Archiv für April 2011

Wunder des Alltags (3):
Vorbildliche Denkmalpflege
bei der Berliner U-Bahn

Dienstag, 19. April 2011

Vor zehn Jahren, am 30. April 2001, wurde zwischen der BVG und dem Landesdenkmalamt eine Grundsatzvereinbarung unterzeichnet über den Umgang mit historischen, denkmalwerten Stationen der Berliner U-Bahn. Dem Bahnhof Kurfürstendamm wurde das Glück zuteil, in die Liste dieser Stationen aufgenommen zu werden, ging er doch im Jahre 1961 in Betrieb. Alle später eröffneten Stationen gelten offiziell nicht als denkmalwert, was verständlich ist: Überall und ständig wird ja noch so gebaut, werden Bauten noch so gestaltet wie in den sechziger, siebziger oder achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ? von einer ?abgeschlossenen Gestaltungsphase? kann folglich keinerlei Rede sein, daher fühlt sich die amtliche Denkmalpflege nicht zuständig.

Wie sorgfältig der Umgang der BVG mit ihren denkmalgeschützten Stationen ist, wenn auf diesem das wachsame Auge der Denkmalpflege ruht, zeigt sich exemplarisch an dem genannten U-Bahnhof Kurfürstendamm. Die BVG, eine Anstalt des öffentlichen Rechts, konnte hier nicht so einfach mal eben mit dem Preßlufthammer alles abreißen, wie das Beispiel des nordwestlichen Eingangs auf dem Kurfürstendamm belegt:

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Wo sich freilich der Verlust von Originalsubstanz doch einmal leider, leider nicht vermeiden ließ, wurde das ursprüngliche Erscheinungsbild anschließend täuschend echt, mit größter Sorgfalt und viel Liebe zum Detail wieder hergestellt. Dies dokumentieren die nachfolgenden, ebenfalls im September 2009 aufgenommenen Bilder, welche einen damals noch nicht und einen bereits sanierten Zugang zeigen. Sie sehen: Höchstens für den Fachmann ist irgendein Unterschied erkennbar. Und auch das nur, wenn er ganz genau hinschaut.

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Angebote aus Klausis Kaufmannsladen

Sonntag, 17. April 2011

Bis vor ein paar Jahren patrouillierten abends Mitarbeiter der BVG gemeinsam mit Polizisten durch das Berliner U-Bahn-Netz. Dann hat man diese Streifen weggespart. Nun sollen sie wiederkommen, wie mit einigem Trara verkündet wurde. Was natürlich nur etwas zu tun hat mit den jüngsten, relativ spektakulären Gewalttaten im Bereich der Berliner U-Bahn, und rein gar nichts damit, daß Wahlen zum Abgeordnetenhaus nahen.

Bekanntlich sind diese erst im September. Was wohl gewissen Politikern bis dahin noch einfallen mag? Sollte man womöglich gar jeden U-Bahnhof wieder mit Personal besetzen, weil sich so nicht nur das subjektive Sicherheitsgefühl der Fahrgäste erhöhen ließe, sondern auch die Vandalismusschäden reduziert werden könnten?

Völlig verwunderlich ist dies dem Regierenden Bürgermeister noch nicht ein-, ihm aber immerhin bereits etwas aufgefallen: Mehr Sicherheit, so verkündete Klaus Wowereit, gebe es nicht umsonst. Zusätzliches Personal würde beispielsweise dreißig Cent mehr pro Fahrschein kosten.

Das ist doch mal ein zukunftsweisendes Konzept: Wenn Sie eher nicht in der Berliner U-Bahn überfallen und/oder verprügelt werden möchten, zahlen Sie bitte dreißig Cent! Wie leicht läßt sich das ausbauen: Wenn Sie wollen, daß die Züge pünktlich fahren, zahlen Sie bitte zwanzig Cent zusätzlich. Für funktionierende Rolltreppen müssen Sie einen Zuschlag von fünfzig Cent berappen. Weniger vergammelt wirkende Stationen kosten einen Euro mehr, aber sauberere Fahrzeuge gibt?s schon für einen Groschen.

Eine klitzekleine Tariferhöhung ? sagen wir mal: so um achtzig bis hundert Prozent ? sollte da eine ausgemachte Sache sein. Die lieben Berlinerinnen und Berliner haben es schließlich nicht anders gewollt. Aber dran denken, Wowi: Alles erst im Oktober, wenn die Wahlen vorbei sind!

Politik für unsere Menschen

Freitag, 15. April 2011

?Deswegen sitzen sie in Wandlitz hinter Mauern, Stacheldraht und Wachtürmen, deswegen fahren ihre Autokolonnen mit splittersicherem Glas und Panzerplatten, deswegen wird die halbe Stadt abgesperrt, wenn einer von den Herren sich auf den Straßen der Stadt bewegt. Niemals war in Deutschland der Abstand zwischen dem Volk und seiner Regierung größer als jetzt, weder bei Wilhelm II. noch gar in der Weimarer Republik, nicht einmal bei den Nazis. Hitler konnte sich ungeniert bewegen, ohne Furcht zu haben, die Mehrheit war ja auf seiner Seite.?
Robert Havemann: Ein deutscher Kommunist, Reinbek 1978, Seite 77

Ich weiß gar nicht, weshalb mir immer diese Passage einfällt, wenn ? wie dieser Tage ? mal wieder ganz schrecklich wichtige und ganz schrecklich gefährdete (natürlich nie weil auch ziemlich schreckliche) Zeitgenossen in Berlin zu Gast sind.

Freie Fahrt für freie Radfahrer!

