Archiv für April 2008

Herzlichen Glückwunsch, taz!

Mittwoch, 30. April 2008

Lang und schwer war der Kampf, doch unmittelbar vor dem Internationalen Feiertag der werktätigen Massen wurde er von einem Sieg gekrönt, welcher in die Geschichte eingehen wird!

Um Geschichte geht es hier ja generell: Um ihre Sichtbarmachung, angeblich. Um ihre Auslöschung, in Wahrheit. Denn nichts anderes bedeutet die heute vollzogene Umbenennung eines Teils der Berliner Kochstraße nach Rudi Dutschke.

Der Druckereitrakt des Axel-Springer-Verlags, der hier einst einen ganzen Block bedeckte, ist längst abgerissen, auch der gegenüberliegende Parkplatz, auf dem zu Ostern ’68 Springers Lieferwagen brannten, wurde teils bebaut, teils zum Hinterhof gemacht. Dummerweise befindet sich auch der Haupteingang des Springer-Hauses längst nicht mehr in der Kochstraße, so daß dieser Verlag mit der Umbenennung nach einem seiner einstigen Erzfeinde (und vorherigen Mitarbeiter) nicht mehr so richtig zu ärgern ist.

Doch wozu sich auf seine alten Tage, jetzt, da die 68er reihenweise in Rente gehen (und sich zum fünfzigsten Jubiläum jenes namensgebenden Jahres ihre Reihen schon deutlich gelichtet haben dürften), diesen – wenn auch nur noch kleinen – Spaß versagen?

Macht doch nichts, wenn nun auch noch der Straßenname verschwindet. Wenn Historiker fortan immer schreiben müssen: ?In der Kochstraße (heute Rudi-Dutschke-Straße)?. Wenn Berlins altes Zeitungsviertel seine wichtigste Bezugsadresse verliert. Wenn Ullsteins republikanische Trutzburg der Weimarer Jahre künftig an falscher Stelle vermutet wird. Wenn niemand mehr versteht, was in den Sechzigern, Siebzigern, Achtzigern mit ?ein Verlagshaus in der Kochstraße? gemeint war. Einerlei, ob nachfolgende Generationen (also schon die Praktikanten des Jahres 2010) sich fragen werden, warum es denn anno ?68 solchen Rabatz vor dem Oberstufenzentrum oder der Ideal-Versicherung gegeben haben soll ? in dem noch ?Kochstraße? heißenden Teil der Kochstraße ?, wo doch das Springer-Gebäude in der Rudi-Dutschke-Straße steht.

Daß Ihr, verehrte Damen und Herren von der taz, und Eure Gesinnungsgenossen mit dieser Umbenennung nicht mehr und nicht weniger getan habt, als die vornehmsten Interessen des Volkes zu vertreten, zeigte bereits der von der CDU und anderen finsteren Faschisten angezettelte Bürgerentscheid: An ihm beteiligte sich im eigentlich sehr linken Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die überwältigende Zahl von 16,6 Prozent der Stimmberechtigten. Von diesen votierten wiederum bombastische 57,1 Prozent mit ?Nein?, was meinte: ?Ich bin nicht für eine Rücknahme der bereits beschlossenen Umbenennung.? 9,46 Prozent der Wahlberechtigten sprachen sich folglich für die Rudi-Dutschke-Straße aus. Donnerwetter: Fast jeder zehnte!

Der Jubel, zumindest die Genugtuung, in den befreundeten Medien war gewiß ? zumal man dort die Zahlen gern dezent übersah. Und als Bezirksbürgermeister Schulz (Grüne) heute endlich, nach langem Ringen, feierlich das neue Straßenschild enthüllen konnte, wurde er dabei umingt von einer begeisterten Menge von rund hundert Bürgern. Pardon, liebe taz, für Dich natürlich ?BürgerInnen?.

Und um Dich, liebe taz, geht es ja eigentlich, auch wenn das – wie überraschend – kaum jemand sagte. Denn einen Rudi-Dutschke-Weg gibt es in Berlin schon seit längerem, um nicht irgendwo, sondern in dem historisch doch recht korrekten Umfeld der Freien Universität. Eigentlich sollen Doppelbenennungen vermieden werden. Zudem entstehen, auch und gerade im stellenweise noch immer recht öden Stadtzentrum, laufend neue Straßen, welche auf würdige Namenspaten warten. Doch Du, liebe taz, sitzt nun mal in der Kochstraße.

