Archiv für die Kategorie „Wunder des Alltags“

Wunder des Alltags (34)

Montag, 19. September 2016

Ursprünglich standen auch bei der Berliner U-Bahn die Zugabfertiger mitten auf dem Bahnsteig.

Dann hielt man es für eine gute Idee, sie zwecks besseren Überblicks auf ein Podest zu stellen. Damit sie von diesem nicht herunterfallen konnten, umkleidete man diese Podeste mit einer Brüstung, so daß Kanzeln entstanden.

Im Zuge der prächtigen Entwicklung unserer Gesellschaft wurden diese Kanzeln im Laufe der siebziger und achtziger Jahre nach außen vollständig geschlossen und in die Aufenthaltsräume der Zugabfertiger integriert. Denn erstens hielt man es offenkundig für mittlerweile zu riskant, weiterhin einen ungehinderten Zugang zu den Kanzeln zu gewähren, wo neben dem Mikrophon für die Lautsprecheranlage auch einige Schalter placiert waren. Und zweitens war es den Zugabfertigern wohl nicht mehr zuzumuten, ihre Tätigkeit in der Zugluft und ohne Schutz vor den Fahrgästen zu vollziehen, welche das BVG-Personal ohnehin gelegentlich beim Kaffeetrinken in dessen immer größer werdenden Rückzugsräumen zu stören versuchten.

Zum Unglück für die Bediensteten entwickelte sich unsere Gesellschaft aber noch prächtiger weiter, und so entdeckte der von einem großen Defizit und Schuldenberg geplagte Verkehrsbetrieb, daß man als letztes Personal, das auf den Stationen ständig postiert war, auch noch die Zugabfertiger einsparen könnte.

Infolgedessen wurden seit der Jahrtausendwende zahlreiche der ? häufig erst wenige Jahre zuvor errichteten oder erheblich umgebauten und dabei erweiterten ? Aufsichtshäuser abgerissen. Waren diese doch nun erstens überflüssig, konnte zweitens ihre Instandhaltung Kosten verursachen und versperrten sie drittens stellenweise den Blick über den Bahnsteig für die nun vermehrt installierten Überwachungskameras.

Mittlerweile hat die BVG die Häuschen jedoch wieder schätzen gelernt. Gelten diese doch nun als ideale Möglichkeit, hinter verspiegelten, von außen undurchsichtigen Scheiben unauffällig doch wieder Personal auf Stationen zu postieren ? insbesondere auf solchen, die von Vandalismus und/oder Kriminalität besonders betroffen sind (rein zufällig seit man die Zugabfertiger wegrationalisierte). Wenn die BVG einen U-Bahnhof einer Grundsanierung unterzieht (also nahezu alle originalen Ausstattungsteile herausreißt und die Station dann völlig neugestaltet), kann es sogar passieren, daß diese Betriebsräume von Grund auf neugebaut werden, wie an der Wutzkyallee zu sehen:

Es geht doch nichts über persönliche Überwachung.

Es ist doch schön, wenn die Politik eines Unternehmens von langfristigem Denken, vorausschauender Planung und darausfolgend großer Konsequenz und Gradlinigkeit geprägt wird.

Wunder des Alltags (33)

Dienstag, 16. August 2016

Zu den vielen wundersamen und staunenswerten Dingen, welche es früher bei der Berliner S-Bahn zu entdecken gab, gehörte bis in die 1980er Jahre hinein der leere Gleistrog in der S-Bahn-Station Anhalter Bahnhof. Er war einer Änderung der Baupläne geschuldet, die recht kurzfristig erfolgte, während der S-Bahn-Tunnel bereits im Entstehen begriffen war: Zu den Plänen für den Umbau Berlins zur nationalsozialistischen ?Welthauptstadt Germania? zählte nun auch ein S-Bahn-Tunnel entlang der Koch-, Oranien- und Wiener Straße zum Görlitzer Bahnhof. Diese Strecke sollte gleich nördlich der Station Anhalter Bahnhof abzweigen. Von Norden her konnten daher nur noch Züge von Görlitzer Bahnhof in Gleis 1 einfahren. Und da diese Strecke nie gebaut wurde, blieb der Gleistrog leer.

In den Achtzigern fand man dann, irgendwie könnte er sich ja womöglich doch mal gebrauchen lassen, etwa für einsetzende Züge, die aus der südlich der Station gelegenen Kehranlage in die Bahnsteighalle fahren und diese dann Richtung Süden wieder verlassen. Also verlegte man ein Gleis. Genutzt wird dieses nur ganz, ganz selten. Nutzlos ist der Gleistrog dennoch nicht. Denn die Fahrgäste haben, wie man an vielen Stellen sehen kann, eine andere Verwendung für ihn gefunden: als gigantischen Müllbehälter.

