Archiv für März 2011

Das ist nicht o.k., Herr Ramsauer!

Mittwoch, 30. März 2011

Mobility Center Berlin-Steglitz
In Berlin ist die Welt noch in Ordnung: Am Walther-Schreiber-Platz eröffnete die DB AG unlängst, unter reger Beteiligung der Berliner Kleinstadtpresse, ein ? nein, eben nicht Reisebüro, sondern Mobility Center.

Von der Website der Tagesschau braucht kaum ein Politiker eine allzu ruppige Behandlung zu befürchten ? bevor es allzu arg kommt, sperrt man dort auch gern mal die Möglichkeit für Gebührenzahler, Wähler und ähnlichen Pöbel, Kommentare zu hinterlassen.

Unlängst jedoch wurde Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer verhöhnt, und dies hatte er sich selbst zuzuschreiben. Hatte ihn doch eine Publikation namens ?Deutsche Sprache? zum ?Sprachwahrer des Jahres? gekürt ? als schändlichen Lohn für sein lächerliches Bemühen, das Zukunftsunternehmen Deutsche Bahn schnurstracks in die Vergangenheit zurückzustoßen, womöglich gar in die finsterste.

Wo kommen wir schließlich hin, wenn es auf Bahnhöfen nicht mehr Service Points gibt, sondern ganz un-enternäschonellie Information, was wirklich kein des Deutschen nicht Mächtiger versteht? Wenn die Räder, welche die Bahn AG in Städten zum Verleih anbietet, Stadträder heißen statt Call a Bike? Wollen wir wirklich wieder Fahrscheine kaufen anstelle von Tickets, an schnöden Schaltern statt an schicken Countern? Wollen wir Anzeigetafeln lesen statt Displays, in Läden kaufen statt in Shops, uns von einer Reisestelle vermitteln lassen statt vom trainierten Team des Travel Managements und ? wenn es so auf unserer Agenda steht oder wir eine entsprechende Message auf der Mailbox unseres Handys gefunden haben ? an Treffpunkten verabreden statt an Meeting Points und bei Warten um Rat fragen statt von Stationsmanagern gebrieft zu werden (denen zu begegnen die Gefahr allerdings nicht allzu groß ist)?

Am Ende sitzen wir bei unserem Trip statt in Lounges noch in Wartesälen auf unseren Stations und Stops ? wobei sich letztere freilich ?Stopps? schreiben, denn um Deutschlands weltweite Wettbewerbsfähigkeit ins Unendliche zu steigern, kann einem ?hier zu Lande? (doch nicht zu Wasser oder zur Luft) ja auch mancher ?Biograf? womöglich ?Tipps? geben, welche ?Majonäse? oder welcher ?Ketschup? dies Jahr gerade ?stylisch?, wenn nicht gar ?topp? ist und unserem ?Portmonee? entspricht. Am Ende des Tages.

Igitt, DDR!

Montag, 7. März 2011

Mit großem Trara hat die Berliner S-Bahn am Freitag einen Viertelzug der Baureihe 485 wieder in Dienst gestellt, der bereits abgestellt gewesen sein soll und nun umfassend aufgearbeitet worden ist.

Zu dieser Baureihe, welche noch in der DDR entwickelt und um 1990 gebaut worden ist, konnte man den Medien entnehmen, ?Coladosen? seien ihre Wagen genannt worden, da sie einst ganz in Rot lackiert waren (klar: einen anthrazitfarbenen Streifen in Höhe der Seitenfenster hat es nie gegeben).

Blutrot wie anständige Fronstadtbewohner beim bloßen Gedanken an den Kommunismus sehen, sahen dann offenbar auch viele Berichterstatter: Die Baureihe 485, welche ? wie gesagt ? quasi noch aus der Zone stammt, sei so fehlerhaft und problembehaftet gewesen, daß sie schon nach wenigen Jahren des Betriebes ausrangiert werden mußte.

Natürlich: Bekanntlich waren es Wagen der Baureihe 485, welche schon mehrmals in Flammen aufgegangen sind, aus unterschiedlichen Gründen. Bekanntlich sind es Wagen der Baureihe 485, die sich dank ihrer Lüftung im Sommer in Brutkästen verwandeln. Und bekanntlich sind es Wagen der Baureihe 485, bei denen seit Monaten immer neue, nur schwer und langsam (wenn überhaupt) behebbare Mängel festgestellt werden, weshalb die Berliner S-Bahn seit mehr als anderthalb Jahren nur noch einen ? mal mehr, mal weniger ? stark eingeschränkten Verkehr anbieten kann. Schließlich ist ein Großteil der Baureihe 485 schon vor Jahren nicht vornehmlich aus Gründen betriebswirtschaftlicher Akrobatik abgestellt, sogar verschrottet worden; und schon gar nicht, weil sich mit der Behauptung ?Osten = Mist? leicht Applaus einheimsen läßt, auch wenn es eigentlich nur darum geht, ein Unternehmen auf Teufel-komm-raus an der Börse attraktiv zu machen und dem arroganten Glauben zu folgen, man könne ziemlich neue Fahrzeuge problemlos vernichten, weil man ja so schöne noch neuere hat. (Es war doch alles schlecht.)