Natürlich wäre es schöner gewesen, wie jedes andere Unternehmen hättest auch Du Dir einfach eine genehme, den Briefkopf schmückende Adresse für den Firmensitz kaufen können. Doch mal abgesehen davon, daß Du – mangels ausreichend hoher Auflage und daraus folgend auch mangels Werbekunden – finanziell seit dreißig Jahren klamm bist: Du hast wohl ganz richtig vermutet, daß selbst die erdrückende rot-rot-grüne Mehrheit im zuständigen Bezirksparlament ?Tazstraße? nicht durchgehen lassen würde. Da mußte dann eben ersatzweise der Rudi herhalten. Und die Geschichte verschwinden.

Dazu sei Dir noch einmal herzlich gratuliert. Und nie aufgeben, vielleicht kommt ja doch noch einmal der Tag, an dem die verkaufte taz-Auflage 100.000 Exemplare erreicht. Na, oder wenigstens 90.000.

Pyrrhussieg für Wowereit

Sonntag, 27. April 2008

Berlins Flughafen Tempelhof kann endgültig geschlossen werden. Jubel bei den Anwohnern insbesondere im beschaulichen Neukölln, wo sich die linksalternativen Aktivisten ausgiebig über den immensen Fluglärm beklagen und im nächsten Augenblick ebenso empört darüber geben, daß der Flughafen kaum mehr benutzt würde und deshalb immense Kosten verursache ? und alles nur für Reiche. Nein, gar ?Super-Reiche?, wie ein Plakat zur heutigen Volksabstimmung erklärte. Also Leuten, denen sowieso alles weggenommen gehört, nicht nur das eigene Flugzeug, mit dem sie über die Köpfe der geknechteten Massen dahinbrausen, verprassend des Armen Brot!

Nun kann alles gut werden: Nicht nur Tausende Wohnungen gebaut werden (die Zahl der leerstehenden in Berlin droht in letzter Zeit unter die Marke von 100.000 Stück zu fallen), sondern auch Zehntausende Arbeitsplätze geschaffen ? wie vom rot-roten Senat bereits beschlossen. Ferner entsteht ein wundervolles Naherholungsgebiet. Für welches der Senat dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg sicher ausreichend Mittel zur weiteren Pflege bereitstellen wird. Denn einer jeden Berliner Grünanlage wird seit langem überdurchschnittliche Pflege nicht schon dann zuteil, wenn dreimal im Jahr jemand vorbeischaut, um das Gras zu mähen und das Laub zusammenzukehren. Sicher wird das zur ?Oase? umgewidmete Flugfeld auch nicht zum weiteren Auslaufgebiet für die stadtbekannten Dealer der angrenzenden Hasenheide, für Neuköllns Kampfhundebesitzer und ihre Lieblinge oder andere Bewohner diesen schnuckligen Stadtteils, die in Grünanlagen schon mal Polizisten über den Haufen ballern oder Koffer mit bemerkenswertem Inhalt abstellen. Und wenn erst das gesamte Tempelhofer Feld Wochenende für Wochenende von Grillqualmschwaden eingehüllt wird, dann dürfte der Wohnwert im Neukölln gegenüberliegenden Tempelhof, einem der bürgerlichsten Viertel Berlins, ins Unermeßliche steigen. Insofern völlig unverständlich, daß nirgends sonst in der Stadt die Unterstützung für das Volksbegehren gegen die überstürzte Schließung des Flughafens so groß war.

Gescheitert ist der darauffolgende Volksentscheid denn auch nicht, weil die vorläufige Offenhaltung des Airports abgelehnt worden wäre, sondern weil die Beteiligung zu gering war, insbesondere in den vom Tempelhofer Flugverkehr so gut wie nicht tangierten Gegenden wie Marzahn, Lichtenberg oder Pankow. Rot-Rot-Grün und allen voran Klaus Wowereit sehen das natürlich anders und sich vollauf bestätigt. Und doch ist gerade dieser Sieg des Regierenden Bürgermeisters und seiner Politik nur ein vermeintlicher: Denn nun kann Tempelhof im Oktober zugemacht werden. Womit das einzige erkennbare, mit wahrem Eifer verfolgte Ziel Wowereits erreicht wäre. Und was soll er dann die drei Jahre über machen, die bis zu den nächsten Wahlen noch bleiben?

… aber nicht wehrlos!

