Archiv für Oktober 2006

Politiksimulation

Dienstag, 31. Oktober 2006

Bravo, bravo, Rot-Rot! Es plärrt zwar noch der rechte SPD-Flügel dazwischen, mit einer gescheiterten Finanzsenatorin, von der man sich fragt, wann sie endlich begreift, daß sie in der falschen Partei ist (oder sollte es sich um eine schlecht getarnte FDP-Agentin handeln, die die SPD zur nächsten Wahl auf das Prozenteniveau der PDS bringen soll?), aber sonst geht alles seinen sozialistischen Gang: Die Linken konzentrieren sich auf das, was sie seit je her am besten können: Steuern erhöhen, Verbote erlassen und die doofen Untertanen bevormunden.

Sicher steigt die Attraktivität Berlins unglaublich, wenn hier überall das Rauchen verboten wird. Und demnächst bestimmt auch das Trinken! (Der Wohlfahrtsausschuß, ich meine: das Politbüro, ach – die EU-Kommissare arbeiten ja bereits an dem nächsten Kreuzzug gegen schlimme Substanzen.) Hm, dann trinkt man eben auf der Straße, wo man rauchen darf. Was? Das ist längst verboten? Na, damit diese Regel endlich durchgesetzt wird (man denke nur an die Gefahren des Passivtrinkens!), gibt es sicher bald mehr Polizisten. Wie? Die dürften eher weniger werden, wegen das Sparzwangs? Und wer schützt dann die armen Nichtraucher (seit mindestens hundert Jahren ist ja noch jede Repression damit begründet worden, daß sie einem üblen Mißstand endlich abhilft, Menschen rettet, wenn nicht gleich das Glück der gesamten Menschheit bringt)?

P.S.: Gilt das Rauchverbot eigentlich auch für andere Substanzen als Tabak? Wißt Ihr, liebe Politiker-Imitatoren, inzwischen ist es nämlich so, daß… Ach, nein, man sollte die Herrschaften von SPDCDUFDPPDSGrüne nicht mit irgendwelchen Nachrichten aus der Wirklichkeit verstören.

P.P.S.: Und wie lustig das dann wird! Weitergequalmt wird natürlich trotzdem werden. Sonst hätten die Kneipen schon längst zumachen müssen, angesichts der vielen Nichtraucher, die sie boykottiert hätten, und der nur verschwindend wenigen Raucher. Aber wenn irgendjemand dem Wirt was ans Zeug flicken will (und er mit dem Antidiskriminierungsgesetz nicht zum Ziel gekommen ist), kann er ihn nun beim Rauchblockwart denunzieren. Jaja… Sozialismus bleibt Sozialismus.

Wissen, wem man dient

Dienstag, 31. Oktober 2006

Ich bin ja so dankbar, daß jetzt die Morgenmagazine von ARD und ZDF in 16:9 ausgestrahlt werden. Was würde es mehr verdienen, was dringlicher danach rufen, in diesen breiten Bildern gesendet zu werden als eine Nachrichtensendung? Höchstens noch eine Talkshow. Toll, wie verzerrt vieles aussieht! Der Frühaufsteher glaubt da, noch nicht ganz wach zu sein. Wie überzeugend einem vorgeführt wird, daß das Tagesschau-Design nicht zu der Breite paßt! Und wie viele Filme oben und unten abgeschnitten werden!
Auch sehr zukunftsträchtig die Sache, wenn man an die Verbreitung von Fernsehen via Funktelephon oder Internet denkt. Bravo, bravo! Es ist doch wunderbar, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender vorneweg schreiten, wenn es darum geht, die Wirtschaft anzukurbeln, indem man zum Kauf völlig nutzloser neuer Geräte zwingt.

(So können Sie das nicht sagen. Doch, sehn Se doch! Wenn ich weichgespülten Wohlfühljournalismus wollte oder staatstragendes Geschwätz, würde ich Zeitung lesen.)

