Archiv für September 2011

GRÜN wirkt – und nicht diese Penaten (oder wie die heißen)!

Freitag, 30. September 2011

Es stimmt was nicht im Berliner Politikbetrieb. Eben noch waren die hauptstädtischen Grünen auf dem besten Weg, in der Manier ihrer Parteifreunde in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hamburg oder Bremen zwecks Regierungsbeteiligung einem Projekt zuzustimmen, gegen das sie vor der Wahl eifrig gewettert hatten. Am Dienstag hatte gar ihr Fraktionsvorsitzender Ratzmann die bemerkenswerte Leistung vollbracht, sich in der ?Abendschau? des RBB so mit Ausflüchten und Wortklaubereien zu winden, daß es sogar der ihn befragenden, sonst sehr blonden ?Abendschau?-Ansagerin Cathrin Böhme zu dumm wurde und sie wie eine Journalistin wirkte. Da gibt es plötzlich massiven Widerstand gegen das übliche Umfallen.

Dieses unvermittelte Beharren auf einem Verzicht der Verlängerung des Autobahnstadtrings ? noch bevor die Koalitionsverhandlungen mit der SPD überhaupt offiziell begonnen haben ? hat natürlich einzig und allein mit der Prinzipienfestigkeit vieler grüner Amts- und Mandatsträger wie auch einfacher Mitglieder zu tun. Und rein gar nichts damit, daß die Grünen ? wiewohl sie gerade ihr bisher bestes Ergebnis bei einer Berliner Abgeordnetenhauswahl eingefahren haben ? plötzlich als spießige Alte-Knacker-Partei dastehen, die sich allen Nonkonformismus und Mut längst selbst ausgetrieben hat, stets eifrig darum bemüht, bloß keine schwäbischen Hausfrauen oder Wilmersdorfer Späterstgebärenden zu verschrecken. Als Partei der Soccer Moms und frustrierten Bibliothekarinnen, als die perfekten Vertreter des bundesrepublikanischen Biedermeiers, wo man sich gern mit noch ein paar Verboten und Vorschriften mehr als Symbol- und Ersatzpolitik beruhigt ? die Kinder sollen es doch schließlich mal besser haben und es vor allem nicht so wild treiben dürfen wie man selbst. Und es ist ja auch nicht so, daß Vertreter der Grünen jetzt exakt jene Arroganz und jenes Unverständnis gegenüber den Neulingen im Politikbetrieb an den Tag legen würden, mit denen die SPD vor dreißig Jahren den Grünen begegnet ist.

Ach ja, die Neulinge, diese Penaten oder Piroggen oder wie die heißen ? mit deren Überraschungserfolg, der das grüne Rekordergebnis für die Medien uninteressant werden ließ, hat die neue grüne Zurückhaltung beim Umfallen natürlich absolut nichts zu tun. Es ist auch reiner Zufall, daß mit dem (zumindest bisherigen) Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg ein Grünen-Politiker für den Fall, daß die Autobahn mit grüner Zustimmung verlängert wird, mit seinem Parteiaustritt gedroht hat, der in einer Hochburg der Piratenpartei amtiert.

Denn bestünde zwischen dem ungewohnten Verhalten der Grünen und ihrer Angst vor der neuen Konkurrenz ein Zusammenhang, dann hieße das ja: Die Piraten (und all jene, die sie gewählt haben) haben bereits etwas bewirkt.

Lesen Sie auch: Bau der A 100 ist jetzt ökologisch sinnvoll für Berlin.

Och menno, Herr Ramsauer!

Dienstag, 27. September 2011

Kaum haben sich die zu Verhandlungsführern ausersehenen Damen und Herren von SPD und Grünen im Land Berlin darauf geeinigt, so zu tun, als müßten nicht sie darüber entscheiden, ob die A 100 verlängert wird oder nicht, sondern Sie ? da durchkreuzen Sie dieses lustige Theater für Grünen-Wähler, die immer noch erwarten, daß ihre Partei in wichtigen Fragen nicht umfällt, auch schon. Und erklären einfach, das Geld für die Autobahnverlängerung gebe es bloß für die Autobahnverlängerung, Ende.

Soll denn den Grünen als billige Ausrede für ihre Prinzipienlosigkeit bloß ein Krötentunnel, antifaschistisch linksdrehender Joghurt in der Schulspeisung und das Rauchverbot in Einbahnstraßen bleiben?