Donnerstag, 24. April 2008

Wolfgang Clement soll nicht aus der SPD ausgeschlossen werden, weil er unmittelbar vor der jüngsten hessischen Landtagswahl öffentlich, lautstark und entsprechend vielbeachtet davon abgeraten hat, für seine Partei zu stimmen. Nun hat die SPD in ihrer langen Geschichte schon zahlreiche drollige Beispiele für völlig groteske Neudefinitionen von Begriffen geliefert ? schönstes Exempel der letzten Zeit: Die via Hartz IV verordnete Armut als ?sozial? verkaufen zu wollen. Und als irgendwie im Einklang stehend mit den Grundprinzipien einer sozialdemokratischen Partei (so letztere im vorliegenden Falle überhaupt noch vorhanden). Höchst medienwirksam davon abzuraten, die eigene Partei zu wählen, noch dazu unmittelbar vor Wahlen, welche diese Partei zu gewinnen beste Aussichten hat ? dies nicht als hochgradig parteischädigendes Verhalten ansehen und mit einem Rauswurf ahnden zu wollen, ist schon eine neue Kapriole, welche geeignet ist, nicht nur Kopfschütteln zu verursachen, sondern geradezu Hirnsausen.

Oder vielmehr: Es wäre dies eine solche. Handelte es sich hier nicht um die SPD. Und da ist es dann letztlich wurst, ob Herr Clement auch noch die Stirn besitzt, gegen die ihm nun erteilte Rüge (also eine dieser Maßregelungen, welche man getrost sofort vergessen kann) vorgehen zu wollen. Man braucht bloß daran zu denken, wen diese Partei noch so alles in ihren Reihen duldet: Einen Gerhard Schröder zum Beispiel oder einen Berliner Finanzsenator, der sich mittlerweile zu bundesweiter Bekanntheit emporpöbelt. Dann weiß man, was von dieser Partei zu erwarten ist.

Wenn nur schon September wär

Mittwoch, 23. April 2008

Im Frühstücksfernsehen war ein Journalistendarsteller aufgeregter als die berühmte Jungfrau in der proppevollen Umkleidekabine eines Footballteams: Wie denn das Wetter am Wochenende werde, ob denn endlich der Frühling komme, ob man denn am Samstag oder Sonntag oder gar am Samstag und Sonntag mit kurzen Hosen herumrennen könne.

Letzteres eine Frage, welche sich für den gemeinen Berliner nicht stellt. Weshalb ich bereits am Montag zweimal mein Auge durch etwas Kurzbehostes beleidigen lassen mußte. Die Insassen der Hauptstadt (nicht nur Deutschlands, sondern auch der Geschmacklosigkeit) verspüren, sobald das Thermometer die Fünfzehn-Grad-Marke touchiert, den dringenden Drang, die Hüllen fallen zu lassen und möglichst viele ihrer möglichst unattraktiven Körperregionen auf möglichst unvorteilhafte Weise der wehrlosen Welt zu präsentieren. Mir graut vor dem zweifellos nicht mehr fernen Moment, an dem ich dies Jahr das erste Wesen in Badelatschen durch die Gegend schlurfen sehe. Gelobt sei der Winter, welcher solch ein Verhalten entweder verhindert oder aber mit einer ordentlichen Erkältung mehr als gerecht bestraft! Verflucht sei der Sommer!

Ich verweise in diesem Zusammenhang auf mein formidables Werk ?Das Sommerhasserbuch? (ausgezeichnet mit dem Hackenbush Award!), welches Sie bitte umgehend käuflich erwerben wollen (bei www.herrndorff-verlag.de oder auch in jeder guten Buchhandlung).

ARD-Themenwoche ?Mehr Zeit zum Leben? ein voller Erfolg

Montag, 21. April 2008

Das ist natürlich nicht nur die Überschrift der mutmaßlich bereits seit Wochen in den entsprechenden Schubladen liegenden Pressemitteilung vom kommenden Wochenende ? oder glauben Sie im Ernst, die ARD würde verlauten lassen: ?Hm, naja, unsere diesjährige thematische Stalinorgel hatte zwar einige schöne Momente, aber im großen und ganzen blieb sie doch weit hinter den Erwartungen zurück, nee, wenn wir ganz ehrlich sind, dann war sie sogar ein kompletter Reinfall.?

