Archiv für Oktober 2007

Vaterlandslose Gesellen meucheln unseren Aufschwung!

Mittwoch, 31. Oktober 2007

Die böse SPD aber auch! So schwer nach links gerutscht! Noch so ein Parteitag, und Sahra Wagenknecht übernimmt den SPD-Vorsitz! Jedenfalls ist die veröffentlichte Meinung einhellig empört. Und tut für einen Moment so, als würde die SPD das, was sie da in einer Mischung aus Nostalgie und blanker Panik beschlossen hat, auch ernsthaft umsetzen wollen. Was soll denn da aus den schönen Reformen werden? Welche wir alle so lieben. Die uns allen so nutzen. Gerade jetzt, wo der Aufschwung durchs Land braust, die Arbeitslosenzahlen sinken. (Falls Sie persönlich davon noch nichts gemerkt haben, ist das Ihre Schuld.) Unsere Menschen sind verunsichert. Entsetzt. Verzweifelt. Sie wollen mehr Reformen. Gar kein Arbeitslosengeld mehr! Privatisierung auch der Straßen! Rauchverbot nach 21.32 Uhr (bei Vollmond schon ab 20.14 Uhr)! Die veröffentlichte Meinung weiß, was das Volk will ? weshalb beispielsweise die Gesamtauflage aller deutschen Tageszeitungen in den letzten zehn Jahren lediglich von über dreißig auf unter 25 Millionen zurückgegangen ist.

Oder, um es mit Klaus Staeck zu sagen: Deutsche Arbeiter! Die SPD will Euch Eure Villen im Tessin wegnehmen!

Elche, Kritiker

Dienstag, 30. Oktober 2007

Zwei Damen der ehemals alternativen Partei ?Die Grünen? haben geruht, sich von einer gar kecken Formulierung ihres Kollegen Volker Beck über Seine Exzellenz und Fast-Heiligkeit Kardinal Meisner hochwohlgeboren zu distanzieren.

Das trifft sich gut. Denn von dieser Partei, der ich mal anhing, als sie sich noch für Emanzipation, Selbstbestimmung ? kurzum: Freiheit einsetzte, habe ich mich schon lange distanziert.

Kompetenz, öffentlich-rechtlich

Montag, 29. Oktober 2007

Das ist wahrer öffentlich-rechtlicher Qualitäts-Hochniveau-Premiumjournalismus, um den uns die ganze Welt beneidet: Im Halbstundentakt plappert man ? im bekanntermaßen überdurchschnittlich plapperfreudigen ? ARD-Morgenmagazin davon, die höchstwahrscheinlich gewählte Cristina Fernández de Kirchner sei ?die erste Frau an der Spitze Argentiniens?. Umfassende Allgemeinbildung, fundiertes historisches Wissen und natürlich die Fähigkeit zur Recherche (will heutzutage meinen: mal bei Wikipedia nachzuschauen) sind es eben, was zur journalistischen Arbeit in einer Anstalt des öffentlichen Rechts nicht nur befähigt, sondern dafür absolut unerläßlich ist. Wer so kompetent ist (mit Hochschulabschluß, mindestens!), braucht dann auch nicht zu wissen, wen die argentinischen Militärs 1976 eigentlich weggeputscht haben.

Realitätsschock

Sonntag, 28. Oktober 2007

In Anne Will hineingeraten. Nein, natürlich: In ?Anne Will? hineingeraten. Erschüttert. Nicht über das lange, resigniert wirkende Schweigen von Hildegard Hamm-Brücher angesichts des Zirkus, welcher da vor ihren Augen veranstaltet wurde. Obwohl man es ja mittlerweile gewohnt sein sollte, daß sich die Politiker der Großen Koalition anschreien und unsere Bundesregierung so phantastisch ist, daß sie die Rolle der Opposition gleich noch mit übernimmt. Nein, das für mich wirklich Entsetzliche war: Der einzige, der ? abgesehen von HHBs Schlußwort ? sinnvoll und verständlich sprach und von der Realität jenseits des Daseins einiger Unternehmer, die gar nicht genügend Deregulierung (für sich), Steuersenkung (für sich) und ?Anpassung an die Globalisierung? (für sich) haben können, war ? Oskar Lafontaine.

