Archiv für Mai 2011

Wer zu dumm ist, eine verqualmte Kneipe zu meiden …

Sonntag, 29. Mai 2011

In einem Beitrag zum zwanzigjährigen Jubiläum der Eröffnung des ICE-Verkehrs in Deutschland hat Roger Willemsen einen Wunsch geäußert: Die Zugfenster mögen sich doch bitte ? wieder ? öffnen lassen.

Dieser Wunsch ist nicht nur anachronistisch, sondern auch völlig unverständlich.

Beides nicht nur, weil offene Fenster insbesondere bei Fahrtgeschwindigkeiten zwischen zwei- und dreihundert Kilometern pro Stunde nicht allzu angenehm sein könnten. Auch bei Zügen, welche nur mit höchstens einhundert km/h verkehren, sind Fenster, welche sich öffnen lassen, absolut unverantwortlich und daher unvorstellbar.

In diesem Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß auch das Verbot ? im Zweifel durch eine Verordnung der EU (geheiligt werde ihr Name, sie führet uns ins Paradies) ? von Lüftungsklappen in Zugfenstern nur eine Frage der Zeit sein kann. Wäre es doch ohne weiteres vorstellbar, daß jemand seinen Arm oder auch ein Bein oder ein anderes Körperteil, am Ende gar einen Säugling, durch die Öffnung zwängt und es auf diese Weise, insbesondere wenn der Zug fährt, zu schweren körperlichen Schäden kommt.

Früher, als die Menschen noch dumm und vor allem unbeschützt waren, da erachtete man es als ausreichend, wenn unter den ? ursprünglich vollständig ? zu öffnenden Fenstern der schlichte Warnhinweis ?Nicht hinauslehnen? prangte. Wer es doch tat und womöglich gegen einen Signalmast knallte, war eben selbst schuld.

Finster waren diese Zeiten und die Zustände, die in ihnen herrschten. So finster wie es noch heute in manch Gegenden zugeht, in denen man sich in Bussen und Bahnen statt einer Klima- oder Belüftungsanlage einfach offener Fenster bedient.

Wir sind glücklicherweise unendlich viel weiter. Wir wissen, daß der Mensch als solcher ein dummes, unmündiges Kind ist und immer bleiben wird. Weshalb er bevormundet und umerzogen werden muß ? natürlich nur zu seinem Schutze, nur zu seinem Besten!

Man muß ihm beispielsweise möglichst groß und deutlich mitteilen, daß Kartoffelchips als ständiges Hauptnahrungsmittel eher ungeeignet sind, daß Alkohol betrunken machen könnte oder das Mikrowellengerät nicht zum Trocknen von Kleinkindern geeignet ist. Und man muß ihn davor schützen, eine verrauchte Kneipe zu betreten, auch wenn am Eingang deutlich darauf hingewiesen wird, daß in dem Lokal geraucht werden könnte, auch wenn er ein solches Lokal vermutlich sowieso niemals aufsuchen würde. Zu seinem totalen Schutz muß das Rauchen in jedem Lokal verboten werden, und zwar strikt und absolut.

Darüber herrscht ja weitgehend Einigkeit, unter unseren Menschen und erst recht in unseren Medien.

Die Zeiten, in denen man Menschen für intelligent genug hielt, ein Lokal zu verlassen oder gar nicht erst aufzusuchen, in welchem ihnen die Luft zu verqualmt ist, sind glücklicherweise vorbei, und zwar ein- für allemal. Die Zeiten, in denen man Menschen für intelligent genug hielt, ihren Kopf nicht aus dem Fenster eines fahrenden Zuges zu halten, sind glücklicherweise vorbei. Und bald werden es ? in dieser Konsequenz ? hoffentlich auch jene Zeiten sein, in denen man Menschen für intelligent genug hielt, die Politik ihrer Kommune, ihres Kreises, ihres Landes mitzubestimmen.

Wunderbare weiße Salbe

Samstag, 28. Mai 2011

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Perfekten Schutz bietet diese Überwachungskamera im U-Bahnhof Sophie-Charlotte-Platz ? Fahrgästen allerdings nur, wenn sie sich in der unmittelbaren Umgebung des Fahrkartenautomaten aufhalten, auf den dies elektronische Auge gerichtet ist, derweil es vom Bahnsteig so gut wie nichts erfaßt (gesehen von Matthias Herrndorff am 30.5.2011).