Konnte denn irgend jemand erwarten, daß Sie, als CSU-Mitglied, nicht daran interessiert sein würden, den Roten und den Grünen zu helfen, sondern eher der Berliner CDU, die ja wie manch SPD-Betonkopf (Klaus Wowereit, Olaf Scholz) ebenfalls verkehrspolitisch in den sechziger Jahren stehengeblieben ist?

Wie kann man nur so ein Spielverderber sein!

Was stört schon eine Stadtautobahn, wenn antifaschistische Pflanzinnen blühen?

Dienstag, 27. September 2011

Keine acht Tage nach den Berliner Abgeordnetenhauswahlen haben SPD und Grüne einen Weg gefunden, wie sie miteinander den Senat bilden können, ohne sich über die Verlängerung der Stadtautobahn A 100 zu zerstreiten. Zu dem Kompromiß erfährt man: ?Mit dem Bund solle in Gesprächen geklärt werden, ob die Bundesmittel auch für andere Verkehrsprojekte in Berlin verwendet werden könnten. Sollte das nicht möglich sein, werde die Autobahn gebaut.?

Eine wirklich brillante Lösung. Delegiert sie doch keinesfalls die Entscheidung über den Autobahnbau an die Bundesregierung. Und ist auch völlig offen, was die schwarz-gelbe Bundesregierung und insbesondere das CSU-geführte Bundesverkehrsministerium vom Autobahnbau halten. Zumal der ja keineswegs bereits beschlossen und vereinbart wurde.

Und bei dem ganzen Vorgang geht es auch nicht darum, daß die Grünen eine Ausrede bekommen, weshalb sie einem Lieblingsprojekt Wowereits ? welches dieser schon gegen den Widerstand seiner eigenen Partei durchboxen mußte ? zustimmen. Einem Projekt, gegen das sie noch im Wahlkampf eifrig gewettert haben.

Es ist ja nicht immer so, daß die Grünen nach den Wahlen umfallen, wenn ihnen ein bißchen Macht und Einfluß winkt. Und daß die Hamburger oder Bremer Grünen den Berlinern voraus hätten, daß sie für ihr Einknicken immerhin bei grünen Stammwählern beliebte, ganz, ganz wichtige Projekte wie eine Förderung antifaschistischen Ackerbaus oder ökologische Ausgleichsmaßnahmen in Gestalt feministischer Pflanzinnen herausgeschlagen haben.

Doch auch wenn die einstige Alternativpartei ihre Positionen schon räumt ? noch haben die Koalitionsverhandlungen nicht begonnen. Irgendwas Schönes wird schon noch für die Grünen drin sein. Zum Beispiel: ?Der rot-grüne Senat wird den weiteren Ausbau des Straßenbahnnetzes prüfen.? Wobei man ganz sicher nicht davon ausgehen kann, daß diese Prüfung zirka fünf Jahre dauern wird ? bis zu den nächsten Wahlen, zu denen dann die grüne Stadtentwicklungssenatorin die Autobahnverlängerung einweihen wird.

Lesen Sie dazu auch: Rauchverbot in Einbahnstraßen ? und die A 100 wird verlängert!

U-Bahn zu, runter vom Balkon!

Donnerstag, 22. September 2011

?Deswegen sitzen sie in Wandlitz hinter Mauern, Stacheldraht und Wachtürmen, deswegen fahren ihre Autokolonnen mit splittersicherem Glas und Panzerplatten, deswegen wird die halbe Stadt abgesperrt, wenn einer von den Herren sich auf den Straßen der Stadt bewegt. Niemals war in Deutschland der Abstand zwischen dem Volk und seiner Regierung größer als jetzt, weder bei Wilhelm II. noch gar in der Weimarer Republik, nicht einmal bei den Nazis. Hitler konnte sich ungeniert bewegen, ohne Furcht zu haben, die Mehrheit war ja auf seiner Seite.?

Robert Havemann: Ein deutscher Kommunist, Reinbek 1978, Seite 77

Berliner S-Bahn will während der Winterpause Bahnhöfe für Besucher öffnen!

Sonntag, 18. September 2011

Mehr dazu hier.

Machtwort
Cartoon größer, besser ansehen? Anklicken!