Endsieg

Freitag, 26. Oktober 2007

Nostalgisch berührt erwerbe ich die CD ?Rio Reiser & Ton Steine Scherben: Auswahl I ? Klassiker und Raritäten?. Na ja. Raritäten sind nur die drei Bonustitel, die anderen zehn Nummern (samt der einfach abgeschriebenen Angaben wie ?bisher unveröffentlichte Aufnahme? oder ?wurde eigens für diese LP in Fresenhagen 1981 neu aufgenommen?) die gleichen wie auf einer LP, die ich zirka 1982 bei Zweitausendeins gekauft habe. Übrigens für 10,90 DM, was bedeutet, daß die CD für 4,99 EU (auch noch ?digitally re-mastered?) in Anbetracht des seither erfolgten Kaufkraftschwunds sogar billiger ist. Und die Titel ? na, eben die Evergreens der Gruppe. ?Warum geht es mir so dreckig? (selige Zeiten, als diese Frage überhaupt noch gestellt wurde), ?Wir streiken? (?Und uns gehört die Fabrik? ? glückliche Tage!), ?Keine Macht für niemand?, ?Macht kaputt, was euch kaputt macht?. Alles auf einem Label eines der größten Medienkonzerne der Welt. Und gekauft habe ich die CD in einem dieser Elektromärkte… Was nicht nur die bekannte Skrupellosigkeit des Kapitalismus zeigt, welche dieses System so überlegen gemacht hat. Sondern auch absolute Souveränität und Selbstsicherheit. Der Sieg des Kapitalismus ist wirklich total und endgültig. Weshalb man auch die Generosität besitzt, freundlicherweise noch solche Nostalgieprodukte zu vertreiben, für so alte Säcke wie mich.

Lebensgefahr für meinen Fernsehapparat

Donnerstag, 25. Oktober 2007

Gestern die erste ?Hart, aber fair?-Sendung im ersten Programm. Am beeindruckendsten Peer Steinbrück, der sich ? vermutlich nicht willentlich, aber faktisch ? eifrig bemüht, seine Partei unter 25 Prozent zu bringen. Möchte zur Not auch Politik machen, für die man abgewählt wird ? womit er ja Erfahrung hat. Lustig: Passanten werden programmatische SPD-Aussagen vorgelegt, welche sie fast durchweg der PDS zuordnen. Selbstverständlich: Im Studio bisherige SPD-Wähler, die entweder bezweifeln, daß sie dieser Partei ein weiteres Mal ihre Stimme geben werden oder sich dessen bereits sicher sind. Plasberg meint: ?Manche sehen die SPD schon auf der Intensivstation. Das ist Quatsch.? ? Stimmt: Dort wird sie erst landen nach den Landtagswahlen im nächsten Jahr. Herr Steinbrück redete dann noch das übliche von Reformen und Globalisierung, also staatlich verordneter Verelendung und Vergrößerung der sozialen Gegensätze in Deutschland. Wie ebenfalls üblich konnte er nicht dazu bewegt werden, doch mal selbst ein Jährchen von Hartz IV zu leben und sich, in seinem fortgeschrittenen Alter, eifrig um einen neuen Arbeitsplatz zu bewerben. Was natürlich richtig ist. Denn erstens: Wo kämen wir denn hin, wenn die, die an diesem Staat herumdoktern, selbst die Medizin schluckten, welche sie als so segensreich propagieren? Und zweitens: Es ist doch wirklich jeder selbst schuld, der nicht beizeiten in eine Partei eintritt, um von dieser, fürs Maulhalten und Mitmachen, bis an sein Lebensende mit schönen Pöstchen und üppigen Ruhestandsbezügen versorgt zu werden. Da ich dies allerdings zwischenzeitlich mal wieder vergessen hatte, hätte Herr Steinbrück die Konjunktur fast noch weiter angekurbelt, als er und seine Freunde aus SPDCDUCSU sich dies jetzt schon zu Gute halten. Denn hätte ich ihn und das, was er von sich gab, noch fünf Minuten länger ertragen müssen, hätte ich in den Fernseher gekotzt.