Die Zeit bleibt stehen

Montag, 30. Oktober 2006

Gerate heute nacht im Bayerischen Fernsehen in die Aufzeichnung eines Punkkonzertes vom November 1982. Das ist auch so verstörend am Altern, heutzutage: Früher konnte man vergangene Zeiten daran erkennen, daß die Bilder allein von der technischen Qualität her deutlich älter aussahen. Oder wenigstens waren die Leute, die darauf zu sehen waren, völlig anders gestylt als in der Gegenwart. Aber durch das weitgehende Ende wirklicher Mode, durch den postmodernen Pluralismus und die nicht enden wollende Nostalgie (inzwischen schicker “Retro” betitelt) würde man nicht ernsthaft aus dem Bild fallen, liefe man heute – immer noch oder schon wieder – so herum wie diese Punks. Und die technische Qualität der Bilder ist auch nicht auffallend anders. Das ist eben das Verstörende: Diese Aufnahmen sind 24 Jahre alt (und die darauf zu sehenden Herrschaften jetzt alle in ihren Vierzigern oder sogar Fünfzigern), aber sie sehen aus, als wären sie von heute.

Man vermag ja auch kaum noch einen wirklichen Dekadenstil auszumachen. Schon bei den Neunzigern war das schwierig, nachdem man in den Achtzigern begonnen hatte, sich völlig hemmungslos (will meinen: ohne die Hemmungen der Siebziger) aus dem Mülleimer der Geschichte zu bedienen. Aber das jetzige Jahrzehnt hat nicht mal mehr einen Namen ? ?Nullerjahre? konnte sich zumindest bis jetzt nicht durchsetzen. Obwohl das in mancher Hinsicht, und gerade was den Nachwuchs angeht… nun ja.

Apropos: Wie muß das sein, wenn man heute zwanzig oder 25 ist und das Zeug aus dem eigenen Geburtsjahr ist irgendwie immer noch aktuell und verwendbar? Und wie wird das erstmal sein, sollten in weiteren 25 Jahren immer noch irgendwelche jungen Punks herumlaufen, Jahrgang 2010, die dann genauso gestylt sind wie die Opas, die sie pflegen sollen?

Früher, ja früher!

Montag, 30. Oktober 2006

Da hieß das einfach: “Schatz, ich bring dich ganz groß raus!” Und: “Du willst es doch auch!” Oder: “Hab dich nicht so!”

Heute hingegen ist alles so kompliziert geworden. Da hat man dauernd zu befürchten, daß man für die simpelsten Dinge den schwersten Ärger bekommt. So muß man das Geld anderer Leute verpulvern und die verblüfften Fernsehzuschauer mit Berichten traktieren wie jenem, der gestern für “Titel Thesen Temperamente” angekündigt wurde: “Nina Hoss zwischen Klassik und Kino: Der einzig wahrhafte Star auf der deutschen Bühne”

Das EU-Volkskommissariat für Volksgesundheit warnt nicht: TV-Kultursendungen können Ihrem Geschmack und Ihrer Intelligenz schweren Schaden zufügen!

Begegnung der üblichen Art

Freitag, 27. Oktober 2006

Im Mitteldoofen Rundfunk gerade ein mopsiger Herr, der sich damit den ersehnten Platz vor einer Kamera verschafft hat, daß er sich als ?Anwalt für außerirdische Fälle? anpreist. Ich weiß nicht, ob er dafür eine Zulassung von der Obersten Raumbehörde oder gar von der Weltregierung besitzt. Aber die Dame, welche er mitgebracht hat, und die von ihren fortgesetzten Entführungen nicht durch kleine, grüne, sondern durch dünne, graue Männchen berichtete, hat selbst eine bemerkenswerte, genauer: archetypische Physiognomie ? flache Brust, spitzes Gesicht, markante (ah ? ich liebe diese Umschreibungen) Nase, langes, zum Zopf geflochtenes Haar, Brille. Nein, nein, nein, ich will nicht die Wörter ?Bibliothekarin? , “Eurythmielehrerin” oder ?Sozialpädagogikstudentin? hören. Ich möchte nur einmal die Frage aufwerfen, warum jene Wesen aus einer anderen Welt so ein auffälliges Desinteresse, wenn nicht gar eine schwere Abneigung gegenüber großbusigen Blondinen zu haben scheinen. Oder anderen Frauentypen, die sich bei den männlichen Erdlingen großer Nachfrage erfreuen.

