Archiv für Juni 2011

Streßtests können so streßfrei sein!

Dienstag, 28. Juni 2011

Überprüfen Sie einfach ? mehr oder auch weniger genau ?, ob das, was Sie sich ausgedacht haben, funktionieren könnte.

Testen Sie im Zweifelsfall nur das, was ohnehin unstrittig und für das Gesamtprojekt auch gar nicht so wichtig ist.

Stellen Sie völlig überraschend fest, daß es ganz dufte funktioniert.

Plärren Sie dieses Ergebnis heraus, bevor es eigentlich bekanntgegeben werden soll, damit sich die Botschaft ?Streßtest bestanden!? schon mal im kollektiven Bewußtsein festsetzt.

Scheren Sie sich auch nicht darum, daß das Ergebnis Ihrer Selbstüberprüfung eigentlich noch einer Kontrolle von unabhängiger Seite unterzogen werden sollte ? man weiß doch nie, was Gutachter herausfinden, die man nicht selbst bezahlt hat.

Setzen Sie darauf, daß der Journalismus mittlerweile soweit heruntergekommen ist, daß kaum ein Medienmensch fragen wird, wie genau Ihr ?Streßtest? eigentlich abgelaufen, wie fundiert und glaubwürdig er ist.

Vertrauen Sie auf Ihre Freunde in den Redaktionen, die mal wieder eine neue Sau durchs Dorf treiben (oder sich einfach bei ihren und Ihren Parteifreunden für höhere Aufgaben empfehlen) wollen, und deshalb verkünden, den ? auch schon ziemlich widerwärtigen ? ?Wutbürgern? würden nunmehr ?Trotzbürger? folgen, verbohrte, unverbesserliche Nein-Sager, welche sich nicht einmal von einem selbstgebastelten ?Streßtest? überzeugen lassen wollen. Und mittlerweile auch schon zu ungezügelter Gewalt neigen. Gegen wehrlose Bauzäune! (Oh mein Gott, man muß doch mal an die Bauzäune denken! ? Wenn man bedenkt, wie liebevoll und zärtlich hingegen die paar Dutzend Bäume im Schloßgarten gefällt wurden?)

Im letztgenannten Zusammenhang besonders beispielhaft waren übrigens die gestrigen ?Tagesthemen?, welche ganz und gar keinen (weiteren) Anlaß dafür boten, über eine Umbenennung der Sendung in ?Aktuelle Kamera? nachzudenken.

Aber ein, zwei Monate Erlaß des Mitgliedsbeitrags bei der CDU sollte es dafür doch schon geben?

Bitte nicht auf den Geschmack kommen!

Montag, 27. Juni 2011

Das ging ja mal fix: Keine zwei Monate, nachdem für längere Bauarbeiten am Gleisdreieck die U 2 unterbrochen worden ist, ist der BVG bereits eingefallen, wie sich der Betriebsablauf für das Unternehmen wie seine Fahrgäste günstiger gestalten lassen könnte, als die U 2-Züge von Westen einfach am Wittenbergplatz enden zu lassen! Stattdessen besann man sich auf das Liniensystem, das über dreißig Jahre lang, bis 1993, problemlos angewandt wurde: der Ast nach Uhlandstraße wird nur bis und von Wittenbergplatz bedient (wo einfach am Bahnsteig ?Kopf gemacht? werden kann), der Ast Richtung Ruhleben wird mit der Kreuzberger Hochbahn verbunden.

Im Ergebnis heißt das: die berühmte Linie 1 ist wieder da, das Rückgrat des West-Berliner U-Bahn-Netzes zu Mauerzeiten. Natürlich heißt die Verbindung nur, um allzu viel Verwirrung zu vermeiden, jetzt U 12. Es gilt ja nicht etwa auch zu verhindern, daß die Fahrgäste ? allen voran jene, die die Linie 1 nie erlebt haben ? an ihr Gefallen finden und sie sich dauerhaft (zurück-) wünschen.

Wie können Menschen nur so gemein sein?

Montag, 20. Juni 2011

Nun meint sie etwa gefunden zu haben, die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus, etwas Eigenartiges, Kritisierenswürdiges am Verhalten der heutigen Stadtentwicklungssenatorin in der Affäre um die Wohnungsbaugesellschaft Howoge. Wenn da mal, so heißt es, nicht der Rücktritt fällig wäre.

Wie gemein.

In drei Monaten wird das Abgeordnetenhaus neugewählt. Höchstwahrscheinlich erhält die jetzige Senatskoalition keine Mehrheit mehr, sondern die SPD wird fortan mit den Grünen regieren. Oder die SPD erweist sich als so beleidigt, daß die Grünen mit der CDU zusammengehen werden. In jedem Falle dürften sie das Ressort Stadtentwicklung ? zu dem Bauen, Verkehr, Umwelt gehören ? beanspruchen. Die jetzige Senatorin dürfte ihren Job in drei Monaten also sowieso los sein. So lange kann man doch nun wirklich noch warten.