(So können Sie das nicht sagen! ? Ja, was? Soll ich falsch Zeugnis ablegen?)

Unsere Kanzlerin rettet den Dorsch. Nicht.

Mittwoch, 24. Oktober 2007

Die EU hat neue Fischfangquoten beschlossen. Die teils weit hinter dem zurückbleiben, was selbst die ? nicht unbedingt als öko-radikal und wirtschaftsfeindlich bekannte ? EU-Kommission gefordert hatte. Der war es nämlich um den Schutz stark bedrohter Arten gegangen, etwa um den Dorsch in der Ostsee. Damit wir von denen auch morgen noch was haben. Man muß doch mal an die Kinder ? gell?

Unter jenen Regierungen, welche sich heftig gegen diese Pläne wehrten und letztlich eine massive Verwässerung der Bestimmungen bewirkten, war die deutsche. Der es dabei auch um Schutz ging ? jenen der Fischereiwirtschaft. Was ich überhaupt nicht verstehen kann: Reist unsere bezaubernde Bundeskanzlerin doch fortwährend um die Welt, im emsigen Bemühen ebendiese zu retten. Wofür sie allüberall höchstes Lob erntet, als großes Vorbild gepriesen wird. Gut, daß kaum einer zur Kenntnis nimmt, wieviel von den regierungsdeutschen Öko-Bemühungen noch bleibt, wenn diese wirtschaftlichen Interessen in Deutschland zuwiderlaufen würden.

Jetzt wird aufgeräumt (und ab-, natürlich)

Dienstag, 23. Oktober 2007

Endlich ist Schluß mit einem der letzten Relikte des rheinischen Kapitalismus und seiner sozialen Flausen! Endlich wird jetzt auch bei VW reformiert, was das Zeug hält! Welch Segen, daß Europas Richter gerade heute zeigten, wem dies System dient: An einem Tag, zu dessen Beginn die veröffentlichte Meinung voll Furcht, ja Entsetzen, auf die hochgeschätzten Kollegen von ?Newsweek? geblickt hatte, welche befunden hatten: Unsere wundervolle Kanzlerin habe ihren Reformeifer verloren. Sie sei zahm und zaudernd geworden, nicht jene deutsche Maggie Thatcher, welche die Welt noch vor kurzem bezaubert hatte. Die die alten Zöpfe abschneiden wollte. Wie es nun bei VW geschieht.

Oh ja, das gibt wieder Hoffnung. Die Begeisterung ist entsprechend umfassend, und wenn überall im gleichen Ton getönt wird, dann nur, weil es eben richtig ist: Reformen, Normalisierung, Anpassung an die Weltwirtschaft, also weitere Einschnitte, Einschränkungen, Gürtel enger schnallen usw. usf. Was für alle, die dies fordern, natürlich nicht bedeutet, ebendies auch bei sich selbst zu tun, sondern vielmehr: Quetscht gefälligst die anderen noch ein bißchen stärker aus, damit unser Einkommen weiter explodiert. (Der wenig dezente Hinweis auf die Höhe der Arbeitskosten in Wolfsburg zeigt, wohin die Reise mit dem neuen Eigentümer geht.) Eine Sichtweise, die natürlich nur verblendet ist durch den argen Linksrutsch, unter welchem wir leiden ? ja, Linksrutsch! Leute, die sich einbilden, sie müßten von ihrer Arbeit leben können! Unglaublich, diese Hängemattenmentalität!

Nachdem die Reformen soviel Wirkung zeigen! Die Arbeitslosenzahlen sind doch deutlich gesunken! Durch umfassende Reform der Statistik. Immer diese Miesmacherei!

Willkommen in der Weltwirtschaft, der Gegenwart, dem Wunderland der Reformen. Das bedeutet für Sie, werter VW-Beschäftigter: Garantiert unsicherer Arbeitsplatz. Garantiert verschärfte Ausbeutung. Garantiertes Ausspielen der Arbeiter an verschiedenen Standorten gegeneinander. Garantiertes Lohndrücken. Garantierte Einkommensverluste. Garantiertes Aushebeln der Mitbestimmung (bis auf die Frage, ob den Sozialplänen zugestimmt wird oder es einfach gar kein Geld gibt). Garantiertes Entlassen in die staatlichen Sicherungssysteme ? samt Beschimpfung als Faulpelz, weil Sie sich in einem Jahr nur dreihundertmal beworben haben. Und auch noch erwarten, von Ihrer Arbeit leben zu können. Willkommen in der wundervollen Welt von CDUCSUSPDFDPGrünen. Und ihrer Medien.