P.S.: Kann man sich eigentlich irgendwo registrieren lassen, wenn man Interesse an Sex mit Außerirdischen hat? Gibt es da eine Warteliste?

Wunst

Mittwoch, 25. Oktober 2006

Nicht verpassen: Am morgigen Donnerstag auf West 3 ein weiterer Beleg dafür, daß sich Die Deutsche Filmkunst mit Dem Deutschen Kunstfilm ? Dinge, um die uns die ganze Welt, welche noch einmal an unserem Filmwesen genesen wird, beneidet ? auf einzigartige und vorbildliche Art in Permanenz der Realität widmet. Der knallharten, erschröcklichen. Also dem, was die meisten Menschen am allerliebsten im Kino sehen. Denn nach einem arbeitsreichen oder sonstwie frustrierenden Tag möchte der gemeine Zuschauer (also der Nichtkritiker und Nichtdozent) ja seit eh und je nichts lieber, als sein Geld dafür ausgeben, um im Kino noch einmal das zu sehen, was er schon die ganze Zeit über gehabt hat. Und zwar umsonst.

Am Donnerstag also auf West 3, natürlich nach 23 Uhr, der üblichen Sendezeit für deutsche Kinofilme selbst bei ARD und ZDF, die TV-Premiere von ?Halbe Miete?. Einem Film, der uns ? seinem Titel zum Trotz ? zeigt, daß man eigentlich gar keine Miete zu zahlen braucht. Wenigstens nicht in Köln. Denn dort lassen viele Leute ihre Wohnungstür offenstehen, zumindest unverschlossen. Und wenn sie mitbekommen, daß jemand in ihrem Bettchen geschlafen oder von ihrem Tellerchen gegessen hat, dann freuen sie sich und beginnen mit diesem Unbekannten zu kommunizieren. Was natürlich nicht in irgendeiner verfremdeten Form gezeigt wird, sondern im üblichen Stil des uninspirierten Sozialarbeiterkinos, wie es in Deutschland (West wie Ost) seit vierzig Jahren die Zuschauer aus den Filmtheatern getrieben hat. Bis auf die Kritiker natürlich. Und die Lehrer an den immer zahlreicheren Filmhochschulen. Und all die anderen, die die Preise und Prämien vergeben. Aber diese Herrschaften werden ja auch dafür bezahlt, daß sie sich sowas anschauen.

P.S.: Ich sehe gerade, daß ich seinerzeit doch auch lobende Worte gefunden habe (um mich mal wieder selbst zu zitieren): ?Vor allem aber ist an diesem (Video-) Film die Leistung der Szenenbildnerin bemerkenswert, die sehr sorgfältig ein verranztes Seventies-Ambiente geschaffen und dazu auch massenhaft waffenscheinpflichtige Tapeten aufgetrieben hat. Ansonsten taugt der Streifen bestenfalls als kleines, arg konstruiertes Kompendium deutschen Kunstkinoquarks.?

Der Deutsche Fernsehpreis

Mittwoch, 25. Oktober 2006

Das ist es nun also, was das Fernsehen, wenn es sich selbst auszeichnet, an sich selbst am besten findet und darüber auch noch stolz in Sendungen wie Der Deutschen Tagesschau berichtet: ?Dresden?.