Zur heutigen Neuwahl des Abgeordnetenhauses ein Winkewinke an die scheidende Stadtentwicklungssenatorin, die auch für Verkehr zuständig war. Nicht traurig sein, liebe Ingeborg Junge-Reyer, wie alles gelaufen ist ? Sie haben sich sicher immer sehr bemüht. Im Rahmen Ihrer Möglichkeiten. Und Ihr Chef Klaus Wowereit macht ja sicher weiter. Also: weiter nichts.

Es muß nicht immer Nazi-Grusel sein

Donnerstag, 15. September 2011

Im Tränenpalast am Berliner Bahnhof Friedrichstraße, da haben die Menschen einst voneinander Abschied genommen. In diesem absolut schmucklosen Gebäude standen sie, die DDR-Bürger, die allesamt in dieses Gebäude nicht ? unter gar keinen Umständen ? hinein durften, und die Westler, welche in den Westen fuhren. Oder auch mitten im Tränenpalast darauf warteten, daß Nun-nicht-mehr-DDR-Bürger ausgereist kamen. Es war jedenfalls ein reges Treiben in diesem Haus, ein großes Durcheinander, bewacht von den tausend Augen des Dr. Mielke, und irgendwo fanden hier auch sehr, sehr strenge Paßkontrollen statt, welche sich in der Regel minutenlang hinzogen, und öfter mal fiel angesichts des dadurch verursachten Stresses jemand tot um.

Ja, so war das, denn so wurde es in der gestrigen ?Abendschau? des RBB berichtet, einem Flaggschiff des öffentlich-rechtlichen Qualitätsmediums, wo die Reporter natürlich nicht damit überfordert sind, wenigstens mal einen Blick auf die Dauerausstellung, von deren Eröffnung sie berichten, zu werfen. Oder sich von den mutmaßlich anwesenden Ausstellungsmachern genau erklären zu lassen, was sie nicht oder nach gut zwanzig Jahren nicht mehr wissen.

Wozu natürlich nicht gehört, daß es sich bei diesem Abfertigungsgebäude, das kurz nach dem Mauerbau für die ?Ausreise aus der Hauptstadt der DDR? errichtet wurde, um einen angesichts seines Zweckes überraschend aufwendig gestalteten und lichten Bau handelt. Ein Gebäude ganz im Geschmack der damaligen Zeit, welches stark an eine Schwimmhalle erinnert, und es sogar zu Postkartenehren brachte. Es war nicht so transparent und einladend, daß später vor den Eingang ein düsterer Gang gesetzt wurde, der auch den gradlinigen Weg in das Gebäude verstellte. Es konnten den ?Grenzübergang? Bahnhof Friedrichstraße, also auch den Tränenpalast, nicht auch DDR-Bewohner nutzen, die dienstlich, in ?dringenden Familienangelegenheiten?, als Rentner oder als vom kommunistischen Gutshof, pardon: ?aus der Staatsbürgerschaft der DDR Entlassene? nach West-Berlin ?reisten?. Es fand nicht bereits eine Einlaßkontrolle statt, weshalb allen, die ?nicht im Besitz gültiger Reisedokumente? waren, der Zutritt verwehrt wurde. Der Bahnhof Friedrichstraße war zur Zeit der Mauer nicht der am stärksten frequentierte Kontrollpunkt zwischen Ost- und West-Berlin, weshalb hier oft ein derartiger Andrang herrschte, daß sich allzu aufwendige, ungewöhnlich penible Paß- und/oder Zollkontrollen ohne konkreten Verdacht für die ?Organe? in der Regel verboten. Insbesondere der geübte Frontstadtbewohner ließ die Abfertigung nicht mit grimmiger Gelassenheit über sich ergehen (routiniert freundlich, aber mit möglichst viel Verachtung im Blick), weil er spätestens seit den frühen siebziger Jahren wußte, daß ihm, sollte er sich unbeliebt gemacht haben, kaum mehr drohte, als nicht wieder ins ?Arbeiter- und Bauernparadies? hineingelassen zu werden ? von Spionage oder einer Beteiligung an Fluchthilfe einmal abgesehen, aber dann griffen die ?Organe? wohl nicht erst bei der ?Ausreise? zu. An den Tränenpalast schloß sich nicht ein Gang an, der in den Sockel des Bahnhofs führte, wo mit der U- oder S-Bahn angereiste Angehörige aus dem Westen warten mochten, keinesfalls aber im Tränenpalast selbst, den man von der (politisch) ?westlichen? Seite des Bahnhofs aus als Normalsterblicher gar nicht betreten durfte. Das Treiben im Bahnhof Friedrichstraße wie in dem benachbarten Abfertigungsgebäude gehörte nicht zu jenen Absurditäten, mit denen man sich im geteilten Berlin arrangiert hatte, die man schon gar nicht mehr als verquer wahrnahm, weil man begriffen hatte, daß man das Beste aus einer Situation machen muß, die sich grundsätzlich auf unabsehbare Zeit nicht ändern läßt. Oder wie Wolfgang Neuss am Ende seines Films ?Genosse Münchhausen? 1962 im Hinblick auf die deutsche Teilung so richtig formulierte: ?Wenn wir nicht gestorben sein wollen, dann werden wir erstmal so leben müssen.?

