Archiv für November 2006

O weh, o ach!

Mittwoch, 29. November 2006

Ein Glück, daß es den Nutzwertjournalismus gibt. Da kann ich jetzt ALLES über die Rente mit 67 erfahren! Sie läßt mich auch kaum mehr schlafen, die Frage, ob ich nun mit 65 oder erst zwei Jahre später zirka 361,27 Euro Rente bekomme (mutmaßliche weitere Kürzungen bis zum Jahr 2030 schon mitberücksichtigt).

Betriebsunfall

Mittwoch, 29. November 2006

Bahnchef Mehdorn schäumt. Da wagt es so ein Gericht doch allen Ernstes, irgend so eine Bahnbude zu einem Kunstwerk zu erklären. So waren sie doch nicht gemeint gewesen, die jubelnden Pressemitteilungen über den neuen Hauptstadthauptbahnhof, die von den ergebenen Transmissionsriemen nachgeplappert wurden. Im Rinderbesamungsbetrieb wunderte sich gestern eine (sehr) blonde Moderatorenimitatorin bereits: ?Kritik am neuen Berliner Hauptbahnhof hört man fast gar nicht.? Genau, denn selbst einstmals ernstzunehmende hauptstädtische Morgenzeitungen haben an diesem Fall mit exemplarischem Wohlfühljournalismus vorexerziert, wie sehr sie heruntergekommen sind. Und dann kommt da irgendwer ? wer? Ach so, der Architekt. Na ja. Was kann der schon über Architektur wissen. Und über Ästhetik. Das hat man außerdem öfter mal, daß ein Stararchitekt einen seiner langjährigen besten Kunden verklagt. Und nun? Die Bahn hat schon mal ausrechnen lassen, was passieren würde, sollte sie die richtige Decke im Keller wirklich einbauen müssen. Drei Jahre Bauzeit, vierzig Millionen Kosten. Letztlich für den Steuerzahler. Unglaubliche Behinderungen im Bahnverkehr. Und das, wo die Bahn doch für ihre Pünktlichkeit, ihre Verläßlichkeit, ihren Service berühmt ist. Und stets so preiswert. Ich würde gleich noch ein Gutachten in Auftrag geben (die paar zehntausend Euro müssen schon drin sein). Da kommt dann vielleicht, völlig überraschend, heraus, daß die Bauzeit für die richtige Decke zehn Jahre betragen würde. Hundert Millionen Kosten. Oder hundert Jahre mit zehn Milliarden Kosten. Berlin würde auf unabsehbare Zeit vom gesamten Eisenbahnverkehr abgeschnitten. Und das, wo es doch ? der unabhängigen Premiumpresse zufolge ? das (DAS!) europäische Drehkreuz ist, mit ?zig Zügen täglich zwischen dem Nordkap und Sizilien, zwischen Lissabon und Wladiwostok. Längere Strecken legt man heutzutage ja bevorzugt mit der Bahn zurück. Durch so umfangreiche Bauarbeiten würde Berlin verelenden, müßte eventuell sogar abgerissen werden. Wenigstens geflutet. Und alles nur, wenn die nächste Gerichtsinstanz nicht spurt. Wahlweise könnte man vielleicht den Architekten eliminieren. Wer so viel Not über Volk und Staat bringen will, hat es nicht anders verdient!

Da freut sich die NPD (2)

Mittwoch, 29. November 2006

Erst der Mario-M.-Zirkus (eigentlich irrelevant, da keine Fluchtgefahr bestand, aber verheerend für das öffentliche Ansehen der Justiz), dann ist Fußballwettbetrug offenbar kein Betrug im juristischen Sinne, und schließlich kann man sich als Wirtschaftskapitän ? wie es die bösesten Klischees wollen ? mit einer Zahlung aus der Portokasse freikaufen. Ich meine natürlich: Das Verfahren einstellen und sich für nicht vorbestraft erklären lassen.