Kein Zug wird kommen (bis auf seltene Ausnahmen).

Gleis 1 ist im S-Bf Anhalter Bahnhof das unwichtigste.

Die Berliner haben dennoch eine Verwendung für das Gleis gefunden.

Wunder des Alltags (32): Die intelligente Rolltreppe

Donnerstag, 14. Juli 2016

Große Ereignisse kündigen sich zuweilen klein an. So scheint die Deutsche Bahn still und leise bereits Rolltreppen zu erproben, die über dermaßen intelligente Technik verfügen, daß sie bereits einen eigenen Willen entwickelt haben.

Diesen Schluß läßt zumindest die monatelange Beobachtung der Rolltreppe des S-Bahnhofs Rathaus Steglitz zu: Seit bestimmt einem Jahr ist sie die meiste Zeit außer Betrieb. Gelegentlich läuft sie doch einmal ? aber immer nur für ein, zwei Tage. Häufiger als in einem solchen Dauerbetrieb kann man sie jedoch zu bestimmten Zeiten in Aktion beobachten: Am Wochenende oder, noch häufiger, zu später Stunde.

Das ist insofern verständlich, als über den Zugang, in dem sie sich befindet, der allergrößte Teil des recht umfangreichen Umsteigeverkehrs zwischen S- und U-Bahn verläuft. Tagsüber gäbe es also einiges zu tun. Darauf hat die eigenwillige Rolltreppe offenbar keine Lust. Andererseits scheint sie sich der Tatsache bewußt zu sein, daß sie ihre Existenz gefährdet, wenn sie ständig streikt. Also läuft sie praktisch nur in verkehrsarmen Zeiten.

Ganz schön clever, das Ding.

Madame Rolltreppe geruht zu funktionieren

Ein seltener Anblick: Die eigenwillige Rolltreppe in Betrieb. Natürlich wurde diese Aufnahme an einem Abend gemacht, und das auch noch an einem Sonntag.

Wunder des Alltags (31)

Sonntag, 17. April 2016

Auf dem Berliner S-Bahnhof Sundgauer Straße bekommt der Fahrgast eindrucksvoll vorgeführt, was die Bahn früher unter Komfort und Service verstand:

Antiquiertes Warten

Und was heute:

Zeitgemäßes Warten (nach Definition der Deutschen Bahn AG)

Wobei der erfahrene Bahnnutzer weiß: Eine Bahnsteigüberdachung, noch dazu über nahezu die volle Länge des Perrons, ist längst auch alles andere als selbstverständlich.

Wunder des Alltags (30): Haus frißt Hochbahnhof

Samstag, 16. Januar 2016

Der Hochbahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park steht an einer Stelle des Berliner U-Bahn-Netzes, die (mindestens) dreimal gebaut wurde: Als der Geländestreifen westlich der Köthener Straße, auf dem die Trasse verläuft, in den siebziger Jahren von Ost- nach West-Berlin gewechselt war, erging man sich im damals in der Stadt besonders beliebten Abreißen so sehr, daß man außer den angrenzenden Bauresten und Gleisanlagen des Potsdamer Bahnhofs gleich auch noch die Hochbahnrampe zerstörte.

Dieser Faux pas war um so peinlicher, als die Strecke damals zwar nicht von regulären Zügen genutzt werden konnte ? eine der beiden Nachbarstationen, Potsdamer Platz, lag im Ostsektor ?, doch die deutsche Frage sollte ja offengehalten und dies nicht zuletzt dadurch demonstriert werden, daß die vom Osten gekappten Verkehrsverbindungen von Westen aus jederzeit hätten wiederhergestellt werden können.

Daß dies im Falle dieses Teils der allerersten, 1902 eröffneten Berliner Hoch- und Untergrundbahnstrecke doch nicht so schnell ging, zeigte sich nach dem Fall der Mauer 1989. Angesichts der großartigen Pläne, die für die Bebauung des Potsdamer Platzes geschmiedet wurden, und den Expertenprognosen, die Berlin bis spätestens 2010 zu einer europäischen Topmetropole mit mindestens fünf Millionen Einwohnern wachsen sahen, mußte die Trasse an der Köthener Straße noch einmal neu errichtet werden. Für die enormen Pendlerströme, die in all die Konzernzentralen und Einkaufszentren rund um den Potsdamer Platz strömen würden, glaubte man nämlich ganz dringend einen weiteren Haltepunkt zwischen Gleisdreieck und Potsdamer Platz zu benötigen, und zwar direkt nördlich des Landwehrkanals.