Nein, so war das alles nicht. Und es ist auch nicht heute so, daß offenkundig der allseits beliebte Nazi-Grusel zunehmend ergänzt wird durch ? gern ebenso frei zusammenfabulierten, da die wahren Schrecken offenbar nicht reichten ? DDR-Grusel.

Klaus Wowereit wirbt für die Wahl der Piratenpartei

Montag, 12. September 2011

Manchmal geschieht Überraschendes. Beispielsweise daß Berlins (in den letzten zehn Jahren kaum mal) regierender Bürgermeister Klaus Wowereit für die Wahl einer anderen Partei als seiner SPD wirbt.

So ließ er jetzt verlauten, die Piratenpartei habe ihren Spitzenkandidaten per Los bestimmt. Wobei Wowereit weiß, daß die Wahrheit in aller Regel eine Definitionsfrage ist. Man braucht zum Beispiel bloß zu verschweigen, daß im betreffenden Fall über die Frage, wer Platz 1 und wer Platz 2 besetzt, per Los entschieden wurde, nachdem zwei Kandidaten die gleich hohe Anzahl an Stimmen erhalten hatten. Was ein verstörendes Verfahren sein dürfte für jeden, der daran gewöhnt ist, politische Entscheidungen und erst recht die Verteilung von Pöstchen und Positionen in Hinterzimmern auszukungeln.

Nun jedenfalls warnte Wowereit vor der Wahl der Piratenpartei. Diese sollte sich bei ihm für diese ungefragte Werbung und Erhöhung ihrer Attraktivität bedanken. Jemand muß sich ja anständig benehmen.

Nur für kurze Zeit!

Montag, 12. September 2011

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Auch wenn man es, abgesehen von der üblichen weiteren Verunstaltung des Stadtbildes mit Plakaten, kaum bemerkt: Es ist Wahlkampf in Berlin.

Unlängst fand ich in meinem Briefkasten obige Postwurfsendung. Mit ihr stellt sich ?Die neue FDP? vor.

Nun konnte natürlich auch mir nicht entgehen, daß diese Partei nach nicht einmal zwei Jahren Beteiligung an der Bundesregierung in massiven Schwierigkeiten steckt ? wofür sie wahrlich viel getan hat. Doch sollte mir entgangen sein, daß sie daraus ernsthafte Konsequenzen gezogen, sich inhaltlich wie personell durchgreifend erneuert hat, nun also eine ?neue FDP? ist?

Bei genauerem Hinsehen erkennt man: Es handelt sich um einen optischen Trick. Man könnte auch sagen: um Augenwischerei. Proklamiert wird ?die neue Wahlfreiheit?. Wohl irgendeine, ganz nach dem Motto ?Zukunft ist gut für alle?.

Passend dazu blickt Dr. Martin Lindner MdB von einem Photo, für welches er seine Brille abgelegt hat ? weshalb dieser zumindest in Berlin halbwegs bekannte Politiker kaum wiederzuerkennen ist. Was doch sicher keine Absicht ist.

Die gesamte Wahlreklame entzückt durch die vollkommen hemmungslose, vielleicht auch nur verzweifelte Übernahme bekannter Strategien der Warenreklame für Endverbraucher. Wie oft heißt es doch auch da: ?Neu! Jetzt mit veränderter Rezeptur! Und mit zwanzig Prozent mehr Inhalt! Aber ohne Geschmacksverstärker (lt. Gesetz)!? Und nicht selten wird hinzugefügt: ?Nur für kurze Zeit!?