Bevor es die zuständigen Stellen am kommenden Samstag, Sonntag oder Montag offiziell verlauten lassen können, darf ich schon heute sagen: Bei mir hat die Themenwoche ?Mehr Zeit zum Leben? bereits gewirkt. Schon nach zwei Tagen kann ich keine Falten, graue Haare, schlaffe Haut, falsche Zähne, leidenschaftlich ausgelebte Krankheiten, unheimlich gut druffe Senioren und dergleichen mehr sehen, meide sämtliche Sendungen auf den diversen ARD-Programmen, welche damit auch nur im entferntesten verbundene Themen umkreisen und schalte umgehend weg, wenn ich versehentlich doch in eine geraten sollte.

Eben nicht nur, wenn das Tablettennehmen zum ? womöglich einzigen ? Hobby geworden ist, sollte man wissen: Viel hilft nicht automatisch viel. Aber schönen Dank für die gebührenfinanzierte Demonstration eines medialen Overkills.

Erfolg durch Zucht

Sonntag, 20. April 2008

Erfolgreich beendet wurde heute, am 20. April, die Braunvieh-Weltkonferenz in Mayrhofen im österreichischen Zillertal. Über Gegendemonstrationen ist nichts bekannt.

Schönes bleibt

Samstag, 19. April 2008

Oder vielmehr: Es kommt wieder. Denn wie bemerkte Gabi Bauer im ARD-Nachtmagazin doch ganz korrekt: “So richtig neu ist das nicht.” Daß Behörden, die für die staatliche Sicherheit zuständig sind, Wohnungen nicht nur verwanzen dürfen. Sondern auch noch Kameras in ihnen anbringen. Laut Gesetzentwurf einen ganzen Monat lang, auch bei unbescholtenen Unter-, pardon: lieben Bürgerinnen und Bürgern, wenn denn irgendein böser Bube eventuell mal an ihrer Tür geklingelt haben könnte. Oder so. Natürlich nur ausnahmsweise. Und auf richterliche Anordnung. Denn mit Überwachungsstaat hat das gar nichts zu tun, nein, nein. Sondern nur mit den Terroristen. Mein Gott, man muß doch mal an die Terroristen denken! Wie immens die, täglich, stündlich, minütlich, unsere Ordnung gefährden. Demokratie und Freiheit und Grundrechte und so. Angesichts dessen, wie der Feind und wo der Feind überall lauert, ist höchste Wachsamkeit geboten. Womöglich sogar tschekistische.

Eben: Neu ist das nicht.

Freiheit in unserer Zeit (2)

Freitag, 18. April 2008

Wie zu hören ist, arbeitet China intensiv am Ausbau seiner Stellung als führende Exportnation. Im Falle Simbabwes allerdings weniger, indem man dorthin billige Kleidung, gefährliches Kinderspielzeug, klapprige Technik oder anderen Schrott schickt, sondern ganz aktuell ein Schiff voll Waffen und Munition. Wobei das Schiff das Binnenland Simbabwe nicht direkt ansteuern kann, sondern die Ladung, welche für die Machthaber womöglich nie wertvoller war als heute, durch die Republik Südafrika befördert wird. Was dort niemandem Bauchschmerzen zu bereiten scheint.

Man muß sich übrigens einmal vorstellen, was los wäre ? auch international, auch im Milieu der Berufsbetroffenen ?, würden Terror und Unterdrückung in Simbabwe von Weißen ausgeübt. Aber so ?

Koalition der Wahlsieger der Herzen

Donnerstag, 17. April 2008

Spätestens seit dem Wahlabend wurde von der veröffentlichten Meinung in Deutschland fast unisono versucht, in Hamburg eine schwarz-grüne Koalition herbeizuquatschen. Und es dürfte eine interessante Aufgabe sein für spätere Publizistikstudenten oder Medienwissenschaftler zu untersuchen, wie dies vonstatten ging und vor allem, welche Interessen dahinterstanden.

Wobei dann auch mal wieder beachtet werden könnte, was im heute erwartungsgemäß durch die Medien wogenden Jubel über den Abschluß dieser politischen Ehe erneut vollständig unterging: Von den fünf im Bundestag vertretenen Parteien, welche sich in Hamburg zur Wahl stellten, regieren dort jetzt jene beiden, die beim Urnengang deutliche Verluste erlitten haben.

(Letzteres übrigens mittlerweile nichts Besonderes mehr für die Grünen, woran auch ihre Rückkehr in die parlamentarische Opposition nichts ändern konnte. Was von den meisten Medien ebenso geflissentlich übersehen wird.)

Dritte Amtszeit für Horst Köhler!