Hoffentlich kommt jetzt niemand auf die Idee, eine Umfrage zu starten: ?Was halten Sie von der Einrichtung von Sondergerichten, die gemäß dem ?gesunden Volksempfinden? urteilen??

Da freut sich die NPD

Mittwoch, 29. November 2006

Das wichtigste Thema, welchem sich die ? nicht gleichermaßen, da in unterschiedlichen Graden verzweifelten ? Oppositionsparteien CDU, FDP und Grüne in Berlin derzeit mit Inbrunst widmen, ist der Versuch, den Parlamentspräsidenten Momper aus dem Amt zu kegeln. Derweil reibt sich der gerade knapp wiedergewählte Regierende Bürgermeister mit einer einwöchigen (!) Dienstreise nach Namibia (!) auf. Man weiß gar nicht, woher die Politikverdrossenheit kommt.

Alle lieben Angie

Dienstag, 28. November 2006

Ah, da sag noch einer, früher wäre alles besser gewesen! Die Aktuelle Kamera z.B. ist doch viel schöner geworden! Heute nennt sie sich “Tagesthemen” oder “Heute”, tut so, als wäre sie Journalismus und verpackt damit ihre Agitation und Propaganda viel wirkungsvoller.

Jetzt, im Advent, hat man sich mal wieder auf den nationalen Advent besonnen, welchen man im vergangenen Jahr veranstaltete: Unsere Liebe Frau von den Engeln, die uns erretten wird aus tiefster Not, mit zarter, doch gestrenger Hand – oder umgekehrt? Jedenfalls intelligent, und erst ihre Diskurskultur!

Dann gab es in der Regierung ein paar kleine Kabbeleien, welche das zunehmend gelangweilte Publikum weiter vergrätzten, doch jetzt, rechtzeitig zum Reichs-, äh Bundesparteitag, wird alles wieder gut! Fast hundert Prozent haben zugestimmt! Und in den Staub mit allen Reformgegnern! Nichts begeistert die Deutschen, ein zutiefst dem Wirtschaftsliberalismus, der Eigeninitiative und dem Motto “Wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht” verpflichtetes Volk mehr, als so ein knallhartes Reformprogramm, wie es sich manch Journalist schon sein langem zusammenphantasiert. Wobei “Reform” bekanntlich heißt: Irgendwas wird wieder einmal schlechter. Außer natürlich für die Leute, die sowieso schon mehr Geld als genug haben. Ohne solche Stänkerer wie Jürgen Rüttgers, ganz auf dem Kurs enorm charismatischer Lichtgestalten wie Oettinger, Wulff oder Westerwelle vom verhinderten Koalitionspartner, wird die CDU zu neuen Gipfeln des Erfolgs stürmen! Schließlich ist das brillante Wahlergebnis von 2005, dieser Erdrutschsieg, von dem niemand zu träumen gewagt hatte, ja vor allem dadurch erzielt worden, daß die Deutschen in unserer geliebten Angie ihre letzte Hoffnung sahen und um knallharte Reformen bettelten. Ohne jeden sozialen Firlefanz, für den man hierzulande traditionell wenig Sinn hat.

Nur weiter so, dann werden es beim nächsten Mal vielleicht sogar 33 Prozent. Was verglichen mit manchen Umfragen ja wieder ein berauschender Erfolg wäre.

