Archiv für Juni 2007

Von der Saula zur Paula

Samstag, 30. Juni 2007

Schon seit einigen Jahren ist Deutschland wieder erklärtes Missionsgebiet der Christen. Letztere sind in seiner Hauptstadt mittlerweile gar in der Minderheit, die Mehrheit der Berliner ist ohne offizielles Bekenntnis.

Wie dieser Tage gerade wieder zu beobachten, könnte die klassische Bekehrung ? samt eines zumindest für ihn unangenehmen Endes des Missionars ? der falsche, da viel zu aufwendige Weg sein, die Schäflein auf den rechten Pfad zurückzuführen. Es reicht schon, sie für ein paar Tage ins Gefängnis zu stecken.

Oder funktioniert das bloß bei Amerikanern?

Wer war’n da nochmal gleich die Bösen?

Freitag, 29. Juni 2007

Einer AP-Meldung ist zu entnehmen:

“UNESCO officially renamed the Auschwitz death camp in Poland Thursday to reflect the German Nazi role, (…) Auschwitz now will be known as ‘Auschwitz-Birkenau. German Nazi Concentration and Extermination Camp (1940-1945)’, said Roni Amelan, a spokesman for the committee. Previously the camp was listed on UNESCO world heritage registry as the ‘Auschwitz Concentration Camp’. Poland requested the change to ensure that future generations understand it had no role in the camp established by Adolf Hitler’s forces during their brutal occupation of the country. Polish officials have complained that Auschwitz is sometimes referred to as a ‘Polish concentration camp’, a phrase they fear may be misleading to younger generations who may not associate the camp with Nazi Germany.”

Gut, daß das klargestellt wäre. Allerdings: Nachwuchs, der beim Stichwort ?Auschwitz? nicht an die Nazis und ihre Greuel denkt, könnte womöglich auch mit der Bezeichnung ?German Nazi Concentration and Extermination Camp? nicht das Rechte anzufangen wissen. Die UNESCO sollte sich die Sache also nochmals überlegen: Mit ?Evil German Nasty Nazi Concentration and Extermination Camp (which is a very, very, very bad thing and absolutely unique in history)? sollten die ärgsten Unklarheiten ausgeräumt werden können.

Und noch ein Sieg für Europa

Freitag, 29. Juni 2007

Die EU und die USA haben sich auf eine Regelung zur Weitergabe von Fluggastdaten an die amerikanischen Überwachungsbehörden geeinigt. Dabei versicherten die Amerikaner, sie wollten den Datenschutz gewährleisten.

Aus irgendeinem Grund kommen mir gerade Zuhälter und Mädchenpensionate in den Sinn.

Qualitätsjournalismus

Donnerstag, 28. Juni 2007

Daß die Züge der Berliner S-Bahn von Lokführern gesteuert werden, glaubt man bei der RBB-Abendschau auch noch nach mehreren Wochen der Berichterstattung über den hohen Krankenstand bei den Lenkern dieses Verkehrsmittels. Ja, richtig: Seit Jahrzehnten ist die Berliner S-Bahn bekannt für ihre lokbespannten Züge. Und für die Heizer.

Doch bekanntlich gibt es nichts, was sich nicht noch steigern ließe. Aus der heutigen Sendung war zu erfahren, daß der Fahrplan der Berliner S-Bahn bis auf weiteres drastisch eingeschränkt werde. Zwanzig-Minuten-Takt auf der S1. Zwanzig-Minuten-Takt auf der Wannsee- und der Nordbahn? Das sind ja Verhältnisse wie zu trübsten Reichsbahnzeiten! Wie überfüllt sollen die Züge da werden? Oder hofft die S-Bahn GmbH darauf, daß die bisherigen Fahrgäste sich sogleich in die Flucht schlagen lassen?

Des Rätsels Lösung: Die drei Verstärkerzüge pro Stunde zwischen Zehlendorf und Potsdamer Platz entfallen. Daraus ergibt sich ABENDS auf der Wannseebahn ein Zwanzig-Minuten-Takt. Tagsüber bleibt es beim Zehn-Minuten-Abstand. Nach den mutmaßlichen weiteren Fehlern in der Berichterstattung habe ich nicht gesucht.

Natürlich kann man von qualifizierten Qualitätsjournalisten, welche womöglich häufiger bis regelmäßig über das Thema Verkehr berichten, nicht erwarten, daß sie Fahrpläne lesen können. Oder Pressemitteilungen. Wie sehr es damit hapert, wurde eindrucksvoll vergangenes Jahr bei der Eröffnung des hauptsächlichen Hauptstadt-Hauptbahnhofs demonstriert: Im Eifer des Jubelns und sonstigen Nachplapperns bemerkte kaum jemand, daß es grenzüberschreitende Züge – zumindest in Berlin – kaum mehr gibt (von wegen “durch den neuen Tunnel rauschen die Züge zwischen Schweden und Sizilien”), daß durch die vier Röhren zirka zehn (!) Züge pro Stunde und Richtung fahren und daß die immer wieder ehrfurchtsvoll nachgebetete Zahl von “tausend Zügen pro Tag” auch am vergleichsweise unbedeutenden Bahnhof Gesundbrunnen spielend erreicht wird – die U-Bahn, die es dort, im Gegensatz zum Hauptbahnhof, gibt, nicht mitgerechnet.