Wer hat uns verraten?

Freitag, 19. Oktober 2007

SPD-Chef Beck hat das getan, was man von wackeren Sozialdemokraten erwarten darf. Zumindest seit 1918. Wobei man sagen muß: Immerhin wurde diesmal nicht auf widerborstige Arbeiter geschossen. Außer verbal. Und ihnen gleich mal insofern Bescheid gestoßen, als Kurt Beck, der sich eben noch ein bißchen links aussehen wollte, voll auf die Seite der Arbeitgeber schlug. Wie man das von wackeren Sozialdemokraten erwarten darf. Was in diesem Falle freilich besonders pikant ist, als der Arbeitgeber zwar nicht formal, aber de facto die Bundesregierung ist. Insbesondere vertreten durch den sozialdemokratischen Bundesverkehrsminister. Der für nichts eifriger kämpft, als die Deutsche Bahn lukrativ an Heuschrecken zu verscherbeln. Pardon: Sie teilzuprivatisieren. Natürlich nur, damit alles noch schöner und besser wird. Zum Wohle des Volkes. Wie man das von renditeorientierten Investoren erwarten darf: Sie versenken Milliarden über Milliarden und erwarten dafür nur ein wenig Dank. Keinesfalls aber Profit. Soviel wie möglich. Bei dem ganzen aktuellen Tarifstreit geht es ja auch nicht darum, daß jedes Zugeständnis an die Gewerkschaft der Lokführer, daß jede nennenswerte Lohnerhöhung für die deutlich Unterbezahlten den potentiellen Börsenwert der Bahn AG vermindern würde. Ganz zu schweigen von den dicken Gewinnen, welche das Unternehmen derzeit macht. Auf dessen Seite sich ein wackerer deutscher Sozialdemokrat schlägt. Wie das von ihm zu erwarten ist.

Ein Volk, ein Abitur

Donnerstag, 18. Oktober 2007

Jetzt wird vereinheitlicht. Erstmal das Abitur. Allerorten größte Begeisterung. Endlich volle Vergleichbarkeit. Durch einheitliche Standards für die Abiturprüfungen. So, so. Seinerzeit, zu meiner Zeit, ergab sich ?das Abitur?, will meinen: die Durchschnittsnote, welche letztlich auch über die Bescheinigung der Hochschulreife entschied, zwar nur zu einem Drittel aus der Abiturprüfung. Was dieser etwas von ihrem Schrecken nahm, einen andererseits aber unter permanenten Druck setzte, weil die anderen zwei Drittel aus den Ergebnissen der Grund- und Leistungskurse in allen vier Oberstufensemestern bestanden. Aber wozu sich mit Details aufhalten? Kompetent gucken und klug tun (dazu kritisch und besorgt, wenngleich besonnen) reichen zwar nicht fürs Abitur. Aber fürs Journalistendasein allemal.

Better government through intimidation

Donnerstag, 18. Oktober 2007

Nach Angaben von ?Reporter ohne Grenzen? wird die Pressefreiheit durch verstärkte Internetzensur zunehmend eingeschränkt. Leider vergaß die Organisation zu erwähnen, wie diese verstärkte Zensur in den westlichen Ländern heißt: ?Verstoß gegen Persönlichkeitsrechte / Urheberrechte / Markenrechte?.

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Mittwoch, 17. Oktober 2007

George W. Wer? möchte auch mal wieder was sagen. Nämlich, daß er einen dritten Weltkrieg verhindern will. Was natürlich sehr begrüßenswert ist. Allerdings sind Bush, Cheney und Co. als Friedensengel?

Egal: Die Medien zeigen sich jedenfalls hellauf begeistert. Mal wieder etwas, über das man so richtig schön herumgackern kann. Wird auf die Dauer ja auch langweilig, immer nur die böse Lokführergewerkschaft durchs mediale Dorf zu jagen.