In Nordkorea wär das nicht passiert

Montag, 27. November 2006

Erstmal verbieten wir jetzt diese Gewaltcomputerspiele. Denn dann wird?s die nicht mehr geben. Dann verbieten wir die Waffenbestellung per Internet. Denn niemals würde der Kram einfach aus dem Ausland verschickt. Dann verbieten wir Tarnkleidung und Springerstiefel (außer natürlich, der junge Herr möchte entweder nach Afghanistan oder in die Motzstraße). Dann sperren wir, wie von den Boulevardmedien gefordert, alle Schüler ein, die irgendwelche Namenslisten führen. Oder führen könnten. Zur Not muß man eben die gesetzliche Grundlage dafür schaffen. Durch eine Notverordnung. Nein, wie heißt das jetzt? Ach ja: Terrorgesetz. Wie man entsprechende Unterbringungsmöglichkeiten gestaltet, brauchen wir in Deutschland uns mal nicht von den Amerikanern sagen zu lassen ? im Gegenteil haben die sich das ja von uns abgeguckt. Am besten verbietet man gleich das gesamte Internet. Und sorgt für ein bißchen mehr Überwachung. ?Zu Ihrer eigenen Sicherheit?, wie uns der Große Bruder jetzt immer erklärt (immerhin siezt er uns noch). Denn das muß man doch mal sagen: Sowas wie in Emsdetten, das wäre in Nordkorea unmöglich gewesen. Da gibt’s kein Internet. Und da hat, wie es bei den Kommunisten üblich ist, noch immer der Staat das Terrormonopol.

Man muß doch mal an die Kinder denken

Samstag, 25. November 2006

Gutes gibt es aus Österreich zu berichten: In unserer fidelen Ferienkolonie, die sich seit dem Frühjahr 1945 für eine Nation hält, soll demnächst das Rauchen im Auto verboten werden, wenn sich in selbigem Kinder befinden. Bravo, bravo, bravo! So etwas fördert nicht nur die Wirtschaft, die nun womöglich Wagen auf den Markt bringen wird mit außenliegenden Sitzen (wir erinnern uns an diese lustigen Notsitze, die man immer in den Comics mit Micky und Donald sah) oder kindgerechten Gepäckträgern. Es rettet auch die Gesundheit. Sicher wird man auch nicht auf halbem Wege stehenbleiben. Nein, man kann es nicht, möchte man sich nicht an den Schwächsten versündigen. So kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis man auch die Benutzung von Autobahnen oder anderen Hauptverkehrsstraßen verbietet, wenn sich Kinder im Wagen befinden und dieser nicht hermetisch gegen die Außenluft verschlossen bzw. mit einem perfekten Filter ausgestattet ist. Denn was ist schon Tabakqualm gegen die Gefahren, die von den endlosen Abgasschwaden tausender Autos ausgehen? Wenn man nur mal an den Feinstaub denkt! Sicher untersagt man dann bald auch, daß Kinder an zu stark befahrenen Straßen wohnen. Oder an ihnen entlanglaufen. Sicher ist sicher.

Übrigens ist acht Wochen nach der Nationalratswahl immer noch nicht abzusehen, wann Österreich eine stabile Regierung bekommt. Aber man muß eben Prioritäten setzen.

Prämienjournalismus

Samstag, 25. November 2006

Am heutigen Samstag war ich gegen 17.30 Uhr am Mariendorfer Damm, einer doch nicht ganz kleinen Einkaufsstraße. Die meisten Läden waren bereits geschlossen. Passanten gab es kaum. Nur viel Durchgangsverkehr. Und das, wo doch das Vorweihnachtsgeschäft längst offiziell eröffnet ist (wie die Weihnachtsmärkte, schließlich ist morgen schon Totensonntag). Den Blablamedien ? nein, das ist eine Tautologie, also: den Medien zufolge drückt die Deutschen keine größere Sorge, als möglichst oft möglichst viel einkaufen zu können. Weshalb zur Behebung der ärgsten Not von Volk und Staat der Ladenschluß eliminiert werden muß(te). Ganz im Geiste Leipzigs, wo man eben nicht nur schriftstellern oder deutsch malen lernen konnte und kann, weiß ich: Wenn die Wirklichkeit und ihre Wiedergabe nicht übereinstimmen, dann ist das die Schuld der ersteren. Und natürlich würden so Medien niemals etwas verbreiten, was lediglich den Zwangsneurosen von Redakteuren oder den Anweisungen der Anzeigenabteilung entsprungen ist. Nein. Am Mariendorfer Damm, heute um 17.30 Uhr, da tanzten selige Menschen durch die von ihrem Glück erstrahlenden Straßen und warfen mit dem Geld nur so um sich. Und jede Viertelstunde wurde eine neue Stelle im Einzelhandel geschaffen. Ja, genau, so war es.