Angie rettet Europa (2)

Donnerstag, 28. Juni 2007

Wie den Medien zu entnehmen ist (den unabhängigen, freien), zog Unsere Liebe Frau von den Engeln eine positive Bilanz ihrer EU-Präsidentschaft.

Auf gut deutsch: Sie hat sich selbst gelobt.

Tony Blair wird Nahostbeauftragter

Mittwoch, 27. Juni 2007

Das liegt ja auch nahe, angesichts seiner erfolgreichen Irak-Politik. Aber die Sache hat auch ihr Gutes: Selbst ein Tony Blair kann die Lage im Nahen Osten kaum verschlimmern.

Liebe Sommerfanatiker und Hitzefetischisten!

Mittwoch, 27. Juni 2007

Heute ist Siebenschläfer!

Das heißt: So wie das Wetter heute ist, bleibt es sieben Wochen lang: Regen, Sturm, meist bedeckter Himmel, Temperaturen um die fünfzehn Grad!

Das könnte mein schönster Sommer werden. *diabolisch lach*

Eine Leiche des Landwehrkanals

Dienstag, 26. Juni 2007

Man denkt immer, es könnte kaum mehr schlimmer kommen – und wird doch eines anderen belehrt: Jetzt, in diesem Moment, steht Berlin vor dem völligen, endgültigen Sturz ins totale Elend – wenn nicht mal eben die Ufer des Landwehrkanals kahlgeschlagen werden. Am besten bei Nacht und Nebel. Denn dann merken das vielleicht die aufmüpfigen Bürger nicht, die nicht läppische vierzig bis fünfzig Jahre warten wollen, bis der Kanal wieder ein vergleichbar idyllisches, da grünumranktes Bild bietet wie heute. Wo die Uferbefestigungen morsch sind und deshalb Hunderte Bäume auf arglose Fahrgastschiffe zu purzeln drohen. Welche deshalb nicht mehr fahren dürfen. Was Tausende Arbeitsplätze kosten wird. Jedenfalls nach Ansicht gewisser Lobbyisten: Reedereien gehen pleite, Touristen bleiben weg, sämtliche Berliner Hotels müssen schließen. Kaum ein Wunder wäre, wenn es daraufhin zu Massensuiziden verzweifelter Hauptstädter käme.

Wie überraschend. Steht doch nicht im Lehrbuch des Kapitalisten und seiner willigen Helfer: Wenn Sie mit dem Argument “Sicherheit” noch nicht zum Erfolg gelangen, dann kommen Sie mit den Arbeitsplätzen. Oder umgekehrt.

Die widerborstigen Bürger ahnen übrigens vermutlich noch nicht einmal, daß eine mögliche Baumrettung nur die sprichwörtliche halbe Miete wäre – an einigen wenigen Abschnitten, die in den siebziger und achtziger Jahren erneuert wurden, kann man bereits sehen, wie gruselig neue Ufermauern ausschauen können.

Kommt eine Vogelgrippe geflogen…

Dienstag, 26. Juni 2007

Hurra, mitten ins Sommerloch!

Für unsere Menschen

Montag, 25. Juni 2007

Nachdem der Herr Bundespräsident mal eben hat fallen lassen, daß seine Nachfolger ja auch vom Volk gewählt werden könnten, ist schnelle Schadensbegrenzung angesagt.

Die beiden – nun, aus unerfindlichen Gründen, ja auch nicht mehr so – großen Parteien haben dem Pöbel, äh, Stimmvieh, ach, den Untertanen, ich meine natürlich: den lieben Bürgerinnen und Bürgern schon mal Bescheid gestoßen, daß sie sich diese Flausen aus dem Kopf schlagen könnten. Wo kämen wir da hin? Am Ende noch zu Volksabstimmungen auf Bundesebene. Womöglich welchen, die man nicht so einfach aushebeln oder übergehen kann wie in vielen Kommunen und Ländern.

In der Aktuellen Kamera wurde staatstragend erläutert, daß eine Direktwahl des Bundespräsidenten zu einer Verfassungskrise führen könnte – würde – müßte. Und spätestens so zum Sturz ins Vierte Reich, wie nicht gesagt, aber suggeriert wurde. Wo wir doch alle wissen – ja, was eigentlich? Ob Hindenburg 1925 nicht auch von einer “Reichsversammlung” gewählt worden wäre? Ob das alles nicht passiert wäre, wenn sich Ebert rechtzeitig den Blinddarm hätte rausnehmen lassen? Ob die berühmten Väter des Grundgesetzes wirklich der Meinung waren, man müsse das Wahlvolk auf alle Ewigkeit möglichst machtlos und unmündig halten – auch noch in sechzig, siebzig, hundert, gar tausend Jahren?