Ein Zweiteiler, der uns Zeitgeschichte so präsentiert, wie sie sich der kleine Moritz vorstellt. Also der Drehbuchautor, der Regisseur und die Verantwortlichen im Zentrum der Finsternis. Wäre es um ein anderes Verbrechen aus jener Zeit gegangen, hätte es statt Preise Vorwürfe der unverantwortlichen Verharmlosung gehagelt. Denn wenn man das Filmchen sieht, fragt man sich: Wie konnten denn so viele Menschen in Dresden zu Tode kommen, wenn es sich doch so munter durch den Feuersturm spazieren ließ? Wenn man in einem Keller der Dresdner Altstadt nur mal einnicken mußte, bis es vorbei war ? und zwar nicht etwa das Leben, denn offenkundig hatte sich das Mäuschen, das das zusammengeschrieben hat, nicht mal ansatzweise darüber informiert, wie so ein alliierter Großangriff aussah und was er bewirkte. Hitze? Rauchgase? Kohlenmonoxid? Muß man doch nicht so genau nehmen! Man braucht nur, wenn man sich ans angeblich rettende Elbufer begeben möchte, jenen Wegweiser ?Zum Elbufer? zu suchen, der in der lustigsten Szene dieses Schmarrns gerade groß im Hintergrund herumstand, als die Protagonisten seiner bedurften. Ach, wenn es doch damals bloß mehr solcher Schilder gegeben hätte! (Obwohl natürlich auch recht spaßig war, wie der Held nach überstandenem Angriff erstmal auf die Frauenkirche klettert, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Genau: Was tu ich, wenn ich gerade einen Feuersturm überlebt habe? Ich steige inmitten des noch rauchenden Ruinenmeeres auf die höchste aller Ruinen.)

Immerhin war die Katastrophe gut beleuchtet, damals in Dresden, anders als siebzehn Jahre später in Hamburg, wo das Fernsehen ja ordentlich nachhelfen mußte ? selber schuld, die doofe Sturmflut, wenn sie mitten in der Nacht kam. Und die Lichter ausgingen. Wie soll man das denn zeigen? Da erlaubt sich Der Deutsche Anspruchsfilm künstlerische Freiheit. Wenn man einen verblichenen Teeniestar engagiert, der als Darsteller dilettieren soll, dann braucht der sich schließlich auch nicht die langen Haaren abzuschneiden oder wenigstens unter eine Perücke zu quetschen, denn 1962 rannten ja viele so rum. Ja.

Wie faßt man Dummheit, Schmierentheater, einen äußerst begrenzten geistigen Horizont, höchst rudimentäres historisches Wissen und eitle Selbstüberschätzung in einem Wort zusammen? Genau: Fernsehzweiteiler.

P.S.: Viele Grüße an Frau Präsidentin Senta Berger von Der Deutschen Filmakademie.

Alte Schule

Montag, 23. Oktober 2006

Bravo, Helmut Dietl! Sehe ihn gerade bei Beckmann, fröhlich rauchend. Erwäge ohnehin, einen Preis zu stiften: Den Helmut-und-Loki-Schmidt-Preis für offensives Rauchen in der Öffentlichkeit. Man muß der Nannydiktatur, die langsam über uns kommt und unser Dasein verdunkelt, die Stirn bieten. Ich rauche ja auch manchmal bloß aus Prinzip. Obwohl es mir gar nicht schmeckt. Um Präsenz zu zeigen und es zu tun, bevor es überall verboten wird. Woraufhin unsere Kreuzzügler sich dann dem Alkohol widmen werden. Sonst müßten sie ihr Dasein noch etwas Sinnvollem weihen. Warum denkt denn niemand an die Gefahren des Passivtrinkens? Ich freue mich schon auf die entsprechende Volksaufklärung und Propaganda.

Aber vorher, da gibt’s noch den Preis. Vielleicht schon im Untergrund verliehen. Oder in zivilisierteren Gegenden der Welt. Welche dadurch gekennzeichnet sind, daß dort noch fröhlich gequalmt wird.