Wie stimmig dies alles doch ist: ?Nur noch für kurze Zeit!? dürfte auch für die FDP gelten.

(Ja, dieser Artikel ist etwas off topic, doch sollte jede bisher im Abgeordnetenhaus vertretene Partei bedacht werden ? nicht daß am Ende noch ein falscher Eindruck entsteht.)

?Die Linke? tut etwas zur Förderung des öffentlichen Nahverkehrs!

Sonntag, 11. September 2011

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans bekanntlich nimmermehr. Deshalb sollten schon die Kleinsten an die tägliche Benutzung des ÖPNV gewöhnt werden.

Eine bedeutsame, zukunftsweisende Maßnahme in diesem Bereich hat der Bezirk Mitte von Berlin ersonnen. Hier ? nicht etwa auf dem platten Land, wo es wenige Kinder und deshalb auch wenige Schulen gibt, sondern im Berliner Stadtkern ? hat man manchen Sechsjährigen eine Grundschule in bis zu fünf Kilometer Entfernung von ihrem Wohnort zugewiesen. Und wenn die Knirpse nicht mal eben fünf Kilometer pro Tag hin und fünf Kilometer pro Tag zurück laufen wollen, wenn womöglich auch nicht Mami und Papi sie Tag für Tag hin und her chauffieren können, dann lernen sie eben schon früh die eigenständige, regelmäßige Benutzung von Bussen und Bahnen.

Wie vorbildlich!

Leider jedoch hat das verständnislose Verwaltungsgericht dies für unzulässig erklärt. Zwar hat der Bezirk gegen diese Entscheidung Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht eingelegt. Doch auch dieses wollte kein Einsehen zeigen.

Die Kinder hätten ja alle einen Schulplatz, erklärte die zuständige Stadträtin auf Nachfrage. Sie wird sich vielleicht noch entsinnen, wie es auch in der DDR fast alles gab, irgendwo, irgendwie, irgendwann. Für jeden Ost-Berliner einen Apfel pro Tag, schon war die Obstversorgung der ?Hauptstadt? gesichert. Wer nicht 365 Äpfel im Jahr essen wollte, hing dem Luxus an und bewegte sich an der Grenze zum Volksschädling. Und Eltern, die ihren Sechsjährigen keinen täglichen Zehn-Kilometer-Marsch zumuten wollen, wollen sicher daß diese an der schon oft konstatierten zunehmenden Verfettung unseres Nachwuchses sterben.

Nun könnte man fragen, ob sich die Dame nicht schämt. Aber: Sie gehört der ?Linken? an. Und da erübrigt sich eine solche Frage natürlich.

Berliner CDU für flächendeckendes Tempo 30!

Dienstag, 6. September 2011

Um diese Forderung zu unterstreichen, hat die Partei entsprechende Plakate gedruckt. Und sie, um die Autofahrer schon einmal auf die geschwindigkeitsbegrenzte Zukunft einzustimmen, etwa an der Autobahnausfahrt am Steglitzer Schloßparktheater aufgehängt:

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Ach nee, doch nicht:

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Na, die genaue Botschaft zu erfassen, dürfte ja keine Schwierigkeiten machen, wenn man mit 50 oder auch 60 km/h auf einer von vier Fahrspuren daran vorbeirauscht.

Berliner Tempo à la Tram

Samstag, 3. September 2011

Rein zufällig vierzehn Tage vor Abgeordnetenhauswahlen wird morgen in Berlin eine neue Straßenbahnstrecke eröffnet: Nach nur vier Jahren Bauzeit geht die nach Angaben der BVG 1,5 Kilometer lange, drei Haltestellen umfassende Strecke vom S-Bahnhof Adlershof in die dortige ?Wissenschaftsstadt? in Betrieb.

Natürlich werden sich nicht insbesondere die Vertreter des Senats ausgiebig auf die eigenen Schultern klopfen für die Entschlossenheit, mit welcher sie den Ausbau des Berliner Straßenbahnnetzes betreiben würden.

Es ist ja auch nicht so, daß es diesbezüglich in den einundzwanzig Jahren seit der Wiedervereinigung Berlins viele Ankündigungen, Pläne und bunte Broschüren gegeben hätte – und nur wenig davon realisiert wurde.

