Archiv für März 2012

Wunder des Alltags (9)

Sonntag, 18. März 2012

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Glück gehabt! Von der Bahnsteigkante, an der die nach Rathaus Steglitz fahrenden Züge halten, ist der Weg frei zur Rolltreppe aufwärts. Allerdings ist sie mal wieder außer Betrieb.

Ob Rechts- oder Linksverkehr: Es trägt doch sehr zur Erleichterung des Alltags bei, wenn alle, die in die gleiche Richtung streben, dies möglichst auf der gleichen Seite eines Weges tun.

An den Zu- und Abgängen von Bahnsteigen kann es dabei zweckmäßig sein, vom in Deutschland seit langem üblichen Rechtsverkehr zuweilen abzuweichen. Etwa wenn auf der einen Seite des Perrons fast nur Fahrgäste ankommen, auf der anderen fast nur solche abfahren.

Letzteres trifft für den U-Bahnhof Walther-Schreiber-Platz zu, dem nördlichen Tor zur Einkaufsmeile Schloßstraße und Ausgangspunkt einiger Buslinien. Dieser U-Bahnhof fungierte zwar nur gute drei Jahre lang als Endstation. Doch da die U 9 bis heute nicht über Rathaus Steglitz hinaus verlängert wurde und der Weg dorthin leichter mit den zahlreichen auf der Schloßstraße verkehrenden Bussen zurückzulegen ist, steigt am Walther-Schreiber-Platz kaum jemand in Richtung Süden ein. Und kaum jemand aus Richtung Süden aus.

Da fügte es sich trefflich, daß auf dieser Station der Bahnsteig hauptsächlich von Süden her betreten und von Süden her verlassen wird. Die Fahrgastströme konnte man ganz simpel im gewohnten Rechtsverkehr führen: Die vielen Passagiere, die aus Richtung Norden kamen und ausstiegen, und die vielen Passagiere, die Richtung Norden wollten, kamen sich wenigstens vor und auf der Treppenanlage nicht in die Quere.

So ging das über dreißig Jahre lang. Dann wurde auch diese Station, wie es zur allgemeinen, absolut ungebrochenen Begeisterung mit einer jeden geschehen soll, barrierefrei gemacht. Dies bot der BVG die Gelegenheit, etwas zu beseitigen, was sie ohnehin für überflüssigen Luxus aus einer Zeit erachtet, als Deutschland noch nicht (wieder) härter geworden war: abwärts führende Rolltreppen.

Am Südzugang zum Bahnsteig Walther-Schreiber-Platz ersetzte man aber nicht die östliche, abwärts führende Rolltreppe durch einen Schrägaufzug. Man tat es mit der bislang aufwärts führenden westlichen. Und ließ die dereinst abwärts führende fortan aufwärts laufen.

Seither kann man Tag für Tag, über manche Stunden fast ununterbrochen, beobachten, wie unterhaltsam es ist, wenn sich der Weg der vom Bahnsteig drängenden Fahrgastmassen mit dem Weg jener kreuzt, die auf den Bahnsteig drängen ? oder rennen, weil sie schnell noch den Zug erreichen wollen.

Die BVG ist für diese Maßnahme unbedingt zu loben.

Denn warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Und weshalb Fahrgastströme trennen, wenn man sie auch miteinander vermengen und so mit spaßigem Gewühl und Gerempel die Vereinsamung des (auch körper-) kontaktarmen Großstadtmenschen bekämpfen?

Zumal das Kuddelmuddel doch nicht etwa angerichtet wurde, weil man entweder keinen kostbaren Quadratmeter vermarktbarer Gewerbefläche opfern wollte, wie es womöglich geschehen wäre, hätte man die östliche Rolltreppe durch einen Aufzug ersetzt. Oder weil man schlicht mal wieder nicht nachgedacht hat.

Ostkreuz ohne Todestreppen

Samstag, 3. März 2012

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Zur weiteren Minimierung der Lebensgefahren waren auch am 17. Mai 2012 die Rolltreppen außer Betrieb ? oder erst gar nicht vorhanden.

Unter großer Beachtung und scheinbar noch mehr Applaus wird am Berliner Ostkreuz nach langem Zögern saniert, und das in bewährter Manier: Nahezu alles abreißen und etwas Neues hinbauen.

Ebenso schön wie bemerkenswert ist dabei, daß die DB AG für den Ringbahnsteig, der quer über den anderen verbleibenden Perrons in luftiger Höhe thront, erstmals eine geschlossene Halle spendiert. Und sogar eine richtig lange und sehr breite.

Allerdings ist letzteres auf ganz andere Art der Sorge um das Wohlergehen der Fahrgäste geschuldet, als man denken könnte: Aus Sicherheitsgründen, so verlautet, dürften Treppen heutzutage keinen Absatz mehr haben, auf welchem sich ihre Richtung um neunzig Grad ändert, sondern müßten gradlinig verlaufen.

Da kann man ja bloß heilfroh sein, daß in Berlin kaum noch U-Bahnen gebaut werden! Die große Bahnsteigbreite, welche sich aus dieser neuen ? natürlich wieder einmal immens wichtigen, für das Überleben von Millionen Fahrgästen absolut unverzichtbaren ? Sicherheitsmaßnahme ergibt, würde die Errichtung von Umsteigestationen, bei denen zwei Bahnsteighallen in rechtem Winkel übereinander liegen, in schmalen Straßen fast unmöglich machen ? es sei denn, man wollte mal eben ein paar Häuser abreißen oder unter ihnen mit einigem Aufwand einen Teil der Bahnsteighalle anlegen.

Apropos Breite: Wie breit muß eigentlich ? aus Sicherheitsgründen ? jeweils jener Bahnsteig werden, auf den die Treppe nun rechtwinklig mündet? Was ja nichts anders bedeutet, als daß sie schnurstracks in Richtung Gleis führt. Und umgekehrt: Wieviel Sicherheitsabstand zwischen Bahnsteigkante und Treppenbeginn ist notwendig, damit bei großem Andrang Fahrgäste, die auf die Treppe wollen, nicht durch Drängelei ins Gleisbett geschubst werden können, womöglich direkt vor einen einfahrenden Zug?

Womöglich muß man solch kleine Kollateralschäden in Kauf nehmen. Schließlich ist fortan sichergestellt, daß nie ? nicht ? nimmermehr Fahrgäste durch eine Panik auf der Treppe an jener Stelle zu Tode getrampelt werden, an welcher diese abknickt. Wie in Berlin bereits geschehen am… äh… und in… hm… Na ja, aber rein theoretisch könnte das ja passieren. Jederzeit. Und wenn sie jetzt in Ostkreuz purzeln, dann purzeln sie wenigstens gleich die ganze Treppe hinunter. Sicher ist sicher.