Da die Rampe zur unterirdischen Station Potsdamer Platz gleich nach Überquerung des Kanals begann, riß man die kaum anderthalb Jahrzehnte alte Strecke ab und baute sie zum dritten Mal, nun mit größerer Neigung, um am Kanal Platz für die neue Station zu haben, die natürlich nicht im Gefälle liegen sollte.

Am 2. Oktober 1998 wurde diese dann auch dem Betrieb übergeben ? und führt seither ein Schattendasein: Die meisten der hier ein- und aussteigenden Fahrgäste scheinen Touristen zu sein, die sich verirrt haben.

Immerhin: Auf die architektonische Gestaltung des Hochbahnhofs hielt man sich einiges zugute. Die Architekten Hans Peter Störl und Hilmer & Sattler zeichneten dafür verantwortlich.

Nur leider: Was zählt schon schöne Architektur, wenn es schönen Profit zu machen gibt?

Bereits vor einigen Jahren wurde die Hochbahnrampe vollständig überbaut, so daß der Tunnel gefühlt direkt am Nordende der Station Mendelssohn-Bartholdy-Park beginnt.

Tunnel kann man nie genug haben

Eine Rampe verschwindet im Dunkel: Blick vom U-Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park auf die im Gang befindliche Überbauung im April 2009.

Leider genügte auch dies noch nicht den zeitgemäßen Anforderungen an Profitmaximierung: Im Laufe des Jahres 2015 konnte man das beeindruckende, da seltene Schauspiel erleben, wie ein Haus einen Hochbahnhof frißt ? zumindest in ästhetischer Hinsicht.

Praktischerweise hatte die BVG viele Fenster der Bahnsteighalle schon zuvor zugeklebt. Und mal ehrlich: Kunstlicht ist doch auch viel schöner, gell?

Hier wurde man kaum vor UV-Licht geschützt!

So wird’s nie wieder sein ? vor allem nicht so hell: Blick in die Bahnsteighalle im April 2009.

Hier gibt es nichts (mehr) zu sehen.

Vor- und fürsorglich hat die BVG schon mal einen Großteil der Fenster zugeklebt (Aufnahme vom Oktober 2015).

Bald weitgehend verschwunden in einem Hochhaus.

Bald guckt er nur noch aus einem Hochhaus raus: der Hochbahnhof, gesehen vom Reichpietschufer im Oktober 2015.

Wunder des Alltags (29)

Montag, 14. September 2015

In Berlin besaßen einst einige, in den sechziger und siebziger Jahren entworfene U-Bahnhöfe Fahrsteige oder, wie der Volksmund sagt, Laufbänder. Dann entdeckte die BVG, nach mehreren Jahrzehnten der Benutzung, die immense Unfallgefahr dieser Anlagen, auf denen ? zumal bei Nässe ? problemlos Dutzende, Hunderte, womöglich Tausende von Menschen zu Tode stürzen könnten. Was zwar noch nie auch nur ansatzweise passiert war, aber doch rein theoretisch passieren könnte. Die BVG baute daher diese Anlagen aus und ersetzte sie oft durch schöne, sichere Steintreppen.

In Bonn fand man eine andere Lösung:

Todesfalle (nach BVG-Meinung) im U-Bahnhof Bonn Hauptbahnhof

So geht's in der Hauptstadt nicht!

Wunder des Alltags (28)

Sonntag, 15. März 2015

Stilleben aus der Berliner U-Bahn

Am U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße kann man auf fünf Verkehrsmittel umsteigen: Auf etwas, das mit ?B? bezeichnet wird ? wobei dieses Symbol im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg seit geraumer Zeit keine Verwendung mehr findet ?, auf die S-Bahn, auf den Bus, auf etwas, das mit ?X? und auf etwas, das mit ?M? symbolisiert wird. Nun ja, eigentlich ist ?X? auch nur ein Bus, aber ein Expressbus. Und ?M? in diesem Falle ein Metro? Bus.