Mittwoch, 16. April 2008

Die CDU-nahen, pardon: unabhängigen Medien werden, im Rahmen ihres staatsbürgerlichen Engagements, dieser Tage nicht müde, darauf hinzuweisen: Die Regierung und die Spitzen der im Bundestag vertretenen Parteien sollten endlich offen für das eintreten, was unsere Menschen, die lieben Bürgerinnen und Bürger, seit Wochen in unbeschreiblichem Maße umtreibt, was sie in Millionen Solidaritätsversammlungen, Resolutionen und anderen Schreiben mit heißem Herzen und lodernder Ungeduld einmütig bekundet haben: EINE DRITTE AMTSZEIT FÜR HORST KÖHLER!

Oh, Verzeihung, da habe ich aus Versehen die Datei mit der für 2013 bereits verfaßten Meldung schon heute geöffnet.

Glaube und Hoffnung oder: Die CDU schaut nach vorn

Dienstag, 15. April 2008

Ja, so kann es einem ergehen, wenn man seine Begeisterung kaum zügeln kann. Dann verquatscht man sich schon mal. Wie jetzt CDU-Vertreter beim Blick auf die von der SPD verkündete Linie in Sachen Bahnprivatisierung. Zum schönen ?Einstieg? erklärten Unionspolitiker den von den Sozialdemokraten vorgeschlagenen Verkauf von rund einem Viertel der Anteile. Will meinen: Bei CDU/CSU schielt man auf die nächste, ja nur noch anderthalb Jahre entfernte Legislaturperiode. Und dann wird, wenn?s veränderte Mehrheitsverhältnisse im Bundestag hergeben, der ganze Laden verscherbelt.

Neues vom argen Linksrutsch

Montag, 14. April 2008

?Linke nimmt Kommunisten-Manifest ins Programm? kreischt es heute vom Marktplatz des medialen Dorfes, durch das jeden Tag eine neue ?

Du liebe Zeit! Soll das etwa heißen, die Machtergreifung von Frau Wagenknecht und Co. steht unmittelbar bevor, die ersten Maßnahmen zur Absicherung der angeblichen Arbeiter-und-Bauern-Macht sind bereits beschlossen und debattiert wird einzig noch die Frage, ob man sie mit der Guillotine durchsetzen möchte oder es lieber wieder mit Genickschüssen versucht?

Glücklicherweise stehen aber doch nicht die Bolschewiken vor der Haustür, wie man erfährt, wenn man weiterliest. Bei der von Oskar Lafontaine angekündigten programmatischen Aufrüstung des Programms von ?Die Linke? geht es auch nicht um irgendein Pamphlet der notorischen ?Kommunistischen Plattform? in der PDS oder wie diese Partei diesen Monat gerade heißt. Sondern um nichts Geringeres als das ?Manifest der Kommunistischen Partei? von Marx und Engels. Eine der einflußreichsten Schriften der letzten zweihundert Jahre, die deshalb jeder einmal gelesen haben sollte ? und sei es nur, um sie guten Gewissens für völligen Humbug halten zu können.

Dabei steht darin bezüglich der Analyse des Kapitalismus und der Beschreibung der von diesem geschaffenen Verhältnisse manch noch immer oder gerade wieder Richtiges (was, nach immerhin 160 Jahren, für die Schrift wie ihre Autoren spricht). In der aufgezeigten Problemlösung und dem prophezeiten weiteren Verlauf der Geschichte erwies sich das Manifest, aus welchem nun im ?Die Linke?-Programm wörtlich zitiert werden soll, dagegen bekanntlich als weitgehend unrealistisch, falsch, wenn nicht vollständiger Blödsinn.

Aber ich wage einmal zu bezweifeln, daß es Lafontaine um all das tatsächlich geht. Er dürfte eher die gezielte Provokation im Sinn gehabt haben, zur Erzielung von Publicity und Schärfung des Profils. Das ist ihm gelungen.

Freiheit in unserer Zeit

Sonntag, 13. April 2008

Seit das Apartheidregime abgetreten ist, gilt die Republik Südafrika gemeinhin als ganz, ganz tolles Land. Nicht zuletzt dank des seither regierenden ANC, also der ehemaligen Freiheitskämpfer. Durch die sich übrigens die sozialen Verhältnisse der großen Mehrheit der Schwarzen noch nicht wirklich verbessert haben sollen. Aber der ANC ist ja auch erst seit vierzehn Jahren an der Macht.