Nicht nur Weihnachten ist Geschenkezeit, auch der (Vor-) Wahlkampf ist es.

Daher hat der Berliner Senat nun, da sich im Bereich der hauptstädtischen U-Bahn in letzter Zeit der eine oder andere unerfreuliche Zwischenfall zugetragen hat, Maßnahmen beschlossen.

So werden die Aufzeichnungen von all dem, was die tausend Augen der BVG sehen, fortan nicht mehr nach jeweils vierundzwanzig Stunden gelöscht, sondern erst nach achtundvierzig. Man hat also einen ganzen Tag mehr Zeit, um zu melden, daß man überfallen worden ist. Sehr viel mehr Nutzen bringt diese Maßnahme leider nicht, denn nach wie vor wird ? im Gegensatz zu dem, was wohl der durchschnittliche CDU-Wähler, BZ-Leser oder Polizeigewerkschaftsfunktionär glaubt ? niemand ständig auf die Bildschirme starren, auf denen erscheint, was die Überwachungskameras aufnehmen. So dies denn überhaupt auf Bildschirmen erscheint und nicht einfach nur aufgezeichnet wird.

Schließlich wird das Personal, zweite Maßnahme, lieber dafür eingesetzt, um durch das fast 150 Kilometer lange, 173 Stationen umfassende Berliner U-Bahn-Netz Streife zu laufen. Sogar die Polizei hat dafür mehrere Dutzend Beamte bereitgestellt ? die allerdings nur solange zur Verfügung stehen, wie man sie nirgends sonst in der Stadt benötigt. Wenn dort etwas Unvorhergesehenes passiert, werden die Polizisten rasch aus der U-Bahn fortgebracht ? natürlich mit eigenen Fahrzeugen, nicht mit der U-Bahn, denn es soll ja schnell gehen.

Man könnte auch ganz einfach wieder auf jedem U-Bahnhof ständig einen BVG-Mitarbeiter postieren, grad so, wie es bis vor wenigen Jahren war, weshalb fast überall noch dereinst mit einigem Aufwand errichtete Aufenthaltsräume vorhanden sind. Aber das wäre natürlich nicht im Sinne des Senats. Denn dann könnte man das Personal im Oktober, wenn die Wahlen vorbei sind, womöglich nicht so einfach wieder abziehen.

Neues von der Berliner S-Bahn

Freitag, 27. Mai 2011

Letzter Zeitzeuge des Normalfahrplans verstorben. [mehr]

Wunder des Alltags (4):
Noch mehr vorbildliche Denkmalpflege
bei der Berliner U-Bahn

Sonntag, 15. Mai 2011

Noch einmal soll des zehnjährigen Jubiläums der Grundsatzvereinbarung zwischen Berliner Denkmalpflege und Berliner Verkehrsbetrieben über den Umgang mit historisch wertvollen Berliner U-Bahnhöfen gedacht werden. Allein in den letzten Monaten wurde auf diesem Gebiet Beachtliches geleistet, etwa auf den 1927-1930 fertiggestellten Stationen der damaligen ?Gesundbrunnen-Neukölln-Bahn?, heute Teil der U 8. Eindrucksvoll, wie hier ? unter dem wachsamen Auge der behördlichen Denkmalpflege ? mit den für diese Stationen prägenden Keramikverkleidungen umgegangen wurde, welche die Strecke zu einem Denkmal mindestens nationalen, wenn nicht europäischen Ranges machten:

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U-Bahnhof Jannowitzbrücke am 29.8.2010

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U-Bahnhof Kottbusser Tor am 6.1.2011

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U-Bahnhof Voltastraße am 30.4.2011

Übrigens: Der Bahnsteigbelag auf den Stationen Jannowitzbrücke und Kottbusser Tor ist weder original noch originalgetreu, sondern erst in den letzten Jahren eingebracht worden. Aus unerfindlichem Grund möchte man sagen: Selbstverständlich.

Aufruhr verursachen leicht gemacht

Samstag, 7. Mai 2011

Bislang mußte man noch einen ganzen Koffer oder eine Tasche opfern, am besten mit ein paar ausgeleierten T-Shirts und anderer oller Wäsche, die dann nach vier Stunden SEK-Einsatz in die Luft gesprengt werden kann.