Churchill würde erblassen

Sonntag, 22. Oktober 2006

Kaum erwarten kann ich das Erscheinen des Buches von Gerhard Schröder. Wie ich unseren Altkanzler einschätze, hat er da nicht etwa etwas zusammenklatschen lassen von irgendeinem ? womöglich auch noch unterbezahlten ? Redenschreiber und dieses vor der Veröffentlichung nicht einmal selbst überflogen. Geschweige denn genau gelesen. Oder gar redigiert. Nachdem ihm Hoffmann und Campe den lukrativen Buchvertrag schon hinterhergeworfen hat, noch bevor er aus dem Kanzleramt ausgezogen war. Um nun noch mehr Geld zwar nicht zu verdienen, aber eben doch zu bekommen, indem er durch irgendwelche Fernsehsendungen, Warenhäuser und Buchsupermärkte tingelt, hier eine Audienz gibt, dort ein paar Bändlein signiert, und sich noch mehr freut als die Journaille in unseren fast durchweg auf Boulevard- und sonstiges Krawallniveau herabgesunkenen Medien, die selig ist, wenn sie mal wieder heiße Politikerluft verbreiten darf, diese also nicht selbst erzeugen muß.

Nein, nein, nein. Sicher ist Herr Schröder in dem auch für ihn ganz persönlich so trüben Herbst des Jahres 2005 (zumal nach seinem fulminanten Wahlsieg) in sich gegangen und hat, nach intensiven Beratungen mit der Familie und verbliebenen Getreuen, am heimischen Kamin oder im nächtlichen Studierstübchen (wir entsinnen uns gewisser Wahlplakate) den wohlüberlegten Entschluß gefaßt, der Welt mitzuteilen, was er ihr so alles noch mitzuteilen hat. Dann folgten intensive Stunden des Arbeitens, tiefschürfender Reflexion, nachgerade quälender Selbstbefragung, das Verwerfen großer Teile des bereits begonnenen Werkes, ein Neubeginn, kritische Diskussionen mit der Gattin, den Mitarbeitern, den Lektoren, und endlich, nach Monaten härtester, nervenaufreibendster, wie in einem Rausch absolvierter Arbeit, kann uns nun unser geliebter Altkanzler sein fünfhundertundsoundsoviel Seiten fassendes Buch vorstellen. Kaum ein Jahr nach seinem Ausscheiden aus dem Amt. Ja, so wird es gewesen sein. Es KANN gar nicht anders gewesen sein, wenn man bedenkt, wie sich Herr Schröder während seiner siebenjährigen Kanzlerschaft gebärdet hat.

Ich werde diesen Meilenstein der Weltliteratur umgehend bestellen. Und dann auswendig lernen.

Pfuiwort des Jahres

Donnerstag, 19. Oktober 2006

Deutschland ist kein zutiefst sozialistisches Land.
Denn zum Sozialismus gehört der unbedingte Glaube an die umfassende Macht des Verwaltungsaktes resp. Gremienbeschlusses. An das Glück durch Planung. Den Triumph des Willens. Die Zukunft hat sich gefälligst so zu entwickeln, wie es beschlossen wurde. Und die Gegenwart ändert man erst recht auf diese Weise.
Dementsprechend war der Ostblock-Kommunismus das überlegene System. Dementsprechend war die DDR 1989 nicht pleite. Dementsprechend herrscht in China immer noch Kommunismus. 2 + 2 = 5. Freiheit ist Sklaverei!
Jetzt hat man in Deutschland die Unterschicht entdeckt. Und vor allem dieses Wort, das unseren Weltklassepolitikern und Premiumjournalisten völlig neu zu sein scheint. Weshalb es flugs zum Unwort erklärt wird.
Vermutlich von den gleichen Leuten, die sich über ?ethnische Säuberung? empörten. (Über das Wort wohlbemerkt, weniger über den Vorgang, dem sah und sieht man meist tatenlos zu.) Oder über ?Humankapital?. Weil bekanntlich größte Freude ausbricht und etwas durch und durch Positives zu erwarten ist, wenn es in irgendeiner Gemeinschaft heißt: ?Hier wird jetzt eine Säuberung durchgeführt.? Weil es nichts Lustigeres gab als die stalinistischen Säuberungen. Und weil Kapital im Kapitalismus etwas ganz und gar Wertloses ist. (Nein, an dieser Stelle keine Bemerkung zu Rechtschreibreformern.)
Eine Unterschicht also darf es nicht geben. Wobei man wieder weniger meint, daß es den armen Leuten besser gehen sollte. Man sollte sie vor allem nicht so nennen. Natürlich auch nicht “Lumpenproletariat”. Obwohl das die ?bildungsfernen Schichten? viel treffender bezeichnen würde. Und eh sich jemand aufregt: Der Begriff findet sich doch schon bei Marx (ausnahmsweise mal Karl, nicht Groucho).
Aber wenn es keine Unterschicht gibt, dann bleiben doch nur noch die Mittel- und die Oberschicht übrig? Ah, natürlich: Man ändert die Wirklichkeit durch Umetikettierung. Dann sind die Superreichen künftig die Supersuperreichen, die Oberschicht wird zu Superreichen, die Mittelschicht zur Oberschicht, und die ganze Unterschicht, samt Lumpenproletariat, zur Mittelschicht. Perfekt! So haben wir es auch schon geschafft, zu immer mehr Abiturienten zu gelangen, obwohl das Bildungsniveau permanent sank. So wurde die DDR zur zehngrößten Wirtschaftsmacht der Welt.
Die Sonne geht im Westen auf.
Die Erde ist eine flache Scheibe.
Deutschland ist kein zutiefst sozialistisches Land.