Aber Metrobusse sind etwas ganz Besonderes, wie die BVG zu ihrer Einführung 2004 verkündete. Bieten sie besseren Komfort? Fahren sie schneller oder häufiger als andere Buslinien? Nein. Aber alle Metrobuslinien verkehren rund um die Uhr. Bis auf jene Metrobuslinien, die nachts eine Betriebspause einlegen. Sie fahren mindestens im Zehn-Minuten-Takt. Außer auf jenen Metrobusstrecken, die nur im Zwanzig-Minuten-Takt bedient werden. Sie bilden möglichst gradlinige überbezirkliche Verbindungen. Außer jene Metrobuslinien, die nicht ganz so gradlinig und auch eher nur in einer Ecke der Stadt verkehren. Aber hey, immerhin sind Metrobuslinien so wichtig, daß sie auf den BVG-eigenen Stadtplänen besonders hervorgehoben werden und dadurch ebenso sehr ins Auge fallen wie U- oder S-Bahn-Linien, deutlich unterschieden von anderen Buslinien. Also zumindest war das so, bis letzten Dezember der aktuelle BVG-Stadtplan herauskam.

Aber eins, das bleibt natürlich: Nicht nur am U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße, sondern an ganz vielen Stellen der Stadt kann die BVG zumindest so tun, als wäre das Verkehrsangebot viel umfangreicher, als es seit Jahrzehnten ist.

Wunder des Alltags (27)

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Da kommt was auf Sie zu

?Magistratsschirm? ist die Berliner Hochbahn angeblich dereinst genannt worden: Bei Niederschlag konnte man unter ihr trockenen Fußes vorankommen oder gar flanieren.

Über hundert Jahre nach der Erbauung der Viadukte muß nicht nur jungen Menschen erklärt werden, was ?flanieren? eigentlich sein soll. Auch ist der Raum unter der Hochbahn ? nicht nur, wie hier zu sehen, in der Bülowstraße ? längst anderen Verkehrsteilnehmern zur Verfügung gestellt worden.

So hat eben jede Zeit ihre Kennzeichen.

Wunder des Alltags (26)

Montag, 20. Oktober 2014

Wunder der modernen Marktwirtschaft

Meldungen aus den letzten Tagen:

Die Umlage für die Förderung von Ökostrom wird 2015 erstmals seit ihrer Einführung sinken. Sie falle von derzeit 6,24 Cent auf 6,17 Cent pro Kilowattstunde, gaben die vier großen Stromnetzbetreiber bekannt.

Die Inflation in Deutschland bewegt sich weiterhin auf sehr niedrigem Niveau. Dazu bei trägt insbesondere die günstige Entwicklung der Preise für Öl und andere Energiequellen.

Die Deutsche Post darf zum dritten Mal innerhalb von drei Jahren den Preis für einen Standardbrief erhöhen. Dieser beträgt künftig 62 Cent, nachdem er 2012 noch bei 55 Cent gelegen hatte. Zur Begründung verwies die Deutsche Post unter anderem auf steigende Kosten, insbesondere für Energie.

Die Deutsche Bahn erhöht auch in diesem Jahr die Fahrpreise. Zur Begründung verweist die Deutsche Bahn auf steigende Kosten, insbesondere für Energie.

Die Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr steigen gegen Ende des Jahres in allen großen Verkehrsverbünden. Zur Begründung wird auf die allgemeine Preisentwicklung verwiesen und auf steigende Kosten, insbesondere für Energie.

Wunder des Alltags (25)

Montag, 15. September 2014

Mit seinen sechsundzwanzig Bahnsteiggleisen galt der Leipziger Hauptbahnhof einst als der größte Europas. Als er vor etwas über hundert Jahren gebaut wurde, hielt man diese Dimension für angemessen und zukunftsträchtig.

Was brachte dann das zwanzigste Jahrhundert? An seinem Ende wurde der monumentale Querbahnsteig des Hauptbahnhofs, grandios in seiner Leere, der Länge nach aufgeschlitzt und mit zwei Aufzugtürmen verbaut ? genügt es doch heute nicht mehr, an einem großen Bahnhof viele Züge verkehren zu lassen. Vielmehr muß es hier viele Einkaufsmöglichkeiten geben ? pardon: geshoppt werden können (unter anderem stylishe Sachen, von denen manche wohl nicht nur weich sind, sondern sogar soft). Wenn am Rande dieses Einkaufszentrums noch ein paar Züge fahren, gilt das als netter Begleiteffekt.