Wowereit wirbt Wilmersdorfer Witwen

Donnerstag, 16. Juni 2011

Harte Monate liegen vor Klaus Wowereit: Im September wird das Berliner Abgeordnetenhaus neu gewählt, und der Wahlkampf droht in Arbeit auszuarten. Insbesondere weil die Grünen sich erdreisten, Wowi jenen Posten streitig machen zu wollen, auf dem der Regierende Bürgermeister in den vergangenen zehn Jahren weniger durch Regieren als durch das Eröffnen, Einweihen, Feiern von Dingen aufgefallen ist.

Kein Wunder, wenn der Mann zuweilen unwirsch wird und sich seiner Frontstadtsozialisation entsinnt: Berlin brauche und bekomme ja auch ? dank des umsichtigen Wirkens der SPD ? in Gestalt von bisher BBI, neuerdings ?BER? einen Weltstadtflughafen, verkündet er dieser Tage gern. Und nicht, wie von einer bestimmten Partei gewünscht, einen Provinzlandeplatz.

Bravo! We don?t let them take the butter off our bread! Berlin bleibt frei und enternäschenell, stets empfangsbereit für die gesamte Welt, welche zu uns pilgern möchte, um uns zu unterstützen bei unserem aufopferungsvollen Kampf gegen die rote, äh grüne Gefahr! Auf diese Weise sollten sich auch noch die letzten noch lebenden Wilmersdorfer Witwen mobilisieren lassen ? wenngleich die eher das verbliebene Wählerpotential der Berliner CDU darstellen.

Das war ja schon 1985 nicht anders, als Hans Apel den lieben Berlinerinnen und Berlinern immer sagte, wie es ist, was die Alternative Liste, welche die Grünen damals in West-Berlin vertrat, zu einem Plakat animierte, auf dem Hans Opel sagte, wie es ist: ?Einen verregneten Sommer voller Hagel und Erdbeben, wie von der AL geplant, wird es mit der SPD nicht geben!?

Das klingt nicht zufällig wie Wowereit 2011, das muß so klingen! Denn Hans Apel holte mit einem solchen Wahlkampf im März 1985 als SPD-Spitzenkandidat 32,4 Prozent. Damals galt das zwar als Debakel. Heute jedoch wäre es ein Grund für den Regierenden Bürgermeister, mal wieder die Sektkorken knallen zu lassen.

Ganz schön clever, BVG!

Dienstag, 14. Juni 2011

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Bei der BVG übt man sich in stillem Widerstand. Zumindest was den Erhalt der wieder einmal gefährdeten Schmöckwitz-Grünauer Uferbahn angeht.

Seit längerem hängt auf diesem oder jenem U-Bahnhof ein harmlos daherkommendes Reklameplakat, auf welchem die BVG treuherzig verkündet, den Betrachter weder sprichwörtlich, noch buchstäblich im Wald stehen zu lassen, sondern ihn im Gegenteil in Berlin überall hinzubringen. Auf dem Plakat prangt das Bild der Haltestelle ?Reifenwerk? ? also einer Station des stillegungsbedrohten Astes der Straßenbahnlinie 68. Zu der die BVG immer noch ein eigenes Faltblatt anbietet, in welchem sie diese als besonderen Ausflugstip anpreist.

Es geht bei der Frage nach der Zukunft dieser Strecke ja vor allem um die Kosten für deren Sanierung – und die Frage, wieviel der Verkehrsbetrieb davon selbst tragen muß. Bei der BVG weiß man natürlich: Ihre Regierungsbeteiligung werden die Grünen kaum mit der Stillegung einer Straßenbahnstrecke beginnen wollen. Zumal sie doch höchstwahrscheinlich das Stadtentwicklungsressort beanspruchen werden. Die BVG braucht also, wenn sie weniger Geld selbst ausgeben will, die Entscheidung über die Schmöckwitz-Grünauer Uferbahn nur bis zum Herbst hinauszuzögern.

Ganz schön clever.

Blüten am Wegesrand (1)

Samstag, 11. Juni 2011

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So kreativ is man in unsa duftet Berlin! Fast schon schade, daß ja sicher sehr schnell wieder sehr gründlich geputzt wird.

Glas ist ein wundervoller Stoff. Insbesondere klares, farbloses Glas ? der Inbegriff der Transparenz. Zumindest solange die Scheiben aus diesem klaren Glas gut gepflegt werden, man sie regelmäßig möglichst sorgfältig putzt und kein geistesschwacher Zeitgenosse auf den Einfall kommt, sie zu zerkratzen.

Die BVG scheint sich in der glücklichen Lage zu wähnen, für eine solche gute, also intensive, aufwendige, also kostspielige Pflege sorgen zu können. Und die BVG scheint Berlin, allen voran die Innenstadt, für einen Ort zu halten, wo niemand auf den Einfall kommt, Scheiben zu zerkratzen.