Wozu brauch ich da Horrorfilme?

Mittwoch, 18. Oktober 2006

Vorgestern in der Aktuellen Kamera, pardon: den Tagesthemen, ein gespenstisches Interview mit “Sozialminister” Müntefering. Wie diese ganze Regierung, die vollauf damit beschäftigt ist, gleichzeitig auch die Opposition abzugeben (so ziemlich das einzige, was sie überhaupt fertigbringt), hat der Herr offenkundig vollständig den Bezug zur Realität verloren.

?Wir machen uns den Begriff ?Unterschicht? nicht zu eigen. Wir werden nicht hinnehmen, daß Menschen stigmatisiert werden?, erklärte gleichen Tags SPD-Generalsekretär Heil.
Och, warum das denn? Und seit wann? Als seine Partei mit Hartz IV ausgegrenzt, stigmatisiert und ins Elend gestoßen hat, hatte sie da noch weniger Skrupel.
Und was ist mit der christlichsten aller Parteien, die will doch gerade noch mehr kürzen?

Ich bete an die Macht der guten, schönen Waren

Montag, 16. Oktober 2006

Den Tag der Deutschen Einheit beging man auch in diesem Jahr so, wie es den Menschen in diesem Land am wichtigsten ist: Mit einem verkaufsoffenen Sonntag.
Wenn sich die Kirchen nicht endlich diesen Gegebenheiten anpassen, brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn sie immer mehr verlieren – nicht nur an Mitgliedern, sondern auch an Bedeutung. Unübersehbar ist beispielsweise die schmerzliche Lücke an konsumträchtigen Feiertagen, welche zwischen Ostern und Weihnachten klafft.
Nicht mal zu einer, aus kommerzieller Sicht ebenso überfälligen wie unabdingbaren, Verlängerung des Advents auf acht Sonntage mag man sich durchringen. Kein Wunder, wenn selbst im früher so frommen Rheinland ein Weihnachtsmarkt schon vor dem Totensonntag eröffnet werden soll. Darauf, daß in den Einkaufsstraßen die Lichterketten, die spätestens am Volkstrauertag hängen, auch entsprechend früh angeschaltet werden, warte ich schon seit Jahren. In den Wohnungsfenstern blinkt und flimmert es ja ebenfalls ab Anfang November (anschließend jammern die Verursacher im Fernsehen über die hohen Strompreise).
In seiner Not greift der Einzelhandel zur Selbsthilfe und bauscht immer mehr Dinge zu ?Events? auf, zu denen man unbedingt irgendetwas kaufen muß (jüngst das Oktoberfest), oder importiert gleich ganze Feiertage. So ist nach dem internationalen Floristenfeiertag am 14. Februar auch Unrat zu jenem Datum zu uns gelangt, an dem wir lieber des Aufbegehrens eines kleinen Mönches gedenken sollten.
Im wöchentlichen Prospekt eines Vierbuchstabenmarktes werde ich darüber informiert, daß dort ab 23. Oktober beispielsweise ?Halloween-Nuggets? (?Aus würzigen, feinzerkleinerten Hähnchenbrustfilet-Stückchen?) und ?Halloween-Kartoffeln? (?Aus Kartoffeln geformte Figuren ? fein gewürzt und vorgebacken?) feilgeboten werden (nicht wundern [wie ?feinzerkleinert?, aber ?fein gewürzt?] würde mich der Hinweis ?Nahrungsmittel nicht zum Verzehr geeignet?). Damit die lieben Kleinen auch etwas bekommen, das sie womöglich wirklich haben wollen, ist im Angebot ferner eine ?Mini-Spirituosen-Box? (?25 x 20-ml-Packung?). Aber auch ein ?Kürbis-Windlicht aus bemaltem [! ? vermutlich Grammatikreform] Keramik? für 1,99 Euro und ein ?Terrakotta-Windlicht? für 4,99 Euro, ?handbemalt?. Wie wohl solche Preise zustande kommen, bei aufwendiger Handarbeit…?
Die dafür Verantwortlichen verdienen eine Versorgung mit ?Halloween-Gruselschokolade?. Womöglich samt Crunchy Frog und Spring Surprise. (Nobody expects the Spanish inquisition!)