Neugebaute Stationen wie der Berliner Hauptbahnhof verleihen diesem Konzept auch architektonisch Ausdruck. In ihnen erinnert denn auch kaum mehr etwas an klassische Bahnhofsatmosphäre. In Leipzig hingegen konnte man die Handelszone nur durch den Einbau riesiger Glaswände, die die sechs großen Längsschiffe vom Querbahnsteig trennen, von den Zügen abgrenzen.

Zugleich wurden zwei Gleise geopfert, um dem Hauptkonkurrenten der Bahn Platz zu machen: Hier können seither Autos parken.

Für den Bau des Leipziger ?Citytunnels? der Bahn verschwanden weitere fünf Gleise ? neben einem Loch, durch den man zur neuen unterirdischen Bahnsteighalle gelangt, gibt es im westlichsten großen Längsschiff nun lediglich eine ausgedehnte leere Fläche.

Sag mir, wo die Gleise sind

Von einstmals sechsundzwanzig oberirdischen Bahnsteiggleisen sind somit nur noch neunzehn übriggeblieben. Offenkundig mehr als die Bahn AG und ihre Schienenverkehrskonkurrenten benötigen, denn einer dieser Schienenstränge wird inzwischen als ?historisches Gleis? genutzt: für eine Ausstellung alter, zu ihrer Zeit wegweisender Loks und Triebwagen.

Das Gleis liegt den in den Bahnhof gesetzten Autoparkpaletten gleich gegenüber. Doch nur Spötter sagen: Hier stehen Vergangenheit und Zukunft dicht beieinander.

Hier stehen Vergangenheit und Zukunft dicht beieinander

Wunder des Alltags (24)

Montag, 18. August 2014

Was braucht ein Biomarkt, der seine Kunden zufriedenstellen und somit binden will? Natürlich Tofu von glücklichen Sojabohnen, Toilettenpapier für fünfzig Cent die Rolle und vielleicht auch Wurst aus zu Tode gestreichelten Tieren. Unzweifelhaft ein gutes Argument stellt ferner ein Autobahnanschluß dar. In jedem Falle aber sollte das Einkaufsparadies für bessere (oder zumindest besser verdienende) Menschen über einen Parkplatz verfügen.

Der hier zu sehende befindet sich ? wie das Marktgebäude ? auf einer Fläche, die seit langem nicht nur dem Verkehr im allgemeinen, sondern dem Warentransport im besonderen dient: Früher gehörte sie zum Güterbahnhof Berlin-Lichterfelde West.

So hat halt jede Zeit ihre Kennzeichen.

Schnell! Julian-Paul Maximilian und Sarah Lara Lisa warten auf Dinkelkekse und Selleriesaft!

Wunder des Alltags (23)

Montag, 14. Juli 2014

Wie lange hält eine S-Bahn-Strecke? Den Berliner Erfahrungen nach gefühlte zehn bis zwanzig Jahre, dann steht die nächste Grundsanierung an. Jetzt ist es auf der Ost-West-Trasse durch die Stadt, der Stadtbahn, wieder einmal soweit. Daher besitzt der Berliner Hauptbahnhof ab heute sechs Wochen lang keinen S-Bahn-Anschluß mehr.

Eine S-Bahn-Anbindung von Norden, die später einmal vielleicht sogar nach Süden weitergeführt wird, ist noch im Bau. Der bestehende U-Bahn-Anschluß führt gerade einmal zwei Stationen weit und hat noch keine Verbindung zum restlichen U-Bahn-Netz. (Der Hauptbahnhof ist schließlich erst seit acht Jahren in Betrieb.)

Aber trotzdem ist das ein hauptstadtwürdiger Hauptbahnhof, ein aufsehenerregender Bau, dessen Büroräume ganz bestimmt nicht noch immer zu einem nennenswerten Teil leerstehen, kein Vergleich zu anderen Hauptbahnhöfen. Etwa dem hier:

Hauptsache Hauptbahnhof!

Wirklich nicht. Denn der Hauptbahnhof von Naumburg (Saale) besitzt, im Gegensatz zum Berliner, bereits einen Straßenbahnanschluß.

Wunder des Alltags (22)

Samstag, 19. April 2014

Ob Bekämpfung von Wohnungsnot und explodierenden Mieten, Ausbau von U- und Straßenbahn, Sanierung der Staatsoper oder Fertigstellung des Flughafens: Der Berliner Senat, geführt vom bundesweit als Workaholic gerühmten Klaus Wowereit, geht bekanntlich alle Probleme der Stadt mit viel Tatkraft und Geschick an und löst sie in Windeseile.