Nur unverbesserliche Miesmacher würden etwa noch einmal in das Reklameheftchen blicken, welches die Senatsverwaltung für Bauen, Wohnen und Verkehr unter dem Titel ?Berlin in Fahrt? im Oktober 1997 herausgegeben hat. Diesem zufolge sollte das Straßenbahnnetz bis zum Jahre 2004 um fünfzehn Kilometer verlängert werden, und zwar durch die Strecken:

Bahnhof Adlershof ? Wissenschaftsstadt ? Bahnhof Schöneweide (damals geplante Eröffnung: 1999, tatsächliche Inbetriebnahme zwischen Bahnhof Adlershof und Wissenschaftsstadt: 2011, Weiterführung ungewiß)

Buchholz, Kirche ? Buchholz-West (geplant: 1999, tatsächlich: 2000)

Müggelschlößchenweg (geplant: 1999, tatsächlich: ungewiß)

Mollstraße ? Alexanderplatz ? Hackescher Markt (geplant: 1999, tatsächlich: Ende 1998)

Prenzlauer Tor ? Alexanderplatz (geplant: 2000, tatsächlich: 2007)

Eberswalder Straße ? Nordbahnhof ? Lehrter Bahnhof (heute Hauptbahnhof) (geplant: 2000/2002, tatsächlich: bis Nordbahnhof 2006, Verlängerung seit kurzem im Bau)

Spandauer Straße ? Spittelmarkt ? Potsdamer Platz ? Magdeburger Platz (geplant: 2002, tatsächlich: ungewiß)

Angesichts dieser beeindruckenden Bilanz vermag man kaum zu erwarten, welche schönen Pläne der neue Senat in Kürze verkünden wird.

Freudscher Fehler

Freitag, 2. September 2011

Zweimal, so vermeldet heute das ZDF, sind in jüngster Zeit ICEs nach Berlin in Wolfsburg einfach durchgefahren statt wie geplant zu halten. In der Volkswagenstadt habe dies für erhebliche Verstimmung gesorgt. Die Fahrgäste eines Zuges konnten erst in Stendal aussteigen. Nicht erläutert wurde, wo der Unterschied liegt zwischen Wolfsburg und Stendal.

Hamburg schon wieder vorn! (Und kein Beileid für Klaus Wazlak.)

Donnerstag, 1. September 2011

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Was heute noch wie völliger Schwachsinn klingt, ist morgen schon Wirklichkeit. Die Metronom-Bahngesellschaft machte schon vor einiger Zeit den Anfang: Im Zug sitzen und Alkohol trinken ? nein. Im Zug sitzen und Alkohol getrunken haben ? ja.

Natürlich ist es nicht so, daß man bei längerem Aufenthalt auf manch belebtem Berliner U-Bahnhof insbesondere an Freitag- oder Samstagabenden einen interessanten Warenkreislauf beobachten kann: Die einen werfen die leeren Bierflaschen in die Mülleimer oder, wenn sie rücksichtsvoll sind, stellen sie daneben, die anderen, die in unserem herrlichen Sozialstaat dank des segensreichen Wirkens von SPDCDUCSUFDPGrünen jeden Cent dringend benötigen, sammeln sie ein.

Natürlich ist es nicht so, daß gutsituierte, womöglich bereits pensionierte Beamte und andere Angehörige des öffentlichen Dienstes solch Sozialkram einen feuchten Kehricht interessiert, zumal wenn sie frustriert sind und mal wieder damit beschäftigt, die Welt zu verbessern und die Menschheit zu retten.

Natürlich ist es nicht so, daß diese Herrschaften mittlerweile, da die Raucher so gut wie erledigt sind, die nächsten Genußmittelkonsumenten ins Visier genommen haben, weshalb ? bevor die Kampagnen gegen Kaffee und Cola beginnen ? seit geraumer Zeit ausgiebig die alarmierenden Folgen des Alkoholgenusses in den Medien thematisiert werden. Wobei das, was beim Tabak die ?Folgen des Passivrauchens? waren, nun alkoholisierte Jugendliche sind ? im sicheren Vertrauen darauf, daß sich mit derlei die dauerhysterische Späteinzelkindgebärende mobilisieren läßt.