Das Geld anderer Leute

Sonntag, 15. Oktober 2006

Am Donnerstag wußte die Abendschau Grauenerregendes zu berichten: Bösen Kreditvermittlern (eine andere Formulierung erlaubte der Justitiar nicht) wird in Moabit der Prozeß gemacht. Nein, nicht etwa, weil sie armen Leuten das Geld weggenommen hätten. Die hätten vielmehr welches bekommen, aber nur per Einzugsermächtigung vom Konto der Kreditgeber. Selbige wäre dann zuweilen widerrufen worden und am Ende die Bank auf dem Schaden sitzengeblieben. Wie hoch er war, wurde nicht gesagt. Aber ich malte mir aus (ohne jeden Anhaltspunkt dafür, reine Phantasie, sagt der Justitiar), daß er mehrere zehntausend Euro betrug. Ich habe den ganzen Abend geweint. Mehrere zehntausend Euro Schaden! Das kann ja bedeuten, daß so eine Bank die Bezüge ihres Vorstands in einem Jahr nicht um fünfzig Prozent erhöhen kann. Sondern nur um 49,9.

Gestern dann begann die Sendung mit einem Orgasmus. Oder wie man das sonst nennen soll, wenn wieder einmal gezeigt wird, wie dufte et in unsa duftet Balin so zujehen tut. Modenschau, nein: Walk of fashion (womöglich stylish!) im Lehrter, pardon: Hauptbahnhof. Genauer: Zentral-Gigant-Haupt-Gelobt-sei-Hartmut-Mehdorn-seine-Wege-sind-unergründlich-Größter-Kreuzungsbahnhof-aller-Zeiten-Station von Berlin ? Hauptstadt der BRD (Sie befinden sich im Bereich einer Verkehrsmaßnahme mit erhöhtem Unterhaltungswert). Den unbefangenen Betrachter, der von Spitzenleistungen des zeitgenössischen Premiumjournalismus bislang verschont geblieben ist, könnte sich die Frage aufdrängen, wie man denn in so einem Einkaufszentrum mit Gleisanschluß, in dem doch das Leben fast noch mehr brausen soll als die unzähligen Züge, eine solche Veranstaltung unterbringen kann. Und dafür sogar ein oder zwei Gleise sperren, einen ganzen Bahnsteig blockieren. 1094 Züge sollen da doch täglich halten, hieß es in der Pressemitteilung zur Eröffnung, die natürlich eifrig (und natürlich ungeprüft) abgeschrieben wurde. Hätte man allein das Material der DB AG etwas genauer gelesen, hätte man diesem entnehmen können, daß auf dem Bahnhof Gesundbrunnen (der kaum beachtet wurde, da er statt eines Empfangsgebäudes nur eine Betonplatte bekommen hat, baute man das Einkaufszentrum doch dummerweise daneben) 1084 Züge täglich fahren sollen. Und dabei ist die U-Bahn noch nicht mal mitgerechnet. Und hätte man in den Fahrplan geguckt, hätte man darin im Schnitt etwa zehn Züge gefunden, die pro Stunde und Richtung durch den teuren neuen Nord-Süd-Tunnel rauschen. Ergibt im Schnitt nicht mal einen Fünf-Minuten-Takt. Da ist sogar auf der Hauptstrecke der Bielefelder Stadtbahn mehr los. Und dafür wurden in Berlin vier Röhren gebaut? Ja, denn nur weil die Anlagen vollkommen überdimensioniert sind (will meinen: eine Fehlinvestition), kann man jetzt mal eben Modenschauen in einer Perronhalle des Lehrter Bahnhofs veranstalten. Gut, daß wir nicht darüber geredet haben.