Weshalb sonst sollte der Verkehrsbetrieb auf die Idee verfallen, bei der Sanierung von U-Bahn-Eingängen (was bedeutet: vollständiger Abriß und vollständiger Neubau der Treppen mit allem Drum und Dran) dort, wo einmal Metallplatten waren, nun Scheiben aus Glas oder Plexiglas, jedenfalls transparentem Material einzusetzen? Und zwar auch, wenn die Brüstungen, welche die Treppen in die Tiefe umgeben, auf einer Seite an einen nicht besonders breiten, vielfrequentierten Fußweg grenzen, und auf der anderen an einen vielbefahrenen Damm? Wodurch garantiert ist, daß beispielsweise Spritzwasser sehr schnell und sehr häufig dafür sorgt, daß die Scheiben nicht allzu lang transparent bleiben. Oder zumindest keinen besonders schmucken Eindruck erwecken, dann auf einer klaren, farblosen Scheibe kommt Schmutz natürlich deutlicher zur Geltung als auf einem dunkel lackierten Blech.

Doch die BVG kann ihre schönen Scheiben ja alle paar Tage putzen lassen. Und in der kurzen Zeit zwischen dem regelmäßigen Großreinemachen bietet die völlig überraschend entstandene Verschmutzung den Kunst und Kultur bekanntlich sehr zugeneigten Berlinern die Gelegenheit, ihrer Kreativität auf dem Eigentum der BVG ganz legal freien Lauf zu lassen, wie das Bild von einem erst kürzlich neugebauten Eingang zum U-Bahnhof Kottbusser Tor zeigt.

Was machen eigentlich …

Samstag, 4. Juni 2011

… die historischen Fliesen von den Wänden des denkmalgeschützten U-Bahnhofs Kottbusser Tor?

Die haben sich hingelegt (oder vielmehr: sind hingelegt worden):

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Gesehen am 28. Mai 2011 auf der Mittelinsel des Kottbusser Tors.

So macht Journalismus Spaß

Mittwoch, 1. Juni 2011

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?Wenn nichts passiert ist und nichts passiert, dann demolieren wir einfach ein paar Telephonzellen und machen daraus eine Geschichte über das erschreckende Anwachsen des Vandalismus.?

So lautete früher ein beliebter Insiderscherz unter Journalisten ? zu einer Zeit, als es noch Telephonzellen gab, und sich der Journalismus auf einem unfaßbar niedrigen Niveau befand.

Wie sehr er sich inzwischen fortentwickelt hat, konnte man am vergangenen Wochenende wieder einmal in Qualitätsmedien wie der ?Abendschau? des RBB oder dem ?Tagesspiegel? erleben. Unisono wurde dort vermeldet, schon wieder habe es in der Berliner U-Bahn zwei tätliche Angriffe gegeben: Auf der Station Magdalenenstraße sei eine Frau auf die Gleise geschubst worden, und vor der Station Rohrdamm habe man einen Mann überfallen.

Vor der Station? Also doch nicht im Bereich der U-Bahn, sondern auf der Straße?

Nun ? nicht nur wer in Leipzig studiert hat, weiß, daß die Wahrheit eine Frage der Interpretation ist. Und der Definition, zum Beispiel des Einflußbereichs der U-Bahn. Andernfalls könnte es wackeren Journalisten am Ende passieren, daß sie mal an einem Wochenende keinen neuen tätlichen Angriff vermelden können. Und wenn dann auch die obligatorischen betrunkenen Jugendlichen fehlen (zu welchen inzwischen auch Volljährige zählen ? eben alles eine Frage der Interpretation und der Definition) ? nicht auszudenken! Am Ende müßte man sich noch mit tatsächlich dringenden Problemen beschäftigen.

Zum Glück ist das am vergangenen Wochenende demonstrierte Vorgehen ausbaufähig: Stoßen mal zwei Autos auf einer Kreuzung zusammen, auf der Straßenbahnschienen liegen, könnten ?Abendschau?, ?Tagesspiegel? und Co. berichten: ?Unfall bei der Straßenbahn.? Nein, natürlich besser: ?Schon wieder schwerer Unfall bei der Straßenbahn.? Fällt ein Kind in der Nähe einer Bushaltestelle hin und schürft sich womöglich ein Knie auf, macht man daraus: ?Kleinkind beim Busfahren schwer verletzt.? Stolpert jemand auf dem Weg zur U-Bahn, heißt es: ?Mann in der U-Bahn verunglückt.? Und ruiniert jemand seinen Laptop, indem er auf diesen Kaffee kippt, während er gerade die Website der BVG besucht, schlagzeilt man: ?Wie sicher ist die BVG? Welche Gefahren drohen bei ihrer Benutzung??

Natürlich geht es bei all dem nicht um billige Panik- und/oder Stimmungsmache, wie sie kennzeichnend ist für die niederste Form des Journalismus, den Boulevardjournalismus. Bei Premiumprodukten wie ?Abendschau? oder ?Tagesspiegel? kommt man selbstverständlich nur seiner traurigen Chronistenpflicht nach, berichtet sachlich und wahrheitsgetreu und käme niemals auf die Idee, Ereignisse ein wenig aufzubauschen, sensationslüstern auszuschmücken oder nötigenfalls frei zu erfinden.