Natürliche Auslese

Dienstag, 16. Oktober 2007

Im ARD-Nachtmagazin ein Bericht über eine tolle neue Idee im supergrünen Freiburg: Wer sich einen Intelligenzquotienten von mindestens 130 bescheinigen lassen kann, der braucht an der Uni drei Semester lang nicht die im schwarz-gelben Musterländle Baden-Württemberg mittlerweile eingeführten Studiengebühren zu zahlen.

Toll. Bevorzugung nach IQ. Und demnächst zählt auch wieder ein Abstammungsnachweis? Ach nein, die Frage ist unangebracht. Denn verglichen mit dem Hokuspokus eines ?Intelligenztestes? (der dann auch noch ein exaktes Ergebnis erbringt, am besten bis hinters Komma), ist die Abstammung ja seriös zu erkunden.

George W. Wer?

Samstag, 13. Oktober 2007

Wie sich denn der diesjährige Friedensnobelpreis auf die amerikanische Politik auswirken werde, wollen unsere knallhart recherchierenden, furchtlos fragenden Journalisten wissen. Was man denn im Weißen Haus dazu sage. Und daraus machen könnte.

Wen soll das scheren? Alle Welt wartet sowieso nur noch darauf, daß die Amtszeit dieser mutmaßlich lahmsten aller lahmen Enten endlich zu Ende geht. Eigentlich ist sie schon vorbei, seit fast einem Jahr. Was wir seither erleben, wirkt wie eine quälend lange Nachspielzeit, welche zu einem enorm ausgewalzten Wahlkampf genutzt wird, der freilich allemal interessanter ist als das, was diese Regierung noch von sich gibt, die so vollends gescheitert ist, daß sich in heller Panik ihre eigenen Parteigänger mehr oder minder deutlich von ihr distanzieren.

Wobei George W. und Konsorten nicht nur abgeschrieben, sondern sich auch selbst aufgegeben zu haben scheinen. Sind US-Präsidenten nicht stets, wie andere Machthaber, zumal langjährige, an dem Bild interessiert, welches von ihnen in den Geschichtsbüchern gezeichnet werden wird? Was wird von diesem Herrn bleiben? Vermutlich: “Der hat doch diesen blödsinnigen Krieg begonnen, aus dem die Amis dann nur mit enormen Schäden, insbesondere für ihr Image, herausgekommen sind – und mit einer enormen Staatsverschuldung. Und er hat den, bis dahin eher schleichenden, Niedergang der USA in einer geradezu erschreckenden Weise beschleunigt.” Mehr nicht.

Schockierend

Samstag, 13. Oktober 2007

Das stets erregte Lokalreportertum hat in Berlin mal wieder etwas Neues gefunden, worüber es sich erregen kann: Nein, diesmal soll keine Großmoschee von zirka hundert Quadratmetern Grundfläche gebaut werden, welche den sofortigen Untergang des Abendlandes herbeiführen würde, es geht auch nicht ums Rauchen auf Radwegen, und das allwochenendliche juvenile Alkoholopfer geben uns die Medien sowieso. Am meisten scheint dieser Tage anderer Leute Erregung zu erregen, soll doch an der Potsdamer Ecke Kurfürstenstraße ein Großbordell entstehen. Über einem Sexshop und was nicht sonst noch in dem Gebäude bereits ist. Vor welchem gewisse Damen stehen.

Die Empörung, insbesondere von den üblichen aktiven, engagierten Eltern, ist verständlich: Prostitution an der “Potse”! Das ist ungefähr so, als würde im Vatikan ein Gottesdienst angekündigt. Ein katholischer. Oder als würde man feststellen, daß im Zoo Tiere gehalten werden.

Allerdings gibt es in Berlin ja auch Menschen, welche in die Nähe eines seit über achtzig Jahren existierenden Flughafens ziehen und sich dann über Fluglärm beschweren. Und die ernstgenommen werden. Was natürlich alles verständlich ist, angesichts der drückenden Wohnungsnot, welche auf den Berlinern lastet – die Zahl der leerstehenden Behausungen soll inzwischen tatsächlich unter 100.000 gefallen sein!