Grund zur Beunruhigung

Montag, 20. November 2006

Böse Terroristen haben einen Anschlag geplant. In Deutschland. Ebenso pflicht- wie gewohnheitsgemäß gackern die Medien herum. Eine Bombe, eine Bombe! Die sollte an Bord eines Flugzeugs geschmuggelt werden. Seit längerem wurde an diesem Plan gearbeitet. Aber unsere Sicherheitsbehörden ? Fanfare! ? konnten es eben noch verhindern.

Haben wir nicht gerade neulich im Fernsehen ? mal wieder ? gesehen, wie einfach es ist, alles mögliche an Bord eines Flugzeuges zu schmuggeln? Oder mit dem Kram aus dem Duty-Free-Shop Bomben und Waffen zu basteln?

Bloß gut, daß die Terroristen offenbar nicht fernsehen. Und daß sie nicht halb so intelligent sind wie die Journalisten. Weshalb sie sich größtenteils auch wieder auf freien Fuß befinden. Die Terroristen. Obwohl man sich dann natürlich fragen könnte, wozu die ganze Aufregung…

Jedenfalls: Die Bedrohung ist ungeheuer. Und nicht bloß abstrakt. Bitte beachten Sie unsere Sondersendungen. Die üblichen Experten litten schon unter Kameraentzug.

Wenn bloß dieser Typ aus Emsdetten nicht gewesen wäre. Der hat die ganze PR-Aktion verdorben.

Sieg!

Freitag, 17. November 2006

Würde ich mich der Volksaufklärung und Propaganda noch stärker aussetzen als durch den Gebrauch elektronischer Medien, also beispielsweise immer noch Zeitungen lesen, könnte ich diesen sicher eine neueste Siegesmeldung entnehmen, über eine Maßnahme, welche umgehend auch bei uns nachgeäfft werden MUSS: In Wien sehen sich die Verkehrsbetriebe durch die Anti-Tabak-Kreuzzügler dazu gezwungen, die Aschenbecher abzumontieren, welche bisher an den Bahnhofseingängen angebracht waren. Ja-ha, so soll nämlich der Teufel Tabak ausgetrieben werden!
Was passiert? Die Kippen fliegen jetzt auf den Boden.
Wer hat damit rechnen können?

Vergegenwärtigen Sie sich bitte die Begriffe: “Politiker” – “Gesundheitsexperten” – “blindwütige Fanatiker” – “Nichtraucherschützer” – “Hexenjäger” – “Intelligenz” – “Weltverbesserer” – “Journalisten” und versuchen Sie herauszubekommen, welcher Begriff nicht zu den anderen paßt.