Man hätte ja mal nicht nur zurück, sondern auch nach nebenan gucken können: In Österreich wird der Bundespräsident seit fast sechs Jahrzehnten direkt gewählt, natürlich nach einem teils recht heftigen Wahlkampf. Und das, obwohl auch er – wie spätestens Thomas Klestil schmerzlich feststellen mußte – nicht viel mehr zu sagen hat als sein deutscher Titelsvetter. Aber diese kleine Recherche hätte ja an Journalismus gegrenzt. Und die argumentativ schmalbrüstige Propaganda des Herrn Schönenborn zum Kollabieren gebracht.

Fall Marco

Montag, 25. Juni 2007

Wie den Medien zu entnehmen ist, soll das Jungfernhäutchen der dreizehnjährigen Britin, welcher die siebzehnjährige Hunnen-Bestie unaussprechliche Dinge zugefügt haben soll, nicht zerstört, aber gereizt sein.

Oh ja, das hätte ich mir sehr gewünscht mit dreizehn: Daß in aller Welt nicht nur mein Sexualleben, sondern auch die Beschaffenheit meiner Genitalien erörtert wird. Das ist wahrer Jugendschutz!

Der Vorfall sollte aber allen eine Lehre sein: Man kann auch sehr schön Urlaub machen an den deutschen Küsten.

Angie rettet Europa

Sonntag, 24. Juni 2007

Wie ich den Medien (den unabhängigen, freien, objektiven) entnehme, huldigt man jetzt allüberall (außer natürlich in Polen) unserer großartigen Kanzlerin, welche in gewohnt charmanter wie zupackender Weise Europa gerettet hat. Jawohl, famose Beschlüsse wurden gefaßt: Im Laufe des nächsten Jahrzehnts möchte man etwas beschließen, wenn ich es recht verstanden habe, das dann allerdings nicht überall gilt. Hurra, hurra, ein Europa der zwei Geschwindigkeiten ist vermieden worden! Oder, um einen großen deutschen Ex-Kanzlerkandidaten zu zitieren: Gestern standen wir am Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter!

(Hört und sieht man sich das alles an, muß man im übrigen Erich Honecker Abbitte leisten: Was wurde darüber gelacht, als mal eben eine Nummer des ND zu seinem persönlichen Photoalbum gemacht worden war. Aber wenigstens haben die Transmissionsriemen damals nicht behauptet, unabhängigen Journalismus zu betreiben.)

Das ist der Gipfel! (2)

Sonntag, 24. Juni 2007

Was regen sich eigentlich alle darüber auf, daß der falsche Kaczynski-Bruder in Brüssel gewesen wäre? Die beiden können sich doch sowieso gegenseitig doubeln und niemand weiß, ob er es jetzt gerade mit dem Minister- oder mit dem Staatspräsidenten zu tun hat.

Wenn der in Brüssel zugegene Kaczynski mal eben rausgegangen und dann als sein eigener Bruder wieder zu den Verhandlungen zurückgekommen wäre – das wäre natürlich noch lustiger, absurder und hirnsausenverursachender gewesen als diese Telephoniernummer. Also voll und ganz dem Niveau der EU entsprechend.

Goldtene Worte

Samstag, 23. Juni 2007

“Zu Zeiten, in denen das Fernsehen die Paraden zum Christopher Street Day im Fernsehen überträgt, wird sich überdies manch ein homosexueller Heranwachsender auf dem elterlichen Sofa bange fragen, ob er im späteren Leben eigentlich dazu verdammt sein wird, als überspannter Exhibitionist in Unterwäsche, ‘proud to be gay’ schreiend, über Großstadtboulevards zu tanzen und die Videokassetten angereister Provinzler zu füllen. Glücklicherweise kann diese Frage immer noch mit Nein beantwortet werden. Es gibt keine Pflicht zur Teilnahme am schematisierten Paradiesvogeltum. Auch lesbische Frauen müssen keineswegs barbusig Pappmaché-Konstruktionen namens ‘Mösen-Tunnel’ hinter sich herziehen.”

Max Goldt: Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens, Reinbek 2005, S. 146f.

So ein Zufall aber auch!

Samstag, 23. Juni 2007

Gerade droht es unangenehme Diskussionen zu geben, weil mal eben die Luftwaffe zur Überwachung unbotsamer Untertanen eingesetzt wurde, gerade kommt der Bundesinnenminister, von Amts wegen Hüter unserer Verfassung, mal wieder mit ganz duften Ideen an, wie man ebendiese Verfassung etwas aushöh-, äh, ausbauen könnte.

Und da schallt – aus seinem Hause – auch schon die neueste Terrorwarnung durch die Medien.

Die kann zwar selbst ein Günther Beckstein nicht so recht nachvollziehen. Aber trösten Sie sich, Herr Schäuble: Man soll die Hoffnung nie aufgeben! Vielleicht haben Sie ja Glück und es knallt demnächst doch mal irgendwo in Deutschland.