Neutrosexuell

Sonntag, 15. Oktober 2006

Michael Jackson soll an der Côte d?Azur in hochhackigen Pumps, Damenjeans und ebenso femininem Schlapphut gesichtet worden sein. Investigativjournalisten des bekannten Premium-Journalismusorgans ?Sat 1 Blitz? machten sofort den Test, steckten einen großen schlanken Mann in die gleiche Aufmachung und ließen ihn zehn Minuten über die Mönckebergstraße stöckeln. Danach war der Herr nervlich zerrüttet ? wegen der vielen Blicke und Sprüche ?, und der Befund lautete: Das wird kein Modetrend.
Pah. Kommt nach Berlin! Hier fällt sowas gar nicht mehr auf. Und wenn es doch jemandem auffällt, dann wird es in kürzester Zeit von den Unheimlich-gut-drauf-Medien zum allerletzten Schrei erklärt. So dufte und urisch jeht ditte zu am Prenzelberch. Womöglich sogar ?im? Prenzlauer Berg. (Wohnen da Zwerge? Schläft dort ein Kaiser?) Gar nicht vorstellen mag ich mir hingegen, was los ist, wenn Mister . . . . . . . (Name auf Anraten des Justitiars entfernt) oder irgend so ein anderes Modepüppchen, das hin und wieder, zwischen seinen PR-Auftritten, auch noch gegen einen Ball tritt, so herumzulaufen beginnt. Und wie die Frauen darüber in Verzückung geraten werden.

Unser Slum soll schöner werden

Donnerstag, 12. Oktober 2006

Neuköllns Bürgermeister Buschkowsky stellte heute eine berückende Vision vor: Rot-Rot-Grün habe beschlossen, daß der Bezirk schöner werden solle. Schließlich würden ab 2011 (*lol*) Millionen von Menschen gleich vor der Neuköllner Haustür aussteigen, auf unserem duften neuen Großflughafen. Natürlich wurde und wird die Autobahn dorthin nicht auch deshalb gebaut, damit man auf dem Weg von und zu ?BBI? problemlos und schnell an Berlins Bronx vorbeirauschen kann. Auch soll es nicht etwa doch noch zu massenhaften Zwangsumzügen kommen. Vielmehr denkt Rot-Rot-Grün daran, eine Hälfte des Hermannplatzes für den Verkehr ? der sich sicher irgendwie von selbst auflösen wird, an diesem Treffpunkt dreier Achsen ? zu sperren. Und die Karl-Marx-Straße gleich ganz. Jawohl! Bundesstraßen zu Fußgängerzonen! Ach so, daß das ?ne Bundesstraße ist, hat man gar nicht bemerkt? Und sich auch nicht ausgemalt, wie es auf dieser Fußgängerzone abends aussehen wird? Ja. Aber vielleicht könnte man auf dem mondänen Boulevard de Nouveau Cologne erstmal das Rauchen verbieten. Sowas kommt ja immer gut. Wenn man schon, wie bei den Linken üblich, den weiteren Verlauf der Geschichte beschließt. Wonach diese sich gefälligst zu richten hat. Und wenn man nicht dorthin geht, wo man hingehen sollte, wenn man Visionen hat.