Dieser Tage jedoch war noch größere Schnelligkeit gefragt: Vor kurzem ist beiderseits der Yorckstraße einstiges Bahngelände zu öffentlichen Grünflächen umgewidmet worden. Seither wußten die Medien ausgiebig über verzweifelte Menschen zu berichten, welche, um von der einen Wiese zur anderen zu gelangen, die stark befahrene Straße unter Lebensgefahr überqueren mußten. Das dazu notwendige Überklettern von Absperrgittern an beiden Bordsteinkanten wurde auch von Joggern praktiziert, denen natürlich wie allen anderen Erholungssuchenden nicht die unvorstellbare Unbequemlichkeit zuzumuten war, mehrere Dutzend Meter bis zur nächsten Ampel zu laufen ? und dann auch noch wieder zurück.

Nach ausgiebigem Drängen und unter allgemeinem Applaus wurde in dieser Woche eine der vielen ausgedienten Eisenbahnbrücken über die Yorckstraße für Fußgänger freigegeben, nachdem man den Übergang im gebotenen Tempo entsprechend hergerichtet hatte.

Nicht mehr von den Grünflächenbenutzern in Anspruch genommen zu werden braucht seither jene Brücke, die U- und (alten, heute von S 2 und S 25 genutzten) S-Bahnhof Yorckstraße miteinander verbindet. Selbige wurde (zwar in doppeltem Sinne) schnell nach der Anfang 1984 erfolgten Betriebsübernahme der West-Berliner S-Bahn durch die BVG gebaut: Ein auf den beiden benachbarten Bahnbrücken ruhendes, hauptsächlich hölzernes Provisorium, das seinen Zweck noch immer erfüllt, nach bald dreißig Jahren der Benutzung.

Es geht ...

... auch anders, ...

... doch so ...

... geht es auch!

Nur böse Zungen behaupten, daß derlei inzwischen undenkbar wäre, vielmehr heute nach einer mehrjährigen Planungsphase für eine solche Brücke (verlängert durch mehrere Gerichtsverfahren von Anwohnern, Naturschützern, Architekten, im Ausschreibungsverfahren unterlegenen Baufirmen usw.) eine mehrjährige Bauphase folgen würde, an deren Ende das Bauwerk mindestens dreimal soviel kosten würde wie anfangs kalkuliert ? und nach spätestens fünf Jahren sanierungsbedürftig wäre.

Wunder des Alltags (21)

Sonntag, 16. Februar 2014

Dem ADAC geht es bekanntlich nicht mehr ganz so gut. Vielleicht mag es zumindest ein klitzekleiner Trost sein, daß man auf Berlins U-Bahnhöfen diesem Verband, als er noch stark, mächtig und hoch angesehen war, die Möglichkeit einräumte, für sich zu werben, wie diese Aufnahme aus dem September vergangenen Jahres zeigt.

Es ist ja nicht so, daß es sich bei diesem Verein um die wichtigste Organisation der Autofahrerlobby handelt, die den öffentlichen Personenverkehr in Deutschland seit Jahrzehnten bekämpft und behindert.

Vertrauenswürdige Beratung

Wunder des Alltags (20)

Montag, 16. Dezember 2013

Manche sagen: Sie wollten das System verändern, statt dessen hat das System sie verändert. Andere freuen sich einfach, daß diese (einstmals) jungen Leute doch wieder vernünftig geworden sind. Doch nur böse Zungen finden, das passe doch hervorragend zur sich anbahnenden ersten schwarz-grünen Liebesheirat auf Landesebene.

In jedem Falle unstrittig dürfte sein, daß ein Biomarkt, der im 21. Jahrhundert noch konkurrenzfähig sein möchte, unbedingt eines Parkplatzes bedarf. Wie sonst sollten Klaus-Günter (63) oder Manuela (55), nachdem sie ihr Einzelkind Sarah-Sophie (8) oder Julian-Justus (6) von der rechtwinkellosen, colatrinkerfreien, gendergemainstreamten Kita mit einem der beiden Familienwagen abgeholt haben, zur Quelle für garantiert antifaschistisch-linksdrehendes Toilettenpapier aus behutsamem, diversitygemanagetem Recycling (acht Rollen sieben Euro) gelangen?

Im schönen Berliner Stadtteil Steglitz, im gutbürgerlichen Berliner Südwesten (seit langem eine Hochburg der Grünen ? und der CDU), geht es nun noch einfacher und vor allem schneller zum guten, umweltbewußten, achtsamen, entschleunigten Leben:

So kauft man heute bio!