Jetzt traf sich der südafrikanische Präsident Mbeki (mal wieder) mit Simbabwes Machthaber Mugabe, einem ehemaligen Freiheitskämpfer, der sein Land in einer Weise heruntergewirtschaftet hat, die selbst für afrikanische Verhältnisse rekordverdächtig ist. Und sich natürlich weiter an die Macht klammert, mit allen Mitteln. Wie auch die jüngsten Wahlen zeigen, deren Ergebnisse noch immer nicht vollständig verkündet worden sind. Nach dem Treffen ließ Seine Exzellenz Mbeki verlautbaren, er könne keine Krise in Simbabwe erkennen.

Ja, Südafrika und der ANC gelten als ganz toll. Und wie weit es mit der demokratischen Gesinnung des letzteren her ist, wird sich auch nicht erst erweisen, wenn der ANC Wahlen zu verlieren droht und die Macht abgeben soll.

Schöner leben durch selektive Wahrnehmung

Samstag, 12. April 2008

Vorletzte Woche rauschte es groß durch alle Medien (siehe Eintrag vom 26. März): Wenn jetzt Bundestagswahlen wären, würde die SPD in keinem einzigen Bundesland mehr stärkste Partei!

Was allgemein sogleich als weiterer Beleg für den absolut desolaten Zustand der SPD und die Unfähigkeit, ja, Unwählbarkeit ihres Vorsitzenden genommen wurde.

Diese Woche ermittelte ein anderes Umfrageinstitut bei seiner regelmäßigen Untersuchung der Stimmungslage in Brandenburg: Wenn jetzt Bundestagswahlen wären, bekäme die SPD in diesem Land 31, die CDU 26, ?Die Linke? 29 Prozent.

Das verursachte nicht mal in den regionalen Medien allzu großes Rauschen.

Wie überraschend.

So, so, Solidarität

Donnerstag, 10. April 2008

In Sachen PR war das ein Eigentor wie aus dem Bilderbuch: Eigentlich sollten in Berlin heute Warnstreiks im öffentlichen Dienst, nicht zuletzt in der Verwaltung, die Schlagzeilen beherrschen. Aber dann legten mitten in der Nacht und für alle überraschend die Straßenbahnfahrer für einige Stunden die Arbeit nieder. Und daß am Morgen und Vormittag keine Trams fuhren war dann doch ? auch für die Medien ? von weitaus größerem Interesse als ob sich einige Bürokraten für die Bewältigung von Papierkram nun noch ein wenig mehr Zeit ließen als sonst.

Angesichts dessen wäre eigentlich, wenn der Straßenbahnerstreik wirklich ganz spontan erfolgte, ein kleines Donnerwetter von höherer Gewerkschaftsstelle für die lieben Kolleginnen und Kollegen bei der Tram fällig. Aber erstens wird der Beobachter den Eindruck nicht los, daß bei dem ganzen Tarifkonflikt eine nicht unwesentliche Rolle das Gefühl von Funktionären spielt, sie müßten ihren lieben Schäfchen endlich mal wieder zeigen, wozu eine Gewerkschaft ? und vor allem die Mitgliedschaft in ihr ? eigentlich gut ist. Zumal zweitens der überfallartige Ausstand verdeutlicht hat, daß auch bei den Gewerkschaften das ganze Gerede von Solidarität längst zum hohlen Geschwätz verkommen ist: So wenig sich die Bediensteten der Verkehrsbetriebe ? gelegentlicher öffentlicher Krokodilstränen zum Trotz ? für die streikbedingten Nöte ihrer Fahrgäste interessieren, so wenig schert es sie, was in (de facto) anderen Branchen geschieht.

Womit darüber hinaus ein Grundproblem der Gewerkschaft ?Verdi? mal wieder offenbar wird: Die abstruse Vorstellung, man könnte gleichzeitig freischaffende Künstler und Postbeamte, Verkäuferinnen und Busfahrer, Bankangestellte und Journalisten vertreten. Weil die doch alle irgendwie im Dienstleistungssektor tätig wären. Wobei die Betonung liegt auf ?irgendwie?. Wie groß der gemeinsame Nenner und daraus folgend der Zusammenhalt all dieser Menschen ist, zeigt wohl nicht nur die rasant schrumpfende Mitgliederzahl der ?Dienstleistungsgewerkschaft? inmitten der Epoche der ?Dienstleistungsgesellschaft?. Es zeigt auch der heutige Tag, an dem die Berliner Straßenbahner, Angestellte der in Landeshand befindlichen Verkehrsbetriebe, vor allem eines demonstrierten: Daß ihnen selbst die Forderungen und Interessen anderer öffentlich Bediensteter am Arsch vorbeigehen.