Ich will nicht werden, was mein Alter ist

Donnerstag, 16. November 2006

In ?Zapp? einige alte Leute, die vor der Kamera herumjammerten: Das wäre ja so dolle gemein, daß diese eine Elektromarktkette jetzt Reklame mache mit ein paar Noten aus einem späten und entsprechend kommerziellen Liedchen von Rio Reiser. Eine einzige Sauerei!
?Früher, ja früher!? kann man da nur mit einstimmen. Früher hatten die Linken wenigstens noch halbwegs Ahnung von den Mechanismen des Kapitalismus (wenn schon sonst von kaum etwas). Allerdings war ihnen auch da bereits verborgen geblieben, daß eine wesentliche Stärke dieses Systems in seiner Skrupellosigkeit ? freundlicher ausgedrückt: Freiheit von ideologischem Ballast, mit Ausnahme der Profitmaximierung, natürlich ? liegt. Weshalb es sich viel perfekter an immer neue Rahmenbedingungen anpassen kann als die unflexible und deshalb folgerichtig untergegangene marxistische Mißwirtschaft. Dazu gehört auch, daß man seine Gegner unschädlich macht, indem man sie vereinnahmt. Und wenn man auch sie nur als Ware betrachtet, bleibt als einziges Kriterium ihr Marktwert. (Den brave Kommunisten teils in abstruse Höhen treiben, indem sie drittklassige Barden, die weder dichten, noch singen, noch Gitarre spielen können, verfolgen und ausweisen und so zu wichtigen Figuren der Zeitgeschichte machen, statt sie in irgendwelchen Jugendfreizeitheimen oder ähnlichem vor sich hinklampfen zu lassen.)
Doch, es gibt Hoffnung: Wenigstens einer der in die Jahre gekommenen Weggefährten sprach dann auch davon, wie clever dieses System ist. Von den Erben oder sonstigen Verwandten Reisers war übrigens keiner dabei. Und die anderen sollten sich schon mal auf eine lustige Werbekampagne vorbereiten, in der irgendein Großkonzern verkündet: ?Macht kaputt, was euch kaputt macht.? (Spätestens seit der Postmoderne muß man ja mit allem rechnen. Aber für manche Leute waren zwanzig Jahre natürlich nicht genug, um sich daran zu gewöhnen.)

P.S.: Bekam heute Reklame von der Bank eines großen Waren- und Versandhauskonzerns. Slogan: “Geld macht glücklich.” Genau! Punkt. Ende. Keine Diskussion, keine Ausreden, nicht mal allzu viel Ironie. Geld MACHT glücklich. Und Geiz IST geil.

So geht das nicht

Samstag, 11. November 2006

Da grabschen der Einzelhandel und die Medien verzweifelt nach jedem “Event”, das sich auch nur irgendwie an den Haaren herbeiziehen und in bewährter Weise aufbauschen läßt (spätestens nach drei Jahren kann man es dann schon zur “schönen Tradition” erklären), und dann sowas: Heute gleichzeitig Tä-tä tä-tä (womit inzwischen sogar der NDR sein Programm füllt, auf in jeder Hinsicht billige Weise – ja, auch in Norddeutschland möchte man mittlerweile luschtisch luschtisch sein und nicht konjunkturfeindlich reserviert oder gar griesgrämig) UND St. Martin. Soviel Gegenreformation auf einem Haufen, da weiß man ja gar nicht, was man zuerst konsumieren soll: Die Pfannkuchen oder die Gans? Oder gleich ins Krankenhaus? Vielleicht ist ja auch Tag des Schutzheiligen des Magenauspumpens. Und was macht man eigentlich in Ju-Äss-Ey? Oder gibt’s irgendeinen neuen Schwachsinn aus Fernost, den man als allerneuesten, superhippen Trend verkaufen kann? Man kommt mit dem vorschriftsgemäßen Verbrauchen ganz durcheinander. In jedem Fall: Hör mal, Kirche, so geht das nicht! Den Martin kannste doch auch auf den 4. verschieben. Oder auf den 11. Oktober. Ja, genau, dann würden die Laternenumzüge wenigstens nicht überstrahlt von der Weihnachtsbeleuchtung, die ja jetzt schon Anfang November blinkt. Jedenfalls vorerst nicht.