Natürlich wird dabei nicht souverän mit allerlei Zahlen und anderen angeblichen Beweisen operiert, bei denen man sich sicher sein kann, daß sie von unseren unabhängigen Medien niemals hinterfragt werden. Natürlich kommt man auch nicht mit einer noch so abwegigen ?Argumentation? durch, etwa wenn der Alkoholkonsum in öffentlichen Verkehrsmitteln mit dem Hinweis darauf verboten werden soll, daß soundsoviele Gewalttaten ?unter Einfluß von Alkohol? geschähen. Natürlich kann man sich nicht sicher sein, daß kein kritischer Journalist fragt, weshalb dann nicht die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel ab einem bestimmten Blutalkoholwert verboten wird. Sondern nur das Trinken in Bussen und Bahnen.

Natürlich können sich die Kreuzzügler der Entmündigung, Umerziehung und Bevormundung nicht darauf verlassen, daß Politiker stets dankbar sind, wenn sie ? zumal mit Hinweis auf die Unterstützung durch irgendwelche Schreihälse ? etwas verbieten können. Es ist ja nicht so, daß verbieten in der Regel schnell und einfach geht, wenig kostet, und wer soll schon fragen, was es bringt ? diese Medien? Natürlich freut sich der Politiker da nicht, daß er mal etwas tun konnte, wo er doch sonst mit leeren Kassen kämpft oder immer deutlicher wird, daß er nur eine Marionette an den Fäden jener ist, die wirklich das Sagen haben und sich immer weniger scheuen, ihn bloßzustellen, indem sie ihm hemmungslos auf der Nase herumtanzen.

Natürlich nutzt ansonsten ein Alkoholverbot in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht nur den Herstellern von Milchmischgetränken, weil Vanille- oder Haselnußmilch den Geruch ihr zugesetzten Alkohols perfekt überdecken soll. Und es bewirkt natürlich nicht einen ähnlichen Effekt wie all die Rauchverbote: Früher, wo fast überall geraucht werden durfte und auch geraucht wurde (angesichts der immensen Schädlichkeit des ?Passivrauchens? sind bekanntlich alle, die in den siebziger und achtziger Jahren gelebt haben, mittlerweile dahingerafft worden), war das Rauchen nichts Besonderes. Heute ist es ein Abenteuer, sich eine Zigarette anzuzünden. Ein Akt der Rebellion. Und ein Beleg dafür, welch ein nonkonformistischer Querkopf man ist.

Natürlich ist dieser Effekt nicht die vielleicht einzige Hoffnung, welche Berlin bleibt. Es ist ja nicht so, daß so ziemlich der einzige Wirtschaftszweig, der hier noch funktioniert, der Tourismus ist. Und der insbesondere von der Vorstellung lebt, Berlin wäre eine Stadt, in der man sich fast alles erlauben könne ? zumindest sehr viel mehr als andernorts.

Natürlich wird es mit dieser Liberalität nicht bald vorbei sein ? sehr schnell, wenn die Grünen erstmal im Senat sitzen, etwas später, wenn Berlin dies erspart bleibt. Natürlich wird das berühmte ?Wegbier? ? gerade unter jüngeren Leuten ist es offenkundig schick, abends mit einer geöffneten Bierflasche in der Hand umherzuziehen ? nicht wegkommen. Natürlich ist es nicht gerade auch für stets auf Weltverbesserung bedachte Rote und Grüne völlig in Ordnung, ?in der Öffentlichkeit? Alkohol zu konsumieren, wenn dafür ? in einem Straßenlokal, auf einem Weihnachtsmarkt ? viel bezahlt wurde, derweil sie es verbieten wollen, wenn man sich mit dem Billigbräu vom Discounter auf den Rand eines Hochbeetes setzt.

Natürlich wird nicht bereits 2012 neben dem totalen Rauchverbot auch ein umfassendes Alkoholverbot in Berlin erlassen werden. Und wenn doch, dann geht es dabei natürlich nur um Sicherheit und Sauberkeit. Um den Schutz der Fahrgäste. Und um den der Jugend. Es geht ja immer nur darum.

Natürlich kann einem deshalb Klaus Wazlak nicht jetzt schon leid tun, hat der BVG-Sprecher doch ein Alkoholverbot nach Hamburger Vorbild abgelehnt und darauf hingewiesen, daß etwa das Biertrinken in den Berliner Bussen und Bahnen zum hauptstädtischen Lebensgefühl gehöre.

Natürlich ist nicht zu erwarten, daß es bei so wenig Sensibilität für die immensen Gefahren des Passivalkoholkonsums (oder so) mit ein bißchen öffentlicher Selbstkritik bald nicht mehr getan sein wird.