff ich, daß sein potentieller Arbeitgeber nicht den Fehler begeht und ihm noch eine zweite Chance gibt. Es sei denn, der Ronny schiebt die Schuld für sein Versagen ? also daß er so ein, zwei Stündchen zu spät zum Vorstellungsgespräch gekommen ist ? nicht auf die S-Bahn.?
?Sondern??
?Sondern gesteht ein, daß er einfach blöd ist.?
Rolf-Rüdiger schaut sehr befriedigt drein, mit ?Ich habe gesprochen?-Blick.
Ich schüttele den Kopf. Leute gibt?s.

Überraschungen

Dienstag, 3. April 2012

Der März war voller Überraschungen:

Völlig überraschend findet man beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg die Idee gut, nach doch immerhin anderthalb Jahren mal wieder die Preise zu erhöhen ? und beschließt dies gleich mal.

Völlig überraschend wird die in einer Volksabstimmung getroffene Entscheidung, das Land Baden-Württemberg solle ? womöglich mit erheblichen Kostenrisiken ? aus ?Stuttgart 21? nicht aussteigen, permanent als Zustimmung zu dem Großprojekt verkauft.

Völlig überraschend verteuern sich die kalkulierten Kosten für ?Stuttgart 21? mal wieder.

Völlig überraschend entdeckt man auf der ? den boulevardisierten Medien zufolge ? größten Baustelle Berlins/Deutschlands/Europas/der Welt, dem bislang noch nicht wieder bebauten Teil des ehemaligen Wertheim-Geländes, einen U-Bahn-Tunnel ? welcher sich dort erst seit gut hundert Jahren befindet und seit 1993 wieder regelmäßig befahren wird. Völlig überraschend gibt es Probleme mit diesem Tunnel, zumal wenn man um ihn herum ein Einkaufszentrum errichtet, samt der bei solchen wichtigen Bauten unerläßlichen drei, vier, fünf Untergeschosse zum Parken.

Völlig überraschend beschließt die BVG, sich eines wichtigen Problems anzunehmen: Nein, natürlich nicht der zunehmenden Gewalt in der U-Bahn oder der wachsenden allgemeinen Verwahrlosung. Vielmehr will man endlich entschiedener darauf dringen, daß in den öffentlichen Verkehrsmitteln kein Alkohol konsumiert wird. Völlig überraschend sind Medien, die davon leben, ihren verbliebenen Lesern nach dem vermuteten Munde zu reden, begeistert davon.

Völlig überraschend beschließt die Berliner CDU, etwas für Sicherheit und Sauberkeit im Stadtbild zu tun und zu diesem Zweck die Gebäude in öffentlicher Hand von außen besser zu beleuchten, sowie mehr Abfalleimer aufzustellen. Völlig überraschend interessiert niemanden, daß die Zahl der Gebäude in öffentlicher Hand immer geringer wird, da man inzwischen sogar Rathäuser verscherbelt. Völlig überraschend fragt niemand, wer die einigen Hundert zusätzlichen Abfalleimer eigentlich entleeren soll.

Überhaupt nicht überraschend ist dieser Eintrag nicht vom 1., sondern vom 3. April.