Neues vom Hühnerhof

Mittwoch, 8. November 2006

Volker Hassemer. Anke Martiny. Ulrich Roloff-Momin. Peter Radunski. Christoph Stölzl. Thomas Flierl.
Abgesehen von Hassemer (und das war anno 1985) hat noch kein Berliner Kultursenator der letzten dreiundzwanzig (!) Jahre eine Wahl überlebt. Immer nutzte man die gute Gelegenheit, den Amtsinhaber zu entsorgen ? teils auch mit dem ganzen Senat. In jedem Falle wurde auf weitere Dienste keinen Wert gelegt. Könnte das eventuell an der Amtsführung und den sonstigen Qualitäten der Herrschaften liegen? Insofern erschüttert mich die faktische Auflösung des Kulturressorts und seine Degradierung zu einer Abteilung der Berliner Senatskanzlei nur sehr, sehr mäßig. Nach jemandem wie Flierl ? der längst nur noch im Amt gehalten worden war, weil er der letzte Ossi im bisherigen Senat war ? kann es sowieso nur besser werden.
Über derlei könnte man ja mal nachdenken, statt jetzt groß zu jammern, zu protestieren und Bedenken anzumelden, einerseits, andererseits, Finger in die offene Wunde. Dazu fehlt vielen (Lokal-) Journalisten aber eine wichtige Voraussetzung: Ein Gedächtnis (oder wenigstens historisches Wissen), das weiter zurückreicht als zwei, drei Jahre.

Dammbruch

Freitag, 3. November 2006

Letztes Jahr hielt man sich noch vornehm zurück, wenn?s auch bestimmt längst schwer fiel. Sehr schwer. Dies Jahr hat man alle Scham fahren lassen: Es ist November, also brennt die Weihnachtsdekoration in der Steglitzer Schloßstraße, Berlins zweitgrößter Einkaufsmeile. Volkstrauertag? Bußtag? Totensonntag? Der Zusammenhang zwischen Abschied vom Alten, Innehalten und dem Warten aufs Neue? Was heißt überhaupt ?Advent?? Ach ja: Einkaufen, pardon: SHOPPING! Acht Adventssonntage! Wenn die Kirchen sich so zickig haben und nicht einsehen wollen, was der Handel braucht und das Volk will, dann muß es eben ohne sie gehen. Wir können uns nicht von den Christen, die in Berlin längst nur noch eine Minderheit stellen, terrorisieren lassen. Zumal in diesem Jahr, wo der vierte Advent auch noch fatalerweise auf den 24. fällt, was auch bedeutet: Schon am 23. endete das Vorweihnachtsgeschäft.

Ein Glück, daß SPD, PDS, CDU und FDP jetzt schnell noch ein Gesetz durchs Parlament peitschen, welches uns ungestörtes Konsumieren an allen Adventssonntagen beschert. Und im nächsten Jahr dann hoffentlich auch am 25. und 26. Dezember: Raus aus der Kirche, rein ins Einkaufszentrum, geöffnet ab Mitternacht! Denn bekanntlich kann sich der Deutsche mittlerweile keine schönere Form des Feierns vorstellen, als das Geld, das er dem allgemeinen Gejammere zufolge gar nicht hat, auszugeben. Süßer die Kassen nie klingeln.

Rettet die Lungen!

Mittwoch, 1. November 2006

Wenn sich wirklich, wie von den Anti-Tabak-Kreuzzüglern gebetsmühlenartig behauptet, so unglaublich viele Menschen so unglaublich belästigt fühlten von einer winzig kleinen Handvoll Raucher, dann müßten doch längst die meisten Wirte zu entsprechenden Maßnahmen gegriffen haben. Dann müßte es doch längst riesige Nichtraucherbereiche geben, wenn nicht gar massenhaft Nichtraucherlokale. So etwas regelt im Kapitalismus bekanntlich der Markt.
Aber jene, die glauben, das alles ginge sie nichts an, weil sie nicht dem Nikotingenuß frönen, sollen sich nicht irren: Wenn die Kreuzzügler, denen es in Wahrheit ja nicht um Nichtraucherschutz geht, sondern um Umerziehung und Menschheitsbeglückung, mit dem Tabak fertig sind, kommt der Alkohol ran. Auf EU-Ebene kündigt sich das ja schon an.
In zwanzig Jahren werden dann die wenigen Lokale, die übriggeblieben sind, Milchbars sein. Natürlich zucker-, fett- und koffeinfreie, die spätestens um 22 Uhr schließen (wenn auch die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet wird).