So mag die Geschichte der Berichterstattung über die Baureihe 485 ? mal wieder ? eine Geschichte voller Mißverständnisse sein. Unmißverständlich ist hingegen die Reaktion vieler Kommentarschreiber im Internet, welche die Berliner S-Bahn-Krise an einem neuen Höhepunkt wähnen, weil es nun sogar schon notwendig wäre, ?DDR-Schrott? aufzuarbeiten und wieder in Dienst zu stellen. Was fraglos den Gipfel der Zumutung darstellt für jeden wackeren West-Berliner, welcher noch heute an seinem Radiogerät verzweifelt den RIAS sucht.

Wir wollen die totale Sicherheit!

Donnerstag, 3. März 2011

Zu-Ihrer-Sicherheit-2
Cartoon größer, besser ansehen? Anklicken!

Dienstag in der RBB-?Abendschau?: Ein Bericht über die Videoüberwachung bei der Berliner U-Bahn. Frank Reichel, vorgestellt als ?BVG Bereichsleiter Sicherheit?, erklärt zur Frage der Beobachtung von Überfällen und anderen Angriffen: ?Wenn die Mitarbeiter, die hier an den Leitstellen-Arbeitsplätzen sitzen, etwas sehen, wäre es Zufall.?

Das kann nicht sein.

Schließlich wird die umfassende Videoüberwachung bei der gesamten BVG ? auch in den Straßenbahnen, auch in den Bussen ? seit Jahren mit dem Argument aufgebaut, daß so die Sicherheit für die Fahrgäste erhöht werden würde ? bei der U-Bahn insbesondere angesichts der Tatsache, daß man von deren Stationen das allermeiste Personal abgezogen und so die Fahrgäste sich selbst überlassen hat.

Nach jeder größeren, womöglich gar tödlich geendeten Gewalttat wird von den üblichen Fachleuten auf diesem Gebiet (die Polizeigewerkschaften, vor allem jene im Beamtenbund, die CDU, die Springer-Presse) gefordert, die Überwachung noch totaler zu machen. Denn totale Überwachung bringt totale Sicherheit. Insbesondere vor den vornehmlich jugendlichen Gewalttätern, denn junge Menschen, mutmaßlich von ihrer überschießenden Hormonproduktion, durch Rauschmittel oder auch ganz grundsätzlich geistig verwirrt, zeichnen sich bekanntlich durch wohlüberlegtes Handeln aus ? auch und gerade, wenn sie gewalttätig werden.

Sie überlegen sich dann schon: Soll ich diesem Kerl, dessen Nase mir nicht paßt, der eben mein ohnehin mickriges Selbstbewußtsein gefährdet hat oder der mir dummerweise in einem Moment über den Weg läuft, in dem ich jemanden zum Verprügeln suche, wirklich schlagen? Bei all den Konsequenzen, welche dies haben kann? Und angesichts der Videoüberwachung bei der BVG?

Auf diese Weise verhindert Videoüberwachung Verbrechen.

Und sollten die jungen Menschen, nach längerer, sorgfältiger Abwägung und ebenso ausgiebiger Reflexion der philosophischen Problematik, doch Fäuste und Füße sprechen lassen (oder auch ein Messer), dann ? ja, dann wird dem Attackierten sogleich geholfen: Eben ist die Klinge zwischen die Rippen gefahren, da wird der Bösewicht auch schon abgeführt und der Geschädigte medizinisch versorgt. Denn die tausend Augen der BVG schlafen nie und auf jedem Kamerabild liegt ständig der wachsame Blick eines Mitarbeiters der Verkehrsbetriebe.

Bei der Videoüberwachung geht es nicht etwa nur darum, den Fahrgästen mit möglichst wenig Aufwand Sicherheit vorzugaukeln, eventuell Täter leichter zu fassen und zu überführen ? was dem Opfer womöglich wenig nutzt, vor allem wenn es tot ist ?, die Menschen ganz generell an den Überwachungsstaat zu gewöhnen und Material zu haben, mit dem die Sendungen des Boulevardfernsehens gefüllt werden kann.

BVG Bereichsleiter Sicherheit Frank Reichel hat einfach keine Ahnung. Er sollte sich dringend mal bei DPolG, CDU oder BZ erkundigen ? die wissen, wie das wirklich ist.