Jetzt reicht auch schon eine CD mit gefälliger Aufschrift, etwa ?Wir werden alle sterben? ? eine Feststellung, der kaum ernsthaft zu widersprechen ist, die aber insbesondere dann ungeahnte Effekte zeitigt, wenn man sie mit einem Schlüsselbegriff garniert, sagen wir mal ?Allah?.

Und das beste daran: Selbst wenn man Sie erwischen sollte ? das soll Ihnen erstmal jemand nachweisen, daß Sie die Silberscheibe aus Boshaftigkeit haben liegen lassen und nicht nur aus Schusseligkeit. Und ?Wenn Allah will, werden wir alle in Kürze sterben? ist natürlich nur Ausdruck Ihres Glaubens.

Es kann so einfach sein, aufzufallen in einer hysterisierten Gesellschaft.

Hamburg vorn!

Sonntag, 1. Mai 2011

Im Spätsommer, kurz vor den Wahlen zum Landesparlament, dürfte sich in Berlin Furchtbares zutragen: Dann wird, gerade noch rechtzeitig für viele schöne Bilder in den Medien und um sich auf die eigenen Schultern zu klopfen, die Verlängerung der Straßenbahn in Adlershof eröffnet. Für rund zwei Kilometer Strecke wird man dann gerade einmal vier Jahre Bauzeit benötigt haben ? nach einem Planungsvorlauf von zehn Jahren? Oder waren es sogar nur zwölf?

Dies läßt befürchten, daß eines gar nicht sooo fernen Tages auch noch die Straßenbahnstrecke zum 2006 eröffneten ?Hauptbahnhof? gebaut und sogar fertiggestellt werden könnte. Letzteres vielleicht 2021 oder 2026, denn dann finden voraussichtlich wieder Wahlen statt.

Zum Glück wird es ganz bestimmt nicht schneller gehen, einerlei wer nach dem Urnengang in diesem Herbst regiert, und selbst wenn die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung künftig von einem Grünen geleitet werden sollte. Denn der Berliner Senatsverkehrsverwaltung, die ja im Ressort Stadtentwicklung aufgegangen ist, war schon immer egal, wer unter ihr Senator ist.

Weshalb die tatsächlich praktizierte (West-) Berliner Verkehrspolitik seit Jahrzehnten absolut verläßlich ist: Zuerst kommt das Auto, dann kommt das Auto, dann kommt noch mal das Auto, irgendwann die U-Bahn und am Ende nur noch irgendwelche weiteren Verkehrsteilnehmer, welche das Auto behindern.

Weshalb all die Pläne für einen Ausbau des Straßenbahnnetzes, der über ein, zwei, drei Kilometer alle fünf, sechs Jahre hinausgeht, auch weiterhin das bleiben werden, was sie bereits seit mehr als zwei Dekaden sind: Pläne.

Und das ist gut so, denn Berlin will doch nicht zurückfallen im Wettbewerb der größten deutschen, gar europäischen Städte. Womöglich in Zustände wie in München, wo man seit fünfzehn Jahren eine Straßenbahnstrecke nach der anderen reaktiviert oder neu baut, und das nach einem durchdachten Konzept ? so wie man in den letzten 45 Jahren ein durchdachtes U-Bahn-Netz errichtet hat. So schlimm ist es in München, daß dort zwischen erstem Spatenstich und Eröffnung einer mehr als vier Kilometer langen Tramtrasse nicht einmal zwei Jahre vergehen!

Nein, Berlin muß sich an seinem härtesten nationalen Konkurrenten Hamburg orientieren. Dort weist der neue Senat der endlich wieder mit absoluter Mehrheit regierenden SPD den Weg in eine glückliche Zukunft: Mag auch in London und Paris die Straßenbahn wieder eingeführt worden sein, von vielen Städten in der französischen Provinz und sogar in den notorisch ÖPNV-feindlichen USA ganz zu schweigen ? an der Alster weiß man, daß die Zukunft des öffentlichen Personennahverkehrs ganz allein der Kombination aus Bus und U-Bahn gehört.

Und als nächstes werden dann Stadtautobahnen gebaut, die verbliebenen Altbauquartiere durch Plattenbaugebirge ersetzt, die Kinder kommen in künstlich belichtete und belüftete Schulzentren und wir bauen uns noch ein schönes Atomkraftwerk! (Bitte auf den Wohnhäusern nicht die Landeplätze für die vielen privaten, plutoniumbetriebenen Hubschrauber vergessen.)

Es war ja nicht alles schlecht in den Sechzigern und Siebzigern.