Dienstag, 5. April 2011

sommerhasserbuch-radfahrer

Es ist schon zum Gemeinplatz geworden: Die Grünen wandeln auf den Spuren der FDP. Natürlich wissen wir noch nicht, ob auch ihr Höhenflug mit einer Bruchlandung enden wird. Doch ebenso wie die Zahnärzte-, Hoteliers- und Rechtsanwaltspartei sorgen sich auch die einstmals Alternativen darum, an ihre Klientel zu denken und diese zu bedenken ? insbesondere wenn Wahlen nahen.

Gestern erklärten die Berliner Grünen der staunenden Öffentlichkeit einiges über das schwere Los der Radfahrer in der Bundeshauptstadt und was die Partei dagegen zu unternehmen gedenkt, wenn sie im Herbst vermutlich in die Landesregierung einziehen wird. In der ?Abendschau? des RBB durfte ein Radfahrer gleich mal beklagen, daß sich häufig Fußgänger auf dem Radweg befänden. Dies kann ich nur bestätigen, und zwar voller Schuldgefühl, denn wenn ich die Straße entlanglaufe, in der ich wohne, belästige ich ein ums andere Mal Radfahrer. Die Straße besteht nämlich nur aus einem Fahrdamm und zwei Radwegen, welche ich (da sich an diese Radwege unmittelbar Hauswände anschließen) immer wieder für Bürgersteige halte ? ein arger Irrtum, wie mir die Radfahrer verdeutlichen, die regelmäßig um mich herumrasen und mir deutlich das Gefühl vermitteln, daß ich dankbar sein darf, von ihnen großzügigerweise nicht umgefahren zu werden.

Ebenso kann man an Ampeln häufig beobachten, daß rücksichtslose Fußgänger stark die geplagten Radfahrer behindern, indem sie meinen, ?Grün? für Fußgänger würde sie ? abgesehen von Abbiegern ? vor Fahrzeugen aller Art beschützen, denn ?Rot? für den Fahrzeugverkehr würde auch für Radfahrer gelten und diese müßten sich ebenso wie die bösen Autofahrer an der Haltelinie aufreihen.

Regeln, deren Einhaltung Radfahrern natürlich nicht zuzumuten ist, machen diese Zeitgenossen doch immer wieder deutlich, daß sie nicht radfahren, um von A nach B zu gelangen, und schon gar nicht zu ihrem Vergnügen, sondern einzig und allein, um die Welt zu retten. Und wer solche Opfer auf sich nimmt und dabei ? von einer verständnislosen, mißgünstigen Gesellschaft ? so oft zum Opfer gemacht wird, der darf alles.

P.S.: Inzwischen hat die Berliner SPD ? eher ungefragt ? erklärt, ein schärferes Vorgehen gegen ruppige Radfahrer werde es mit ihr nicht geben. Was natürlich überhaupt nichts damit zu tun hat, daß so langsam der Wahlkampf zum Abgeordnetenhaus in Fahrt kommt und die SPD fürchtet, von den Grünen überholt zu werden.

Die Abbildung entstammt dem selbstredend ganz vorzüglichen, ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Werk Das Sommerhasserbuch von Jan Gympel mit zwanzig Zeichnungen von Marcel, Verlag Matthias Herrndorff, Berlin 2007, 104 Seiten, 8,90 Euro, ISBN 978-3-940386-20-5. Beziehbar über den Buchhandel oder direkt über www.herrndorff-verlag.de

Welch Glück, daß es die DDR nicht mehr gibt!

Montag, 4. April 2011

Man muß sich das einmal vorstellen: Da wird ? wie üblich mit großem Tamtam ? eine neue Baureihe von S-Bahn-Wagen vorgestellt. Ganz toll, ganz schick, ganz modern. Eine erstklassige Leistung und eine kühne Investition. In die Zukunft, welche wie immer strahlt. Hinfort mit dem alten Plunder, dem Neuen gehört die Welt!

Nach recht kurzer Zeit zeigt das großartige Neue erste Mängel. Zu denen sich bald weitere gesellen. Schließlich kann der übliche Verkehr nicht mehr aufrecht erhalten werden. Ein Notfahrplan folgt dem nächsten, mit immer weiteren Einschränkungen des Angebots. Denn den alten Plunder hat man inzwischen leider verschrottet. Und die schönen neuen Wagen bereiten dauernd neue Probleme. Von denen, die durch einen, äh, suboptimalen Umgang mit Werkstattkapazitäten oder dem Schienennetz verursacht werden, ganz zu schweigen.

Nach rund anderthalb Jahren der Dauerkrise und der leeren Versprechen erklären die S-Bahn-Betreiber, sie wüßten leider auch nicht, wann jemals wieder ein Verkehr im Vor-Krisen-Umfang angeboten werden könnte. Und aus dem Verkehrsministerium verlautet, an diesen Zügen endlos herumzuflicken, bringe doch nichts. Man solle lieber neue beschaffen. Also die nur wenige Jahre alten ? viele hundert Wagen ? verschrotten.

Man muß sich einmal vorstellen: Was das für höhnische Kommentare ausgelöst hätte. Wochen-, monate-, jahrelang hätte man sich daran festgehalten. An diesem völligen Versagen. Dem nie dagewesen Durcheinander. Dem epochalen Eingeständnis von Konstruktions- und Materialmängeln. Und zwar kaum reparablen. Den gesamten peinlichen Vorgang hätte man als einen weiteren, untrüglichen Beweis dafür angesehen und ausgegeben, daß das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, welches solch ein noch nie dagewesenes Desaster hervorbringt, völlig unfähig und untauglich wäre und daher dem Untergang geweiht ? gesetzmäßig, sozusagen. Wenn dies alles in der DDR passiert wäre.

Doch dort fuhr die Berliner S-Bahn bekanntlich in vollem Umfang. Sogar bei Schnee.